Copyright: ZDF / Mathias Bothor
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Die verlorene Tochter

Sechteilige Event-Miniserie

Die sechsteilige Event-Miniserie "Die verlorene Tochter" beleuchtet ein geheimnisvolles Familiendrama. Vor zehn Jahren ist Isa (Henriette Confurius) spurlos verschwunden. Jetzt ist sie plötzlich wieder da - allerdings ohne Erinnerungen. Isas Eltern (Christian Berkel, Claudia Michelsen), ihre Großmutter (Hildegard Schmahl), ihr Bruder (Rick Okon) und die Freunde müssen sich mit ihrer Rückkehr zurechtfinden, nachdem sie ihr Leben scheinbar wieder in den Griff bekommen hatten. Der Kommissar (Götz Schubert) hingegen hofft, nun endlich die Wahrheit über ihr Verschwinden herauszufinden. Doch kann sich Isa wirklich nicht erinnern?

  • ZDF, Montag, 27., Mittwoch, 29. und Donnerstag, 30. Januar 2020, 20.15 Uhr (jeweils 2 x ca. 45 Min)
  • ZDF Mediathek, Ab Montag, 20. Januar 2020, 10.00 Uhr

Texte

Facetten des Vergessens
Von Axel Laustroer, HR Fernsehfilm/Serie II

Geschichten, die davon handeln, dass ein Mensch verschwindet, gibt es einige. In der Regel wird dieser Mensch dann gesucht und – je nach Genre lebend oder tot – gefunden.

Christian Jeltsch hat für "Die verlorene Tochter" einen Ansatz gewählt, der uns von Anfang an fasziniert und gefesselt hat: Ein Teenager aus gutem Hause verschwindet, aber die Suche ist kein Thema – zehn Jahre später setzt die Handlung wieder ein und zeigt uns, wie sich die Hinterbliebenen mit dem Verlust arrangiert haben: Manche haben das Mädchen vergessen, einige versuchen noch immer zu vergessen, andere mussten vergessen, um selbst weiter leben zu können, wieder andere können nicht vergessen – aber das Leben ging weiter, für jeden, irgendwie.

Doch dann, zehn Jahre später, werden alte Narben wieder aufge­rissen, denn die junge Frau steht plötzlich vor der Tür – und kann sich nicht erinnern, was in und vor dieser Nacht geschehen ist. Getrieben von der Frage, was geschah, sucht sie Hilfe, Unterstüt­zung, Zuwendung und Geborgenheit. Doch gleichzeitig muss sie, immer darauf angewiesen zu glauben, was man ihr über sie selbst erzählt, jedem misstrauen, auf den sie trifft.

Mit den Büchern von Christian Jeltsch ist es Regisseur Kai Wessel gelungen, ein herausragendes Ensemble von Schauspie­lern zu gewinnen: Claudia Michelsen, Christian Berkel, Götz Schubert, Rick Okon, Max von der Groeben, Nina Gummich, Hildegard Schmahl und allen voran Henriette Confurius als "Die verlorene Tochter". So ist mit den Produzenten Michael Polle und Uwe Urbas von X Filme Creative Pool eine große, dynastische und dramatische Geschichte entstanden— eine Geschichte über die Bedeutung von Familie, von deutschem Leben in der Provinz, von der Suche nach Wahrheit, Liebe, Glück und von Flucht – auch vor der eigenen Erinnerung.

Stab und Besetzung

Die verlorene Tochter
Sechsteilige Event-Miniserie

Stab:
Idee und Drehbuch_____Christian Jeltsch
Regie_____Kai Wessel
Kamera_____Alexander Fischerkoesen
Schnitt_____Tina Freitag
Musik_____Martin Todsharow
Kostüm_____Wiebke Kratz
Szenenbild_____Dominik Kremerskothen
Herstellungsleitung_____Ulli Neumann
Produktion_____X FILME Creative Pool, Berlin
Produzenten_____Michael Polle und Uwe Urbas
Redaktion_____Axel Laustroer
Länge_____6 x 43'30 Minuten

Die Rollen und ihre Darsteller:
Isa von Gems_____Henriette Confurius
Peter Wolff_____Götz Schubert
Heinrich von Gems_____Christian Berkel
Sigrid von Gems_____Claudia Michelsen
Philip von Gems_____Rick Okon
Lore von Gems_____Hildegard Schmahl
Robert Wolff_____Max von der Groeben
Jenny Wolff_____Nina Gummich

in weiteren Rollen:
Veronica Barclay_____Emily Cox
Martin Cassdorff_____Christian Beermann
Polizist Martin Helbig_____Frederic Linkemann
Mehmet Eren_____Hadi Khanjanpour
Polizistin Kathrin_____Petra Hartung
Rebecca Hammann_____Marie Leuenberger
Bürgermeister Harald Helbig_____Michael Schiller
Marc Wolff_____Max Woelky
Greta Döhring_____Julia Jäger
Melzner_____Fritz Roth
Sven Fallax_____Alexander Wüst
Jules Girot_____Jules Armana
Uschi Cassdorff_____Carina Wiese
Kirsten Bentow_____Carolina Vera
Ronny Gerber_____Roland Wolf
Patrick Wolff_____Milo Eisenblätter
Celia von Gems_____Úna Lir
Alter Pfarrer_____Christian Steyer
Schuldirektorin_____Susann Toni Wagner
Französin Céline_____Petya Alabozova
Heilsarmist_____Hans Brückner
Leo Messsmer_____Jef Bayonne
Manager Goodman_____Clayton Nemrow
Richard von Gems_____Dieter Schaad
und andere

Inhalt

Kurzinhalt

Zehn Jahre ist es her, dass Isa in der schwülen Sommernacht des Schulfestes spurlos verschwand. Es gab keine Zeugen, keine Hinweise, nichts. Zehn Jahre voll von Gerüchten, Ahnungen, Ängsten und offenen Fragen. Isas Großvater starb vor Gram, als ihn die Nachricht vom Verschwinden der geliebten Enkelin erreichte, und stellte damit die Brauerei-Familie von Gems vor einen zweiten Schicksalsschlag.

Isas Verschwinden hat den Ort verändert, denn jeder in Lotheim war berührt von der Tragödie. Und jeder ist berührt, als Isa plötz­lich und vollkommen unerwartet wieder auftaucht – ohne Erinne­rung an das, was passiert ist. Neue Gerüchte tauchen auf: Kann sich Isa wirklich nicht erinnern? War vielleicht alles inszeniert? War sie wirklich der Engel, als der sie in den letzten Jahren galt? Und ist es überhaupt Isa, die da zurückgekommen ist? Immer mehr verbreitet sich in Lotheim die Annahme, dass Isa nichts von dem vergessen hat, was wirklich passiert ist. Und das treibt die Unruhe im Ort und in der Familie in eine neue Dimension.

