Mit dem Mut der Verzweiflung

70 Jahre nach Auschwitz

70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz richtet das ZDF den Blick auf das Menschheitsverbrechen: den Holocaust. Der Film schildert das Schicksal von Menschen, die trotz ständiger Todesgefahr in der Hölle der Mordmaschinerie Mut bewiesen, ihre Menschlichkeit bewahrten, sich für andere opferten.
Der Fernsehmoderator Hugo Egon Balder, dessen jüdische Mutter die Lagerhaft zu überlebte, setzt sich mit seiner kaum bekannten Familiengeschichte auseinander und führt durch die szenische Dokumentation. Er verbindet die im Film geschilderten Schicksale mit eigenen Gedanken, die ihn auf der Suche nach Spuren der Vergangenheit bewegten.

  • ZDF, Dienstag, 27. Januar 2015, 22.15 Uhr

Texte

Gegen das Vergessen
von Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte

Vor 70 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Hitlers monströse Mordfabrik. Das riesige Lagergelände offenbarte den Befreiern die Dimensionen des Menschheitsverbrechens. Die Filmaufnahmen jener Tage schockierten, setzten die Welt darüber ins Bild, wie ein verbrecherischer Staat sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Machtmittel eingesetzt hatte, um die Juden Europas auszulöschen. Millionenfacher Mord nach Plan, der zum Synonym für all das geworden ist, was der Mensch dem Menschen antun kann. Die Suche nach Antworten auf die Frage, wie all das geschehen konnte, hinterlässt noch immer Ratlosigkeit: Warum konnte die Vernichtungsmaschinerie über Jahre so reibungslos funktionieren? Was brachte scheinbar ganz normale Männer dazu, Massenmord zu verüben, als wäre es ein Beruf?

Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland offizieller Gedenktag. Dieses Datum appelliert an die Verantwortung für das Erinnern. Doch sind nicht längst die wesentlichen Erkenntnisse vermittelt, die entscheidenden Momente geschildert, die verfügbaren Bilder gezeigt und die wichtigsten Zeugen gehört? Vielleicht vermag dieser Film einmal mehr vor Augen zu führen, dass jedes Schicksal eine neue Geschichte birgt, die es verdient hätte, erzählt zu werden.

Doch bald wird es die Generation derer, die all das damals durchlitten und überlebten, nicht mehr geben. Die Gelegenheiten, Zeitzeugen zu befragen, die noch an das dunkelste Kapitel unserer Geschichte erinnern können, sind selten geworden.
Dieser Film rückt das Erleben von Menschen in den Vordergrund, die mit dem Mut der Verzweiflung gegen ein willkürlich verordnetes, scheinbar unausweichliches Schicksal ankämpften, den Tod in Auschwitz. Sie taten es für sich und für andere, setzten damit ein Zeichen unbeugsamer Menschlichkeit im Angesicht des Grauens.

Es gibt Personen, von denen man lange gar nicht ahnte, dass auch ihr Leben von der Vergangenheit überschattet wurde. Eine von ihnen ist Hugo Egon Balder, der bekannte Comedian und Entertainer. Wer weiß schon, dass seine Familie unter der Verfolgung in der NS-Zeit zu leiden hatte, dass seine jüdische Mutter nur durch Glück den Holocaust überlebte. Auch das ist Thema dieses Films, für den wir Balder nicht nur als Erzähler der eigenen Geschichte gewinnen konnten, sondern auch als einordnenden und nachdenklichen Beobachter. Er führt durch die szenische Dokumentation, als Betroffener, aber auch als einer, der etwas mitzuteilen hat, eigene Erfahrungen und Empfindungen zu einem Thema, das in der eigenen Familie mit Schweigen bedacht wurde. Er hat die Gabe, viele Menschen anzusprechen, diesmal anders als man es von ihm gewohnt ist. Vielleicht vermag er manch einen zu erreichen, den dieses Thema bislang noch nicht erreichte. Gemeinsam wollen wir mit diesem Film ein Zeichen gegen das Vergessen setzen.

