SCHULD nach Ferdinand von Schirach

Serie

Jeder kann zum Täter werden, es hängt nur von den Umständen ab. "SCHULD nach Ferdinand von Schirach" (sechs Folgen ab 20.2.2015, freitags, 21.15 Uhr ) veranschaulicht das Leben, das einer Tat vorausging. Und zeigt, wie es dem Anwalt gelingt, sich nach Maßgabe des Rechts mit Erfolg für den Mandanten zu engagieren. Den Anwalt Friedrich Kronberg spielt Moritz Bleibtreu.

  • ZDF, ab 20. Februar 2015, freitags, 21.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, ab Freitag, 6. Februar 2015, 10.00 Uhr

Texte

Qualitätsprogramm für alle Zuschauergruppen

Ich freue mich sehr, dass wir nach "VERBRECHEN" nun die Serie nach dem nachfolgenden Erzählband "Schuld" im Programm haben. Von Schirachs Geschichten sind ebenso realistisch wie in ihrer Komplexität nie vorhersehbar. Sie sind als Kriminalgeschich­ten außergewöhnlich. Sie zeigen, wie Anwalt und Gericht angesichts besonderer, heikler Fälle das Recht zur Geltung bringen und damit die Frage nach Gerechtigkeit beantworten.

Mit der genau konzipierten, neuartigen Erzählweise steht die Serie für die kontinuierliche Erneuerung des ZDF-Krimiangebots. Sie steht darüber hinaus für die hochwertigen innovativen seriellen Programme, die sich anschicken, das Gesicht des Fernsehens zu verändern. "SCHULD nach Ferdinand von Schirach" ist ein Qualitätsprogramm für alle Zuschauergruppen. Wir werden alle Folgen erstmals zwei Wochen vor der Sendung im Hauptprogramm in der ZDF-Mediathek zeigen. Damit stärken wir die ZDF-Mediathek und tragen den sich verändernden Sehgewohnheiten Rechnung.

Norbert Himmler, Programmdirektor ZDF

Ferdinand von Schirach im und zum Zweiten

Die Frage nach der Schuld durchzieht das Leben. Die Frage, ob man daran schuld sei. Die Behauptung, dass man dafür ja nichts könne. Ist der Begriff Schuld schon im alltäglichen Handeln mit heftigen Disputen, wohlfeilen Entlastungen und Selbstzweifeln verbunden, so zeigen Ferdinand von Schirachs so betitelte Geschichten, dass vor Gericht die Frage ohnehin nicht so beantwortet werden kann, wie es auf den ersten Blick auszuseh­en scheint. Es geht im Kern um das heikle Verhältnis von Rechtsprechung und dem, was gemeinhin als gerecht oder ungerecht empfunden wird.

Nach "Ferdinand von Schirachs VERBRECHEN" hat die Firma Moovie, haben Oliver Berben und Jan Ehlert, jetzt sechs Storys aus dem Nachfolgeband im Auftrag des ZDF verfilmt. Während in der ersten Serie die Darstellung der verbrecherischen Tat im Mittelpunkt stand, rückt der Akzent jetzt auf deren Beurteilung. Die Fortsetzung ist eine Steigerung: Dieses Mal spielt Moritz Bleibtreu den Anwalt, und er ist deutlich aktiver in die Filmhand­lung involviert. Die Episoden sind mit fernsehbekannte­ren Darstellern besetzt. Und gesendet wird um 21.15 Uhr, in der Primetime am Freitag. Ein weiteres Novum: Alle Filme sind zwei Wochen vor der TV-Ausstrahlung exklusiv in der ZDF-Mediathek zu sehen!

Ob es um ein Ehepaar geht, das mit der vermeintlichen Bereicherung seines Sexuallebens nicht fertig wird, die Gruppenvergewaltigung auf einem lustigen Volksfest oder auch um den tödlichen Ausgang eines Phantasiespieles unter Heranwachsenden - der Reiz von "SCHULD nach Ferdinand von Schirach" besteht darin, dass das Leben anschaulich wird, das der Tat vorausging. Und vor allem auch darin, wie es dem Anwalt gelingt, sich nach Maßgabe des Rechts für den Mandanten mit Erfolg zu engagieren. Die Zuschauer erwarten sechs Mal 45 Minuten modern inszenierte, spannende Erzählungen, die sie in die jeweilige Frage von Schuld oder Unschuld einbeziehen. Denn jeder kann zum Täter werden, es hängt von den Umständen ab. So eine Prämisse.

