Copyright: ZDF/[F] Raymond Roemke; [M] ZDF
Copyright: ZDF/[F] Raymond Roemke; [M] ZDF

Schlafschafe

Sechsteilige Instant-Dramaserie - neoriginal

Die Ehe von Lars (Daniel Donskoy) und Melanie (Lisa Bitter) gerät in Gefahr, als die junge Mutter plötzlich an Verschwörungstheorien glaubt und sich immer weiter von ihrem Mann entfernt. Dabei geht es Lisa doch nur darum, dass ihr gemeinsamer Sohn Janosch (Emil Brosch) gesund bleibt.

  • ZDF neo, Am Mittwoch, 12. Mai 2021, 0.45 Uhr, alle sechs Folgen am Stück
  • ZDF Mediathek, Ab Mittwoch, 12. Mai 2021, 10.00 Uhr, alle Folgen für ein Jahr abrufbar

    Texte

    Stab

    Regie: Matthias Thönnissen

    Buch: Zarah Schrade, Matthias Thönnissen

    Bildgestaltung: Sebastian Bäumler

    Ton: Bela Golya

    Szenenbild: Benjamin Scholl

    Kostüm: Gesa Lüthje

    Casting: Kristin Diehle

    Casting ZDF: Michael Ludwig

    Montage: Petra Scherer

    Musik: Florian Kreier, Cico Beck

    Fachberatung: Christian Alt, Christian Schiffer

    Produktionsleitung: Jannis Stahnsdorf

    Herstellungsleitung: Alecsander Faroga

    Produzent: Philipp Schall

    Junior Producerin: Laura Kirlum

    Produktion: Tellux Film GmbH

    Redaktion: Petra Tilger, Karina Ulitzsch

    Koordination ZDFneo: Carina Bernd

    Länge: 6 x ca. 15 Min

    Die Rollen und ihre Darsteller

    Lars – Daniel Donskoy

    Melanie – Lisa Bitter

    Janosch – Emil Brosch

    Patricia – Katerina Jacob

    Rüdiger Borst – August Zirner

    Franzi – Amanda da Gloria

    Dirk – Anton Fatoni Schneider

    Duncan – Jonas Holdenrieder

    Herr Lohren – Michael Halberstadt

    Lukasz – Gabriel Raab

    Korbinian – Finjen Kiefer

    Polizeibeamtin – Andra Braun

    Inhalt

    Die Beziehung von Lars und Melanie wird auf eine harte Probe gestellt, als herauskommt, dass Melanie Verschwörungstheorien anhängt. Erst schickt sie den gemeinsamen Sohn Janosch nicht zur Schule, weil es für seine noch nicht fertig ausgebildete Lunge gefährlich sei, Masken zu tragen, dann montiert sie im Haus alle Rauchmelder ab, weil diese Daten an ominöse Machthaber übermittelt würden, und schließlich will sie bei einer Demonstration von Verschwörungstheoretikern eine Rede halten. Lars ist entsetzt, seine Ehe steht kurz vor dem Aus und Janosch weiß nicht, ob er der Mutter oder dem Vater glauben soll.

    Es gibt für Lars nur eine Möglichkeit, seine Frau zurückzugewinnen. Er muss beweisen, dass ihre Theorien nicht stimmen. Dazu gibt Janosch seinem Vater einen sehr interessanten Tipp. Wird Lars sein Ziel erreichen, wird Melanie endlich verstehen, dass er kein Schlafschaf ist?

    Episodeninhalte

    Folge 1 – "Gläubige"

    Die heile Welt von Lars ist gar nicht so heil, wie er immer dachte: Seine Frau Melanie outet sich als Maskenskeptikerin. Das geht soweit, dass sie ihren Sohn Janosch nicht mehr in die Schule schickt, weil sie Angst hat, die Maske könnte seiner Lunge schaden. Lars sorgt sich, denn Janosch verpasst nicht nur den Lernstoff, sondern als Erstklässler auch alle Gelegenheiten, Freunde zu finden. Lars versteht die Welt – und vor allem Melanie – nicht mehr.