Stab und Besetzung

Dienstag, 27. Januar 2015, 22.15 Uhr
Mit dem Mut der Verzweiflung
70 Jahre nach Auschwitz

Stab:

Buch                                       Dirk Kämper
                                                unter Mitarbeit von Winfried Laasch
Regie                                      Oliver Halmburger
Moderationen                          Hugo Egon Balder

Studioregie                              Christian Twente
Kamera/Szene                        Jan Prillwitz, Jonas Heil
Kamera                                   Anthony R. Miller, Christian Baumann
Schnitt                                     Nanni Leitner
Regieassistenz                       Wiktor Mentlewicz
Ausstattung/Szene                 Marek Warszewski
Art Director/Szene                  Wojciech Czapla
Kostüm/Szene                        Małgorzata Zacharska
Produktion/Szene                   Jacek Gaczkowski, Piotr Strzelecki (Tempus Film)
Producer                                 Sylwia Szczechowicz-Warszewska (Tempus Film)
Musik                                       Enjott Schneider
Tonmischung                          Bruno Hebestreit                    
Animation                                Kawom!
Sprecher                                 Benjamin Völz
Fachberatung                          Dr. Alexander Brakel, Mirosław Obstarczyk
Interviews Polen                      Mahnas Rassapur
Produktion                               Carola Ulrich, Svenja Berger
Redaktion                                Stefan Mausbach, Ursula Nellessen
Leitung                                     Stefan Brauburger
Sendelänge                             80 Min.

Die Rollen und ihre Darsteller

Rena Birnhack                        Isabel Bongard
Gerda Leyserson                    Magdalena Płyszewska
Witold Pilecki                          Marco Wittorf
Freddy Hirsch                         Garry Fischmann
Hans Frankenthal                   Wolfram Schorlemmer

Inhalt

Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit. Der Vormarsch der Alliierten brachte die grausamsten Verbrechen Hitler-Deutschlands ans Licht, die Spuren der Todesmaschinerie ließen sich nicht mehr verwischen.

Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz richtet das ZDF in einer 80minütigen szenischen Dokumentation den Blick auf das Menschheitsverbrechen, dem allein sechs Millionen Juden zum Opfer fielen. "Mit dem Mut der Verzweiflung" schildert das Schicksal von Menschen, die trotz ständiger Todesangst in der Hölle der Mordfabrik Mut bewiesen, ihre Menschlichkeit bewahrten, sich für andere opferten. Darunter sind Witold Pilecki, ein Offizier der polnischen Untergrundarmee, Fredy Hirsch ein jüdischer Deutscher aus Aachen und Hoffnungsträger vieler Kinder in Theresienstadt und Auschwitz, Itzhack Birnhack und Rena Ferber, die sich in einem NS-Lager bei Krakau kennen lernten, Hans Frankenthal, der als Siebzehnjähriger Opfer der Judenverfolgung wurde und Gerda Leyserson, die Mutter von Hugo Egon Balder.

Hugo Egon Balder, dessen jüdische Mutter das Glück hatte, den Holocaust zu überleben, führt durch die szenische Dokumentation. Balder ist dabei nicht nur Erzähler seiner Familiengeschichte, er verbindet die geschilderten Schicksale im Film mit eigenen Gedanken, die ihn auf der Suche nach den Spuren der Vergangenheit bewegten.

Lebensläufe

Witold Pilecki ist ein Offizier der polnischen Untergrundarmee. Er lässt sich 1940 freiwillig von den Deutschen festnehmen, um in der Todesfabrik Widerstand zu organisieren und Informationen über die Vorgänge in Auschwitz aus dem Lager zu schmuggeln. "Er hat uns immer gesagt: Wenn Du etwas beginnst, dann tue es gut und bringe es zu Ende", erinnert sich der Sohn an die Haltung seines Vaters.

Fredy Hirsch wächst als jüdischer Deutscher in Aachen auf. 1935 flieht er vor den Repressalien der Nazis nach Prag. Dort arbeitet er in der zionistischen Jugendbewegung, doch im März 1939 holen ihn seine Verfolger wieder ein. In den Lagern Theresienstadt und Auschwitz wird er als mutiger Beschützer zum Hoffnungsbringer vieler Kinder: "Ihm verdanke ich, dass ich noch lebe. Nicht nur ich, alle aus dem Kinderblock verdanken ihm ihr Leben", sagt Yehuda Bacon, der heute als Maler in Israel lebt.

