Mainzer Stadtschreiberin Anna Katharina Hahn. Fotocredit: ZDF/Jana Kay.
Mainzer Stadtschreiberin Anna Katharina Hahn. Fotocredit: ZDF/Jana Kay.

Mainzer Stadtschreiberin 2018

Die Mainzer Stadtschreiberin 2018, Anna Katharina Hahn, ist seit März 2018 im Amt. Hahn, 1970 im schwäbischen Ruit auf den Fildern, Kreis Esslingen, geboren und wohnhaft in Stuttgart, ist die 34. Trägerin des von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz gestifteten Literaturpreises. Zusammen mit ZDF und 3sat hat sie jetzt ihre erste Dokumentation produziert. In "Tauben in den Städten" erkundet sie das Verhältnis von Menschen und Tauben in den Städten. 

  • ZDF, Dienstag, 13. März 2017, 15.30 Uhr

    Texte

    Die Mainzer Stadtschreiberin 2018: Anna Katharina Hahn
    Biografie und Bibliografie

    Anna Katharina Hahn wurde 1970 im schwäbischen Ruit auf den Fildern, Kreis Esslingen, geboren. Nach dem Abitur studierte Anna Katharina Hahn ab 1990 Germanistik, Anglistik und europäische Ethnologie in Hamburg. Seit den 1990er Jahren veröffentlichte sie zunächst kürzere literarische Arbeiten in Zeitschriften und Anthologien. Es folgten zwei Bände mit Erzählungen, "Sommerloch"(2000) und "Kavaliersdelikt" (2004), ehe ihr mit dem Roman "Kürzere Tage", der von überforderten Müttern und Vätern im gehobenen Stuttgarter Bürgertum erzählt, im Jahr 2009 der Durchbruch bei der Kritik und bei den Lesern gelang. Auch ihr Roman "Am schwarzen Berg" (2012), der den akademischen Mittelstand in Zeiten des Protestes gegen Stuttgart 21 zeigt, war ein großer Erfolg bei Publikum und Kritik. Für ihren jüngsten Roman "Das Kleid meiner Mutter" (2016), der die junge Generation Spaniens in prekären Verhältnissen schildert, erhielt sie viel Resonanz.

    Anna Katharina Hahn, die auch für das Theater gearbeitet hat, ist vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Clemens-Brentano-Preis (2005), dem Roswitha-Preis (2010), dem Heimito von Doderer-Preis (2010) und dem Wolfgang-Koeppen-Literaturpreis (2012).

    Bibliografie-Auswahl

    Sommerloch. Erzählungen. Achilla Presse, Hamburg 2000

    Kavaliersdelikt. Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2004

    Kürzere Tage. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009

    Am schwarzen Berg. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012

    Das Kleid meiner Mutter. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

    Über die Stadtschreiber-Dokumentation "Tauben in den Städten"

    Bekannte Schriftsteller werden zu Filmemachern: "Tauben in den Städten" ist die erste Dokumentation von Anna Katharina Hahn, der Mainzer Stadtschreiberin 2018. Ihr Debüt über das Verhältnis von Menschen und Tauben in den Städten hat die Schriftstellerin zusammen mit dem ZDF und 3sat produziert. Der Film "Tauben in den Städten" ist am Samstag, 20. Oktober 2018, 19.20 Uhr, in 3sat, und am Sonntag, 21. Oktober 2018, 00.40 Uhr, im ZDF zu sehen. Der Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreis, der von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz seit 1985 vergeben wird, beinhaltet auch die Produktion einer Dokumentation nach eigener Themenwahl.

    Seit der Kindheit sind für die Stuttgarter Schriftstellerin Bücher und Tauben eng verbunden: Eine Taube hat sich im Lieblings-Erich-Kästner-Buch der neunjährigen Anna verewigt. In ihrem neuen Roman sollen Tauben eine Hauptrolle spielen, die Erzählerin erforscht darin das große Panorama der Gefühle, mit denen die Menschen ihnen begegnen. Hahns Filmprojekt für das ZDF und 3sat begleitet ihre Suche und dokumentiert intensive Begegnungen mit Menschen, die sich mit Tauben befassen. In Hattenheim trifft sie einen Brieftaubenzüchter, in ihrer Heimatstadt Stuttgart und in ihrem Stadtschreiberdomizil Mainz die engagierten Mitarbeiterinnen der ehrenamtlichen Stadttaubenhilfe. Sie fragt nach der Rolle der Tauben in den Weltreligionen und findet sie in den Fenstern von Marc Chagall in der Mainzer Kirche St. Stephan und im Schmuck der Markuskirche in Stuttgart. Am Ende führt ihre Suche in ein Atelier in Berlin zu einer spannenden Begegnung mit dem Künstler und Bilderbuchillustrator ATAK.

    Rede von ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler zur Verleihung des Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreises 2018 an Anna Katharina Hahn

    – Es gilt das gesprochene Wort –

    Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Ebling, verehrte Frau Grosse, sehr geehrter Herr Bahners, liebe Anna Katharina Hahn, meine Damen und Herren,

    "Bücher machen mich irgendwie fertig!" Keine Angst, wenn Sie jetzt denken, ich wäre hier heute eine komplette Fehlbesetzung auf der Rednerliste. Nein, der Satz ist natürlich ein Zitat und es spricht die junge Anita aus Ihrem Roman "Das Kleid meiner Mutter".

    Anita stöhnt unter der Flut des Gedruckten, nicht nur weil sie sehr jung und lieber mit ihrer Clique unterwegs ist, sondern weil sie sich in einer Lebenssituation befindet, die sie und ihre Umwelt völlig überfordert. Wenn einen die eigene Lage fertig macht, wie kann man dann noch an Bücher denken? Im krisengeschüttelten Madrid des Sommers 2012, da spielt Anna Katharina Hahns jüngster Roman, meine Damen und Herren, leben die erwachsenen Kinder wieder bei ihren Eltern, weil sie ohne Arbeit und ohne Perspektiven sind. Und auch die Eltern, die durchaus im akademischen Mittelstand zuhause sind, wissen nicht mehr, wie sie sich und ihre Familien durchbringen können.

    Unsere Stadtschreiberjury hat in ihrer Preisbegründung geschrieben, liebe Frau Hahn, dass Sie eine durch und durch heutige Schriftstellerin sind. Was bedeutet es, eine "heutige" Schriftstellerin zu sein? Sie sind ja keine Sachbuchautorin und keine Journalistin. Und nur im Heute halten Sie sich in Ihren Romanen auch nicht immer auf. Immer wieder taucht die Romantik auf, die schwarze Romantik von Mörike, Tieck und E.T.A. Hoffmann. Ob in Madrid oder eben in Stuttgart. Und ganz getreu den Vorstellungen der Romantik kippt das Reale in Ihren Büchern auch mal leicht ins Irreale und dann wieder zurück.