     

    Folge 2 – "Profiteure"

    Lars sieht einen Weg, zugleich Melanie mit ihren Sorgen zu beruhigen und Janosch wieder in die Schule zu schicken: Er willigt ein, zusammen mit seiner Frau, die "True Masks" zu besorgen. Dabei handelt es sich um Atemmasken, davon ist Melanie überzeugt, die nicht gesundheitsgefährdend sind. Die Händlerin Patricia verkauft sie zu Wucherpreisen. Lars ist entsetzt, als er im Lager des Onlinehandels eine Maske in den Händen hält. Er unterstellt der Geschäftsfrau, dass die "True Masks" herkömmliche Masken sind, wie sie im Handel überall verkauft werden. Lars hat Erbarmen mit Melanie und kauft sie dennoch. Melanie versucht daraufhin, ihren Mann aufzuklären: Es gäbe ein bestimmtes Ziel, das durch die "Einführung" des Virus erreicht werden solle.

     

    Folge 3 – "Aktivisten"

    Lars findet heraus, dass Melanie sich schon länger mit kruden Verschwörungstheorien beschäftigt. Besonders die Videos von Rüdiger Borst um die "Black-Rock-Satellite-Theorie" haben einen starken Eindruck bei ihr hinterlassen. Melanie geht mittlerweile völlig in ihrem Aktivismus auf und versucht, auch andere von "der Wahrheit" zu überzeugen.

     

    Folge 4 – "Prediger"

    Lars will nun seinerseits Melanie aufklären. Er macht den Internet-Prediger Rüdiger Borst ausfindig und entlockt ihm zumindest einen Hinweis auf die Quelle der "Black-Rock-Satellite-Theorie”. Abends wird Melanie von der Polizei heimgebracht; eine ihrer Aufklärungsaktionen hat für Aufsehen und eine Anzeige gesorgt. Das Paar spricht sich endlich aus und beschließt einen Waffenstillstand.

     

    Folge 5 – "Erfinder"

    Lars lässt sich ohne Melanies Wissen impfen. Das ist bereits das Ende ihres Waffenstillstands. Melanie fühlt sich getäuscht und zieht aus. Lars vertraut sich seinem besten Freund Dirk an. Der Computerspezialist findet Hinweise, wie der Urheber des Black-Rock-Satellite-Videos zu kontaktieren ist. Melanie bereitet sich derweil auf ihre erste Rede bei einer Corona-Demo vor. 

     

    Folge 6 – "Bekehrer"

    Lars ist überrascht, als er den Urheber des Black-Rock-Satellite-Videos trifft. Duncan, ein harmloser junger Kunststudent, wollte nur eine glänzende Abschlussarbeit abliefern. Die Kunstaktion ging viral und war offensichtlich sehr überzeugend – sie lief dann aber völlig aus dem Ruder. Die Geister, die Duncan alias Dr. Wang rief, wurde er nicht mehr los. Lars hat damit nun endlich die Lösung des Problems gefunden. Er ist sich sicher, dass er Melanie mit einem Besuch in Duncans Atelier von der Unhaltbarkeit dessen Theorie überzeugen und Melanie damit wieder zurückgewinnen kann. Ob das funktioniert?

    Rollenprofile

    Lars (Daniel Donskoy)

    Lars ist ein verlässlicher Typ, er ist kindlich verspielt geblieben, technikbegeistert und häuslich. Er liebt seine Familie, Fußball und Computerspiele. Seine Heimat, das Zuhause seiner Jugend, wollte er nie verlassen. Bei seinen Kumpels, im nagelneuen Eigenheim mit seiner kleinen Familie und als Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr ist er glücklich. Lars hat sich bisher wenig mit den "Aluhutträgern” beschäftigt, die zu dieser Zeit so oft im Fernsehen zu sehen sind. Dass er mehr mit ihnen zu tun hat, als er dachte, ist ihm entgangen – vielleicht wollte er es auch nicht sehen.

