Härte, Herz und Dosenbier

Von Sydney ins Outback

Australien lockt mit weiten Landschaften, viel Natur und dem Versprechen, dass sich dort am gefühlten Ende der Welt jeder selbst verwirklichen kann. ZDF-Reporter Christoph Röckerath hat von Sydney aus das menschenleere Outback erkundet und berichtet in diesem "Road Movie" über Truckerfahrer, Minenstädte, Jahrmarktsboxer, kurz: über "Härte, Herz und Dosenbier".

  • ZDF, Montag, 28. Dezember 2015, 19.25 Uhr

    Texte

    Sendetermin und Stab

    Montag, 28. Dezember 2015, 19.25 Uhr, ZDF

    Härte, Herz und Dosenbier – von Sydney ins Outback

    Film von Christoph Röckerath

    Kamera: Daniel Raquet, Bert Schönborn
    Redaktion: Hilde Buder-Monath, Claudia Ruete

    Härte, Herz und Dosenbier – von Sydney ins Outback

    Australien ist voller Gegensätze. Die raue, oftmals gefährliche Natur verlangt den Bewohnern Härte und Überlebenswillen ab – zugleich erlebt man dort die "Leichtigkeit des Seins". Menschen, die sich Fremden sonst selten offenbaren, gewähren Autor Christoph Röckerath und seinem Team Einblicke in ihr Leben. Ihnen begegnet Herzlichkeit und Offenheit, manchmal gepaart mit einer verwirrenden Sorglosigkeit. 

    "Die Natur ist so erbarmungslos, dass wir Menschen hier einerseits hart sein müssen, aber mehr noch zählt, dass wir zusammenhalten und einander helfen", erklärt Fred Brophy, ein australisches Original. Seit 40 Jahren tingelt er mit seinem Boxzelt durchs Outback. Fred schnitt sich einst einen Finger ab, um seiner Frau seine Liebe zu beweisen. Sein rechter Haken hat darunter nicht gelitten. Auf Jahrmärkten in den abgelegenen Minenstädten sind er und seine "Boxing Troupe" stets die größte Attraktion. Fäuste fliegen, das Zelt johlt, und am Ende trinken Sieger und Besiegter das obligatorische Outback-Beer.

    Das ZDF-Team begegnet Naomi und Chantalle, zwei modebewussten Schwestern, die ihr großstädtisches Leben hinter sich gelassen haben, um mit ihren Familien auf einer abgelegenen Ranch im Outback den Neuanfang zu wagen. Die Designer-Stiefel voller Dreck, schlagen sie sich jetzt mit Stromausfällen, vertrockneten Brunnen und anderen Ärgernissen des Landlebens herum und sind dabei glücklich.

    Coober Pedy wirkt wie der verstaubte Außenposten eines wüsten Science-Fiction-Planeten. Nicht zufällig wurden dort zahlreiche Hollywood-Filme, so auch "Mad Max", gedreht. Der Ort steht wie kein anderer dafür, wie nah Erfolg und Scheitern beieinander liegen. Fast eine Million senkrechter Minenschächte umgeben das Städtchen. In vielen dieser Löcher graben Glücksritter nach wertvollen Opalen. Einer von ihnen ist Marty, der vor 40 Jahren auf der Durchreise hinabstieg, auf der Suche nach dem schnellen Geld – und es nie wieder nach oben geschafft hat. "Ich bin zu alt, um noch etwas anderes zu machen", sagt er resigniert und schürft weiter. Tagein, tagaus auf der Suche nach dem einen Stein, der sein ganzes Leben verändern wird.

    Auch junge Deutsche werden angelockt von dem australischen Traum, sich in der Weite des Kontinents neu zu erfinden. Sabrina und Jonas haben sich nach dem Abitur ein "Work and Travel"-Visum verschafft, das ihnen ermöglicht, als Backpacker ein Jahr lang in Australien zu arbeiten und herumzureisen. Sie suchen das kontrollierbare Abenteuer, weit weg von besorgten Eltern und hoffen so, nicht nur Australien, sondern auch sich selbst besser kennenzulernen. Auf einer Ranch absolvieren sie einen einwöchigen Crashkurs, der sie auf die Arbeit im Outback vorbereiten soll. Ausbilder Clint, ein erfahrener Cowboy, erklärt ihnen, worauf es ankommt: Man muss improvisieren können und darauf verzichten, immer nach dem "Warum" zu fragen.