Günther van Endert, Redaktion ZDF

Die Entdeckung der Langsamkeit

Producer's Note von Oliver Berben und Jan Ehlert

Dass die Kurzgeschichten des Berliner Strafverteidigers Ferdinand von Schirach geradezu prädestiniert für eine filmische Umsetzung sind, ist spätestens mit der Ausstrahlung von "VERBRECHEN" im Frühjahr 2013 für eine breite Öffentlichkeit aufgezeigt worden. Die Serie hat Aufmerksamkeit erregt, wurde in Deutschland von der Kritik und von der Netzwelt gleichermaßen positiv aufgenommen und konnte auch im Ausland großes Interesse auf sich ziehen. Die Frage nach einer Fortsetzung kam recht schnell auf, wir haben sie uns auch gestellt. Natürlich, denn "VERBRECHEN" war das, was man als ein Herzblut-Projekt bezeichnet. Die Stärke des Programms liegt in der Leidenschaft, mit der es bis ins kleinste Detail von allen Beteiligten umgesetzt wurde. Wir wollten uns nicht wiederholen. Wir haben uns gegen eine Fortsetzung entschieden.

"SCHULD", Ferdinand von Schirachs zweite Anthologie, ist die logische Konsequenz aus "VERBRECHEN", auch im strafrechtli­chen Sinn. Im Strafprozess geht es nach der Feststellung, ob es sich bei einer Tat um ein Verbrechen handelt, darum, die Schuld eines Menschen zu wiegen. Das ist sehr schwierig, aber das in Deutschland geltende Schuldstraf­recht hat seinen Ursprung in dem Wunsch, die Fehler vergangener Zeiten nicht zu wiederho­len Ein Täter soll nicht nur über das definiert werden, was er getan hat. Das zwingt uns aber, uns mit uns selbst auseinander zu setzen. Mit dem, was wir für gerecht halten, für richtig und für falsch. Vielleicht sogar für gut und für böse. Können wir, wenn eine Tat besonders verwerflich ist, mit uns selbst vereinbaren, dass neun potenzielle Täter ins Gefängnis gesperrt werden, auch wenn nur acht von ihnen schuldig sein können und der Unschuldige nicht zu identifizieren ist? Wie vereinbaren wir den „Mordparagrafen“ §211 unseres Strafgesetzbuchs, der ein Überbleibsel aus der Nazizeit ist und für einen Mörder immer eine lebenslange Freiheitsstrafe vorsieht, mit dem Paragrafen §1 GG, der die Unantastbarkeit der Menschenwürde feststellt und damit die Grundlage schafft, dass Menschen nicht wie Objekte behandelt werden dürfen?

Die Fragen, die "SCHULD" aufwirft, sind die unmittelbare Schlussfolgerungen aus denen, die "VERBRECHEN" dem Zuschauer stellt. Für uns stellen sie in mehrerlei Hinsicht eine neue, spannende Herausforderung dar. Wir müssen unsere Objektivität aufgeben, müssen Abgründe nicht mehr nur zur Kenntnis nehmen, sondern in sie hineinschauen und müssen akzeptieren, dass Recht und Gerechtigkeit nicht etwa Gegensätze sind, wie der Volksmund es bisweilen annimmt, sondern dass es ohne das Recht keine Gerechtigkeit geben kann. Die Trennschärfe, mit der im TV-Krimi, der Lieblings-Fernsehdisziplin der Deutschen, üblicherweise Recht und Unrecht säuberlich voneinander abgegrenzt werden, wird bewusst außer Kraft gesetzt und der Zuschauer in die Beurteilung der moralischen Fragen direkt eingebunden. Dabei kann er sich nie zu sicher fühlen: In jeder Folge geht es um ein neues Schicksal, eine neue Geschichte, ein neues Urteil.

Gerade weil die Geschichten in "SCHULD" in tiefere Abgründe der menschlichen Seele führen, wollten wir die Serie einem möglichst breiten Publikum zugänglich machen. Wir haben uns daher für eine Erzählform entschieden, die ihre Kraft aus Implikationen holt, statt auf das Explizite zu setzen. Eine hohe Intensität bei der Inszenierung trifft auf kraftvolle, entschleunigte Bilder. Zeitebenen werden nebeneinander, aber auch gleichzeitig erzählt, die Bilder schieben sich ineinander und verschmelzen zu einem Strom, der seine Stärke aus seiner Langsamkeit generiert.