    "Der Roman fängt übel an und geht böse aus", so schrieb unser Laudator Patrick Bahners in der FAZ zum Erscheinen Ihres Buches "Am schwarzen Berg". Ein schöner starker Satz, über den nachzudenken sich lohnt. Ihre beiden ersten Romane spielen ja bekanntlich in Stuttgart. Da könnte man meinen, dass dort, im behaglichen und wohlhabenden Schwabenland, die Welt noch in Ordnung sei. Im gehobenen Mittelstand, aufgeklärt, weltoffen und mit Biokost gut ernährt, spielen ihre Geschichten, wie es der Herr Oberbürgermeister eben erwähnt hat. Aber diese Schicht, man verfolgt es beim Lesen Seite auf Seite, zeigt feine Risse. Risse, die durch Familien gehen, durch die Stadt mit ihrem sozialen Gefälle, durch die Gesellschaft.

    Es ist alles nicht weit weg von uns und nicht exotisch, wobei Stuttgart für uns hier in Mainz dann doch ein bisschen etwas Exotisches hat, mit Kehrwoche und Spätzle, um keine Klischees auszulassen. Nein, Ihr Stuttgarter Kosmos, so haben es einige Ihrer wichtigen Kritiker geschrieben, ist in Wahrheit unsere westliche, unsere alte Bundesrepublik im Miniaturformat. Wir können mit Ihren Büchern, liebe Frau Hahn, direkt in die Wohnungen der Bundesbürger schauen. Es könnten auch unsere Nachbarn sein. Fenster mit Kinderzeichnungen, schicke Küchen, Feinkostläden, die Altbauten stehen unter Denkmalschutz, es gibt Gartenpartys, ehrgeizige Waldorf-Kindergärten, Übermütter, die freilich überfordert sind, abwesende Karrieremänner, die mit ihrem sozialen Aufstieg zurechtkommen müssen, alte Ehepaare mit einem Alkoholproblem und wohlerzogene Kinder. Eine wackelige Kulisse, wie wir bald feststellen und Patrick Bahners zunehmend Recht geben müssen.

    Der SPIEGEL hat einmal konstatiert, dass Sie Geschichten vom Nicht-Klarkommen in dieser Welt schreiben. Sie stellen, liebe Frau Hahn, die große Frage, die Frage, die schon immer große Literatur befeuert hat, nämlich: Wie soll man eigentlich leben? Der psychische und soziale Innendruck Ihrer Figuren ist gewaltig. Wir Leser warten geradezu darauf, dass es hinter den wohlanständigen Kulissen irgendwann explodiert. Wie Sie das schildern, in Ihrer knappen und so präzisen Sprache, in der übrigens auch viel Platz für Humor ist, das bewundern wir an Ihnen.

    In einem Interview attestieren Sie Ihren Figuren, dass sie voller Ängste stecken. Angst vor Kriegen und Katastrophen, Angst vor dem Jobverlust, Angst, dass den Kindern etwas zustoßen könnte. Sie haben einmal zu Ihrem ersten Roman "Kürzere Tage" gesagt, ich zitiere: "Der kleine Ausschnitt Bürgertum, den ich in meinem Roman thematisiere, baut auf diesen Ängsten auf, die die Leute jeden auf seine Art zucken lassen wie unter Stromstößen." (Ende des Zitats)

    Wie unter Stromstößen: Wir können bei Ihnen verfolgen, wie zum Beispiel in Ihrem Buch "Am schwarzen Berg" aus mutlosen Bürgern Wutbürger werden. In feinen Anspielungen kommen die Konflikte um das Bauvorhaben Stuttgart 21 ins Spiel. In einem Gespräch haben Sie, liebe Frau Hahn, einmal erklärt, dass Sie keine explizit politische Autorin seien. Vielmehr mochten Sie beschreiben, was Sie fasziniert hat an den Protesten. Die Verherrlichung der Bäume zum Beispiel.

    Und weiter im Zitat: "Da ist ein großer Strom von Sehnsucht, nicht allein zu sein, sich gebraucht zu fühlen, sich mit dem ganzen Sein vor etwas zu werfen, etwas zu beschützen, sich zu engagieren oder einfach dabei zu sein." (Ende des Zitats)

    Und was passiert, wenn die Sehnsucht nicht gestillt werden kann? Sie sagen, dass wir uns Sorgen darüber machen müssen, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft nicht zu groß werden darf und dass es eine einigermaßen funktionierende Mittelschicht geben müsse.

    Und es ist heute eben nicht etwa Facebook und Twitter, sondern das scheinbar so altmodische gedruckte Buch, das die feinen und auch die gröberen Risse in unserer Gesellschaft so früh und sensibel aufspürt und in Worte fasst, die Fühler ausstreckt und dorthin geht, wo die sozialen Veränderungen weh tun. Nicht draußen irgendwo in der weiten Welt, sondern hier, direkt in unserer Nachbarschaft, ob in Stuttgart oder Mainz. Und dafür, liebe Anna Katharina Hahn, sind wir Ihnen dankbar. Ja, Bücher machen mich irgendwie fertig, um den Satz am Anfang der Rede aufzugreifen, aber Ihre Bücher machen mich insofern fertig, als sie mich bereit machen, mich auf unsere zerklüftete Welt einzulassen.

    Ich freue mich, dass Sie die Mainzer Stadtschreiberin des Jahres 2018 sind. Und bin gespannt darauf, welches Thema Sie sich für die Dokumentation vornehmen werden, die Sie ja mit dem ZDF produzieren werden. Seien Sie jederzeit bei uns im ZDF auf dem Mainzer Lerchenberg herzlich willkommen und haben Sie eine schöne Zeit! Herzlichen Dank! 

    Rede des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Mainz, Michael Ebling,
    zur Verleihung des Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreises 2018 an Anna Katharina Hahn

    – Es gilt das gesprochene Wort –

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    vor 20 Jahren beschloss der Bundestag eine Änderung des Grundgesetzes. Er beschloss ein Gesetz zur "akustischen Wohnraumüberwachung zum Zwecke der Strafverfolgung". Kurz: den "Großen Lauschangriff". Nun fragen Sie sich vermutlich, was der "Lauschangriff" von damals mit unserer Stadtschreiberin heute zu tun haben soll? Ganz einfach: Nichts anderes als einen "Großen Lauschangriff" startet Anna Katharina Hahn in ihren Romanen und Erzählungen.

    Allerdings bedient sie sich dabei keiner ausgeklügelten Abhörtechnik. Sie belauscht und beobachtet ihre Protagonisten in viel subtilerer Weise und das auch nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern sogar in ihren innersten Gedanken, Gefühlen, Hoffnungen und Ängsten. Sie folgt ihnen auf Schritt und Tritt, blickt ihnen über die Schulter, nimmt jede ihrer Bewegungen wahr und kriecht förmlich in sie hinein. Was sie dabei zu Tage befördert, ist auf den ersten Blick das ganz normale Leben deutscher Mittelstandsbürger. Auf den zweiten ist es das nackte Grauen.