"Die verlorene Tochter" erzählt im großen Bogen ein geheimnis-volles Familiendrama vor dem Hintergrund eines scheinbaren Verbrechens. In den einzelnen Episoden aber erzählt diese Geschichte von vernarbten Wunden, von Familie, von deutschem Leben und von der Suche nach Erinnerung und Vergessen, nach Wahrheit und Glück. Und sie erzählt von Flucht – auch vor der eigenen Familie. 

Teil 1: "Geister"

Vor zehn Jahren wurde Isa von Gems, Tochter der Brauerei Dynastie, auf dem Sommerfest des Lotheimer Gymnasi­ums zuletzt gesehen – danach ist sie spurlos verschwunden. Es gab keinen Abschiedsbrief und keine Lösegeldforderung, keinen in der Nähe gemeldeten Unfall und keine Leiche. Isa war einfach fort. Ein Schock für ihre Familie und ihre Freunde, aber das Leben ging weiter, es musste weitergehen – bis heute. Denn Peter Wolff ist der festen Überzeugung, Isa gesehen zu haben: nachts in Lotheim, vor der Brauerei der Familie von Gems. Wolff hatte damals die Ermittlungen geleitet, wurde über den nicht auf­geklärten Fall alkoholsüchtig, verlor seinen Job und arbeitet heute im Sicherheitsdienst der Brauerei.

Isas Vater Heinrich von Gems ist entsetzt über diese Nachricht: Ausgerechnet jetzt, wo sein ältester Sohn Philip Nachwuchs bekommen hat und diese neue Generation helfen kann, die durch Isas Verschwinden entstandenen Wunden in der Familie endgültig vernarben zu lassen, soll erneut alles in Frage gestellt werden? Das kann nicht sein! Isa ist tot!

Isas Mutter Sigrid hingegen schöpft Hoffnung: Wenn ihr Kind wirklich am Leben und zurückgekommen ist, dann gibt es den Hauch einer Chance, dass alles wieder so werden kann wie frü­her – zumindest fast alles. Denn niemand ahnt, dass Sigrid von Gems gute Gründe hat, sich selbst am Verschwinden ihrer Toch­ter die Schuld zu geben.

Teil 2: "Zweifel"

In Lotheim verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: Die aus den Flammen gerettete junge Frau scheint tatsächlich die vor zehn Jahren spurlos verschwundene Isa von Gems zu sein. Allerdings macht sie bei der Polizei weder Angaben zu ihrer Per­son, noch zu ihrem Verbleib in den letzten Jahren – sie behaup­tet, ihr Gedächtnis verloren zu haben. Aber kann man ihr wirklich Glauben schenken? Und falls es nicht stimmt, warum lügt sie?

Im Gegensatz zu Heinrich von Gems, der auf einen DNA-Test besteht, ist Sigrid sicher, dass es sich um ihre Tochter handelt, und lädt sie ein, mit auf das Familienanwesen zu kommen. Großmutter Lore von Gems heißt die totgeglaubte Enkelin von Herzen willkommen – ganz im Gegensatz zu Philip: Sollte es sich bei der Frau wirklich um seine Schwester handeln, torpediert ihre Rückkehr seine Pläne, die Brauerei hinter dem Rücken seines Vaters zu verkaufen.

Peter Wolff sieht seine Chance gekommen, endlich den alten Fall lösen zu können und damit sein Leben wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Robert, sein Sohn, hat derweil ein ganz ande­res Problem: Er war damals mit Isa zusammen und wollte in der schicksalhaften Nacht mit ihr durchbrennen – heute ist er mit Jenny, Isas damaliger besten Freundin verheiratet.

Teil 3: "Lügen"

Der DNA-Test beweist es eindeutig: Die junge Frau ist tatsächlich Isa. Ihr Vater ist erschüttert: In wenigen Tagen hätte er sie für tot erklären lassen. Kann es eine erneute Annäherung geben?

Jenny Wolff versucht durch Fotos und den Besuch der Schule Isas Erinnerungen zu wecken – und ahnt, dass bei ihrem Mann alte Gefühle wach werden. Peter Wolff bekommt derweil von Lore von Gems einen Auftrag: Er soll herausfinden, wo Isa all die Jahre gewesen ist.

Isa selbst merkt, dass sie die ganze Situation mehr und mehr be­lastet. Sie hört Stimmen und meint, von ihrem jüngeren Ich vor Lotheim und der Familie von Gems gewarnt zu werden. Sie weiß, dass sie erst Ruhe finden kann, wenn sie herausfindet, was in der Sommernacht vor zehn Jahren wirklich passiert ist. Dass es in Lotheim Menschen gibt, die genau daran absolut kein Interesse haben, wird klar, als ein Anschlag auf Isas Leben verübt wird.

Teil 4: "Das Irrenhaus, das man Familie nennt"

Nur knapp ist Isa von Gems dem Anschlag auf ihr Leben ent­kommen. Sie fragt sich mehr und mehr, was für ein Mensch sie gewesen sein muss, dass man sie dermaßen hassen kann.

Philip bekommt Panik: Die Rückkehr seiner Schwester droht den Verkauf von Gemser Bräu an die Amerikaner platzen zu lassen. In dem Versuch, sich abzulenken, wird er rückfällig und nimmt wieder Drogen. Aber ist das die einzige Gefahr für ihn, die von Isa ausgeht?

Peter Wolff glaubt, dass Isa die letzten Jahre in Frankreich gewe­sen sein muss. Lore von Gems finanziert ihm die Reise für seine Recherche. Unterdessen merkt Wolffs Sohn Robert, dass in ihm alte Gefühle für Isa wach werden. Er ahnt nicht, dass seine Frau dies schon längst erkannt hat und einen eigenen Plan verfolgt. Auch Isa spürt, dass sie mehr als nur Freundschaft für Robert empfindet. Ausgerechnet jetzt bricht Sigrid ihr Schweigen und gesteht Isa, dass und warum sie sich die Schuld an ihrem Verschwinden gibt – und erfährt Überraschendes. Peter Wolff hat unterdessen in Frankreich herausgefunden, dass Isa, die hier als Charlotte bekannt ist, einen Verlobten hat, und erfährt eine erstaunliche Geschichte.

Teil 5: "Die Wahrheit und nichts …"

Erste Erinnerungen an die Vergangenheit sprechen dafür, dass Isa missbraucht wurde. Geschockt und überfordert sucht sie Rat und Trost bei Robert Wolff, dem Einzigen in Lotheim, dem sie traut. Roberts Vater Peter hat herausgefunden, dass Isa nach einem schweren Unfall mit anschließender Amnesie von Leo Messmer in Frankreich als seine Tochter großgezogen wurde. Für Lore von Gems ist der Auftrag damit erledigt. Doch Peter Wolff will die ganze Wahrheit erfahren.