    Ebenfalls typisch für den fünften Kontinent, dessen heutige Bewohner zum größeren Teil die Nachfahren ehemaliger Sträflinge des britischen Empire sind: Die Leichtigkeit des Seins, unbelastet zu sein von familiären und historischen Vermächtnissen. Im sonnigen Sydney präsentiert Richard Graham eine besondere Stadtrundfahrt. In seinem täglich frisch polierten Oldtimer fährt er Touristen zu den Bilderbuchstränden und durch glamouröse Villenviertel. Dabei erzählt er von seinen eigenen Globetrotter-Erlebnissen. Doch am Ende vergisst er nie, seine Heimatstadt Sydney als besten Ort der Welt zu preisen.

    Eine dunkle Seite der australischen Geschichte ist bis heute der Umgang mit den Aborigines, den australischen Ureinwohnern. Der Kampf um das kulturelle Erbe und um Wiedergutmachung ist nicht abgeschlossen. Vor kurzem haben Aborigines im Norden Australiens das Land ihrer Ahnen zurückbekommen. Doch immer noch leben die meisten Aborigines in Armut. Dass sie jetzt in der Verfassung als "gleichberechtigt" anerkannt werden sollen, sehen deren Wortführer mit Argwohn: "Indem sie uns gleich machen wollen, verneinen sie weiterhin unsere eigene Kultur. Unseren Status als die ersten und echten Australier", sagt einer der Ältesten, Pat Dodson.

    Für die einen ein Sehnsuchtsort, für die anderen eine fremdartige Ödnis am Ende der Welt – was Australien und seine Menschen so einzigartig macht, das erkunden Autor Christoph Röckerath und sein Team in diesem "Road-Movie".

    "Es zählt nur, was Du gerade machst!"
    Filmautor Christoph Röckerath über seine Australien-Erfahrungen  

    Wie sind Ihnen die Australier im Outback begegnet, in diesen weiten Regionen fern der großen Städte?

    Die raue Landschaft prägt die Menschen dort – doch bei aller Härte ist immer eine große Herzlichkeit wahrzunehmen. Die wettergegerbten Gesichter hellen sich sofort auf, wenn man den persönlichen Kontakt sucht. Und spätestens am Nachmittag ist Beer O’clock – und alle sind wunderbar entspannt. Das entspricht auch dem Tagesrhythmus im Outback: Wenn es dort dunkel wird, und das wird es schon am späten Nachmittag, ist meistens auch Feierabend. Nach 20 Uhr gibt es in den ländlichen Restaurants kein Essen mehr. Dafür legt man aber auch mit dem Sonnenaufgang los. Unsere Drehtage gingen entsprechend meist von fünf Uhr morgens bis sieben Uhr abends.

    Die Rauheit von Landschaft und Menschen erzählen Sie in Ihrem Film unter anderem über die Geschichte des Preisboxers Fred Brophy, der mit seinem Boxzelt durchs Outback tingelt. Ist das ein typisches Unterhaltungsprogramm für die abgelegenen Gegenden?

    Die Australier nennen Fred Brophy den "Last Show Man". Er zieht seit über 40 Jahren mit seinem Boxzelt durchs Land, tingelt von Tiershows zu Rodeos, zu Veranstaltungen, die wir als Jahrmärkte bezeichnen würden. Die Boxer werden dabei auf einer Bühne präsentiert und können vom Publikum herausgefordert werden. Nach der Schlägerei gibt es aber immer ein Versöhnungsbier. Auch Frauen boxen in der Truppe von Fred Brophy – auch uns reizte es durchaus, mal in den Ring zu steigen. Für die abgelegenen Minenstädte sind diese Veranstaltungen auf jeden Fall große Attraktionen.

    Eine dieser Minenstädte, die Sie aufsuchen, ist Coober Pedy – wahrscheinlich kein Sehnsuchtsort, oder?

    Coober Pedy ist eine der Opal-Hauptstädte der Welt. Aus der Luft wirkt es, als seien dort überall Maulwurfshügel. Tatsächlich wurden hunderttausende Minenschächte an allen möglichen Stellen senkrecht in den Boden gegraben. Der Ort ist sehr verstaubt, eine Kraterlandschaft, die an die Oberfläche eines anderen Planeten erinnert – kein Wunder, dass sie schon als Filmkulisse für "Mad Max" und andere Science-Fiction-Streifen diente. Wir haben dort einen Schürfer getroffen, der seit 40 Jahren unter der Erde nach seinem Glücksstein gräbt – ein moderner Höhlenmensch, der den Aufstieg nicht mehr geschafft hat. Auf der Suche nach dem schnellen Geld ist es auf tragische Weise also auch ein Sehnsuchtsort.