    Anna Katharina Hahns Protagonisten agieren, als wären sie ständig auf der Flucht – doch nicht etwa vor äußeren Bedrohungen oder realen Gefahren, sondern vor dem "Feind im eigenen Kopf", wie die FAZ ihre Buchkritik zum Roman "Kürzere Tage" überschrieb. Die Mitte der Gesellschaft, so scheint es, hat bei Anna Katharina Hahn Mitte und Maß verloren. Und vielleicht nicht nur bei ihr.

    Sehr geehrte Frau Hahn, heute darf ich Sie in unserer Mitte herzlich willkommen heißen. Ich begrüße Sie im Rathaus von Mainz und in der Stadt, die Sie schon mit Spannung erwartet. Etliche Mainzerinnen und Mainzer haben sich bereits gestern Abend bei Ihrer Antrittslesung im Frankfurter Hof mit Ihnen und Ihrem Werk vertraut machen dürfen.

    Allen anderen darf ich versichern: Die Jury des Mainzer Stadtschreiberpreises hat mit ihrem Votum für Anna Katharina Hahn eine ganz hervorragende Wahl getroffen. Sie hat sich für eine Schriftstellerin entschieden, deren Sujets vielen bekannt sein dürften, schließlich entstammen sie überwiegend unserer Zeit, unserem Land, unserer Kultur und einem bestimmten Milieu.

    Doch wer nun glaubt, er könne es sich beim Lesen gemütlich machen, der wird schnell ein herbes Erwachen erleben, denn Seite um Seite und Wort für Wort zoomt sich Anna Katharina Hahn in ihren Romanen "Kürzere Tage", "Am Schwarzen Berg" und "Das Kleid meiner Mutter" näher an ihre Figuren heran.

    Mit dem Geschick einer Chirurgin und dem Gespür einer Detektivin legt sie die Tarnungen, Verkleidungen, Rituale und Tabus frei, hinter denen sie Schutz suchen. Schutz vor der Einsamkeit, der Isolation und der Leere ihres Lebens und Schutz nicht zuletzt vor sich selbst.

    Ob Judith und Leonie in "Kürzere Tage" oder Emil, Hajo und Peter in "Am schwarzen Berg": Sie alle stehen vor dem Scherbenhaufen des eigenen Lebens. Und sie stehen zugleich auch für eine Lebensform, die wir in Deutschland regelrecht kultiviert haben – die sozial abgeschottete Kleinfamilie. Diese Lebensform aber scheint auf Dauer keine ganz "artgerechte Haltung" für uns Menschen zu sein.

    Die Vereinzelung des Individuums, seine Liebessehnsucht und Bindungsangst, seine verzweifelte Suche nach Glück und Inhalt durch das schiere Anhäufen von Besitz und nicht zuletzt seine "bürgerlich-kapitalistische Übertrumpfungssucht", um noch einmal die FAZ zu zitieren: All das sind ja nicht nur persönliche, sondern auch die großen Gesellschaftsthemen und -probleme unserer Zeit. Und selten in der deutschen Gegenwartsliteratur bekommt man sie so drastisch vor Augen geführt wie bei Anna Katharina Hahn.

    "Mit meinen Büchern", so haben Sie, verehrte Frau Hahn, es in einem Interview einmal gesagt, "legt man sich nicht ins Schaumbad". Und Sie ergänzten: "Ich möchte, dass die Leute darüber nachdenken, dass unsere Existenz endlich ist, dass es Unglück und Ärger gibt, aber auch, dass man da wieder herausfinden kann durch Liebe und Fantasie."

    Zum intensiven Nachdenken regen Ihre Werke ganz sicher an, denn fast zwangsläufig befragt man sich beim Lesen selbst, ob die eigenen Lebensziele nicht eher Lebensinszenierungen sind. Damit aber beflügeln Ihre Werke und Themen nicht nur das Nachdenken, sondern auch die Diskussion – und ich finde, etwas Besseres können wir uns in Mainz für das Amt der Stadtschreiberin gar nicht wünschen.

    Was Ihre Protagonistinnen und Protagonisten durchmachen, ist Teil unserer eigenen Lebenswirklichkeit und damit Teil auch unseres eigenen Denkens und Handelns. Insofern würde es mich nicht wundern, wenn sich Ihre Leserinnen und Leser an vielen Stellen in Ihren Romanen auch selbst ein wenig "ertappt" fühlten.

    Sie, liebe Frau Hahn, haben sich einmal als eine große Sammlerin, als eine "Einsammlerin" beschrieben, die alles, was sie um sich herum beobachtet und hört, wie Schnappschüsse festhalten und zu Papier bringen muss. Vielleicht gelingt es Ihnen gerade aus diesem Grunde so meisterhaft, die menschlichen Abgründe, die sich hinter der Fassade von Normalität und Normen verbergen, in all ihren Facetten auszuloten.

    In den kommenden Monaten werden Sie Ihrer Sammelleidenschaft nun hoffentlich oft auch in Mainz frönen. Ihrem sezierenden Blick und Ihren gespitzten Ohren wird – das befürchte ich schon jetzt – dabei sicher nichts entgehen. Machen wir uns also künftig auf einen "Großen Lauschangriff" gefasst.

    Meine sehr geehrten Damen und Herren, mit Anna Katharina Hahn feiern wir eine sprachmächtige und wortwitzige, eine – wie es in der Jury-Begründung heißt – "durch und durch heutige Autorin". Wir feiern zugleich eine schon mehrfach preisgekrönte Autorin, ausgezeichnet etwa mit dem Clemens-Brentano-Preis, dem Heimito von Doderer-Preis und dem Wolfgang-Koeppen-Literaturpreis. Eine Autorin also, von der man jetzt schon spricht, von der man mit Sicherheit aber auch in Zukunft noch oft hören wird. Insofern reiht sich unsere Autorin hervorragend in die Riege der namhaften Stadtschreiberinnen und Stadtschreiber ein, die wir bislang in Mainz willkommen heißen durften. Ich nenne hier nur die Amtsinhaber der vergangenen Jahre Feridun Zaimoglu, Judith Schalansky, Peter Stamm, Ingo Schulze, Josef Haslinger, Monika Maron, Michael Kleeberg und Ilija Trojanow. Nicht vergessen werden darf an dieser Stelle natürlich unser bisheriger Stadtschreiber Abbas Khider. Seine Amtszeit endet heute, und ich nutze die Gelegenheit gerne, ihm im Namen der Landeshauptstadt Mainz ein herzliches Dankeschön zu sagen.

