Copyright: ZDF / Christoph Assmann
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Kaisersturz

Dokudrama

Im Herbst vor 100 Jahren brach in Deutschland die Monarchie zusammen und die Republik wurde ausgerufen. Der Film erzählt den Showdown zwischen dem alten Regime und den erstarkenden demokratischen Kräften von September bis zum 9. November 1918.

Sylvester Groth spielt Kaiser Wilhelm II. und Sunnyi Melles Kaiserin Auguste Viktoria. Gedreht wurde an Originalschauplätzen. Fachberater und Co-Autor ist der Historiker Prof. Dr. Lothar Machtan.

  • ZDF, Mittwoch, 31. Oktober 2018, 20.15 Uhr

Texte

Herbst 1918 – eine deutsche Zeitenwende
Von Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte

Der 9. November 1918 ist ein entscheidender Wendepunkt unse­rer Geschichte, der jedoch in der Erinnerung heute nicht den Stellenwert hat, den er verdient. 2018 ist es hundert Jahre her, dass die Monarchie in Deutschland zusammenbrach und die Republik ausgerufen wurde. Könige und Fürsten, allen voran Kaiser Wilhelm II., dankten ab und räumten ihre Throne. Den sozial­demokratischen Kräften, die der Hohenzollern-Monarch einst als "vaterlandslos" tituliert hatte, fiel die "Konkursmasse" des versin­kenden Kaiserreiches zu. Vorausgegangen war ein dramatischer Machtkampf zwischen Militärs, Politikern und dem Adel um das Schicksal des monarchischen Systems vor dem Hintergrund der nahenden Kriegsniederlage. Es handelt sich um einen Schlüsselmoment der deutschen Geschichte.

Der 90-minütige Film "Kaisersturz" spiegelt die dramatischen Wochen von September 1918, als führende Generäle dem Kaiser die nahende militärische Niederlage des deutschen Heeres offenbarten, bis zur Flucht Wilhelms ins holländische Exil am Abend des 9. Novembers. Dazwischen liegt das verzweifelte Bemühen diverser Kräfte, die Monarchie durch eine Aufwertung der Volksvertretung und die Einbeziehung der Sozialdemokraten zu retten. Am 9. November aber musste SPD-Chef Friedrich Ebert eingestehen, dass sein Plan, zumindest eine parlamentarische Monarchie zu erhalten, gescheitert war. Sie sollte der gespaltenen Nation als verbindende Klammer dienen. Es ist aber auch der Tag, an dem der Sozialist Karl Liebknecht vergeblich versuchte, ein Rätesystem nach sowjetischem Muster zu errichten. Am Ende war es dann die Sternstunde Philipp Scheidemanns, der vom Balkon des Reichstages aus die demokratische Republik hochleben ließ.

Da sich das politische Geschehen hinter den Kulissen abspielte und das zeitgenössische Filmmaterial nur einen Teil der Ereig­nisse vor Augen führen kann, haben wir uns – nach den Porträts über Luther (2017) und Marx (2018) – auch diesmal für ein Doku­drama entschieden. Es verbindet die Darstellungsform des Spiel­films mit dokumentarischen Elementen, immer wieder werden historische Bildsequenzen eingewoben.

Der Historiker Lothar Machtan gilt als ausgewiesener Kenner und Chronist jener historischen Wendezeit und hat eine neue Publikation zum "Kaisersturz" verfasst. Gemeinsam mit Autor Dirk Kämper hat er das Drehbuch geschrieben. Regisseur Christoph Röhl verdichtete die historischen Momentaufnahmen zu erhellenden Charakterstudien.

Renommiert besetzt mit Schauspielerinnen und Schauspielern wie Sylvester Groth als Kaiser Wilhelm II., Sunnyi Melles als Kaiserin Auguste Viktoria, Christian Redl als Friedrich Ebert und Hubertus Hartmann als Prinz Max von Baden, blickt der Film hinter die Kulissen der Zeitenwende.

Anhand von Hauptakteuren gegensätzlicher Lager führt das Dokudrama "Kaisersturz" vor Augen, unter welch dramatischen Bedingungen sich der Übergang von der Monarchie zur Republik im November 1918 vollzog, welche Bürden der jungen deutschen Demokratie damit aufgeladen wurden und warum sie von Beginn an so fundamental umstritten war.