    Sie waren von 2009 bis 2014 als Korrespondent im ZDF-Studio in Washington tätig und kennen die USA sehr gut. Haben Sie in Australien Vertrautes wiedergefunden?

    Amerikaner und Australier haben die Erfahrung gemeinsam, sich einen fremden, wilden Kontinent untertan zu machen. Doch der größte Unterschied ist: Den Australiern gelang und gelingt dies, ohne dass für sie die Vergangenheit eine mitunter belastende Rolle spielt. In den USA ist dagegen das Erbe von Bürgerkrieg und Indianer-Kämpfen, von Sklaverei und Rassismus immer präsent. Die Kürze der australischen Geschichte stärkt "down under" das Selbstvertrauen: Das haben wir alles selbst gemacht! Die Geschichte ist keine Bürde für die Australier – es zählt nur, was Du gerade machst. Nur die Gegenwart zu kennen, hat auch damit zu tun, dass viele bis heute nicht akzeptiert haben, dass es vorher dort mit den Aborigines bereits Ureinwohner gab. Die Aborigines wiederum haben nicht – wie etwa die Indianer in den USA – kriegerische Auseinandersetzungen mit den Eroberern gesucht und sind auch deshalb von den Engländern nie als Bedrohung wahrgenommen und nie als Volk respektiert worden. In der australischen Verfassung sollen die Aborigines nun als "gleichberechtigt" anerkannt werden. Allerdings wehren sie sich gegen eine Gleichmachung und wollen eher als die ursprünglichen Einwohner, als die ersten und echten Australier gesehen werden. In diesen Diskussionen prallen buchstäblich Welten aufeinander – im Film versuchen wir diese Unterschiede in der Denkweise zu erklären.

    Und wie haben Sie Australien über das Outback hinaus erlebt?

    Das Gefühl, auf einem neuen Kontinent unterwegs zu sein, konnte ich auf dieser Drehreise spüren – im Outback kommt über 100 Kilometer oft wirklich gar nichts, wenn man die staubigen einsamen Orte verlässt, ist man fern von allem. Tagelang ohne jeden Handy-Empfang zu sein, war für uns eine ungewohnte Erfahrung. In dieser Hinsicht ist Australien das absolute Anti-Europa. Aber ich konnte auch das urbane Leben auf diesem Kontinent wahrnehmen und war mit Australiern unterwegs, die Sydney für den besten Ort der Welt halten. Es ist also durchaus vielfältig: Wir sind mit einem Trucker unterwegs, der mit seinem 50 Meter langen Gefährt jede Woche einmal von Norden nach Süden fährt und vom ständig wechselnden Licht im Outback schwärmt. Wir treffen die Frau, die den größten Truck der Welt in einer Kohlenmine fährt, und besuchen die Männer, die in Sydney die weltberühmte Harbour-Bridge streicht – wenn er fertig ist, fängt er wieder von vorne an. Es gibt viel zu entdecken in Australien – vom personallosen Motel, in dem man sein Zimmer mit der eigenen Telefonnummer öffnet, bis zu Spaghetti auf Toast. Letzteres zeigt: Das Essen in Australien ist nicht als kolonialer Erfolg zu bezeichnen, es ist gelegentlich eine Degeneration der englischen Küche.

    Mit Christoph Röckerath sprach Thomas Hagedorn.

    Biografische Angaben zum Filmautor

    Christoph Röckerath (Jahrgang 1973) arbeitet als Korrespondent im Landesstudio Bayern. Von 2009 bis 2014 war der studierte Amerikanist als Korrespondent im Studio Washington tätig und einer der ersten Reporter, die vom verheerenden Erdbeben in Haiti berichtet haben. Auch über den Drogenkrieg in Mexiko und die Veränderungen auf Kuba berichtete der Kölner in Beiträgen und Dokumentationen für das ZDF. Seit 2001 ist Röckerath für den Sender tätig, zunächst als Volontär und anschließend als Reporter und Redakteur für "heute" und "heute-journal". Für seine mit Klaus Prömpers realisierte Dokumentation "Armes, reiches Amerika – auf der Park-Avenue durch New York" erhielt er den RIAS-Medienpreis.

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