     

    Melanie (Lisa Bitter)

    Bevor Melanie Lars kennenlernte, war sie als Profi-Kite-Surferin aktiv. Dann haben sie geheiratet und ein Haus gebaut. Als Sohn Janosch unterwegs war, sattelte sie beruflich um und wurde Fitnesstrainerin. Zu Beginn der Pandemie verliert sie allerdings ihre Stelle im Sportstudio. Unzufriedenheit macht sich bei ihr breit. Anstatt sich um einen neuen Job zu bewerben, beginnt Melanie, sich mit Verschwörungstheorien zu beschäftigen: Dabei liest sie immer wieder, dass hinter der Coronapandemie ein perfider Plan steckt und die “Schwachen” "ausgelesen" werden sollen. Für Melanie ergibt das alles Sinn und vor allem: Es gibt Schuldige an der Misere, gegen die man vorgehen kann. Um mit den existentiellen Ängsten aus ihrer eigenen kleinen Welt umgehen zu können, konzentriert Melanie sich nur noch auf die Bedrohung der ganzen Welt. Die Masken-Diskussion ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. 

     

    Janosch (Emil Brosch)

    Der Sohn von Lars und Melanie wurde zu Pandemiezeiten eingeschult. Wegen der Pandemie muss er viel zurückstecken, ständig gibt es Verwirrung um das Maskenthema: Mama sagt, die Masken machen krank, Papa und die Lehrerin sagen, sie schützen vor dem Virus. Dass sich seine Eltern in dieser Zeit so viel streiten, macht ihm Sorgen. Wenn sein Papa doch nur den Erfinder der komischen Geschichten fände an die Mama glaubt. Dann, so hofft er, vertragen die zwei sich endlich wieder.

     

    Patricia (Katerina Jacob)

    Patricia ist eine typische Krisengewinnerin. Die Geschäftsfrau mit der esoterischen Ader verdient mit den Sorgen und Nöten der anderen gutes Geld. Ihr Internet-Versandhandel boomt. Von "sicheren" Atemmasken bis zu Rauchmelder-Attrappen hat sie alles im Angebot. Lars ärgert sich über ihre Skrupellosigkeit, aber Melanie möchte sich gerne mit ihren Produkten ausstatten. 

     

    Rüdiger Borst (August Zirner)

    Rüdiger ist ein Internet-Prediger. Seit ein paar Jahren versucht er, mit großem Einsatz, sein Online-Publikum zu überzeugen. Mit Erfolg – in letzter Zeit hat er auf die richtigen Themen gesetzt. Dank der Coronakrise ist seine Reichweite erheblich gestiegen. So teilt er zum Beispiel aus gegen Bill Gates und kritisiert offen und vehement das Impfen und die Eliten. Erfinden muss er dafür gar nichts, er bedient sich dabei aktueller Trends aus den USA oder bei den Aussagen von "Kollegen" aus der ganzen Welt. So teilt er auch das Video von einem gewissen Dr. Wang.

     

    Duncan/Dr. Wang (Jonas Holdenrieder)

    Duncan ist Künstler, Träumer und etwas naiv. Mit Anfang 20 ist er noch auf der Suche nach dem Sinn und sich selbst. "Black-Rock-Satellite” ist der Titel seiner Abschlussarbeit an der Kunsthochschule. Er hat dabei kein finanzielles Interesse – wohl aber ein Interesse an Applaus, Anerkennung und Ruhm. Und die Bestätigung bekommt er nun endlich: Seine Uni-Arbeit wird eine virale Kunstaktion, die beim Publikum durch die Decke geht. Leider erreicht er mit seiner Aktion und unter dem Pseudonym Dr. Wang die falschen Menschen, und so gerät alles außer Kontrolle.