    Meine Damen und Herren, mit der Vergabe des Mainzer Stadtschreiberpreises erinnern wir – das ZDF, 3sat und die Landeshauptstadt Mainz – alljährlich an das Erbe Gutenbergs. Dieses Erbe ist nach wie vor lebendig – ganz besonders in diesem Jahr, in dem sich Gutenbergs Todestag zum 550. Mal jährt: Ein Anlass, den wir uns in Mainz natürlich nicht entgehen lassen, um an Werk und Wirkung unseres "größten Sohnes" gebührend zu erinnern. Johannes Gutenberg wird uns in den kommenden Wochen also auf Schritt und Tritt begegnen und das, obwohl dem Buch seit den Tagen Gutenbergs mächtige Konkurrenten erwachsen sind. Und dennoch: Von einem Ende des Schreibens kann auch im digitalen Zeitalter keine Rede sein. Vielleicht weil es das Buch auf so unnachahmliche Weise schafft, in wenigen Zeilen eine ganze Welt einzufangen.

    Anna Katharina Hahns Bücher sind dafür das beste Beispiel und umso mehr freue ich mich für unsere Stadt, dass sie eine so kritische und kluge Autorin näher kennenlernen darf. Ich freue mich aber auch für den Stadtschreiberpreis an sich, der mittlerweile immerhin auf eine mehr als 30-jährige Tradition mit einer illustren Schar an Preisträgerinnen und Preisträgern zurückblickt. Und nicht zuletzt freue ich mich auch persönlich über eine Autorin, die sich den gesellschaftspolitischen und gesellschaftskritischen Themen unserer Zeit annimmt und das noch dazu auf äußerst unterhaltsame Weise.

    Sie werden, verehrte Frau Hahn, das Amt als Mainzer Stadtschreiberin auf eine ganze eigene Art ausfüllen und prägen – davon bin ich fest überzeugt. Eine breite Aufmerksamkeit in Mainz, der Stadt nicht nur Johannes Gutenbergs, sondern auch der Wissenschaft und der Medien, dürfte Ihnen jedenfalls gewiss sein. Von Ihrer Wohnung aus liegt Ihnen diese Stadt praktisch zu Füßen. Aber die Vogelperspektive dürfte – so vermute ich es zumindest bei einer obsessiven "Einsammlerin" wie Ihnen – nicht Ihre Sache sein. Sie wollen auf Tuchfühlung gehen und das wird Ihnen bei den Mainzerinnen und Mainzern schnell und gut gelingen. Schließlich mögen zwar auch wir Mainzer von allerlei diffusen Ängsten und Selbstzweifeln geplagt sein. Bindungsangst und Sozialphobie allerdings scheinen mir nicht dazuzugehören.

    Auf alle Fälle wünsche ich Ihnen, dass Sie schnell vertraut und hoffentlich sogar ein Stück "heimisch" in unserer, in Ihrer neuen Stadt werden. Alles Gute für Ihr Mainzer Jahr und noch einmal herzlich willkommen bei uns.

    Laudatio von Patrick Bahners auf die Mainzer Stadtschreiberin 2018, Anna Katharina Hahn 

    – Es gilt das gesprochene Wort –

    Die Jury hat Anna Katharina Hahn Amt und Würden der Stadtschreiberin von Mainz zugesprochen. Aufgabe des Laudators ist die Demonstration, dass diese Wahl richtig ist. Wo anfangen? Was hat ein Stadtschreiber eigentlich zu tun? Was kann es heißen, in einer, von einer, über die Stadt zu schreiben? Wenn die Jury richtig liegt, dann muss man die Antwort in den Büchern von Anna Katharina Hahn finden. Und tatsächlich stoßen wir schon in ihrem ersten Roman, "Kürzere Tage", veröffentlicht 2009, auf eine Stadtschreiberfigur, einen Mann, der gerade dabei ist, ein Buch über seine Stadt zu schreiben, über Stuttgart, die Stadt, wo die Romanhandlung spielt. Arbeitstitel: "Die Stadt ohne Gesicht".

    Dieser Tobias wäre allerdings nie zum Stadtschreiber von Mainz ernannt worden. Er ist kein Schriftsteller, sondern Journalist, mein Berufskollege im leider durchaus engeren Sinne, denn er scheint sein Brot hauptsächlich mit Literaturkritiken zu verdienen. Als Botschafter der Literatur tritt er gegenüber Leonie auf, einer Frau, deren Bekanntschaft er jenseits der Stadtgrenzen von Stuttgart macht, in Tübingen, auf einer Geburtstagsparty. Leonie ist eine der Hauptfiguren des Romans, und sie liest keine Romane.

    Um Tobias herauszufordern, der sie schon durch seine Intellektuellenuniform irritiert, einen schwarzen Rollkragenpullover und "eine dieser übertriebenen Brillen", verkündet sie: "Ich lese nie." Nach dieser Flirteröffnung kann sie präzisieren: "Ich lese schon. Fachliteratur, Zeitungen und Geo. Das finde ich interessant. Aber Bücher, ausgedachte Geschichten, die langweilen mich. Erinnern an die Schule." In der Schule hatte Leonie Französisch-Leistungskurs. Jetzt arbeitet sie in einer Bank.

    Das Kennenlernen außerhalb von Stuttgart hat wie jedes Detail bei Anna Katharina Hahn einen unaufdringlichen Sinn. Tobias steht für die Chance zum Ausbruch aus Leonies Stuttgarter Existenz, aus der Ehe mit Simon, dem überbeschäftigten Aufsteiger, der das Geld für die weitläufige Wohnung in der hochbürgerlichen Constantinstraße verdient. Es ist nicht so, dass Leonie sich in Sehnsucht nach einem anderen Mann verzehrt hätte. Anders als Emma Bovary, das Modell aller Ehebrecherinnen aus Überdruss, liest sie ja keine Liebesromane. Stattdessen guckt sie die Serie "Desperate Housewives". Für ein romantisches Gefühl ist im durchorganisierten Alltag des berufstätigen Ehepaars mit zwei kleinen Töchtern gar kein Platz. Eher gehört zu dieser Lebensorganisation der Gedanke an die Eskapade, sozusagen als Sollbruchstelle. Die Untreue ist, mit einem Begriff aus Leonies Arbeitswelt, eine Option.

    Während die Geburtstagsfeier der Freundin näherkam, hatte Leonie bis zum allerletzten Moment gehofft, Simon werde doch noch mit ihr nach Tübingen fahren. Das Abenteuer in Gestalt des Büchermenschen Tobias begegnet ihr also als bloße Gelegenheit, die sie nur deshalb ergreift, weil sie eben da ist, wie das Schälchen mit Erdnüssen und Pistazien, das Tobias vor sie hinstellt. Der Kritiker macht, ich muss es gestehen, eine klägliche Figur, was schon mit dem Bauchansatz beginnt. Im Hotelzimmer gelangt Tobias über das Ausziehen von Leonies Strumpfhose nicht hinaus. Der Mann des Wortes verbringt die Nacht im Sessel.

