Istanbul von vorne. Eine Recherche

Film des Mainzer Stadtschreibers Feridun Zaimoglu

Der Mainzer Stadtschreiber des Jahres 2015 hat mit dem ZDF eine Dokumentation gedreht: Feridun Zaimoglu taucht ein in die wilde Metropole am Bosporus. Dort recherchiert er für seinen großen Roman “Siebentürmeviertel“ – und trifft seine Eltern. Sie erinnern sich an harte Zeiten. 

  • ZDF, Sonntag, 25. Oktober 2015, 0.20 Uhr

Texte

Sendetermin, Inhalt

Sonntag, 25. Oktober 2015, 0.20 Uhr, ZDF
Sonntag, 15. November 2015, 12.30 Uhr, 3sat

Istanbul von vorne. Eine Recherche
Film des Mainzer Stadtschreibers Feridun Zaimoglu

Redaktion: Werner von Bergen

Zaimoglu kehrt nach vier Jahren nach Istanbul zurück, in der er für sein neues Familienepos „Siebentürmeviertel“ unterwegs war. Er erkennt die Stadt nicht wieder: Istanbul erfindet sich neu. Die Hauptstadt zweier Imperien, so Zaimoglu, wandelt sich zur Metropole neuer Kulissen. In der Peripherie werden in Windeseile auf einstigen Gewerbegebieten Hochhäuser und Handelszentren gebaut. In der historischen Altstadt und in den Vierteln aus dem 19. Jahrhundert entkernt man die Bauten und erhält die Fassaden. Zaimoglu: „Die Stadt soll schöner werden, tatsächlich wird sie seelenlos. Im Anfang steht der Bau eines Prestigeobjekts. Die Anwohner werden vertrieben, sie weichen den wohlhabenden Bürgern. Es entstehen bewachte, geschlossene Gesellschaften.“

In Yedikule, dem Siebentürmeviertel, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. In die alten windschiefen Holzhäuser sind Roma und syrische Flüchtlinge eingezogen. Türken, Kurden und einige wenige Armenier leben wie vor achtzig Jahren neben- und miteinander. Sie argwöhnen, dass sie dasselbe Schicksal ereilen wird wie die Alteingesessenen anderer Viertel. Hier trifft sich Zaimoglu exklusiv für die Dokumentation mit seinen Eltern, die vor fünfzig Jahren weggegangen sind, als Gastarbeiter nach Deutschland. Mit dem Siebentürmeviertel sind für sie schmerzhafte Erinnerungen an bittere Armut und viele Entbehrungen verbunden. Vor allem die Geschichten des Vaters haben den Roman inspiriert. Zaimoglu: „Die alte Zeit war der Schimmel, den die Moderne mit stumpfer Messerschneide abkratzte“.

In "Istanbul von vorne" kommen die Menschen zu Wort, die der Glücksverheißung der frommen Neureichen nicht glauben können, so Zaimoglu. Der Stadthistoriker und Denkmalschützer Tayfun Kahraman wurde wegen seiner unbequemen Ansichten aus der Stadt gejagt und strafversetzt. Er quittierte den Dienst im Kultusministerium und kehrte nach Istanbul zurück. Nun zeigt er dem ZDF-Team Stadtviertel vor und nach der Zerstörung durch Politiker, Makler und Spekulanten. Das Istanbul der nahen Zukunft ist eine Stadt der Prunkkulissen, sagt Zaimoglu. Die Fotografenlegende Ara Güler spricht in der ZDF-Dokumentation von der Verschwörung der Idioten in seiner Stadt, die jedoch letztlich Istanbul auch nicht zerstören können.

Feridun Zaimoglu hat einen sehr persönlichen Film gedreht. In dem er sich fragt, wie man von der Wahrheit zur Dichtung kommt und wieder zurück. Der zugleich zeigt, wie spannungsgeladen die Atmosphäre in Istanbul ist, der Stadt, in der alle aufeinandertreffen: die Frommen und die Großstadt-Coolen, die Verzweifelten und Unterdrückten, die Armen und die Reichen.