"SCHULD" ist eine Serie. Vielleicht noch eher eine Galerie. Jede Folge ist ein ausgewähltes Einzelstück, das erst im passenden Rahmen und in Verbindung mit den anderen Stücken richtig zur Geltung kommt. Neben diesem Rahmen, der aus einer konsequent gleichbleibenden, ästhetischen Umsetzung besteht, verbindet nur eines die Geschichten: der Strafverteidiger Friedrich Kronberg, dem der Ausnahmeschauspieler Moritz Bleibtreu eine fast unergründlich tiefe Seele einhaucht. Einer, der alles gesehen und keineswegs immer Recht behalten hat – und einer, der es sich zur absoluten Maxime gemacht hat, dass der Weg zur Gerechtigkeit nur durch das Recht führen kann.

Stab

Regie   Hannu Salonen und Maris Pfeiffer
BuchJobst Christian Oetzmann, André Georgi, Nina Grosse und Jan Ehlert nach den Kurzgeschichten von Ferdinand von Schirach, erschienen im PIPER Verlag
Kamera Hanno Lentz
TonRainer Plabst
Szenenbild Alexandra Pilhatsch
CastingMai Seck
Kostüm Helene Hohensee
Musik & VFX    Edition Meister & Solo Avital
Produktionsleitung  Janett Didik
Produzent  Oliver Berben
Producer  Jan Ehlert
ProduktionMOOVIE the Art of Entertainment GmbH
Redaktion Günther van Endert

Die einzelnen Folgen

Freitag, 20. Februar 2015, 21.15 Uhr: Der Andere (1/6)

Regie   Maris Pfeiffer
BuchNina Grosse
Rollen/Besetzung
Friedrich Kronberg Moritz Bleibtreu
Thorsten PaulsbergDevid Striesow
Lissy PaulsbergBibiana Beglau
Rüdiger Timmer Matthias Matschke
Sven Barnaby Metschurat
Vorsitzende Richterin Anna Stieblich
Staatsanwalt Peter Schneider
Rezeptionistin Claudia Eisinger

Ein Ehepaar lässt sich auf ein erotisches Abenteuer ein, entdeckt sich dabei neu. Er ist eher skeptisch, sie ist Feuer und Flamme, aufregend finden es beide. Doch dann taucht ein Problem auf: Ein Machtspiel der beiden lässt sie eine Grenze überschreiten. Sie schläft mit einem anderen, den er nicht erträgt; trotzdem guckt er tatenlos zu. Nach einem fürchterlichen Streit beschließt das Paar, das Abenteuer aufzugeben und findet wieder zusammen. Aber der Andere taucht erneut auf, und diesmal handelt er: Mit einem Quarz-Aschenbecher schlägt er den Anderen fast tot.

 

Freitag, 27. Februar 2015, 21.15 Uhr: Schnee (2/6)

Regie   Maris Pfeiffer
BuchAndré Georgi und Jan Ehlert
Rollen/Besetzung
Friedrich KronbergMoritz Bleibtreu
Karl-Heinz GronauHans-Michael Rehberg
JanaAylin Tezel
HassanEdin Hasanovich
Gerber Thure Lindhardt
Richter LamprechtGustav Peter Wöhler
Ulrike Gronau Emily Cox

Das MEK stürmt eine Wohnung im Berliner Wedding, in der nachweis­lich im großen Stil Drogen gestreckt und verpackt worden sind. Sie treffen den Mieter an und nehmen ihn fest: Ein zahnloser, alter Mann, der nicht so recht zu dem Verbrechen passen will, das man ihm vorwirft. Die Indizienlage ist er­drückend, wenn er nicht die wahren Täter nennt. Aber der Mann will sich nicht verteidigen lassen. Er schweigt, weil ihm das Glück doch noch einmal begegnet ist - in Gestalt einer schwangeren Frau.