Stab, Besetzung, Inhalt

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 20.15 Uhr
Kaisersturz
Dokudrama

Buch_____Dirk Kämper, Lothar Machtan
Regie_____Christoph Röhl
Fachberatung_____Lothar Machtan
Kamera_____Peter Steuger
Sprecher_____Philipp Moog
Schnitt_____Julia Oehring
Musik_____Ali N. Askin
Szenenbild_____Sylvester Koziolek, Dragan Denda
Kostümbild_____Filiz Ertas, Dorota Budna
Maskenbild_____Stefanie Gredig, Dörte Dobkowitz
Casting_____Anja Dihrberg
Produktionsleitung_____Carola Ulrich, Philipp Müller
Herstellungsleitung (AVE)_____André Kotte
Producer (AVE)_____Johanna Behre, David Nienhold
Produzent_____M. Walid Nakschbandi (AVE Publishing)
Redaktion_____Stefan Brauburger,       Annette von der Heyde
Sendelänge_____90 Minuten

Die Rollen und ihre Darsteller
Kaiser Wilhelm II._____Sylvester Groth
Kaiserin Auguste Viktoria_____Sunnyi Melles
Max von Baden_____Hubertus Hartmann
Friedrich Ebert_____Christian Redl
Louise Ebert_____Gerti Drassl
Kurt Hahn_____Franz Hartwig
Friedrich von Berg_____Holger Handtke
Philipp Scheidemann_____Bernd Birkhahn
u.a.

Gedreht wurde an Originalschauplätzen, in den Gemächern des Neuen Palais in Potsdam und im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel.

Inhalt
Das Dokudrama "Kaisersturz" spiegelt die entscheidenden Wochen von September 1918, als führende Generäle Kaiser Wilhelm II. die drohende militärische Niederlage im Ersten Weltkrieg offenbarten, bis zum Einsturz der deutschen Monarchie und der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 wider.

Der letzte Kaiser, Wilhelm II., steht im Vordergrund, aber längst sind es andere, die über die Geschicke "seines" Reichs bestimmen. Der Regent ist willensschwach und anlehnungsbedürftig, inszeniert sich aber weiterhin als großen Imperator. Kaiserin Auguste Viktoria gewinnt an Macht und kämpft unnachgiebig um den Erhalt des Throns und den Zusammenhalt ihrer Dynastie.

Der Film erzählt den Showdown zwischen dem alten Regime und seinen Protagonisten, dem Kaiserpaar, den Generälen und den erstarkenden demokratischen Kräften um die Sozialdemokraten Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann. Eine Schlüsselrolle kommt Prinz Max von Baden zu, der während der Krise als Kompromisskandidat ins Kanzleramt berufen wird.

Geschichtswissenschaft und Fernsehen
Von Historiker Prof. Dr. Lothar Machtan, Co-Autor und Fachberater

Als Co-Autor des Drehbuchs für dieses Dokudrama musste ich mich auf die besondere Erzählform des Fernsehens einlassen, also auf die Emotionalisierung des Stoffes. Das ist etwas anderes als geschichtswissenschaftlich zu arbeiten und zu schreiben.
Im vorliegenden Fall war das aber zum Glück kein schreiender Gegensatz. Denn die historisch-realen Vorgänge um diesen sogenannten "Kaisersturz" waren schon per se so spannend, dass man kaum etwas künstlich dramatisieren oder überinszenieren musste. Umso weniger, als die Überlieferung von erhellendem Quellenmaterial zu dieser Thematik erstaunlich gut ist. Dazu zählen die private Korrespondenz der Hauptakteure, Tagebucheintragungen naher Zeitzeugen, Sitzungsprotokolle – aber auch persönliche Erinnerungen der Protagonisten. Die Gesamtschau der vorhandenen Dokumente erlaubt also einen intimen Blick hinter die Kulissen des Politikmachens. Der Countdown des Kaiserreichs lässt sich detailliert rekonstruieren. Will sagen: Die Spielhandlung des Films ist dokumentarisch verwurzelt, erzählt wahre Geschehnisse.