    Auch zum Lesen dürfte er Leonie nicht verführt haben. Er empfiehlt ihr Julio Cortázar, über den er gerade ein "großes Porträt" verfasst hat – ein kleines hätte es nicht getan. Zum Abschied schenkt er ihr einen Erzählungsband des Argentiniers, mit der Widmung "Für Leonie, alles Glück! In Begeisterung, Tobias". Es ist unwahrscheinlich, dass Leonie statt der nächsten Ausgabe von Geo dieses Suhrkamp-Taschenbuch zur Hand nehmen wird. Dabei muss sie das Souvenir noch nicht einmal verstecken. Simon entdeckt es sofort in ihrer Handtasche, interessiert sich aber nicht dafür, was es bedeutet, sondern macht sich lediglich über den anzüglichen Titel "Die Nacht auf dem Rücken" lustig. "Eierkopf-Sex. Liest du mir heute Abend draus vor?" Zum Kuppler wurde das Buch nicht, aber auch nicht zum Wiederverkuppler der strapazierten Eheleute. An jenem Tage fingen sie wohl erst gar nicht an zu lesen.

    Bleibt Leonie unglücklich, weil sie sich nicht ins Lesen verliebt? So darf man Anna Katharina Hahn auf keinen Fall verstehen. Sie gehört nicht zu den Schriftstellern, die den Lesern einreden, alles Glück dieser Erde liege hinter den Rücken der Bücher. Anna Katharina Hahn macht in ihren Büchern keine Reklame für die Literatur.

    Der Seitensprung bleibt in der Biografie von Leonie eine literarische Episode: eine ausgedachte Geschichte. Von vornherein wird die Affäre, zu der es gar nicht kam, in Rückblenden erzählt. Das Kapitel setzt ein, als Leonie nach Stuttgart zurückgekehrt ist. Sie will ihre Kinder vom Kindergarten abholen – und erfährt, dass ihr Mann vor ihr dort war. Wir merken sofort, dass Leonies Leben aus dem Takt ist, und bekommen dieses Stottern des Motors sukzessive erklärt.

    Abwechselnd schildert das Kapitel aus Leonies Perspektive den Ablauf des Tübinger Abends und den Weg der verlorenen Mutter zurück in den Schoß der Familie. Sie schiebt die Ankunft hinaus, nimmt vom Kindergarten in die Constantinstraße nicht den direkten Weg. Dabei ist die Stadt doch so gebaut, genauer gesagt: nach dem Zweiten Weltkrieg so wiederaufgebaut worden, dass man sie auf dem kürzesten Weg mit dem Auto durchqueren kann. Das ist der Gesichtsverlust, den der Stadtfeuilletonist Tobias in seinem Porträt anschaulich machen will. "So eine Art brutales Facelifting. Jetzt ist sie bloß noch praktisch, man kann leicht mit dem Auto durchfahren."

    Die Odyssee der Adressatin dieser Inhaltsangabe erlaubt die Probe darauf, wie viel ein Stadtschreibertum im Format des Sachbuchs vom Stadtleben erfassen kann. Ja, man kann die Innenstadt mit dem Auto durchfahren, sogar am späteren Nachmittag, wenn eine "Blechlawine" langsam über die Charlottenstraße rollt. Aber wer ist man? Leonie kann das am Tag ihrer Heimkehr nicht so leicht. "Sie will nicht nach Hause." Fast ist sie schon daheim, aber sie fährt hinaus über das Olgaeck, einen Verkehrsknotenpunkt am Fuß eines Hochhauses. Später macht sie kehrt und passiert die Kreuzung ein zweites Mal.

    Wir erfahren, was Leonie durch das Autofenster sieht. "Fußgänger drängen sich durch die hässlichen Passagen des Olgabaus. Billigstbäcker, Billigstdrogerie, Billigstklamotten, dazwischen kämpfen ein Optiker, eine Rahmenhandlung und ein Geschäft für Kristalle ums Überleben. Oft stehen Leute davor und halten die Hände gegen die Scheibe, um die Aura der Steine aufzufangen." Dieser Passage kann man mühelos ablesen, warum Anna Katharina Hahn keine Dorfschreiberin ist. Kehrte Leonie von ihrem Ausflug an die Schwelle des Ehebruchs in ein Dorf zurück, wäre ihr Zickzackkurs sofort aufgefallen. Die Kehrtwende wäre Dorfgespräch.

    Die Stadtbewohnerin ist inkognito unterwegs, anonym, aber nie allein. Auch in der gepanzerten Hülle des Kraftfahrzeugs, als Individualverkehrsteilnehmerin, ist jemand wie Leonie immer unter Menschen. So ist es in der Stadt möglich, unbeobachtet vom rechten Weg abzubiegen und sich diskret wieder einzufädeln. Aber wie der Soziologe Georg Simmel feststellt, ist es die Kehrseite "dieser Freiheit", dass man sich "nirgends so einsam und verlassen fühlt, als eben in dem großstädtischen Gewühl; denn hier wie sonst ist es keineswegs notwendig, dass die Freiheit des Menschen sich in seinem Gefühlsleben als Wohlbefinden spiegele".

    Der dritte Roman von Anna Katharina Hahn, "Das Kleid meiner Mutter", beginnt damit, dass Anita, eine Grundschullehrerin in Madrid, die in der Wirtschaftskrise wieder bei ihren Eltern wohnt, einen Samstagnachmittag in der Stadt zubringen muss, weil die Eltern sich zur Ruhe gelegt haben, statt mit ihr aufs Land zu fahren. Mit Leonie hat Anita übrigens gemein, dass sie sich nichts aus Lektüre macht. "Bücher machen mich irgendwie fertig." Anita weiß nicht recht, was sie "mit dem geschenkten Wochenende anfangen" soll, und lässt sich treiben. Um "wieder zur Ruhe zu kommen", schlendert sie eine "stark befahrene Straße entlang". Vor einer Metrostation bleibt sie stehen. "Auf einmal fühlte ich mich einsam, mitten im Gewühl."

    Nein, es ist nicht notwendig, dass dem Gebrauch der Freiheit ein Gefühl des Wohlbefindens entspricht. Im Gegenteil, wenn man Anna Katharina Hahn liest, wird man es fast für unmöglich halten. Der charakteristische Seelenzustand ihrer Figuren ist ein Unwohlbefinden, das sie als Stadtmenschen und freie Wesen ausweist. Leonie und Judith, die modernen Mütter, die Partnerwahl und Familiengründung illusionslos geplant haben und von der Angst gemartert werden, dass der kleinste Fehltritt sie aus dem Konzept bringen kann. Emil und Veronika Bub im zweiten Roman "Am Schwarzen Berg", die altmodischen Bildungsbürger, die den Sohn der Nachbarn als Wunschadoptivkind durchs Leben begleiten und es nicht mit ansehen können, dass dieser Peter sich anders entwickelt, als es ihre idealistische Pädagogik ihm vorzeichnen wollte.