 

Freitag, 06. März 2015, 21.15 Uhr: Die Illuminaten (3/6)

Regie   Hannu Salonen
BuchAndré Georgi
Rollen/Besetzung
Friedrich Kronberg Moritz Bleibtreu
Johannes DeittertJörg Hartmann
Henry, 17 Jahre Max Hegewald
Henry, 12 Jahre Niklas Kalbow
Lukas, 17 Jahre Jannik Schümann
Marguerite VerdierTeresa Harder
Anna KremerLisa Maria Potthoff
Jürgen KremerGodehard Giese

Eine Gruppe von Jugendlichen in einem Internat denkt sich immer neue Methoden aus, um einen Außenseiter zu traktieren, der eigentlich nur eins will: dazu gehören. Der Junge, ein künstleri­sches Genie, ist bereit, dafür auch Grenzen zu überschreiten. Im Rahmen eines mysteriösen Rituals kommt er beinahe ums Leben. Seine Kunstlehrerin rettet ihn unter schicksalhaften Umständen – und nimmt ihm damit gleichzeitig die letzte Hoffnung.

 

Freitag, 13. März 2015, 21.15 Uhr: Ausgleich (4/6) 

Regie   Maris Pfeiffer
BuchJobst Christian Oetzmann
Rollen/Besetzung
Friedrich KronbergMoritz Bleibtreu
AlexandraAnna Maria Mühe
Thomas Benjamin Sadler
Saskia, 9 JahreLina Hüesker
FelixLudwig Trepte
Alexandras Mutter  Gitta Schweighöfer
Richter FalkSamuel Finzi
Staatsanwalt KaulbachUwe Preuss

Ein Mann fängt an, seine Frau zu misshandeln. Über Jahre schlägt und vergewaltigt er sie, demütigt sie systematisch. Sie erträgt es stillschweigend, aus Angst um die gemeinsame Tochter. Doch dann droht er ihr offen den Missbrauch der Tochter an. Er wird kurz darauf erschlagen aufgefunden. Sie gesteht die Tat, was es für Friedrich Kronberg umso schwerer macht, die drohende Verurteilung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe abzuwenden.

 

Freitag, 20. März 2015, 21.15 Uhr: DNA (5/6)

Regie   Hannu Salonen
BuchJobst Christian Oetzmann
Rollen/Besetzung
Friedrich KronbergMoritz Bleibtreu
NinaAlina Levshin
Thomas DeggertMišel Matičević
HerrmannRainer Reiners
Hauptkommissar  Dirk Borchardt
Staatsanwalt Frank Leo Schröder
Siegfried Schubert Anian Zollner

Ein junges Obdachlosen-Pärchen tötet in Panik einen alten Mann und bestiehlt ihn. Sie kommen frei und finden mithilfe des gestoh­lenen Geldes zu einem geordneten Leben, wie sie es sich immer gewünscht haben. Mehr als fünfzehn Jahre später ist die forensische Wissenschaft so weit: Sie müssen einen neuen DNA-Test machen. Sie gehen zu spät zum Anwalt. Ein Leben lang hatten sie nur einander. Jetzt droht die alte Schuld, ihnen auch das zu nehmen.

 

Freitag, 27. März 2015, 21.15 Uhr: Volksfest (6/6)

Regie   Hannu Salonen
BuchAndré Georgi
Rollen/Besetzung
Friedrich KronbergMoritz Bleibtreu
SekretärinPheline Roggan
Claus Jakobi Adrian Topol
Alexander AlbrechtMichael Gwisdek
Marion Nolting Helga Wretman
Jürgen NoltingMax Herbrechter
Staatsanwalt WendlandRichard Sammel

Während eines Volksfests vergewaltigen die betrunkenen Angehörigen einer Musikgruppe eine junge Bedienung. Einer der neun Männer ist unschuldig, aber anonym, die polizeiliche Ermittlungsarbeit scheitert an gravierenden Fehlern. Es ist der erste große Fall des jungen Berliner Anwalts Friedrich Kronberg. Er wird ihn nie vergessen.

Das Böse

Statement von Ferdinand von Schirach

Wenn wir heute an das "Böse" denken, fallen uns Fälle, wie Jacques Unterweger, Frank Gust oder Anders Breivik ein. Sonntagnachmittag, ein freundliches Reihenhaus, ein Kinderroller liegt in der Einfahrt, es ist ruhig, nichts passiert. Und nur wenn wir genauer hinsehen, entdecken wir: Auf dem Kies ist eine dunkle nasse Schleifspur, und vor den Scheiben im Souterrain hängt ein gelber abwaschbarer Plastikvorhang. Der Russe Schikatilo hat mindestens 53 Morde begangen. Er war ein schwächliches Kind mit Sehstörungen. Als Erwachsener war er so unauffällig, dass die Polizei ihn zwar verhörte, aber nicht ernst nahm. Für seinen ersten Mord - ein neunjähriges Mädchen - wurde versehentlich sein Vermieter hingerichtet. Oder Joseph Fritzl. Er galt als freundlicher Nachbar, ein "liebevoller Opa" sagten Bewohner in seiner Straße. In seinem Keller hielt er 24 Jahre lang seine Tochter gefangen, vergewaltigte sie immer wieder und zeugte mit ihr sieben Kinder. In der Oper "Lulu" von Alban Berg ist der nie entdeckte Serienmörder Jack the Ripper ein höflicher Mann, er tötet und verschwindet wieder. Wir können dem Menschen nie ansehen, wer er ist.