Philip spielt mit offenem Visier und sagt seinem Vater den Kampf um die Brauerei an. Heinrich fühlt sich auf der sicheren Seite, ahnt aber nicht, dass Philip noch ein Ass im Ärmel hat. Sigrid von Gems verzweifelt an ihrer Situation: Durch Isas Rück­kehr bekommt ihr Bild von der Familie mehr und mehr Risse. Alles scheint plötzlich auseinanderzubrechen, und sie begreift, wie einsam sie sich in dieser verlogenen Familie fühlt.

Überzeugt davon, dass die Wahrheit über die Geschehnisse in der schicksalhaften Nacht vor zehn Jahren mit dem angeblichen Missbrauch zusammenhängen muss, fasst Isa einen gefährlichen Plan. Auf dem Jour Fixe von Sigrid von Gems, zu dem sich neben der gesamten Familie auch die führenden Köpfe der Stadt Lotheim einfinden, kommt es zum Eklat.

Teil 6: "Scherbenhaufen"

Heinrich von Gems kann nicht glauben, dass er nichts vom Missbrauch Isas mitbekommen hat – aber der Selbstmord des Bankdirektors Cassdorff ist ein eindeutiges Schuldeingeständnis.

Ausgerechnet jetzt kommt Mark Wolff, Roberts Bruder, von Frankfurt nach Lotheim: Er hatte damals in der Nacht des Schul-fests fotografiert und hält damit ein entscheidendes Puzzleteil über die wahren Geschehnisse in jener Nacht in den Händen.

Als Isa klar wird, was damals wirklich passiert sein muss, stellt sie die Familie zur Rede – und setzt damit eine Kettenreaktion in Gang, die zeigt, dass Glück und Trauer zwei Seiten derselben Medaille sind.

Producers Note
Von den Produzenten Michael Polle und Uwe Urbas, X Filme Creative Pool

Was macht es mit einer Familie, wenn die tot geglaubte Tochter plötzlich zurückkehrt? Welche Geheimnisse müssen bewahrt wer­den, und welche Abgründe werden sich auftun, wenn Isa dem Mysterium ihres Verschwindens auf die Spur kommen will? Es waren diese Ausgangsfragen, die Autor Christian Jeltsch und uns zu Beginn der Entwicklung zur Serie "Die verlorene Tochter" maßgeblich interessierten.

Die Gegend um den Edersee in Nordhessen, zu der Christian Jeltsch und ich, Michael Polle, einen persönlichen Bezug haben, war von Anfang an die Bühne und das Schulfest der Ausgangs­punkt unserer Narration. Diese geheimnisvolle Nacht wollten wir ins Zentrum setzen und für dieses Ereignis eine besondere Erzählform finden. Dabei wollten wir bewusst mit der ein oder anderen Konvention brechen und die Zuschauer herausfordern.

Christian Jeltsch hat hierfür eine besondere Erzählform gewählt. Zu Beginn jeder Folge tauchen wir in die Nacht des Verschwin­dens ein. Alle Figuren erleben diese Nacht in jeder Episode aus unterschiedlichen Perspektiven. Nach und nach, Folge um Folge, setzt sich das Puzzle für den Zuschauer zusammen. Wie im ech­ten Leben ist oftmals nicht alles so, wie es scheint. Und genau diese Art der Erzählung, diese sehr genaue Beobachtung der Figuren und Ereignisse ist es, was für uns den Reiz an dieser Arbeit ausgemacht hat.

Wir hoffen sehr, dass wir die Menschen im besten Sinn mit der Geschichte fesseln können und dass sie ebenso wie wir große Freude daran haben, mit unseren Figuren nach Lotheim zu reisen.

Vom Zustand einer Familie
Statement des Drehbuchautors Christian Jeltsch

"Das Schicksal des Staates hängt vom Zustand der Familie ab!" Das schrieb der Theologe und Literaturhistoriker Alexandre Vinet um 1820.

"Die verlorene Tochter" erzählt vom Zustand einer Familie, der Brauerfamilie von Gems. Tabus, Geheimnisse und Traditionen bestimmen das Familienleben. Isa von Gems ist sechzehn, als sie dieser diktatorischen Enge entkommen will. Sie bezahlt es mit ihrem Leben. So scheint es. Doch jetzt, zehn Jahre später, taucht sie wieder auf.

Von dieser Wiederkehr zu erzählen, war für mich der große Reiz. Vom Aufbrechen seelischer Wunden, die vernarbt zu sein schie­nen, von der Sprachlosigkeit, die Verbrechen erst möglich macht, von Menschen, die der Wahrheit nicht mehr entkommen, von dem Bild einer Familie, das längst zur Lüge geworden ist.

Diese Geschichte dann in die richtige Landschaft zu setzen, war eine weitere Herausforderung. Gefunden habe ich diese Land­schaft schließlich in meiner eigenen Vergangenheit: Am hessischen Edersee, der passend zu der Geschichte im Herbst alle Lieblichkeit verliert und sein raues, ehrliches Gesicht zeigt.

Wenn also der Zustand der Familie wirklich so großen Einfluss auf das Schicksal des Staates hat, dann sollte es der Zustand der Familie von Gems am Ende der Geschichte sein. Die schmerz­hafte Wahrheit ist enthüllt und bietet die Chance zu gesunden. 

"Ein Fest für Schauspieler und Regie"
Statement des Regisseurs Kai Wessel

Eine Kleinstadt. Nähe. Enge. Gegenwart. Vergangenheit. Rück­zugsort und Bollwerk gegen gewalttätige Natur, angestaute Wassermassen des Edersees, Einsamkeit und drohende Zukunft. Ein Mikrokosmos des menschlichen Daseins, zusammengeballt auf einen zu erschaffenden, fiktiven Ort. Ein Fest für Schauspieler und Regie.

Als mir Uwe Urbas und Michael Polle die Bücher zu "Die verlorene Tochter" zum Lesen gaben, war ich begeistert: Die Bücher von Christian Jeltsch sind spannend und ergreifend, her­vorragend gebaut und eine exzellente Vorlage für eine moderne Mini-Serie. Mit dichten, immer wieder überraschenden Hand­lungssträngen und vor allem der Möglichkeit menschliche Dramen zu erzählen.

Isa von Gems geht auf die Suche nach ihrer eigenen Vergangen­heit: Wer bin ich, wer war ich, wo komme ich her und: Was ist geschehen? Durch ihre Suche nach dem eigenen Ich, nimmt sie alte Freunde und Familie mit. Auch sie müssen unfreiwillig auf die Suche gehen. Alte Narben brechen auf, Verdrängtes kommt äu­ßerst unliebsam wieder hoch. Die Suche nach der Wahrheit gerät zu einer Reise in den Schmerz.