Und der Film macht deutlich: Das deutsche Kaiserreich musste nicht zwangsläufig, gleichsam "naturnotwendig" scheitern. Die historischen Akteure hatten es in der Hand, die Dinge auch anders zu gestalten. Der Auszehrung und dem Verfall der Monarchie hätte entgegengewirkt werden können: durch eine ernsthafte Auseinandersetzung der Herrschenden mit dem demokratischen Zeitalter, durch eine aufrichtige Versöhnung von Monarchie und Demokratie; etwa wie zeitgleich in Schweden oder den Niederlanden, wo die royale Spitze des Staates politisch ins zweite Glied zurücktrat, weil sie erkannte, dass die Zeit reif dafür war. So konnte der Fortbestand dieser Königshäuser immerhin noch eine integrierende Kraft entfalten.

Doch im wilhelminischen Deutschland stand einem verantwortungsbewussten Krisenmanagement entgegen, dass es in der kaiserlichen Reichsleitung keine halbwegs handlungsfähige und machtbewusste politische Führung mehr gab; nur mehr ein Ensemble von schwachen Menschen mit viel zu großen Machtbefugnissen. Es war mithin vor allem menschliches Versagen, das dieses Scheitern im Herzen der Macht erzwungen hat. Diese Erkenntnis räumt den Blick frei für die existenziellen Dramen, die integraler Bestandteil jener Schlusskatastrophe waren.

Die Geschichtswissenschaft zielt auf analytischen Erkenntnisgewinn, und das muss auch so bleiben. Aber: Es gibt kein Monopol der Geschichtswissenschaftler auf das Darstellungsformat ihrer Sujets. Meine Erfahrung nach dem "Kaisersturz"-Projekt: Auch ein Dokudrama bietet eine großartige Möglichkeit, Geschichte anspruchsvoll und wirklichkeitsnah darzustellen, und eröffnet mithin die Chance, analytisch gewonnenes Wissen einem breiteren Publikum plausibel zu vermitteln – und unterhaltsam.

Countdown in den Untergang
Von Regisseur Christoph Röhl

Regisseure werden oft erst dann engagiert, wenn ein fertiges Drehbuch vorliegt. Bei "Kaisersturz" war das anders: Ich konnte früher einsteigen und das Drehbuch mitentwickeln. Das hatte den Vorteil, dass ich durch viele Gespräche mit den Drehbuchautoren Dirk Kämper und Lothar Machtan, der zugleich historischer Berater war, mein Problembewusstsein schärfen konnte. Denn wir hatten ja mit unserem Film den Anspruch, uns möglichst genau an die historischen Gegebenheiten zu halten. Schon während wir also am Drehbuch arbeiteten, konnte ich einschlägige historisch-inhaltliche Fragen klären. Diese enge Kooperation mit den Autoren hat mir geholfen, meine gestalterischen Ideen als Regisseur zu entwickeln. Es gab mir Sicherheit beim Inszenieren, besonders in der Zusammenarbeit mit den Schauspielern.

Von Anfang an war die grundsätzliche Idee, mit "Kaisersturz" eine spannende politische Chronik innerhalb eines Zeitrahmens von etwa drei Monaten zu erzählen, in der eine kleine Gruppe von Entscheidungsträgern am Ende des Ersten Weltkriegs verzweifelt versuchte, eine Zukunftsvision für das zusammenbrechende Deutschland zu entwickeln, es vor dem drohenden Absturz zu retten. Die Ereignisse gaben mir das Gefühl einer tickenden Zeitbombe, und in der Tat prägten die ZDF-Redakteure für das allmähliche Zuschreiten auf den schicksalsvollen Tag der Revolution am 9. November 1918 den Begriff des "Countdowns". Unser Ansatz, die Entwicklung anhand eines kleinen Ensembles von Hauptfiguren darzustellen, verlieh dem Szenario eine klaustrophobe Atmosphäre – umso mehr, als wir bewusst auf große epische Szenen, sei es im Krieg oder auf der Straße, verzichteten.

Die weltpolitischen Konflikte spiegeln sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen der Einzelfiguren. Die Besetzung war deswegen von außerordentlicher Bedeutung, denn die ganze Dramatik, die in unserer Geschichte offscreen stattgefunden hat, sollte auf den Gesichtern der Schauspieler abzulesen sein. Nicht ohne Grund habe ich mit der Casterin Anja Dihrberg lange nach einem geeigneten Cast gesucht.