Das Böse ist ein schneller Begriff, er hat etwas blitzartiges, ein ganzes Urteil in einem einzigen Wort. Strafverfahren sind das Gegenteil. Sie sind langsam, behäbig und lustlos, die Justiz wirkt zu träge, zu vorsich­tig. Aber immer wenn sie sich anders verhält, passieren Katastrophen. Erkenntnis in der Strafjustiz entsteht nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch Zeit, durch viel Zeit. Und tatsächlich ist dem Strafverfahren der Begriff "das Böse" fremd. Dort werden Tat und Täter untersucht, nicht Gut und Böse. Das Strafgesetzbuch beschreibt nur, was Verbre­chen und Vergehen sind. Die Begriffe des Richters sind Freiheitsstrafe, Sicherungsverwahrung und Führungsaufsicht - nie aber Hölle und Verdammnis.

Recht und Moral sind also streng voneinander getrennt. So ein Satz klingt einfach, aber damit zu leben, ist oft furchtbar kompliziert. Wenn wir nur das Wort "Kindesmissbrauch" hören, fällt jede Schranke. Wir erfahren davon und wollen nur eines: Rache. Ein Pranger auf dem Marktplatz der Stadt, ein Schand­pfahl, an den der Böse gekettet wird - das ist das Mindeste. Die Steinigung befriedigte über Jahrtausende unsere Bedürfnisse, es gab sie schon im antiken Griechenland. Wir wollen sehen, wie der Verbrecher vernichtet wird, wir glauben immer, wir stünden auf der richtigen Seite. Aber in Wirklichkeit sind die Dinge komplizier­ter. Eines meiner ersten Mandate war eine junge Frau, die ihr Baby getötet hatte. Ich besuchte sie im Gefängnis. Mein Kopf war damals voll von Aristoteles, Rawls, Kelsen und Hayek - Karl Popper verehrte ich sogar. Aber plötzlich war alles anders. Die Wände der Gefängniszelle waren mit grüner Ölfarbe gestrichen, sie sollte beruhi­gen. An einem winzigen Tisch saß die junge Frau. Sie weinte. Sie weinte, weil ihr Kind tot, sie eingesperrt und ihr Freund nicht mehr da war. Und genau in diesem Moment ver­stehen Sie, dass es nicht um die Frage geht: "Was ist das Böse?" Es geht immer nur um den einzelnen Menschen, es geht um uns, unsere Hoffnungen, unsere Irrtümer, unser Streben nach Glück und unser Scheitern. Das Leben dauert nur einen kurzen Moment, in wenigen Jahren werden wir alle tot sein. Wir sind endlich, zerbrechlich und verletzbar und auch wenn wir es machmal glauben, sind wir sind nie in der Lage, unser Leben ganz zu begreifen.

Die großen philosophischen Definitionen sind uns zu fern, wir können sie kaum verstehen und wenn es uns doch gelingt, nutzen sie uns nichts. Aber trotz all unserer Mängel haben wir etwas erschaffen, was uns weiterhilft. Heute bin ich mir sicher, dass die Strafprozessordnun­gen der Rechtsstaaten zu dem bedeutendsten gehört, was die Aufklä­rung hervorgebracht hat. Natürlich, auch sie können die Fragen nach dem Wesen des Bösen nicht beantworten. Aber sie kanalisieren unsere Wut, ihre Regeln ordnen unsere schwankenden Gefühle, Zorn und Rache lehnen sie als Ratgeber ab. Sie achten den Menschen und am Ende sind nur sie es, die uns vor uns selbst schützen können. Davon handeln im Grunde meine Geschichten und diese großartigen Filme.