Mit unserem exzellenten Schauspielerensemble durfte ich auf eine Reise gehen und diesen Mikrokosmos erfinden. Das schein­bar Böse ist nicht per se böse, es hat seine Gründe dafür. Wir wollten die Untiefen des Lebens ausloten und dabei glaubwürdige und kantige Menschen erschaffen, die sich im Geflecht aus Lei­denschaft, Pragmatismus und Pflichtgefühl verstrickt haben – ohne zu bewerten. Der Mikrokosmos Lotheim wurde für uns zum Nabel der Welt.

"Eine sehr schöne und kreative Arbeit"
Interview mit Henriette Confurius

Isa hat im Grunde drei Leben: Vor ihrem Verschwinden, ihr Leben weit weg von Lotheim und die Rückkehr in ihr altes Leben. Wie haben Sie diese drei Phasen erlebt? Wieso entschließt sich Isa, nach Lotheim zurückzukehren?

Eigentlich ist es ja nur ein Leben. Drei Phasen, ja. Und jede Phase hat ein Eigenleben, in dem ein Alltag stattfindet. Also Normalität und Gewohnheiten mit Gefühlen und Begegnungen. Isas Leben ist in Teile zerrissen, und sie versucht diese Teile wie­der zusammenzufügen. Sie hat ein Bedürfnis nach Wahrheit und das Gefühl sich selbst und dieser Wahrheit verpflichtet zu sein. Deswegen kehrt sie nach Lotheim zurück.

Was macht für Sie die Qualität des Drehbuchs von Christian Jeltsch aus?

Ich muss ja das Geschriebene sprechen, denken und verstehen können, und das war für mich bei diesem Buch tatsächlich traumwandlerisch leicht. Ich habe schnell ein klares Gefühl für meine Rolle gefunden.

Wie war die Zusammenarbeit – sowohl mit Regisseur Kai Wessel als auch mit Ihren Schauspielkollegen?

Ich durfte im Film "Nebel im August" schon einmal mit Kai Wessel arbeiten. Noch einmal zusammenzuarbeiten ist natürlich ein Vertrauensbeweis. Für beide. Dieses Vertrauen erleichtert die Sprache in der Arbeit. Ich hatte nie die Befürchtung, nicht ver­standen zu werden, und ich glaube, dass das auch umgekehrt so war.

Auch mit den Kollegen war es eine sehr spannende Zusammen­arbeit. Die Figuren, die Christian Jeltsch in seinem Drehbuch er­zählt, sind sehr komplex. Es war spannend, die einzelnen Bezie­hungen zu den vielen verschiedenen Figuren zu erarbeiten. Das war eine sehr schöne und kreative Arbeit und hat viel Spaß gemacht.

Was war das Besondere für Sie an der Arbeit für diese sechsteilige Event-Serie?

Die Herausforderung, eine Rolle über sechs Episoden zu entwickeln, neue Erzählweisen zu erproben, über eine längere Zeit zusammenzuarbeiten und dabei das Ziel nicht aus den Augen zu lassen, das ist natürlich neu und extrem spannend.

Das Interview führte Regine Baschny.

Drei Fragen an Götz Schubert, Claudia Michelsen, Christian Berkel, Rick Okon,
Max von der Groeben, Nina Gummich

Wie gelingt es Ihrer Figur nach dem Verschwinden von Isa zurück ins eigene Leben zu finden?

Götz Schubert (Rolle: Peter Wolff): Es gelingt ihm nicht. Im Gegenteil, er zerbricht daran. Die ganze Katastrophe wirkt sich auch auf seine privaten Beziehungen und Verhältnisse aus. Der Ex-Kriminalist in ihm glaubt, die Probleme in seinem Leben mit der Aufklärung des Falles lösen zu können, so und nicht anders. Da er erfolglos bleibt, klammert er sich krampfhaft an die Tatsa­che, dass nichts bewiesen und immer noch alles möglich ist. Aber die Hoffnung schwindet. Zehn Jahre sind eine lange Zeit.

Claudia Michelsen (Rolle: Sigrid von Gems): Ich glaube, die Geburt eines weiteren Kindes gibt ihr einen neuen Lebensinhalt. Vielleicht ganz natürlich, aber auch nur scheinbar, da man die Vergangenheit mit sich und in sich trägt und nicht loswerden kann. Eine Mutter hat für immer eine ganz besondere Verbindung zu dem Kind, das sie ja unter ihrem Herzen getragen hat. Für mich findet sie nur unter der ständigen Last ihrer Geschichte, ihrer Schuld, scheinbar in ein Lebenskonstrukt zurück, das aber nicht das ihre ist.

Christian Berkel (Rolle: Heinrich von Gems): Den Verlust sei­ner Tochter hat er in einer Mischung aus Schicksalsergebenheit und Fatalismus mühsam überwunden. Diese Verdrängung nimmt er nicht einmal partiell wahr und verwechselt den so geschaffenen Status quo mit der Wirklichkeit.

Max von der Groeben (Rolle: Robert Wolff): Er konzentriert sich auf sein eigenes Leben und darauf, seine Träume zu verwirk­lichen. Diese sind, eine eigene Familie zu haben und einen anstän­digen Job, der ihm und seiner Familie finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit gewährt. Dies gelingt ihm auch sehr gut, weshalb er grade zu Beginn der Serie recht solide mit beiden Beinen im Leben steht.

Rick Okon (Rolle: Philip von Gems): Philip hat durch das Ver­schwinden seiner Schwester große Probleme, zurück in den Alltag zu finden. Er gerät auf die schiefe Bahn, wird drogensüchtig. Erst durch seine spätere Frau Veronica lernt Philip das Leben wieder zu lieben. Er zieht gemeinsam mit ihr zurück nach Lotheim und ist nach dieser schwierigen Zeit endlich bereit, die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Durch die Geburt seiner Tochter scheint sein Glück perfekt.

Nina Gummich (Rolle: Jenny Wolff): Jenny findet nach dem Verschwinden von Isa in ihr Leben zurück, indem sie sich ein neues kreiert. Sie löscht Isa aus ihrer Erinnerung, schneidet sie aus Fotoalben einfach aus, redet nicht mehr über sie. Als wäre sie nie da gewesen. Außerdem bindet sie sich schnell an jeman­den, der von nun an ihren Lebensmittelpunkt darstellt: Robert.

Wie geht man aus Ihrer Sicht damit um, wenn nach zehn Jahren der verloren geglaubte Mensch wieder auftaucht und verheilte Narben wieder aufreißen?

Götz Schubert: Wenn ein Mensch stirbt, ist der Verlust schmerz­lich. Der Abschied ist endgültig. Trotzdem stellen wir Fragen nach dem Warum, ohne letztlich eine Antwort zu erwarten, denn die gibt es nicht. Wir lernen mangels Alternativen, das Endgültige zu akzeptieren. Aber sind wir auch in der Lage, mit gärender Unge­wissheit zu leben? Das braucht sicher viel Zeit, aber selbst die heilt nicht alle Wunden. Trauer, Wut, Zorn, Ohnmacht, Verzweif­lung bleiben.
Taucht der Verschwundene wieder auf, erhofft sich jeder Antwor­ten in erster Linie für sich selbst. Das Wiederauftauchen könnte also ein Neuanfang sein, vorausgesetzt, es ist möglich, sich zu besinnen, inne zu halten, sich zu bekennen, aufzuarbeiten und aus Fehlern zu lernen.