Itzhack Birnhack und Rena Ferber lernen sich in einem NS-Lager bei Krakau kennen. Als das Lager aufgelöst wird, hat das junge Liebespaar das Glück, auf Oskar Schindlers Liste zu geraten. Doch der Zug mit den Frauen wird fehlgeleitet - nach Auschwitz. "Ich habe immer gesagt: Ich will leben! Selbst in den schlimmsten Zeiten. Ich will leben!" erinnert sich Rena.

Hans Frankenthal wird als Siebzehnjähriger Opfer der Judenverfolgung. Er durchleidet Zwangsarbeit, Konzentrationslager und Todesmärsche, bevor er nach der Befreiung als einer der wenigen Überlebenden in sein Heimatdorf im Sauerland zurückkehrt. Sein letztes Interview ist auch ein persönliches Vermächtnis: "Ich liebe Deutschland, ich liebe dieses Land. Es muss nur aufgepasst werden, dass dieses Land nicht wieder Dummheiten macht. Es ist zu verhindern. Glauben Sie mir."

Gerda Leyserson ist die Mutter von Hugo Egon Balder. Sie und sein Halbbruder Peter verdanken ihr Überleben einer Fügung des Schicksals. Bei der Deportation aus Berlin werden die beiden zunächst in einen Zug nach Auschwitz gepfercht. Doch beim Kontrollieren der Namenslisten stellen die SS-Schergen fest, dass eine Namensvetterin für diesen Transport vorgesehen war. Beide werden aus dem Zug geholt und ins Lager Theresienstadt gebracht. Familienvater Walter Leyserson wird in Auschwitz ermordet. "Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was der Mensch alles ertragen kann", immer wieder erinnert sich Hugo Egon Balder an die eindringlichen Worte seiner Mutter, die nach dem Krieg in ihre Heimat Berlin zurückkehrte.

Zur Familiengeschichte Hugo Egon Balders

Er ist populär als witziger Entertainer, umtriebiger TV-Moderator und komödiantischer Schauspieler: Hugo Egon Balder. Doch seine Biografie hat auch Seiten, die kaum jemand kennt.

Als seine Mutter starb, stieß er beim Ordnen des Nachlasses auf ein Kästchen, in dem sie ihren Judenstern aufbewahrt hatte. Er habe seinen Augen nicht getraut, erinnert er sich. "Ich weiß noch genau, ich habe mich dann erstmal hingesetzt, ich musste mich einfach hinsetzen  - eine gefühlte halbe Stunde lang. Und dann spult sich so vieles ab: Was mag da alles passiert sein?"

Hugos Mutter hat gegenüber ihrem Sohn nie wirklich über die Jahre der Diskriminierung, Verfolgung und Internierung gesprochen. Das Wenige, was er wusste, war, dass sie selbst, seine Großmutter und sein Bruder Theresienstadt überlebt hatten. "Aber was genau passiert ist, wie das alles war, das haben sie mir nie vermittelt, das wollten sie mir auch nicht vermitteln." Zeit ihres Lebens haben seine Großmutter Johanna, seine Mutter Gerda, seine Halbbrüder Peter und Harry und sein Vater Egon ihr Geheimnis für sich behalten. Sobald das Thema "Nazizeit" aufkam, herrschte Stille. Es war kein seltenes Phänomen: Erst schwiegen die Täter, dann die Opfer.