Über den Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreis und den Preisträger 2015

Der Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreis, der vom ZDF, 3sat und der Stadt Mainz seit 1985 vergeben wird, bietet seinen Preisträgern die einzigartige Möglichkeit, als Filmemacher eine Dokumentation nach eigener Themenwahl zu produzieren. Dieses Abenteuer ist nun Feridun Zaimoglu eingegangen. Der 1965 im türkischen Bolu geborene Autor lebt seit seiner Kindheit in Deutschland. Bekannt wurde Zaimoglu mit Werken wie „Kanak Sprak“, „Leyla“, „Liebesbrand“ oder „Hinterland“. Kürzlich ist sein neuester Roman „Siebentürmeviertel“ erschienen. Die ZDF-Dokumentation „Istanbul von vorne“ kann auch als Film zum Buch begriffen werden.

Biografie und Bibliografie Feridun Zaimoglu

Feridun Zaimoglu, 1964 in Bolu/Türkei geboren, wuchs als „Gastarbeiter-Kind“ in München, Bonn und Berlin auf. Seit 1984 ist er in Kiel zuhause.

Er studierte dort Kunst und Humanmedizin, arbeitet als Schriftsteller, Maler, Dramatiker, Drehbuchautor und Journalist. Seinen Durchbruch erlebte er 1995 mit einem Buch, dessen Titel zu einem sprichwörtlichen Begriff geworden ist: „Kanak Sprak“, die kunstvollen Sprachprotokolle zorniger junger Migranten. Mit „Abschaum“ (1997) veröffentlichte Zaimoglu das Lebensprotokoll eines drogenabhängigen Kleinkriminellen, das später unter dem Titel „Kanak Attack“ verfilmt wurde. Mit dem vielgelobten Erzählband „Zwölf Gramm Glück“ gelang ihm 2004 der Schritt vom Kultautor zum anerkannten deutschen Schriftsteller. Als „literarischer Erotiker“ bezeichnete ihn die Neue Zürcher Zeitung. Ebenso wie in seinen Erzählungen geht es in Zaimoglus Romanen um die Suche nach dem Glück am Rande der Gesellschaft, um das Suchen und Finden von Beziehungen, von Heimat zwischen Deutschland und der Türkei. Mit Romanen wie „Leyla“ (2006), „Liebesbrand“ (2008), „Hinterland“ (2009) und „Ruß“ (2011) unterstrich der enorm produktive Autor seinen Rang. Zuletzt erschien 2014 der Roman „Isabel“, ein Berlin-Roman um eine unmögliche Liebe zwischen zwei Heimatlosen.

Zaimoglu setzte sich engagiert in der Integrationsdebatte ein, war 2006 Mitglied der Ersten Deutschen Islamkonferenz und nahm 2009 für die Grünen an der Wahl des Bundespräsidenten teil. Der bekennende Fußballfan, der ohne Internet auskommt und seine Bücher mit einer elektrischen Schreibmaschine schreibt, wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So erhielt er unter anderem den Ingeborg-Bachmann-Preis der Jury (2003), den Adelbert-von-Chamisso-Preis (2004), das Villa Massimo-Stipendium (2005), den Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein (2006), den Belletristik-Corine-Preis (2008), sowie den Preis der Literaturhäuser (2012).

Bibliografie (Auswahl)

1995   Kanak Sprak, Rotbuch Verlag

1998   Koppstoff, Rotbuch Verlag

2000   Liebesmale, scharlachrot, Rotbuch Verlag

2001   Kopf und Kragen. Kanak-Kultur-Kompendium, Rotbuch-Verlag

2002   German Amok, Verlag Kiepenheuer & Witsch (wie nahezu alle folgenden Bücher)

2006   Leyla

2007   Rom intensiv. Mein Jahr in der ewigen Stadt

2008   Liebesbrand

2009   Hinterland

2011   Ruß

2013   Der Mietmaler, Langen Müller Verlag (mit eigenhändigen Gemälden)

2014   Isabel

Hinzu kommen zahlreiche Theaterstücke (mit Co-Autor Günter Senkel), wie Othello (2003), Casino Leger (2003), Schwarze Jungfrauen (2006), Leyla (2007), Schattenstimmen (2008) oder Moses (2013) für die Festspiele von Oberammergau.

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