    "Die Beziehungen und Angelegenheiten des typischen Großstädters pflegen so mannigfaltige und komplizierte zu sein", bemerkt Simmel, "dass ohne die genaueste Pünktlichkeit in Versprechungen und Leistungen das Ganze zu einem unentwirrbaren Chaos zusammenbrechen würde." Leonie, die mitten im Feierabendverkehr umdreht, ist absichtlich unpünktlich. Es ist ein Wunder, dass die Zeitordnung der Stadt nicht viel häufiger durcheinandergerät, ist doch Ablenkung auf Schritt und Tritt gegeben. In der Erzählweise knüpft Anna Katharina Hahn an die Technik des Bewusstseinsstroms an, die zu der Zeit erfunden wurde, als Simmel die Paradoxien des Großstadtlebens auf Begriffe brachte.

    Das Vorübergleiten der Erscheinungen erzeugt die Perspektive; Wahrnehmungen, Eindrücke und Erinnerungen vermischen sich. In der Haltung der so konstituierten Person fallen Konzentration und Zerstreutheit zusammen. Obwohl Leonie das Tübinger Geschehen hinter sich lassen möchte, spult es sich vor ihrem geistigen Auge ab wie ein Film beziehungsweise eine Folge von "Desperate Housewives". Gleichzeitig schieben sich beiläufige, hundertfach abgespeicherte und wieder gelöschte Einzelheiten vom Straßenrand überdeutlich ins innere Bild. Für die Großstadt typisch ist laut Simmel "die rasche Zusammendrängung wechselnder Bilder". Leonie sieht das Gewimmel der Fußgänger, und sie sieht sogar Passanten, die sie noch gar nicht sehen kann: Voraussehend ergänzt sie die Fensterschaulustigen, die sich oft vor dem Kristallgeschäft versammeln, um Lichtenergie zu tanken, aber diesmal vielleicht nicht dort stehen werden.

    Über die Schriftsteller hat Anna Katharina Hahn gesagt: "Wir sind Beobachter unserer Zeit; unsere allererste Aufgabe ist es zu sehen." Was sehen sie? Zeitgenossen, die ihrerseits Augen im Kopf haben. Leute zum Beispiel, die sich nicht nach einem Auto umdrehen, das eben schon einmal in entgegengesetzter Richtung vorbeigefahren ist, sondern lieber auf ein Schaufenster starren, in dem Steine liegen.

    "Die Stadt ohne Gesicht": Dieser Beiname für Stuttgart ist doppeldeutig, jedenfalls in einem Roman. "Gesicht" ist auch ein altertümliches Wort für den Gesichtssinn. Die von Krieg und Wiederaufbau doppelt gezeichnete Stadt ist unkenntlich und blind. Anna Katharina Hahns Stuttgart-Romane setzen diesen Befund voraus und könnten gerade deshalb auch in jeder anderen deutschen Großstadt spielen. Die unverwechselbaren topografischen Eigenheiten von Stuttgart dienen dazu, dem Großstädtischen überhaupt Kontur zu geben.

    Das beginnt mit der Lage im Kessel. Hier ist Raum besonders knapp, Großstädter leben zusammengedrängt. Dieses Nebeneinander macht das soziale Gefälle zur augenfälligen Tatsache: Im Buch liegen um die Ecke vom Hochhaus am Olgaeck die Gründerzeithäuser der Constantinstraße. In der Stadt der begehrten Halbhöhenlagen sind Aufstieg und Abstieg tägliche Übungen. Anna Katharina Hahn sagt: "Den Figuren, die ich beschreibe, stoßen Dinge zu, und natürlich sind die nicht alle gut." Die städtische Lebensform ist Bedrängnis.

    Der Literaturvikar Tobias berichtet über seinen momentanen Lieblingsautor: "Bei Cortázar bekommt die Wirklichkeit Risse wie unter einem verborgenen Druck." Bei Hahn sehen wir diese Risse im Putz der Stuttgarter Wände. Den unschönen Stellen wendet sie besondere Aufmerksamkeit zu. Wie Leonie kommt sie immer wieder am Olgaeck vorbei. Sie macht die toten Winkel lebendig, und sieht man mit ihren Augen hin, also unbarmherzig genau, dann gibt es keine Blindstellen mehr. Die schäbigen Örtlichkeiten erlangen das Augenlicht und blicken zurück. In diesen Büchern wird die Stadt selbst zum Charakter. Stuttgart, durch Bombenschäden und Wirtschaftswunder geblendet und betäubt, erwacht als argusäugiges Ungeheuer.

    Eine Schlüsselszene in "Am Schwarzen Berg", die der scheinbaren Wende zum Guten, in Wahrheit der Katastrophe, vorausgeht, ist am Olgaeck angesiedelt. Emil Bub kehrt mit Peter in einem Billigstimbiss ein, dem "Bülbül-Döner".

    Neben dem Lokal ist ein Pornokino, ein Ort, den es nur in der Stadt gibt, wo Männer aus- und eingehen können, ohne fürchten zu müssen, gesehen zu werden. Ausführlich wird beschrieben, wohin die Kinobesucher ihre Augen wenden, die nach und nach wieder ans Abendlicht treten. Viele von ihnen stärken sich beim "Bülbül-Döner". Aber sie "entschlossen sich erst dazu, den Imbiss zu betreten, nachdem sie die Farbaufnahmen von Fleischgerichten und Teigtaschen draußen auf der Scheibe betrachtet hatten". Wem fällt so etwas ins Auge, wenn nicht Anna Katharina Hahn? Wir alle finden uns, gnadenhalber inkognito, mit den peinlichen Bedürfnissen und rührenden Marotten unserer prosaischen Existenz, als Nebenfiguren in ihren Romanen wieder.

    Der "Bülbül-Döner" könnte zwischen Optiker und Rahmengeschäft nicht überleben, wenn er nur die Stillung des nackten Hungers verspräche. Die fotografischen Werbemittel bestätigen die Erklärung, die Simmel für das Aufkommen des Schaufensters gibt: "Wo die Konkurrenz in Bezug auf Zweckmäßigkeit und innere Eigenschaften zu Ende ist, muss man versuchen, durch den äußeren Reiz der Objekte, ja sogar durch die Art ihres Arrangements das Interesse der Käufer zu erregen."