Hugo Egon Balder begab sich auf Spurensuche: 1942 wurde seine Großmutter Johanna von Berlin aus nach Theresienstadt deportiert, ein Jahr später folgten seine Mutter und sein Bruder Peter, der damals fünf Jahre alt war. Bei deren Deportation kam es am Bahnsteig zu einer schicksalhaften Verwechslung. Mutter und Bruder wurden erstmal in einen Zug Richtung Auschwitz gepfercht. Doch beim Kontrollieren der Namenslisten stellten die SS-Schergen fest, dass eine andere Frau Leyserson für diesen Transport vorgesehen war. Gerda und Peter wurden wieder aus dem Zug geholt. Tage später trafen auch sie in Theresienstadt ein. Walter Leyserson hingegen, der erste Mann von Balders Mutter und Vater von Peter wurde am 29. Januar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Hugos Vater Egon - damals mit den Leysersons befreundet - war Textilhändler in Berlin. Er litt unter den Repressalien der Nazis, da er mit einer Jüdin verheiratet war. Sein Sohn Harry galt in der Terminologie der Nazis als "Halbjude". Seine Frau Ilse zerbrach an der Ausgrenzung und Diskriminierung. Psychisch angeschlagen wurde sie in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Wie sie dort ums Leben kam, kann man nur vermuten.

Gerda Leyserson und Egon Balder heirateten nach dem Krieg. Eine von der Geschichte geformte Patchworkfamilie. Hugo Egon kam 1950 auf die Welt. "Meine Mutter hatte sich eine gewisse Härte angeeignet, die sie auch mir vermittelt hat. Ich glaube nicht, dass sie früher so war, vor dem Krieg. Sie ist erst so geworden, nachdem sie das alles erlebt hat.", erklärt er. Als Lebensmaxime gab Gerda ihrem Sohn mit auf den Weg: "Lach über die Dinge, dann hältst Du sie aus." Ein Ratschlag, den er schon sein ganzes Leben beherzigt.

Auszüge aus dem Interview mit Hugo Egon Balder

Unbekannte, ernste Seite des Entertainers
"Das gehört auch zu mir, denn die Geschichte ist ja auch meine. Und da gibt es wirklich Momente, wo man nicht mehr lachen kann. (…) Es ist vielleicht für die Zuschauer eine völlig andere Erfahrung, einen Menschen zu sehen, den sie sonst immer nur witzig, lustig, tralala erleben."

Nachlass der Mutter
"Der Nachlass meiner Mutter bestand hauptsächlich aus Papieren. Ich habe den Stern meiner Mutter gefunden, den sie tragen musste. Das hat sie mir verschwiegen, dass sie den aufgehoben hat. Vielleicht hat sie es auch schon selber vergessen, aber ich glaube es nicht. Sie hat mir nur nie davon erzählt. Und das war für mich schon ein recht einschneidendes Erlebnis (…). Da kriegt man einen dicken Kloß im Hals. Ich weiß noch genau, ich habe mich dann erstmal hingesetzt. Ich musste mich einfach hinsetzen, eine gefühlte halbe Stunde lang. Und dann spulte es ab: Was mag da alles passiert sein?"

Verwechslung bei der Deportation
"Meine Mutter hat mir erzählt, sie sei hinbestellt worden mit meinem Bruder Peter. Meine Oma war damals schon seit einem Jahr in Theresienstadt (…) Meine Mutter war mit Peter auf dem Bahnhof, dann wurde Frau Leyserson – so hieß meine Mutter damals – aufgerufen. Meine Mutter nahm ihren Sohn und stieg in den Zug nach Auschwitz. So. Und sie erzählte mir, dass es Herr Eichmann war, der feststellte, dass auf dem Bogen kein Kind vermerkt war. Dann wurde ihr klar, dass es sich um eine Verwechslung handelte und… naja, es kam dann wie es kommen musste, die richtige Frau Leyserson ohne Kind ging nach Auschwitz und meine Mutter hatte in Anführungszeichen "das Glück", nach Theresienstadt zu kommen."

Nachdenken über die Erfahrungen der Mutter
"Sie standen an einer Grube und mussten dort stehen. Wer dort nicht stand, wurde entweder erschossen oder fiel rein. Meine Mutter hat das ausgehalten – zwei Tage und zwei Nächte. Als ich das erfahren habe, war ich noch in einem Alter, wo ich mir gesagt habe: 'Das ist ja furchtbar.' – Aber mehr auch nicht. Darüber nachgedacht habe ich dann erst später."