     

    Dirk (Anton Schneider)

    Dirk und Lars kennen sich schon aus der Schulzeit. Ihre Freundschaft spielt sich fast nur auf der Humor-Ebene ab. So, wie das bei Männern nun mal ist. Nur selten werden echte Probleme besprochen. Als Melanie aber immer tiefer in die Verschwörungstheorien abdriftet, hilft Dirk seinem Freund Lars bei der Suche nach dem Erfinder der Black-Rock-Satellite-Theorie, von der Melanie überzeugt ist.

     

    Franzi (Amanda da Gloria)

    Franzi ist mit Lars' bestem Freund Dirk verheiratet. Die beiden haben einen Sohn, der auch Janoschs bester Freund ist. Auch Franzi und Melanie sind zu Freundinnen geworden, für Melanie ist es aber eher die Kategorie "Von-allen-Müttern-im Kindergarten-und-aus-diesem-Ort-ist-sie-die-sympathischste". Als Krankenschwester hat Franzi jeden Tag mit der grausamen Realität der Pandemie zu tun. Melanies Einstellung und das Masken-"Geschwurbel" bringen sie daher ziemlich auf die Palme.

    Statement der ZDF-Redakteurinnen Petra Tilger und Karina Ulitzsch

    Als die Idee, eine Serie über Verschwörungsmythen zu machen, auf dem Tisch lag, war sofort klar, dass das keine Dramaserie werden sollte, die in zwei Jahren zu sehen ist, sondern dass wir damit so aktuell wie möglich sein wollten. Dementsprechend lag der Schluss nahe, das seit letztem Jahr neu etablierte Format der "Instant Fiction" dafür zu nutzen. Im Rahmen der "Instant Fiction" haben wir in Zusammenarbeit mit ZDFneo und der ZDFmediathek die Möglichkeit, sehr schnell auf aktuelle und virulente Themen einzugehen. Dafür waren die "Schlafschafe" prädestiniert. Zum Glück haben sich die Tellux Film GmbH als Produktionsfirma und die Kreativen, allen voran Matthias Thönnissen als Regisseur, der gemeinsam mit Zarah Schrade auch das Drehbuch schrieb, mit Begeisterung darauf eingelassen. Denn wenn in wenigen Monaten entstehen soll, wofür man sonst ein bis zwei Jahre braucht, erfordert dies ein extremes Maß an Engagement und Flexibilität. Die Schauspielerinnen und Schauspieler, in den Hauptrollen Daniel Donskoy und Lisa Bitter, tragen diese Webserie mit einer Wucht und Emotionalität, die berührt. Sie trifft ins Mark, weil sie die gesellschaftlichen Strömungen unserer aus den Angeln gehobenen Welt auf die Sorgen und Ängste einer Familie herunterbricht. Und mittendrin ein kleiner Junge, der sich einfach nur wünscht, dass Mama und Papa das Gleiche denken. Aber das ist nicht so leicht, wenn sich der eine über die Möglichkeit einer Impfung freut, während die andere glaubt, das Virus sei dazu da, eine neue Weltordnung herzustellen. Unser Ziel war es, die Motive, aus denen eine ganz normale junge Frau zur Verschwörungstheoretikerin wird, zu ergründen. Dabei nichts zu verurteilen, aber auch nichts zu verharmlosen. Die Serie nimmt deshalb beide Figuren, die "Querdenkerin" ebenso wie das "Schlafschaf", erst einmal ernst. Aber sie bezieht eine klare Haltung.

    Statements von Zarah Schrade (Drehbuch) und Matthias Thönnissen (Drehbuch, Regie)

    Es war uns wichtig, einen Weg zu erzählen. Niemand wacht morgens auf und ist auf einmal Impfgegner, sondern es geht im Kleinen los, mit ersten Sorgen oder Unsicherheiten. Bei Melanie startet es mit der Sorge um ihren Sohn, der sechs Stunden am Tag in der Schule eine Maske tragen muss. Uns war es wichtig, auch Melanies Reise und ihre Motive zu erzählen, um zu verstehen, wie Menschen sich langsam, aber sicher immer weiter in Verschwörungsmythen verstricken können.