Alle Filmgewerke – Maske, Kostüm, Ausstattung, Kamera und Produktion – haben eng zusammengearbeitet, um gemeinsam einen geeigneten Look für den Film zu entwickeln. Dabei wurde der Schwerpunkt auf Authentizität gelegt. Das war auch der Leitgedanke bei der Auswahl der Drehorte. Schon während der Entwicklung des Drehbuches haben wir originale Schauplätze als mögliche Drehorte aufgesucht. Nach vielen Anläufen ist es uns tatsächlich gelungen, sowohl im Neuen Palais in Potsdam als auch in Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel zu drehen. Die AVE hat hier keine Mühen gescheut, bestmögliche Voraussetzungen zu schaffen, trotz enger Rahmenbedingungen die Realisierung zu ermöglichen.

Eine besondere Herausforderung war die Darstellung von Kaiser Wilhelm II. In Filmen wird der Monarch oft als Popanz dargestellt, ineffektiv und willenlos, eine Karikatur seiner selbst. Meines Erachtens wird man so der Vielschichtigkeit seiner historischen Rolle nicht gerecht. In der Endzeit der Monarchie war Wilhelm labil und manisch-depressiv, das berühmte "Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt". Einerseits versuchte er in der Öffentlichkeit weiterhin den Herrscher von Gottes Gnaden zu verkörpern, andererseits agierte er oft hilflos, war von existentiellen Zweifeln geplagt. In dieser Diskrepanz liegt sowohl Komik als auch menschliche Tragik. Kaiser-Darsteller Sylvester Groth hat diese Extreme in seiner Darstellung des Monarchen perfekt verkörpert. Der Versuch, der Figur des Kaisers, bei aller historischen Schuld, menschliche Verletzbarkeit zuzugestehen, war mir wichtig und nicht zuletzt mein ganz persönliches Anliegen.

Über den Dreh an Originalschauplätzen
Von Produzent M. Walid Nakschbandi

Deutschland im Herbst 1918 – eine Zeit, die filmisch abzubilden, 100 Jahre danach eine besondere Herausforderung für mich als Produzent des Dokudramas "Kaisersturz" bedeutete. Gelingt es, mit einem historisch elaborierten Drehbuch zu zeigen, wie es war, und nicht, was nach unserer Vorstellung gewesen sein könnte? Kommen wir den Personen und Charakteren nah genug, ohne sie zu glorifizieren? Welcher Schauspieler kann welche Figur am glaubwürdigsten verkörpern? Schaffen wir es, ein authentisches Bild der Kaiserzeit zu zeichnen? Und: Wie gelingt es, Atmosphäre und Wahrhaftigkeit durch Ausstattung, Kostüm, Licht und vor allem Drehorte zu schaffen?

Am Anfang jeder Produktion stehen die drei wichtigsten Fragen: Drehbuchautor, Besetzung und Drehorte? Das Drehbuch war hervorragend. Mit Sylvester Groth und Sunnyi Melles konnten wir zu meiner besonderen Freude ein überzeugendes Kaiserpaar besetzen. Was die Drehorte betraf, war die Sache vor Drehbeginn im September 2017 komplizierter. Seit Jahrzehnten hatte es im Neuen Palais in Potsdam, der Sommerresidenz des letzten Kaisers, keine szenischen Dreharbeiten mehr gegeben. Die musealen Räume sind zwar teilweise für Besucher geöffnet, an eine Dreherlaubnis für unser aufwendiges und anspruchsvolles Projekt war aber zunächst nicht zu denken.

Es hat viel Überzeugungsarbeit und auch mancher Zugeständnisse bedurft, bis es uns möglich war, mit unserem Filmteam in die Originalräume des letzten deutschen Kaiserpaares zu kommen. Zu Dank verpflichtet sind wir hier der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ganz besonders Dr. Samuel Wittwer.

Der Dreh im prachtvollen Grottensaal des Neuen Palais erforderte besondere Vorsichtsmaßnahmen. Die Produktion durfte nicht, wie sonst üblich, Mobiliar in die Räume einbringen. Jedes Stück, das für die Ausstattung nötig war, mussten wir zuvor so präparieren und behandeln lassen, dass keine Milben, Motten oder anderes in die Räumlichkeiten gelangen konnten. Auch die Dreharbeiten ohne direktes Licht – Scheinwerfer durften nur unter großem Aufwand im Außenbereich des Schlosses aufgestellt werden – waren für unsere Techniker eine große Herausforderung.