Zu wenig gefragt?
"Ich habe mir hinterher oft die Frage gestellt, ob es etwas gebracht hätte, wenn ich mehr gefragt hätte. Aber wie ich meine Mutter kannte, hätte es nichts gebracht. Denn sie war in manchen Sachen einfach sehr, sehr geradlinig, sehr hart und auch sehr stur. Ich glaube, ich hätte noch so viel bohren können, sie hätte einfach nicht drüber reden wollen. Sie hätte mir nichts erzählt."

Schweigen des Bruders
"Mein Bruder Peter, der im KZ war, hat gar nichts erzählt, überhaupt nichts. Er ist, wie ich finde, sehr früh verstorben, mit 66 Jahren. Er litt an Tuberkulose in Theresienstadt und hat sich, glaube ich, davon nie erholt. Aber er hat auch, genau wie meine Mutter, nicht ein Wort gesagt."

Prägung der Mutter durch die Erlebnisse im KZ
"Meine Mutter konnte nicht verstehen, wenn Menschen sich wegen Kleinigkeiten aufgeregt, geweint haben oder traurig waren. Das hat sie, glaube ich, seit Theresienstadt nicht mehr verstanden, weil sie einfach gewusst hat, was ein Mensch alles ertragen kann. Das hat sie übrigens auch oft zu mir gesagt: 'Du kannst dir gar nicht vorstellen, was der Mensch alles ertragen kann.'"

Prägung durch die Eltern
"Man ist ja nicht nur das Produkt der Gesellschaft, sondern auch das Produkt seiner Eltern, nicht? Ich habe von meinem Vater eine gewisse Leichtigkeit und vielleicht eine gewisse Flachsigkeit, aber auch von meiner Mutter habe ich einiges. Ich bin ein sehr pragmatischer Mensch, ich hasse jegliches Gerede. Ich möchte immer, dass alles schnell geht (…) und ich bin im Prinzip sehr gerade, (…) ich mache mir auch keine Gedanken großartig über irgendwelche Geschichten, ich weine auch nicht, ich bin halt von meiner Mutter so erzogen worden und jetzt weiß ich mittlerweile auch, warum ich so bin: Ich bin eben das Kind einer KZ-Insassin."

Ratschlag der Mutter
"Meine Mutter hat zu mir auch immer gesagt, so unterschwellig: Pass schön auf, dass sich das nicht wiederholt und wenn du merkst, dass sich das irgendwann wiederholt, dann hau ab."

Interviewausschnitte mit Zeitzeugen, Protagonisten und Historikern

Über Fredy Hirsch, der in Theresienstadt und Auschwitz mutiger Beschützer vieler Kinder war

Yehuda Bacon, Jude aus Ostrawa (Tschechoslowakei); als Kind in Auschwitz, in der Obhut von Fredy Hirsch:
"Ihm verdanke ich, dass ich lebe. Nicht nur ich, alle aus dem Kinderblock verdanken ihm das Leben. (…) In seinem Wesen war er wie ein preußischer Soldat. Beim Appell mussten wir tiptop sein. Schuhe, alles musste geputzt sein. In Auschwitz! Aber er wusste, dass man wegen so einem Blödsinn mit dem Tode bestraft werden konnte. Er hat auch gesagt: Auch wenn es nur Schnee ist, du musst dich waschen. Du musst frisch aussehen, du musst imponieren. Jeden Tag kontrollierte er, ob wir in Ordnung waren, gekämmt und geputzt und so weiter, soweit das möglich war. (…) Fredy Hirsch war der Dynamo. Alle Kinder und Jugendlichen vergötterten ihn. Er tat alles, um die Bedingungen für die Kinder zu verbessern. Und jeder wusste: Fredy Hirsch ist unser König, der nur für uns da ist und uns in jeder Weise helfen will."

 

Über Witold Pilecki, der sich freiwillig gefangen nehmen ließ, um in Auschwitz das Schicksal polnischer Häftlinge zu ergründen und ihnen zu helfen, Widerstand zu organisieren

Adam Cyra, Biograf von Witold Pilecki:
"Pilecki war ein disziplinierter Offizier und er hat sich freiwillig für diese Aktion entschieden. Er hätte dabei umkommen können, aber er hat es als seine Aufgabe angesehen."