Claudia Michelsen: Da kann ich keine Regel aufstellen oder wüsste nicht, wie man damit umgehen sollte. Jeder Mensch ist ver­schieden, jede Lebensgeschichte eine andere. Hier geht es ja auch gerade darum, dass jeder mit Isa seine eigene Geschichte, seine eigene Wahrheit hat.

Christian Berkel: Die Nachricht von Isas Rückkehr ist zunächst ein Schock, der ihn paralysiert. Die verdrängte Realität greift nach ihm, und er weiß nicht wie er damit umgehen soll. Er hat Isas Tod akzeptiert. Die Vorstellung, dass die letzten zehn Jahre sei­nes Lebens eine Lüge waren, führen bei ihm im Anfang zu einer radikalen Verweigerungshaltung, die ebenso wie die drohende Aufklärung das gesamte Gebäude gefährdet, dass er glaubt für sich und seine Familie errichtet zu haben.

Max von der Groeben: Das ist natürlich keine leicht zu beant­wortende Frage, zumal die Umstände des Verschwindens auch sehr entscheidend sein können. Generell jedoch ist es bestimmt hilfreich, der wiederkehrenden Person sowie sich selbst zunächst Zeit zu geben mit der neuen Situation umzugehen. Zum anderen hilft es immer, miteinander zu sprechen und sich auszutauschen.

Rick Okon: Das ist schwer zu beantworten. Jeder geht damit persönlich ganz anders um. So auch unsere Figuren in der Serie. Einige sind mit der Situation völlig überfordert, für andere ist es das größte Glück. Für manchen ist es die Chance, die Vergangen­heit und somit auch die davon maßgeblich beeinflusste Gegenwart aufzuklären. Manch andere wiederum haben daran kein Interesse und sind froh, endlich halbwegs mit der damaligen Tragödie klarzukommen.

Was bedeutet Familie für Ihre Figur?

Götz Schubert: In Zeiten des Erfolges, war alles selbstverständ­lich, auch die Familie. Wolf wusste das nicht zu schätzen. Er war der Meinung, er kommt auch gut ohne klar. Als er sie dringend brauchte, hatte er sie bereits verloren. Um seine Schuld zu be­gleichen, kämpft er scheinbar auf einem Ersatzschauplatz, der für ihn aber das Zentrum ist. Tief verstrickt bleibt er ein Zerrissener. Seinem Sohn ruft er hinterher, er soll es besser machen. Die Ein­sicht hat Wolf gewonnen, aber leben wird er sie nicht mehr können.

Claudia Michelsen: Familie im besten, wunderbaren Sinne bleibt ein unerfüllter Traum für sie. Hier hat Familie eher mit Pflicht und Disziplin zu tun. Es gibt Regeln, an die man sich zu halten und denen man sich zu unterwerfen hat. Deswegen ihr beständiges Fernweh. Sie darf hier nicht Mutter und Ehefrau sein, wie sie es möchte. Ich denke aber, sie hat sich, bevor Isa zurückkehrt, ein­gerichtet in diesem Konstrukt, und es tut nicht mehr weh, weil man an der Oberfläche ganz gut Tag für Tag leben kann. Durch Isas Rückkehr werden alle wieder an ihre eigenen Wahrheiten erinnert und müssen sich damit auseinandersetzen. Und das ist ja meistens schmerzhaft, aber am Ende heilsamer.

Christian Berkel: Er fühlt sich seiner Familie zutiefst verbunden, will aber zugleich mit der Zeit und seine eigenen Wege gehen. Diese Verpflichtung und sein innerer Widerstand bringen ihn in eine konfliktreiche Spannung zwischen seiner Frau und seiner Mutter.

Max von der Groeben: Familie ist für meine Figur das zentrale Gerüst im Leben. Da seine Familie in den vergangenen zehn Jahren immer mehr zerfallen ist, war es für ihn besonders wichtig, eine eigene zu gründen.

Rick Okon: Die Familie ist ein wichtiger Teil seines Lebens. Mit der Geburt seiner Tochter beginnt für ihn und seine Frau ein neuer Lebensabschnitt. Gerade in der Umgebung dieser Klein­stadt ist die Familie ein starker Bezugspunkt. Hinzu kommt das schwierige Verhältnis zu seinem Vater und die durchaus beson­dere Verbindung zu seiner Schwester Isa. Diese Beziehungen innerhalb der Familie haben Philip sehr geprägt und sind auch ausschlaggebend für sein Denken und Handeln – in jeglicher Hinsicht.

Nina Gummich: Familie bedeutet Jenny alles. Sicherheit, Stabi­lität, Halt. Vielleicht sogar den Sinn im Leben überhaupt. Familie bedeutet aber auch Arbeit, Koordination, Überforderung – mit der sie auf keinen Fall alleine dastehen will.

Die Fragen stellte Regine Baschny.

Radio-Interview mit Henriette Confurius inkl. Audio-Datei

Link Audio-Datei Interview Henriette Confurius

Frau Confurius, Isa verschwindet als junge Frau und kommt zehn Jahre später voller Geheimnisse, voller offener Fragen wieder nach Hause zurück. Was hat Sie an diesem Thema gereizt?

Mich hat vor allem in erster Linie die Arbeit mit Kai Wessel interessiert. Ich durfte schon einmal mit Kai Wessel drehen. Wir haben zusammen "Nebel im August" gemacht und das war eine gute Erfahrung und ich habe mich gefreut, wieder mit ihm zu arbeiten. Und an der Rolle selber hat mich interessiert, was dieses Mädchen antreibt. Sie verschwindet, beziehungsweise verliert einen großen Teil ihres Lebens und an einem Punkt irgendwann entscheidet sie sich, dass sie sich diesen Teil wieder zurückerobern will. Das fand ich interessant. (0’26)

Zu Beginn spielt das Ganze im Jahr 2009. Sie sind Teenager, Sie sind auf einer Party und tanzen ab. Dann tauchen Sie 2019 wieder auf, als eine Frau, erwachsen geworden, voller Geheimnisse. Wie schwer ist es das zu spielen und wie schwer ist es auch für eine Maskenbildnerin?