Ich finde, dass sich alle Mühen gelohnt haben.

Fragen an die Schauspieler Sylvester Groth (Kaiser Wilhelm II.)
und Sunnyi Melles (Kaiserin Auguste Viktoria)

In "Kaisersturz" spielen Sie Deutschlands letztes Kaiserpaar. Ist das Ende der Kaiserzeit und der Beginn der Republik ein Thema, das Sie persönlich beschäftigt?

Sunnyi Melles: Ein Reich bricht zusammen, in dem über Jahrhunderte der Adel das Sagen hatte, und mit der Weimarer Republik 1919 bekommen Frauen erstmals das Wahlrecht – für mich ist das ein bewegender historischer Moment. Es ist einem aber auch bewusst, dass die Weimarer Republik 14 Jahre später mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ein jähes Ende fand.

Sylvester Groth: Die Rolle bringt es mit sich, dass man sich mit der Zeit befasst. Und der Rückblick auf das Ende der Kaiserzeit, die politische Auf- und Umbruchstimmung und der Beginn der Republik haben auch eine gewisse Aktualität. In einer solch angespannten politischen Lage werden Fehler gemacht. Handeln aus selbstsüchtigem Streben ist keine Seltenheit. Das hat sich auch hundert Jahre später nicht gewandelt.

Im Dokudrama "Kaisersturz" erleben wir Sie, Sylvester Groth, als Wilhelm II. in seiner schwächsten Stunde. Wie haben Sie sich der Rolle und dem Habitus des Kaisers genähert?

Sylvester Groth: Der Kaiser war ein moderner, heute würde man sagen, ein Medien-Kaiser. Er konnte mit moderner Technik umgehen und hat sich sogar filmen lassen. Das Material zeigt uns einen Mann, der den Makel des verkrüppelten Arms durch die Uniformen und Kostüme gut zu verdecken wusste. Der Kaiser hat seine Rolle seinerzeit gut gemeistert. Ich habe mich als Schauspieler dieser Figur, auch dank der Unterstützung der Fachberatung durch Prof. Lothar Machtan, immer weiter nähern können. Diese Abstimmungsarbeit am Set war sehr hilfreich. Ich denke, es ist gelungen, wenn auch der Fokus des Films auf der Politik liegt, einen menschlichen Kaiser zu zeigen.

Sunnyi Melles, was bedeutet es für Sie, die Rolle der letzten deutschen Kaiserin zu spielen, und wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Sunnyi Melles: Walid Nakschbandi, der Produzent des Dokudramas, hat mich für die Rolle der letzten deutschen Kaiserin Auguste Viktoria besetzt. Dafür bin ich ihm ewig dankbar. Aus Respekt vor dieser Figur hatte ich das Ziel, so viel wie möglich über sie in Erfahrung zu bringen, was nicht ganz einfach war. Es gibt noch immer keine Biografie über die letzte deutsche Kaiserin. Auguste Viktoria hat ja in der Öffentlichkeit nicht so eine große Rolle gespielt, aber hinter den Kulissen war sie sehr präsent, als Ehefrau des Kaisers und Mutter von sieben Kindern. Und auch als jemand, der mit dem Mut einer Löwenmutter ihre Dynastie verteidigte. Mir war es ein großes Anliegen, dieser Frau so nah wie möglich zu kommen und sie wahrhaftig und wahrheitsgetreu zu verkörpern, ohne sie zu verherrlichen.

Gedreht wurde auch im Neuen Palais in Potsdam und im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe. Ist es etwas Besonders für Sie, historische Rollen an Originalschauplätzen der Geschichte zu spielen?

Sunnyi Melles: Besonders bewegend für mich persönlich war der Dreh in der Schlosskapelle in Kassel Wilhelmshöhe. Durch das verbürgte Wissen einer Bekannten, deren Urgroßvater Albert Lutheri Voss, der religiöse Lehrer der damals 15-jährigen Prinzessin Auguste Viktoria war, erfuhr ich vom tief ausgeprägten Glauben der Kaiserin. Ich selbst bin ein gläubiger Mensch, dadurch waren mir die szenischen Momente, in denen die Kaiserin in der Kapelle Trost und Kraft schöpft, so vertraut.