Andrzji Pilecki, Sohn von Wiltold Pilecki:
"Er hat immer gesagt, wenn Du etwas beginnst, dann tue es gut und bringe es zu Ende. Wenn ich zurückblicke, war unser Vater immer ein fröhlicher Mensch. Aber er hat auch versucht, uns Kinder etwas an militärischen Drill zu gewöhnen. Ich weiß nicht, ob es wirklich nötig war. Aber vielleicht doch?"

Tadeusz Sobolewicz, war im Lagerwiderstand:
"Ich erinnere mich, dass Pilecki schon im Oktober 1940 durch Mithilfe eines freigelassenen Gefangenen umfassende Informationen darüber weitergeleitet hat, was in Auschwitz passiert. Und dieser Bericht von Pilecki gelangte im März 1941 nach London, zur polnischen Exilregierung. (…) Pilecki war ein Ehrenmann, ein außergewöhnlicher Mensch."

  

Aus dem Interview mit Rena Birnhack, die in Auschwitz war

"Ich habe immer gesagt: Ich will leben! Selbst in den schlimmsten Zeiten. Ich will leben! (…)
Als wir in Auschwitz ankamen, hat man uns gesagt: Wenn man Glück hat, kommt Wasser. Wenn man kein Glück hat, kommt Gas. Und wir sind dort hineingegangen und es kam Wasser. (…) Bis heute kann ich den Geruch von Verbranntem nicht ertragen. Das bleibt immer in Erinnerung. Schrecklich. Die Öfen haben gearbeitet Tag und Nacht. (…)
Es gibt viele, die sagen, das ist nicht wahr. Weil es so unglaublich ist.  (…) Man muss das immer wieder erzählen, so dass es nie, nie, nie wieder passiert!"

 

Hans Frankenthal, über den Transport nach Auschwitz

"Es waren lediglich zwei Blecheimer in diesem Waggon, und das war alles. Nun können sie sich vorstellen, was da am zweiten, dritten Tag mit dem täglichen Stuhl und Urin los war. (…)
Kurz vor der Ankunft fragte mein Vater: "Was siehst Du?" Dann habe ich ihm gesagt: Jetzt wird es ganz hell hier. Ich sehe Stacheldraht, ich sehe Postentürme, ich sehe Menschen mit Gewehren, mit Maschinengewehren, Soldaten, auch SS. Dann habe ich ihm gesagt: Ich sehe Menschen in gestreifter Kleidung. Dann sagte er mir: Wir sind in einem Konzentrationslager. (…) Dann sagt er, solltet ihr überleben, geht nach Schmallenberg zurück, ich überlebe das nicht."

 

Über Auschwitz

Tadeuz Sobolewicz, als Häftling in Auschwitz:
"Diejenigen, die neu im Lager ankamen, die sogenannten "Neuzugänge" wurden auf dem Appellplatz zusammen getrieben, und dort hielt der Lagerkommandant eine Ansprache. Er sagte: 'Wenn sich unter euch Juden befinden, dürfen sie nicht länger als 14 Tage leben. Priester höchstens einen Monat, und der Rest ... pah... vielleicht schafft ihr es, drei Monate zu überleben. (…)
Ich habe gesehen, wie einem der Kollegen ein Sack auf den Boden gefallen ist, der Zement ist ausgekippt, sofort kamen zwei SS-Männer auf ihn zu, und begannen, ihn zu schlagen. 'Du verfluchtes Schwein. Du verfluchter Schweinekopf. Du Halunke. Du machst Sabotage. Sabotage.' Und sie riefen diesen Kapo August: ' Kapo, weg mit dem.' Der Kapo nahm diesen armen Menschen, packte ihn hier am Hals, und schlug so lange mit dessen Kopf auf die Kante eines eisernen Bahnwaggons bis der ganze Kopf voller Blut war und das Hirn heraustrat. Als er leblos hinfiel, trat er ihm noch hinterher. (…) Neben unserer schrecklichen Verfolgung durch die SS-Männer, die uns die ganze Zeit schlugen, neben dem Hunger, der uns den Darm umdrehte, war der dritte Feind die Läuse. Läuse, die sich in unsere Körper bissen, und dann kam der Fleck-Typhus."