Vom Maskenbild war es natürlich spannend, wir haben mit Perücken gearbeitet. Was ich in der Vorbereitung für diese Rolle gemacht habe war, mir selber Fotos von mir von vor zehn Jahren anzuschauen, also 2009. Man unterschätzt das, wie anders man mit 16 war, und auch wie anders man aussah. Ich fand das schon interessant, diese zwei Rollen zu spielen. Das waren unter anderem auch die interessantesten Szenen in dieser Serie, die Momente, wo ich mir selber begegnen durfte. Es war spannend, zwei verschiedene Personen spielen zu dürfen. (0’31)

In der ZDF-Pressemappe heißt es "Die Geschichte erzählt von Flucht – auch vor der eigenen Familie". Erinnern Sie sich mal an Ihre Kindheit: Gab es auch mal den Moment, wo Sie gerne verschwunden wären?

Ich glaube, das hatte jeder in seinem Leben. Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich glaube, ich hatte großes Glück mit meiner Familie. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich irgendwie in irgendetwas reingezwängt wurde. Das war für mich eher so das Schulsystem, wo ich das Bedürfnis nach Flucht hatte, aber vor meiner Familie hatte ich nicht das Bedürfnis zu fliehen. Und Isa kommt ja aus einer Familie, wo Tradition eine große Rolle spielt und wo man auch sehr in der Öffentlichkeit steht. Wo der Schein nach außen oder das, was man nach außen darstellt, wichtiger war als das, was man eigentlich ist. Nach außen soll alles heil und gut aussehen, aber dass es innerhalb der Familie und in den Strukturen sehr viele Baustellen gibt und dass da sehr viel schiefgeht, dafür ist gar nicht genug Raum. (0’48)

Es ist eine sogenannte Miniserie, sechs Teile à 45 Minuten. Ist es ein besonderer Reiz gewesen, nicht einen eineinhalb-Stunden-Film zu drehen, sondern sechs Teile?

Das kommt ja so in der letzten Zeit, dass immer mehr Serien gemacht werden und das ist spannend. Es ist aber auch anstrengend, weil man sich über einen sehr viel längeren Zeitraum mit einer Rolle sozusagen beschäftigen muss – gleichzeitig kann man sich aber eben auch mit einer Rolle über einen längeren Zeitraum beschäftigen. Es ist eine längere Arbeit. Es hat Positives und Negatives. (0’21)

Jetzt sind Sie nach Filmen wie "Die geliebten Schwestern" oder "Tannbach – Schicksal eines Dorfes" für die Zuschauer die Schauspielerin, die historische Stoffe spielt. "Die verlorene Tochter" ist aber ein sehr aktuelles Thema. Wie wandlungsfähig sind Sie?

Das ist eine gute Frage. Die historischen Stoffe ziehen mich so ein bisschen an. Ich glaube aber auch, dass es so eine Gewohnheitssache ist, dass man dann schon oft für die Rollen vorgeschlagen wird, in denen man schon gesehen wurde, so mehr oder weniger. Ich mag historische Stoffe wahnsinnig gerne. Mir macht das total Spaß: Kostüm, Maske, die Motive, diese Welten, in die man eintauchen kann. Aber ich habe auch nichts gegen aktuelle Stoffe. Ich spiele jetzt gerade in einer Serie, die in der Zukunft spielt und das ist was ganz anderes und es macht mir auch wahnsinnigen Spaß. (0’36).

Sie haben einmal in einem Interview gesagt: "Es ist erschöpfender, wenn mich Szenen emotional berühren." Das ist ja bei "Die verlorene Tochter" der Fall. Wie schwer waren die Dreharbeiten für Sie?

Oh, ja. Ich finde es tatsächlich immer wieder sehr anstrengend. Ich mag diesen Beruf wahnsinnig gerne, aber ich merke schon auch immer wieder, dass er mich an meine Grenzen bringt. Ich finde es wahnsinnig anstrengend, eine Szene zu spielen und die Emotion – irgendwie nimmt man sie ja mit, auch wenn es nur gespielt ist und auch wenn ich das nicht wirklich erlebe, so spiele ich die Emotionen auch und mein Herz berührt das trotzdem und ich nehme daraus etwas mit. Man hat selten die Zeit zu regenerieren oder diesem Gefühl dann in irgendeiner Form Raum zu geben. Man spielt die Szene 20 Mal und geht dann in die nächste Szene. So erlebt man dann sozusagen an einem Tag viel zu viel, als dass man das verarbeiten könnte. (0’43)

Jetzt haben Sie, obwohl Sie so jung sind, schon eine lange Schauspielkarriere hinter sich. Sie waren, glaube ich, acht, als Sie zum ersten Mal vor der Kamera standen. Mal ganz ehrlich, haben Sie sich nie überlegt, mal etwas anderes zu machen?

Doch, doch, das habe ich mir sehr häufig überlegt. Ich komme von diesem Beruf nicht so richtig weg, weil er eben auch ein sehr, sehr schöner Beruf ist und weil, wenn ich ganz ehrlich bin, ich es mir auch gar nicht vorstellen kann, ihn bleiben zu lassen. Aber es ist ja nun auch ein Beruf, der sehr unbeständig ist und deswegen hatte ich schon immer wieder Zeit, mich umzuschauen und andere Dinge auszuprobieren. Die Berufe, die mich am meisten interessieren, sind handwerkliche Berufe, wobei es da eigentlich auch immer eher bei einem Hobby blieb, als das ich wirklich in diesen Berufen gearbeitet habe. (0’35)

Wenn Sie einem Freund, einer Freundin in den nächsten Tagen empfehlen: Guck unbedingt "Die verlorene Tochter an". Mit welchen Argumenten würden Sie die überzeugen, dass Sie das ZDF einschalten?

Es ist eine wahnsinnig spannende Geschichte. Es macht unheimlichen Spaß, durch die einzelnen Folgen zu gehen, die einzelnen Figuren kennenzulernen – die alle großartig gespielt sind – und selbst zu puzzeln und herauszufinden, was passiert ist. (0’15)

Das Interview führte Hermann Orgeldinger

Radio-Interview mit Christian Berkel inkl. Audio-Datei

Link Audio-Datei Interview Christian Berkel

Herr Berkel, Sie sind Vater von zwei Söhnen. Sie spielen jetzt den Vater einer Tochter, die verschwindet und zwar zehn Jahre lang. Wie spielt man so etwas, wenn man eigene Kinder hat?

Naja, vor allen Dingen ist die Tochter ja – so denken zumindest alle – ermordet worden. Aber man hat nie eine Leiche gefunden. Und diese Vorstellung, dass man nicht Abschied nehmen kann… Der Verlust ist schon mal das eine, und das ist fürchterlich, aber dass man keine Möglichkeit hat, Abschied zu nehmen, ist unvorstellbar hart, glaube ich, da überhaupt in die Trauer zu kommen. (0‘23).

War das auch der Reiz an Ihrer Rolle?