    So begegnet der Stadtbewohner überall einer ästhetischen Verdopplung der Wirklichkeit. Im Rahmen der immanenten Poetik des Romans wird man die Farbfotos der Tischkunstwerke schwerlich als Chiffren der Hoffnung darauf deuten können, dass Literatur dem Lebenshunger abhilft. Eher ist bemerkenswert, dass die Blicke der Imbisskunden überhaupt an den Bildern hängenbleiben, obwohl sie sich über den Grad der Übereinstimmung zwischen Bild und Sache keinen Illusionen hingeben dürften.

    Das Kristallgeschäft in der Nachbarschaft des Dönerladens hat den Kampf noch nicht aufgegeben, wenngleich viele Interessenten die Aura der Funkelsteine durch bloßes Betrachten aufnehmen, gebrochen durch die Glasscheibe des Schaufensters. Im vorletzten Kapitel von "Kürzere Tage" treffen wir auf der Empfangstheke eines Kinderkrankenhauses, des Olgahospitals, auf einen "rosa leuchtenden Salzkristall". Motivische Verschränkungen stiften die Einheit des Romans und tragen bei zur Wucht seiner Wirkung, zu dem Eindruck, dass man sich in einer Welt bewegt, in der alles mit allem zusammenhängt, in einer Stadt, wie Simmel sie beschrieben hat.

    James Joyce soll über den "Ulysses" gesagt haben: "Ich möchte von Dublin ein so vollständiges Bild geben, dass die Stadt, sollte sie eines Tages plötzlich vom Erdboden verschwinden, aus meinem Buch rekonstruiert werden könnte." Anna Katharina Hahn hat dagegen gesagt: "Mit meinem Stuttgart ist es eher so, dass man sich darin verlaufen würde, würde man es nach meinen Erzählungen wieder aufbauen." Die trügerische Ordnung der Durchfahrten würde also ein für alle Mal verschwinden. Hahns Stuttgart ist ein Labyrinth: Die geschriebene Stadt ist städtischer als die gebaute.

    Thematisch verweist die Auslage des Kristallhändlers auf die Esoterik, die in Stuttgart grassiert. Eine der Ersatzreligionen ist die Kunst- oder Bildungsreligion, die sich im Mörike-Roman "Am Schwarzen Berg" als buchstäblich lebensgefährlich erweist. Und doch sind die Romane von Anna Katharina Hahn Dinge wie diese Kristalle: Produkte einer gewaltigen Verdichtungsarbeit, hart und leuchtend.

    In der Stadt "bietet sich" nach Simmel "eine so überwältigende Fülle kristallisierten, unpersönlich gewordenen Geistes, dass die Persönlichkeit sich sozusagen dagegen nicht halten kann". Auch Anna Katharina Hahn kann ihre Personen, die allesamt an der Stadt zu zerbrechen drohen, nicht halten oder aufhalten. Nur festhalten, mit der Kunst der Physiognomikerin. Selten dürfte eine Stadtschreiberin so gut präpariert nach Mainz gekommen sein wie Anna Katharina Hahn.

    Die Mainzer Stadtschreiber und ihre TV-Dokumentationen

    1985  Gabriele Wohmann (verstorben am 22. Juni 2015)
              "Unterwegs"
               (Sendung: 17. November 1985)

    1986  H. C. Artmann (verstorben am 4. Dezember 2000)
              "Den Horizont überschreiten"
               (Sendung: 7. Dezember 1986)

    1987  Ludwig Harig
              "Zu ergründen die eigene Heimkehr"
              (Sendung: 6. Dezember 1987)

    1988  Sarah Kirsch (verstorben am 5. Mai 2013)
              "Briefe an eine Freundin"
               (Sendung: 4. Dezember 1988)

    1989  Horst Bienek (verstorben am 7. Dezember 1990)
              "Die verrinnende Zeit"
               (Sendung: 31. Dezember 1989)

    1990  Günter Kunert
              "Artus – ein König wird gesucht"
              (Sendung: 9. Dezember 1990)

    1991  Helga Schütz
              "Hinterm Vorhang sieht man einen Schatten"
               (Sendung: 26. April 1992)

    1992  Katja Behrens
              "Jerusalem – Berlin. Eine Begegnung"
              Mit Asher Reich und Hans Joachim Schädlich
              (Sendung: 7. März 1993)

    1993  Dieter Kühn (verstorben am 25. Juli 2015)
              "Eine Reise nach Surinam"
               (Sendung: 19. Dezember 1993)

    1994  Libuse Monîková (verstorben am 12. Januar 1998)
              "Grönland-Tagebuch: Wer nicht liest, kennt die Welt nicht"
              (Sendung: 13. Dezember 1994)

    1995  Peter Härtling (verstorben am 10. Juli 2017)
              "Schumann in Finnland"
              (Sendung: 21. Dezember 1995)

    1996  Peter Bichsel
              "Wir hätten in Spiez umsteigen sollen"
               (Sendung: 12. Dezember 1996)

    1997  F.C. Delius
              "Wie weit ist es von einem Mann zu einer Frau?
               24 Stunden mit Tucholsky in Gripsholm"
               (Sendung: 23. November 1997)

    1998  Erich Loest (verstorben am 12. September 2013)
              "Karl May reist zu den lieben Haddedihn"
               (Sendung: 6. September 1998)

    1999  Tilman Spengler
             
    "Bitterer Balkan. Der Krieg ist eine Zerrüttung der Seelen"
               (Sendung: 5. Dezember 1999)

    2000  Hanns-Josef Ortheil
             
    "Schauplätze meiner Fantasien – Rom, Venedig und Prag"
               (Sendung: 22. Oktober 2000)

    2001  Es wurde keine Dokumentation produziert.

    2002  Katja Lange-Müller
             
    "Mein erster Amerikaner. Der Maler Kedron Barrett"

    2003  Urs Widmer (verstorben am 2. April 2014)
              "Die Forschungsreise"
               (Sendung: 14. Dezember 2003)

    2004  Raoul Schrott
              "Deutschland – Himmel und Hölle"          
               (Sendung: 3. August 2005)

    2005  Sten Nadolny
             
    Es wurde keine Dokumentation produziert

    2006  Patrick Roth
              "In My Life – 12 Places I Remember."
               (Sendung: 26. November 2006)

    2007  Ilija Trojanow
              "Vorwärts und nie vergessen! Ballade über bulgarische Helden"
               (Sendung: 16. Dezember 2007)

    2008  Michael Kleeberg
              "Europas Heimkehr. Eine Reise in den Libanon"
               (Sendung: 4. Januar 2009)

    2009  Monika Maron
              "Rückkehr nach Bitterfeld"
               (Sendung: 30. Oktober 2009)

    2010  Josef Haslinger
              "Nachtasyl – Die Heimat der Heimatlosen"
               (Sendung: 16. Dezember 2010)

    2011  Ingo Schulze
              "Rettung aus dem Regenwald? Die Wiederentdeckung der Terra Preta"
               (Sendung: 11. November 2011)

    2012  Kathrin Röggla
              "Die bewegliche Zukunft – Eine Reise ins Risikomanage­ment"
               (Sendung: 18. November 2012)

    2013  Peter Stamm
             
    "Fordlandia – Das verlorene Paradies?"
               (Sendung: 1. Juni 2014)

    2014  Judith Schalansky
              
    Es wurde keine Dokumentation produziert.