Sylvester Groth: Die Schauplätze sind für mich ganz unabhängig von meinem Spiel. Es war unbestritten schön, an den historischen Orten zu drehen, und sicher erlebt der Zuschauer die Szenen dadurch besonders und sehr wahrhaftig. Für mich persönlich spielte dies aber keine Rolle. Es wäre auch nicht gut, wenn ich in Ehrfurcht vor dem historischen Ort meine Darstellung verändert hätte. Für mich waren die Drehorte und Schauplätze "normale" Räume, wie sie es für das Kaiserpaar damals auch waren. Entscheidender war das, was ich zu sagen hatte.

Auch 100 Jahre nach dem Sturz des letzten Kaisers gibt es noch einige, die der deutschen Monarchie nachtrauern. Können Sie das verstehen?

Sunnyi Melles: Das Kaiserreich ist Geschichte, und heute haben wir in Deutschland eine liberale Demokratie. Warum sollte man der deutschen Monarchie nachtrauern?

Sylvester Groth: So etwas ist für mich unvorstellbar. Das Royale hat politisch heute keinen Wert mehr. Eine Monarchie brauchen wir definitiv nicht mehr. Manche Menschen sehnen sich vielleicht nach gekrönten Häuptern und nationalen Figuren. Aber das können in unserer Zeit auch Fußballer oder andere sportliche Helden sein. Denen kann man alle paar Jahre eine Krone aufsetzen. Das ist doch ein guter Ersatz, denke ich.

Die Fragen stellte Barbara Gauer

Chronik zum Kaisersturz 1918

28. August 1918
Die Alliierten sind zur Großoffensive angetreten, die deutschen Truppen werden auf die "Siegfriedlinie" zurückgezogen.

10. September 1918
Letzter öffentlicher Auftritt Wilhelms II. bei Krupp in Essen.

14. September 1918
Geheimtreffen von Friedrich Ebert (MSPD) und Prinz Max von Baden im Schwarzwald. Die beiden Politiker werden Bündnispartner.

30. September 1918
Wilhelm II. befiehlt die Ausarbeitung einer Friedensnote an den US-Präsidenten Woodrow Wilson und gibt einen Erlass zur Parlamentarisierung der Monarchie heraus.

3. Oktober 1918
Max von Baden wird neuer Reichskanzler.

4. Oktober 1918
Max von Baden bittet bei US-Präsident Wilson um Waffenstillstandsverhandlungen.

14. Oktober 1918
In seiner zweiten Antwortnote fordert Präsident Wilson eine demokratisch legitimierte Regierung in Deutschland.

23. Oktober 1918
In seiner dritten Antwortnote fordert Wilson indirekt die Abdankung Wilhelms II.

24. Oktober 1918
Die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) verlangt überraschend die Weiterführung des Krieges.

26. Oktober 1918
Erich Ludendorff (OHL) wird von Wilhelm II. entlassen. Der Reichstag nimmt die Verfassungsänderung zur Parlamentarisierung an.

28. Oktober 1918
Das Deutsche Reich wird zur parlamentarisch-konstitutionellen Monarchie.

28. bis 31. Oktober 1918
Matrosen verhindern das Auslaufen der Kriegsflotte aus
Wilhelmshaven.

29. Oktober
Wilhelm II. flieht nach Spa (Belgien) ins große Hauptquartier.

3. November 1918
Aufstand der Arbeiter, Matrosen und Soldaten in Kiel.

Ab 5. November 1918
Die Aufstände breiten sich in Norddeutschland aus.

8. November 1918
Demonstranten in Berlin verlangen die Abdankung des Kaisers.

9. November 1918
Generalstreik und Großdemonstrationen in Berlin. Max von Baden unterzeichnet kurz nach 11.00 Uhr die Pressemitteilung der Abdankung Wilhelms II. Kurz darauf überträgt Max von Baden die Reichskanzlerschaft auf Friedrich Ebert und verlässt Berlin. Nachmittags lässt Philipp Scheidemann am Reichstag die Republik hochleben. Am Abend macht sich Wilhelm II. auf den Weg in die neutralen Niederlande.

Zusammengestellt von Prof. Dr. Lothar Machtan und Annette von der Heyde

Weitere Informationen

Fotos über: Telefon: (06131) 70-16100 oder über https://presseportal.zdf.de/presse/kaisersturz

Making-of-Filme finden Sie unter: https://www.zdf.de/doku-wissen/kaisersturz-100.html

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