Ich habe zwanzig Jahre lang Mörder und Totschläger verteidigt, habe Zimmer gesehen, in denen das Blut stand, abgeschnittene Köpfe, herausgerissene Geschlechtsteile und zerschnittene Körper. Ich habe Menschen am Abgrund gesprochen, die nackt waren, zerstört, verwirrt und entsetzt über sich selbst. Und nach all diesen Jahren habe ich begriffen, dass die Frage, ob der Mensch gut oder böse ist, eine ganz und gar sinnlose Frage ist. Der Mensch kann ja alles sein, er kann "Figaros Hochzeit" komponieren, die Sixtinische Kapelle erschaffen und das Penicillin erfinden. Oder er kann Kriege führen, vergewaltigen und morden. Es ist immer der gleiche Mensch, dieser strahlende, verzweifelte, geschundene Mensch. Und deshalb ist auch der Mensch das Eigentliche und nicht die Theorien über ihn. Wenn heute Filme gemacht werden, die uns das zeigen, ist viel erreicht. Wenn sie dann auch noch so wunderbar gelingen wie "SCHULD", haben sie die Chance, etwas in uns zu verändern.

Der Star ist immer die Geschichte

Interview mit Moritz Bleibtreu

In den USA ist der Serienhype ja schon vor einigen Jahren ausgebrochen. Mit "VERBRECHEN nach Ferdinand von Schirach" und "SCHULD nach Ferdinand von Schirach" werden neue Erzählformen ausprobiert. Finden Sie, dass sich das Fernsehen in Deutschland in den vergangenen Jahren weiterentwickelt hat?

Die Entwicklung innerhalb der letzten zehn Jahre war enorm. Angefan­gen hat das mit US-Serien wie "Die Sopranos", in denen TV-Formate einen irren Sprung gemacht haben. Es haben sich auch völlig neue Möglichkeiten aufgetan. Serien haben sich mittlerweile in eine hoch­komplexe Kunstform verwandelt, die das Fernsehen an sich und die Erzählstruktur vollkommen verändert hat. Gleichzeitig sind die Grenzen zwischen Kino und Fernsehen, die es vor 20 Jahren noch gab, innerhalb kürzester Zeit ver­schwommen. Da hat sich viel getan. Zum Glück auch in Deutschland, wo man sich mittlerweile auch an viel komplexere Serienstrukturen herantraut. Wenn es Projekte wie "SCHULD nach Ferdinand von Schirach" schon vor zehn Jahren gegeben hätte, dann hätte ich das auch schon früher gemacht.

Sie sind seit vielen Jahren erstmals wieder in einer Fernsehrolle zu sehen. Was hat Sie dazu bewogen, nach mehr als 15 Jahren die Hauptrolle in einem TV-Format zu übernehmen?

Dass ich jetzt wieder im TV zu sehen bin, hat sich so ergeben. Ich habe die Entwicklung der letzten Jahre ja mitbekommen, und in Deutschland gab es immer schon gute Fernsehformate. Und dann hat Oliver Berben das Angebot für die Rolle des Friedrich Kronberg an mich herangetragen. Da ich lange nicht im Fern­sehen zu sehen war, wurde ich in den letzten Jahren nur selten für TV-Produktionen angefragt. Als mir diese Rolle angeboten wurde, fand ich das sofort reizvoll. Ich kannte ja bereits die Vorgängerserie "VERBRECHEN nach Ferdinand von Schirach". Deshalb war ich auch sofort neugierig auf das Projekt.

Kannten Sie auch Ferdinand von Schirachs Erzählband "Schuld", als Ihnen die Rolle angeboten wurde?

Ich hatte "Schuld" noch nicht gelesen, das habe ich dann natürlich sofort nachgeholt. Es handelt sich um hochkomplexe Geschichten. Ich habe höchsten Respekt vor dem Beruf des Strafverteidigers und vor Ferdinand von Schirach. Es ist ein sehr schmaler Grat zwischen Moral und Recht, auf dem man da wandelt. Diese Arbeit ist rein menschlich gesehen äußerst anstrengend. Sie muss aber auch gemacht werden. Und das ist zu bewundern. Für mich wäre der Beruf des Strafverteidigers nicht der Richtige. Denn ich neige dazu, die Dinge schnell zu bewerten und zu beurteilen. Mir würde es vermutlich sehr schwer fallen, die Grenzen so klar zu ziehen.

Haben Sie sofort zugesagt, als Ihnen die Rolle angeboten wurde? Was war für Sie besonders reizvoll an der Figur und am Stoff?