     

    Das Thema der Serie ist in Zeiten einer Pandemie besonders brisant, da wir gerade angehalten sind, Masken aufzusetzen, Kontakte zu minimieren, uns impfen zu lassen. Wenn ich also in dieser Zeit beispielsweise einen Partner habe, der nicht an Corona glaubt oder sich den Maßnahmen verweigert, ist es dramatisch, da er damit seine, aber auch die Gesundheit seiner Familie gefährdet. Besonders schlimm ist dies natürlich, wenn Kinder in so einer Familie leben und zum Spielball zwischen den unterschiedlichen Weltanschauungen ihrer Eltern werden.

     

    In unserer Serie verpacken beide Ehepartner ihre Ansichten in "Geschichten", mit denen sie vor allem ihren Sohn von ihrer Wahrheit überzeugen wollen. Es ist symptomatisch für unsere Zeit, dass es oft weniger auf die Fakten ankommt als auf den emotionalen Gehalt einer Geschichte. Deshalb fanden wir es spannend, unsere Erzählung um einen sechsjährigen Jungen zu entspinnen, der die Pandemie noch nicht faktisch begreifen kann, sondern emotional zwischen Papas und Mamas Geschichte hin und her gerissen ist. Das Beste für ihn wäre sicherlich, wenn seine Eltern die Gräben zwischen sich nicht weiter aufreißen und sich nicht gegenseitige Schuldzuweisungen machen würden. In diesem Sinne sollte man auch unsere Serie eher als ein Gesprächsangebot und nicht als Angriff verstehen.

    Der Begriff "Schlafschaf"

    Laut Verschwörungstheoretikern und Querdenkern sind "Schlafschafe" die Menschen, die ihrer Überzeugung nicht folgen und somit aus ihrer Sicht unwissend sind.

    Zum Thema Verschwörungstheorien

    Ideologien, wie in der Serie dargestellt, sitzen sehr tief. Es ist zu vergleichen mit einer Religion. Wie bei religiösen Menschen lassen sich auch Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker nicht so einfach von ihrem Glauben abbringen. Hier kann die Konsultation von Fachberatern und Fachberaterinnen in Sektenberatungsstellen eventuell weiterhelfen (siehe Angaben unten).

     

    Hilfe und Rat kann man sich zum Beispiel bei den Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern von "Der goldene Aluhut" holen, einer gemeinnützigen Organisation zur Aufklärung über Verschwörungsideologien, Sekten, ideologischen Missbrauch und Extremismus: https://dergoldenealuhut.de/

    Oder man wendet sich an die Sektenberatungsstellen der jeweiligen Bundesländer bzw. Städte. Eine Auflistung nützlicher Anlaufstellen und Telefonnummern sind hier zu finden: https://www.patiententelefon.de/pflege-und-therapie/psychologie-psychatrie-1/sektenberatung

     

    Interview mit Christian Schiffer über Verschwörungstheorien

    Christian Schiffer, Politologe und Mitautor des Buches „Angela Merkel ist Hitlers Tochter. Im Land der Verschwörungstheorien“, wirkte als beratender Experte bei der ZDFneo-Serie "Schlafschafe" mit.

    Gegenwärtig ist viel von Verschwörungstheorien die Rede. Was genau muss man sich unter diesen Theorien vorstellen? Gibt es in Ihren Augen so etwas wie den Klassiker der Verschwörungstheorien – und warum ist dieser so "erfolgreich"?