Yehuda Bacon, als Kind in Auschwitz:
Wir Kinder wussten genau, was passiert. Die Gaskammer: Heute die, morgen ich. Da komme ich nicht raus. Das heißt von Auschwitz kommt niemand raus. Das war klar. (…)
Erst gingen sie in den riesigen Raum, die Entkleidungskammer. Über den Bänken war ein Knopf mit einer Nummer, sie sagten noch: 'Merken sie sich diese Nummer, binden Sie schön die Schuhe zusammen und bündeln Sie schön die Sachen und beeilen Sie sich ein bisschen'. Manchmal gab man ihnen noch ein Stückchen Seife oder etwas, um sie noch mehr zu beruhigen. Es gab keine rohe Gewalt, aber sie waren umzingelt. In dem Moment, in dem sie unten bei den Duschen waren, konnten sie nicht mehr raus. Und als sie schon vollständig nackt waren hieß es noch: 'Beeilen Sie sich, die Suppe wird kalt'. Und dann gehen sie in die Kammern. (…) Es war beleuchtet, sie sehen die Duschen, dann schob man sie – fast so wie Sardinen – in die Gaskammern."

Eliezer Eisenschmidt, als Häftling im Sonderkommandos:
"Das Einzige, was man hätte tun können, war, sich selbst zu töten. Aber was hätte das genutzt? Das Einzige, woran ich immer gedacht habe war: Wie komme ich hier lebend raus, damit ich davon berichten kann? Sie wissen, es gibt nicht mehr viele aus dem Sonderkommando, ich bin einer der wenigen."

 

Alexander Brakel, Historiker über die Befreiung von Auschwitz:
"Als am 27. Januar 1945 die Rote Armee Auschwitz befreite, befanden sich noch viele ehemalige Insassen auf Todesmärschen, sie kamen noch ums Leben, d.h. für sie bedeutete der Tag der Befreiung von Auschwitz nicht das Ende ihres Leidens. Es gab einige Häftlinge, die noch im Lager waren, als die Rote Armee ankam, für sie bedeutete es natürlich Freiheit. Allerdings sind viele dann in den kommenden Tagen oder Wochen an den Folgen ihrer Lagerhaft und den katastrophalen Bedingungen verstorben."

Onlineangebot (ab Mitte Januar)

Die Dokumentation wird durch ein umfangreiches Onlineangebot ergänzt: Die Webstory "Das Auschwitz-Album" erzählt die Geschichte der Auschwitz-Überlebenden Lili Jacob, die bei ihrer Befreiung im Jahr 1945 ein außergewöhnliches Fotoalbum findet. Dieses Album ist das umfangreichste fotografische Zeugnis der Selektionsprozesse in Auschwitz-Birkenau. Es zeigt u.a. die Ankunft ungarischer Juden im Konzentrationslager, darunter auch Lili Jacob und ihre Familie. Mit Hilfe von Texten, Originalbildern, Videos, Animationen und Infografiken können die Nutzer unter www.zdf.de die Geschichte des Auschwitz-Albums und seiner Besitzerin erleben.

Copyright, Bildhinweis und Impressum

Copyright: ZDF und [m]kawom; Anthony Miller; Privat Fam.Balder; Witold Pilecki Jüdisches Holocaust Museum Prag; Fredy Hirsch Holocaust Museum Auschwitz; Privat Fam. Birnhack; Privat Fam. Frankenthal

Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information unter 06131 / 70-16100 oder über pressefoto.zdf.de/presse/mitdemmutderverzweiflung

Impressum:
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Weitere Informationen

Das ZDF wird am 27. Januar 2015 in seinem Tagesprogramm auch live von den Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz berichten.

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Name: Dr. Birgit-Nicole Krebs
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