Das ging eher fließend. Es waren ja doch einige Bücher, die es zu lesen gab. Es gab dann auch noch Gespräche mit dem Produzen­ten Oliver Berben. Dann war für mich aber relativ schnell klar, dass mich die Rolle interessiert. Gerade die Möglichkeit, eine Figur über einen längeren Zeitraum zu entwickeln, wie es nur in einer Serie möglich ist, hat mir gefallen. In abgeschlossenen Filmen stehen dafür ja immer nur die üblichen 90 bis 120 Minuten zur Verfügung. Außerdem fand ich die Erzählbände von Ferdinand von Schirach sowie die Drehbücher sofort spannend. Und auch die Thematik an sich, der Umgang mit Schuld, was ist das und wie geht man gesellschaftlich damit um, hat mich von Anfang an gereizt.

Wir würden Sie die Figur Friedrich Kronberg beschreiben?

Der Star der Geschichte ist immer die Geschichte. Dadurch, dass bei "SCHULD nach Ferdinand von Schirach" die Fälle nicht ineinander übergehen und es auch keinen Erzählbogen über die Figur hinweg gibt, sondern dass es sich hier immer um abge­schlossene Geschichten handelt, ist Friedrich Kronberg im besten Sinne ein Conférencier. Er führt die Zuschauer durch die Geschichten, durch seine Augen werden die Fälle betrachtet. Aber im Fokus stehen immer die Geschichte und die Figuren der jeweiligen Folge. Der Anwalt Friedrich Kronberg lebt von dem Geheimnis, dass seine Figur nicht auserzählt wird. Das Geheim­nisvolle fand ich sofort sehr gut und auch ungewöhnlich. Das hat für mich auch den Reiz der Rolle ausgemacht.

Haben Sie durch ihre Rolle einen anderen Blick auf die Justiz und die deutsche Rechtsprechung bekommen?

Mein Blick wurde nicht unbedingt anders, aber auf jeden Fall detaillierter. Mir ist viel klarer geworden, wie schwer es ist, ein rechtsstaatliches System aufzubauen und Recht umzusetzen. Recht darf nie moralisieren. Gleichzeitig können aber die Folgen dessen, was Menschen anderen Menschen antun, nur ganz schwer ohne Urteil oder ohne moralische Wirkungen gesehen werden. Wenn Recht moralisieren würde, wären wir schnell in einem totalitären System. Recht darf nicht persönlich sein, es muss versuchen, das Für und Wider so genau und emotionslos wie es irgendwie geht, abzuwägen. Und das ist natürlich harte Arbeit. Mein Blick ist auf jeden Fall geschärft. Aber es bleibt trotzdem ein riesiges komplexes Geflecht. Ohne unser Rechts­system würde nichts funktionieren. Es bleibt aber ein Buch mit sieben Siegeln für mich.

Das Interview führte Franziska Dotzauer

Premiere im Netz: Der Zuschauer entscheidet

Das ZDF-Online-Angebot

In welcher Reihenfolge Sie die sechs Folgen "SCHULD nach Ferdinand von Schirach" sehen wollen? Das entscheiden Sie! Wann und wo Sie die neue Serie schauen, ebenfalls. Denn das Ausnahmeformat "Schuld" geht online völlig neue Wege: Ab 6. Februar 2015, und damit zwei Wochen vor TV-Ausstrahlung, ist die vollständige Staffel in der ZDF-Mediathek zu sehen.

Der Täter in jedem von uns

Auf www.schuld.zdf.de erwartet Sie ein breites Angebot an Videos, Interviews und Hintergrundinformationen zur Serie. So verrät Moritz Bleibtreu, warum er für "SCHULD nach Ferdinand von Schirach" zum Fernsehen zurückgekehrt ist. Der Jurist und Autor der Buchvorlage Ferdinand von Schirach erzählt aus der Praxis des Anwalts und geht der Frage nach, wie viel Täter in jedem von uns steckt. Wer seine Fragen in den Interviews nicht beantwortet sieht, hat die Gelegenheit, diese im Anschluss an die Folgen direkt an Darsteller und Produktionsbeteiligte zu stellen. Die genauen Teilnehmer und Details zu den Chats finden Sie im Februar unter www.schuld.zdf.de.

Jasmin Pauschert

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Die DVD "SCHULD nach Ferdinand von Schirach" (Herausgeber: Studio Hamburg Enterprises GmbH) ist nach der Fernsehausstrahlung im Handel und über www.zdf-shop.de erhältlich.

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