    Nun, bei Verschwörungstheorien geht es immer darum, dass ein negatives Ereignis oder ein negativer Zustand durch das Wirken von Einzelpersonen oder Gruppen erklärt wird, die im Geheimen die Fäden ziehen sollen. Leider ist vermutlich der größte "Klassiker" auf diesem Gebiet die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung, die letztlich in der Shoa und der Vernichtung der europäischen Juden mündete. Das ist ein Verschwörungsmythos, der leider immer noch anzutreffen ist. Die Welt ist ja kompliziert und sie wird immer komplizierter, und Populisten sind darauf angewiesen, für komplexe oder gar abstrakte Sachverhalte Schuldige zu finden. Und Verschwörungstheorien liefern immer Schuldige, auf die man dann mit dem Finger zeigen kann: Microsoft-Gründer Bill Gates hat Corona über uns gebracht, um dank Covid19-Impfungen noch reicher zu werden, die Kondensstreifen am Himmel sind keine Kondensstreifen, sondern sogenannte "Chemtrails", die von den sogenannten "Eliten" versprüht werden, und die Juden kontrollieren Medien und Wirtschaft. Das alles sind Methoden, um Komplexität zu reduzieren, und hier zeigt sich dann auch das antiemanzipatorische Potenzial von Verschwörungstheorien und was sie so gefährlich macht. Im Fall der jüdischen Weltverschwörung spielen dann natürlich auch Jahrhunderte alte Vorurteile eine Rolle.

     

    Warum lohnt es sich Ihrer Meinung nach, sich mit Verschwörungstheorien zu beschäftigen? Gibt man ihnen so nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig? Läuft man am Ende nicht Gefahr, an solche Theorien irgendwann selbst zu glauben?

    Ich glaube, dass man sich viel zu wenig mit Verschwörungstheorien beschäftigt. Ich habe beispielsweise schon 2015 vor der Gefahr gewarnt, die von sogenannten "Reichsbürgern" ausgeht, damals hat man das Thema noch nicht ernst genommen. Das ist erst passiert, nachdem in Georgensgmünd ein junger Polizist ermordet worden ist. Verschwörungstheorien spielten auch bei dem Massaker in Christchurch oder bei dem Anschlag von Halle eine große Rolle. Bei all diesen Morden wähnten sich die Täter in einem "Widerstand" gegen die mächtigen Verschwörer. Im "Widerstand" erscheint dann jedes Mittel gerechtfertigt, auch Gewalt. Das macht Verschwörungstheorien so gefährlich. Das Thema hat zwar mittlerweile sehr viel mehr Aufmerksamkeit bekommen, insbesondere während Corona, aber eigentlich müsste noch mehr passieren. Es gibt zum Beispiel kaum Stellen, an die sich Angehörige wenden können, wenn sie das Gefühl haben, in eine Verschwörungswelt abzugleiten. 

     

    Die Entstehung Ihres Buches in den Jahren 2016-2018 charakterisieren Sie und Ihr Mitautor Christian Alt als eine Reise in ein eher unbekanntes Land. Wie erleben Sie das heute? Immer noch Terra incognita? Fühlen Sie sich im Rückblick manchmal wie der berühmte einsame Rufer in der Wüste?

    Damals war das sicher so. Dabei war ja eine Motivation damals auch das Buch zu schreiben, die Wahl von Donald Trump. Viele erinnern sich nicht mehr daran, aber der politische Aufstieg von Donald Trump gründet sich maßgeblich auf einer Verschwörungstheorie. Er war damals ja führender Kopf der "Birther", derjenigen also, die behaupteten, Barack Obama sei in Wirklichkeit gar kein Amerikaner. Damals fand man das noch irgendwie kurios. Wenn heute aber ein durch Verschwörungserzählungen aufgestachelter Mob das Kapitol stürmt, da lacht niemand mehr. 

     

    Was beim Lesen auffällt: Viele Verschwörungstheoretiker und Verschwörungstheoretikerinnen haben im Kern eine radikal skeptische Grundhaltung, wollen hinter die Dinge schauen und besser verstehen – eigentlich Eigenschaften, die man mit wissenschaftlicher Objektivität und Forschungsinteresse verbindet. Trotzdem werden von den Anhängern ausgerechnet vernünftige, wissenschaftlichen Erkenntnisse als Erklärungen für Ereignisse und Phänomene geleugnet. Das ist doch ein Paradoxon, oder?