Ja, das war eigentlich der Hauptpunkt, weil ich sowas noch nie gespielt hatte und mir dachte: Was macht das eigentlich mit einem Menschen? Es passiert eben nicht das, was man zunächst erwartet, dass derjenige sich freut und sagt: Gottseidank, mein Kind lebt und ist wieder da. Sondern er hat zehn Jahre lang damit verbracht, überhaupt die Trauer zuzulassen, das zu verarbeiten, und jetzt kommt jemand und steht vor ihm und sagt: Ich bin deine Tochter. Und er will es nicht wahrhaben am Anfang, er wehrt es massiv ab. (0’33)

Es ist ein Sechsteiler. Ist es reizvoll für einen Schauspieler, nicht alles in eineinhalb Stunden zu erzählen, sondern auch mal Zeit zu haben?

Es ist ein großer Reiz vom erzählerischen Standpunkt her. Deswegen haben sich diese Miniserien auch so erfolgreich durchgesetzt beim Zuschauer, weil der Zuschauer eben auch gemerkt hat: Ich kann über einen letztlich dann doch wieder überschaubaren Zeitraum, sechs Folgen, diese Menschen wirklich näher kennenlernen. Ich kann tiefer in ihre Schicksale eintauchen. Das Ganze bekommt eine ganz andere Wucht und eine andere Fallhöhe. (0’28)

Und es ist unheimlich spannend. Also man wird regelrecht reingezogen in die einzelnen Episoden. Es ist eine ganz, ganz spannende Miniserie…

Ja, ich finde auch, das ist total gelungen, vor allen Dingen durch die Art, wie erzählt wird. Vor jeder Folge haben wir eine Einführung. Nicht so, wie man das kennt, dass quasi kurz zusammengefasst wird, was in den letzten Folgen geschehen ist, sondern jedes Mal wird erzählt, was damals, an diesem einen Abend vor 10 Jahren, passiert ist. Man sieht die erste Folge, hat diese Einführung gesehen und denkt: Aha, okay, hab ich verstanden. Dann kommt die zweite Folge, dann wird wieder von diesem Abend erzählt, aber diesmal aus einer anderen Perspektive, aus der Perspektive einer anderen Figur. Und auf einmal sieht die Geschichte ganz anders aus. Und das passiert vor jeder Folge. Und jedes Mal erfahren wir ein Stück mehr, sind aber im ersten Moment überrascht und denken: Ach so. Und wir merken ja auch relativ schnell, dass offenbar viele Figuren in dieser Kleinstadt ein gewisses Interesse daran haben, dass diese Isa eben nicht ihre Erinnerung wiederfindet. Das heißt, offenbar haben einige Leute Dreck am Stecken. Das macht die Geschichte so spannend. (1’05)

Sechs Teile – kann ich mir vorstellen – sind auch für Schauspieler sehr aufwendig zu drehen.  Die Herausforderungen, denke ich, sind sehr groß gewesen?

Ja, wobei man dazu sagen muss: Wenn Bücher so gut geschrieben sind, wenn eine Produktion etwas so sorgfältig vorbereitet, dann hat man einen Regisseur, mit dem ich schonmal gearbeitet habe – Kai Wessel –, den ich über alles liebe, weil er so fein, so genau, so klug in der Arbeit mit Schauspielern ist. Und dann hat man so ein Ensemble, mit den meisten Kollegen hatte ich schon gearbeitet, den ein oder anderen habe ich in der Arbeit kennen und schätzen gelernt, dann hat man so ein Ensemble, das ist eigentlich der Traum für einen Schauspieler. Insofern, würde ich sagen, ist es dann wieder überhaupt nicht anstrengend. (0‘40)

Jetzt haben Sie unter anderem auch in einer echten Brauerei gedreht. Wie war das?

Das war spannend! Ich habe eine kleine Einführung oder eine Führung bekommen und dabei wurde mir eben auch einiges erklärt. Das sind witzige Leute, es ist interessant zu sehen, wie das hergestellt wird, wie es in einer Brauerei riecht – auch interessant. Also, das hat mir großen Spaß gemacht. (0’20)

Die Geschichte erzählt von Wunden, von einem Leben, das viele Facetten hat, es geht um die Suche nach Wahrheit, Glück – aber auch um die Flucht vor der eigenen Familie. Es ist eigentlich ein topaktueller Stoff…

Ja, ich glaube, da es eine Familiengeschichte ist, ist es ein universaler Stoff, ein Stoff, der immer aktuell sein wird, weil wir immer in Gruppen leben werden. Wir sind Gruppentiere. Wir brauchen die Familie, gleichzeitig braucht die Familie uns und die Familie ist die Grundlage unserer Identität, egal ob wir gute Erfahrungen oder schlechte Erfahrungen innerhalb der Familie machen. In der Regel macht man ja sogar beides. Hoffentlich mehr gute Erfahrungen, aber egal wie es läuft, die Familie ist identitätsstiftend und daraus entstehen eben auch die spannenden Geschichten. (0’44)

Herr Berkel, Sie gehören international und national zu den beliebtesten deutschen Schauspielern. Haben Sie so etwas wie eine Traumrollen, die Sie gerne spielen würden?

Ja, das ist immer eine schwierige Frage. Bei der Theaterliteratur gibts die Rollen, da kann man sagen: Das, das oder das würde ich gerne spielen. Beim Film gibts das gar nicht. Beim Film trifft man Entscheidungen ja auch teilweise anders. Die Geschichte muss mich natürlich erstmal interessieren, dann ist die nächste Frage: Wer macht denn diesen Film? Wer inszeniert ihn? Wer produziert? Das Drehbuch, wie ist das geschrieben? Und wer spielt alles? Mit wem komme ich da zusammen? Denn Film ist eben Mannschaftsspiel. (0’29)

Das Interview führte Hermann Orgeldinger

Radio-Interview mit Götz Schubert inkl. Audio-Datei

Link Audio-Datei Interview Götz Schubert

Herr Schubert, Sie sind Vater einer Tochter und spielen jetzt in "Die verlorene Tochter" in einem Sechsteiler mit, in dem eine Tochter zehn Jahre komplett verschwindet. Kann man sich als Schauspieler da völlig von seiner privaten Situation lösen? Oder denkt man da, wenn mir das passieren würde, das wäre schlimm?

Eigentlich ist das unvorstellbar und ich wüsste auch nicht, wie ich damit klarkommen sollte als Vater. Ich wüsste auch nicht, wie man damit leben soll, wahrscheinlich würde ich verrückt werden. Machbar für mich im Film war das tatsächlich, weil es in dem Falle nicht meine Tochter ist. Es gibt eine sehr enge Verbindung, die auch total spannend ist und auch schwierig genug, aber es ist nicht ganz so eine nahe Verwandtschaft. Die Tochter steht auch für vieles, was vor zehn Jahren an Ungereimtheiten passiert ist, und mit den eigenen Schicksalsschlägen, die man da erlitten hat. Und meine Figur, die ich da spiele, geht auch daran kaputt. (0:40)       

Sie sind - der erste Teil spielt teilweise im Jahr 2009, dann im Jahr 2019 - ein ehemaliger Kommissar, der an der Geschichte verzweifelt. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?