    2015  Feridun Zaimoglu
             
    "Istanbul von vorne. Eine Recherche"
               (Sendung: 25. Oktober 2015)

    2016   Clemens Meyer
              
    "Nicht jedes Los gewinnt – Erzählungen vom Rummelplatz"
               (Sendung: 9. Dezember 2016) 

    2017   Abbas Khider

    2018   Anna Katharina Hahn

    Die Jury

    Der Jury des Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreises 2018 gehörten an:

    Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller:

    Prof. Dr. Josef Haslinger

    Katja Lange-Müller

    Dr. Tilman Spengler

    Ilija Trojanow

    und als amtierender Stadtschreiber Abbas Khider

     

    Für die Landeshauptstadt Mainz:

    Kulturdezernentin Marianne Grosse

     

    Für das ZDF:

    Programmdirektor Dr. Norbert Himmler

    Hauptredaktionsleiterin Kultur, Anne Reidt

    Jury-Vorsitzender Werner von Bergen, Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft

    Koordinatorin 3sat Dinesh Kumari Chenchanna

    Literaturredakteur 3sat Dr. Michael Schmitt

    Richtlinien für die Verleihung des Stadtschreiber-Literaturpreises des ZDF, 3sat
    und der Landeshauptstadt Mainz

    Neufassung Mai 2017

    Wir möchten den Reichtum unserer Sprache bewahren und fördern. Durch Bildungsdefizite und mangelnde Kommunikation droht unsere Gesellschaft sprachloser zu werden. Darum wollen wir auch mit den Mitteln des Fernsehens zur Bereicherung und Weiterentwicklung unserer bedrohten Sprache beitragen. In einer sich ständig verändernden Medienwelt muss es zu den vornehmsten Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gehören, auf die Einmaligkeit unserer Sprache als unverzichtbares Medium hinzuweisen.

    Wir wollen daher unseren Teil dazu beitragen, das höchste Kulturgut, das wir besitzen, lebendig zu halten, und zugleich einen Beitrag zur Leseförderung leisten – auch im Gedenken an Johannes Gutenberg, an seine epochale Erfindung und den dadurch in Mainz ausgelösten medialen Umbruch.

    §1

    Das ZDF verleiht gemeinsam mit der Landeshauptstadt Mainz nachfolgend benannten Preis: "Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreis des ZDF, 3sat und der Landeshauptstadt Mainz".

    §2

    Mit diesem Preis sollen Schriftstellerinnen und Schriftsteller deutscher Sprache geehrt werden, die unsere Literatur mit ihren Werken beeinflussen oder prägen und die sich darüber hinaus um das Zusammenwirken von Literatur und Fernsehen bemühen.

    Dieser Literaturpreis gilt dem Gesamtwerk des Schriftstellers/der Schriftstellerin.

    §3

    Der Titel "Mainzer Stadtschreiber" wird jeweils für die Dauer eines Jahres verliehen.

    §4

    Die Wahl trifft eine vom ZDF, 3sat und der Landeshauptstadt Mainz benannte Jury, die sich wie folgt zusammensetzt:

    der amtierende Stadtschreiber/die amtierende Stadtschreiberin,

    der Kulturdezernent/die Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Mainz,

    der Programmdirektor/die Programmdirektorin des ZDF,

    der Koordinator/die Koordinatorin 3sat,

    der Leiter/die Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Kultur,

    der/die verantwortliche Redakteur/in für den Mainzer Stadtschreiberpreis,

    der/die den Stadtschreiber/die Stadtschreiberin betreuende Redakteur/in für 3sat

    sowie vier Schriftstellerinnen und Schriftsteller deutscher Sprache, die vom ZDF im Einver­nehmen mit der Landeshauptstadt Mainz benannt werden.

    §5

    Jedes Jurymitglied kann bis zu drei Kandidaten/Kandidatinnen zur Wahl vorschlagen. Diese Wahlvorschläge allein bilden die Basis für die Abstimmung zur Wahl des Stadtschreibers/der Stadtschreiberin. Die Wahl erfolgt nach dem Mehrheitsprinzip.

    §6

    Mit der Verleihung des Titels ist ein Preis in Höhe von 12.500 Euro verbunden.

    §7

    Die Landeshauptstadt Mainz stellt für die Dauer eines Jahres dem gewählten Stadtschreiber/der Stadtschreiberin kostenlos eine Wohnung zur Verfügung, inklusive Nebenkosten.

    §8

    Von dem gewählten Stadtschreiber/der Stadtschreiberin wird erwartet, dass er/sie für ZDF und 3sat eine Dokumentation herstellt: das "Elektronische Tagebuch". Das Thema wird in Abstimmung und mit redaktioneller Unterstützung der ZDF-Hauptredaktion Kultur erarbeitet und mit einem Kamerateam und einer Cutterin bzw. eines Cutters des ZDF umgesetzt. Die Dokumentation wird gemäß den im ZDF gültigen Honorarbedingungen gesondert honoriert.

    §9

    Der/die gewählte Stadtschreiber/in erklärt sich bereit, für Sendungen von ZDF, 3sat und weiterer Partnerkanäle zur Verfügung zu stehen.

    §10

    Der/die Stadtschreiber/in erklärt sich bereit, für öffentliche Lesungen in der Landeshauptstadt Mainz zur Verfügung zu stehen, sowie zu gesonderten literarischen Gesprächen insbesondere mit Studierenden, Schülerinnen, Schülern und Seniorengruppen.

    Die städtischen Aktivitäten des Stadtschreibers/der Stadtschreiberin werden mit dem Kulturdezernenten/der Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Mainz abgesprochen.

    Es wird erwartet, dass der/die Stadtschreiber/in mehrmals im Amtsjahr die Stadtschreiberwohnung im Gutenbergmuseum in Mainz bezieht.

    Bildhinweis

    Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 -70-16100, oder über
    https://presseportal.zdf.de/presse/mainzerstadtschreiber

    Weitere Informationen

    Impressum

    ZDF Hauptabteilung Kommunikation
    Presse und Information
    Verantwortlich: Alexander Stock
    E-Mail: pressedesk@zdf.de

    Ansprechpartner

    Name: Magda Huthmann
    E-Mail: huthmann.m@zdf.de
    Telefon: (06131) 70-12149