    Ja, Verschwörungstheoretiker sind da einfach nicht besonders konsequent: Einerseits begegnen sie Wissenschaftlern und Journalisten mit einer radikalen Skepsis, und zugleich hängen sie einem fast schon naiven Kinderglauben an, wenn es um die eigenen Theorien geht. Ein Schlafschaf ist eben immer der andere.

     

    Wie groß ist Ihrer Meinung nach der Anteil des Internets an der Entstehung und Verbreitung von Verschwörungstheorien?

    Das ist schwer zu sagen. Vieles wird durch das Internet ja einfach auch nur sichtbarer, ohne dass es wirklich zugenommen haben muss. Aber natürlich haben Medienrevolutionen auch immer dazu geführt, dass sich Verschwörungstheorien oder ähnliche Phänomene verbreitet haben. Auch der Buchdruck führte dazu, dass plötzlich beispielsweise Pamphlete wie der "Hexenhammer" kursierten. Man darf aber auch nicht vergessen, dass das Internet dazu beitragen kann, bestimmte Verschwörungstheorien zu widerlegen. Im Internet ist die Wahrheit nicht irgendwo da draußen, sondern meist nur einen Klick weit entfernt.

     

    Was kann man für sich selbst tun, was eventuell für andere, um sich vor Verschwörungstheorien zu schützen? Gibt es Goldene Regeln, die man beachten sollte?

    Das ist sehr schwierig. Der Verschwörungsglaube ist ja eine sehr tief sitzende Ideologie, die man nicht einfach mal durch gutes Zureden zum Verschwinden bringt. Oft ist das eher wie in einer Sekte und der Prozess, dort wieder herauszukommen, ist langwierig. Tendenziell würde ich es aber eher über Emotionen versuchen als über Fakten. Viele Menschen, die sich hilflos fühlen und ein Gefühl von wenig "Selbstwirksamkeit" haben, wie das die Psychologen nennen, sind besonders empfänglich für Erzählungen, die ihnen eine Erklärung für ihre Situation anbieten. Das Problem dabei: Der Glaube an Verschwörungstheorien ist nur eine Pseudolösung, er führt zu noch mehr Wut, Angst und Hilflosigkeit. Denn gegen die finsteren Mächte, die alles und jeden kontrollieren, kann man eben nichts ausrichten. Da kann es helfen, zu versuchen, den Menschen klar zu machen, dass sie ihr eigenes Schicksal in der Hand haben.

     

    Die Fragen stellte Dr. Stephan Mokry von der Domberg-Akademie

    Die "Instant-Serie" in ZDFneo

    "Instant-Serien" werden in einem beschleunigten Produktionsprozess realisiert, so dass sie, auch als fiktionale Programme, einen aktuellen Bezug herstellen können. ZDFneo hat seit Frühjahr 2020 verschiedene Instant-Serien mit unterschiedlichen Bezügen zur Corona-Thematik produziert: "Drinnen – Im Internet sind alle gleich", "Liebe. Jetzt!", "Lehrerin auf Entzug", "Liebe. Jetzt! Christmas Edition" (alle in 2020) und "Schlafschafe" (Onlinestellung und Ausstrahlung im Mai).

    Bildhinweis

    Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 – 70-16100,

    und über https://presseportal.zdf.de/presse/schlafschafe  

    Weitere Informationen

    Kontakt: Presse-Desk, Telefon: 06131 – 70-12108, pressedesk@zdf.de

    Impressum

    ZDF Hauptabteilung Kommunikation

    Presse und Information

    Verantwortlich: Alexander Stock

    E-Mail: pressedesk@zdf.de

    © 2021 ZDF