Gereizt hat mich tatsächlich der Umstand, dass der erfolgreiche Mann, der Polizist, der Liebhaber, der eine erfolgreiche Karriere in Aussicht habende Mann, dass das zehn Jahre zurück liegt und man sich fragt, was ist passiert und wie ist der Weg, dass man so abstürzt, weil das natürlich nicht von heute auf morgen passiert, sondern seine Zeit braucht. Und da zu graben und nicht von Anfang an alles gleich zu zeigen und offen zu legen, sondern Stück für Stück erst mal ein bisschen was aufblitzen zu lassen, das hat mich gereizt.        

Sechs Teile, das ist auch für einen Schauspieler etwas Faszinierendes. Aber es ist auch eine Herausforderung, sechs Mal 45 Minuten zu drehen?

Ja, das ist es. Da muss man aber auch sagen, es verteilt sich ja, wir sind wirklich ein tolles, ein großartiges Ensemble – das kann ich ruhig auch sagen – und ich bin auch wahnsinnig gerne ein Ensemblespieler und Teamplayer. Das macht totalen Spaß. Und wenn das gutes Zeug ist, was man da zu spielen hat, dann könnte ich das auch noch ganz lange weiter machen. (0:22)      

Als Sie zum ersten Mal die Bücher gelesen haben, war das gleich so ein Gefühl: "Hurra, da bin ich dabei"?

Das Lesen der Bücher war einfach so spannend, dass ich wissen wollte, wie es weiter geht, und ich glaube, das ging fast allen so, mit denen ich gesprochen habe. Das ist wie so ein Fortsetzungsgeschichten-Roman und da habe ich ganz schnell gedacht, da möchte ich gerne dabei sein. (0:17)

Die Zuschauer kennen Sie ja sehr häufig als Kommissar, aber dieses Mal erleben sie einen ganz anderen Kommissar, beziehungsweise Ex-Kommissar?

Ja, darüber war ich dann auch sehr froh, denn Kommissare interessieren mich ja nicht, weil sie Kommissare sind, sondern mich interessiert ja irgendwie der Mensch dahinter, und zufällig ist der eben Kommissar. Aber spannend ist, wenn das Menschen aus Fleisch und Blut sind, die ihre Erfahrung machen, die einen schlechten Tag haben, die ihre Vorlieben haben. Das macht es für mich reich und dann ist es für mich eine Figur, die eben zufällig diesen Job hat, und dass er eben ab und zu mal jemanden fragen muss, wo er gestern war. Hier ist das aber ganz anders gelagert. Man merkt schon, dass er ein Interesse hat, das im Nachhinein wieder aufzuklären, aber es ist mehr therapeutischer Natur, weil er daran zu knabbern hat, dass er das vor zehn Jahren nicht gepackt hat und permanent Schuldige sucht, um dann vielleicht irgendwann dahin zu kommen, dass man für das meiste irgendwie auch selber verantwortlich ist. (0:55)  

Sie spielen auch noch Theater – relativ regelmäßig sogar. Bei manchen Szenen in "Die verlorene Tochter" sah ich den Theaterschauspieler in Ihnen. Szenen, die sehr nahe sind, die sehr theatralisch sind. Hilft Ihnen das im Film?

Es gab ja mal so eine Zeit, wo immer gesagt wurde, das ist gut, wenn die Schauspieler, die Filme machen, die Fernsehen machen, auf der Bühne zu sehen sind, da profitieren die Theater davon und dann kommen die Leute. An der Stelle habe ich schon immer gesagt: Ihr irrt Euch gewaltig, die Filme profitieren wahnsinnig davon, dass es Leute sind, die auch vom Theater kommen. Das hat möglicherweise was damit zu tun, wie man sich so eine Figur erarbeitet, also dass Du nicht nur daraus schöpfst, wie Du selber bist und Dich irgendwie so locker flockig da vor die Kamera stellst, sondern dass das immer ein Prozess ist. Das ist für mich, ob ich vor eine Kamera oder auf eine Bühne trete, immer ein Arbeitsprozess. Nach etwas suchen. Da gibt es Assoziationen, die ich natürlich aus mir selber herausnehme, und möglicherweise hat es mit so einer Arbeitsmethode was zu tun, wie man sich solchen Figuren nähert. (1:05) 

Sie haben in einem Interview mal gesagt: Glamour und Effekt bedeutet mir nichts. Kann sich das ein Schauspieler heutzutage leisten?

Ja, das ist jetzt auch lange her, dass ich das gesagt habe. Es ist einfach so: Ich kann mich auch nicht verbiegen. Das hat keinen Sinn, einfach nur um meiner selbst willen oder weil ich glaube, mich vermarkten zu müssen und zu können, das funktioniert auch überhaupt nicht, weil ich gar nicht dahinter stehe. Erstens ist mir klar geworden, dass dieser Beruf nun mal mit Öffentlichkeit zu tun hat, und da ich auch möchte, dass sich die Leute meine Filme anschauen, verstehe ich auch das Interesse der Leute, dass sie den auch mal irgendwie anders sehen wollen oder auch mal was fragen wollen und sowas. Und inzwischen macht mir das auch manchmal Spaß, wenn es eine große Preview gibt oder wenn sich Schauspieler zu einer Auszeichnung oder zu einer Gala treffen. Wenn unser Berufsstand irgendwie geehrt wird, da bin ich auch dabei. Ob das dann Glamour heißen muss und ob das dann immer Stars heißen muss, das weiß ich nicht. Aber es ist, glaube ich, ganz heilsam, da auch auf dem Boden zu bleiben. (1:03)

Sie haben bei der ersten Antwort gesagt, dieser Ex-Kommissar Wolff, der versucht diesen Fall aufzulösen, um mit sich selber ins Reine zu kommen. Löst er den Fall – kommt er mit sich ins Reine?

Auf eine gewisse Weise ja. Man muss natürlich sagen, die Geschichte ist so, dass sich eigentlich alle beteiligten Figuren abarbeiten an dieser Wiederkunft der verlorenen Tochter und an dem, was vor zehn Jahren passiert ist, oder im Laufe der zehn Jahre. Und alle gehen Umwege und schauen erst mal auf die anderen: Weil Du das damals gemacht hast, ist mir das und das passiert. Und das braucht seine Zeit, bis Erkenntnisse kommen. Ich glaube nicht, dass wir die Geschichte so zu Ende erzählen, dass für alle eine Erkenntnis und ein Happy End stattfindet. Für den Wolff gibt es ein Ende, genau an dem Punkt, wo er sagt, jetzt habe ich‘s, ist es dann auch vorbei. (0:47)

Das Interview führte Hermann Orgeldinger

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