Copyright: ZDF / Jan Schulz
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Supermächte – Russlands Rückkehr?

"ZDFzeit"-Dokumentation

Kreml-Chef Wladimir Putin hält den Zerfall der UdSSR für "die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts". Gewinnt Russland unter Putin frühere Weltgeltung zurück?
Eine Frage, der die Dokumentation von Stefan Brauburger und Christian Frey nachgeht.

Die dritte und letzte Folge der Doku-Reihe "Supermächte" aus der Redaktion Zeitgeschichte versucht eine Bestandsaufnahme und wirft auch einen Blick zurück in die Geschichte Russlands, in die Vergangenheit des Strebens nach Weltgeltung.

  • ZDF, Dienstag, 24. Juli 2018, 20.15 Uhr

Texte

Neue Welt-Unordnung die "Supermächte" und Europa
Von Stefan Brauburger, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte und Mitautor der Filme

Die Weltordnung scheint aus den Fugen. Die Konstellation der großen Mächte ist kaum mehr berechenbar. Die wichtigsten "Player" der internationalen Architektur bestimmen ihre Position neu und damit ihren globalen Einfluss. Die dreiteilige Doku-Reihe der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte versucht eine aktuelle Standortbestimmung, schaut dabei aber auch zurück in die Geschichte, in die Vergangenheit des Strebens nach Weltgeltung.

Die Autoren richten den Blick auf China, die USA und Russland und ziehen Vergleiche: Was ist beim Ranking entscheidend? Sind es klassische Maßstäbe wie militärische Überlegenheit, Wirtschaftskraft, hohe Bevölkerungszahl und technischer Vorsprung? Oder werden andere Faktoren wichtiger wie Führungsstärke nach innen und außen, Innovationskraft, Vorbildfunktion, Bildung globaler Allianzen, Sicherung von Ressourcen, hohe Investitionsraten? Und wie steht es um die Motivation, den Willen, Weltmacht zu sein?

Der Fokus der Filme richtet sich auch auf Europa. Denn es ist betroffen vom Kräftespiel der Mächte, etwa wenn sich EU- und NATO-Mitglieder nur noch bedingt auf Sicherheitszusagen der USA verlassen können, wenn transatlantische Standpunkte in wichtigen Fragen wie Klima-, Handels- und Sicherheitspolitik weiter auseinanderdriften.
Die Europäer sind auch herausgefordert, wenn China als führende Großmacht Asiens erklärt, wirtschaftlich, technisch und militärisch an die Weltspitze gelangen zu wollen, und das in einem Tempo, das, neben all den Chancen der Zusammenarbeit, einen harten Verdrängungswettbewerb um Ressourcen und Weltmarkt-Anteile befürchten lässt.
Und was ist damit gemeint, wenn der russische Präsident bei einer Waffenschau gigantische Nuklearraketen präsentiert, den postsowjetischen Raum als Einflusszone für sich reklamiert und zudem erklärt, dass dort, wo Russen leben, Russland auch Interessen hat – wie auf der Krim?
Manches mag wie eine Drohgebärde erscheinen oder vollmundige Propaganda, aber starke Worte werden wieder lauter in der Politik der großen Mächte. Wenn US-Präsident Trump etwa behauptet, unsere Welt sei eben "keine globale Gemeinschaft, sondern eine Arena", dann redet er einer internationalen Ordnung das Wort, die sich erheblich von dem unterscheidet, was sein Amtsvorgänger und Friedensnobelpreisträger Barack Obama anstrebte und die USA nach den verheerenden Weltkriegen maßgeblich vorangetrieben hatten: Wettbewerb, aber möglichst friedlich und nach allgemein anerkannten Regeln. Das scheint unter Trump vorbei zu sein. Geht es also künftig nicht mehr um internationale Kooperation, sondern vor allem um das Recht des Stärkeren? 

Zentrales Anliegen unserer Reihe ist, das oft verwirrende Kräftespiel der "Supermächte" auszuloten, mit Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Russland, die USA und China stehen für einstige, gegenwärtige und künftige "Supermacht". Der Europäischen Union – wirtschaftlich zumindest eine Großmacht – haben wir keinen eigenen Film gewidmet, aber ihre Rolle wird in jeder der drei Dokumentationen gespiegelt. Dabei wird deutlich, welchen Herausforderungen sich der Staatenverbund der Europäer in der neuen Konstellation der Mächte stellen muss. Etwa in der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Dass das scheinbar bedingungslose Schutzversprechen der USA irgendwann Einschränkungen erfahren könnte, kam nicht völlig überraschend. Aus Washingtoner Sicht befindet sich die Lastenverteilung westlicher Verteidigungspolitik schon seit Langem in einer Schieflage. Mehr militärische und außenpolitische Eigenständigkeit der Europäer – das soll nun nachgeholt werden. Erste Schritte der EU-Staaten zur Bildung einer Verteidigungsunion in Ergänzung zur NATO und Planungen zur gemeinsamen Beschaffung von Rüstungsgütern sind eingeleitet. Vor allem Berlin und Paris bestimmen über das Tempo.

Die Reihe zeigt zudem, wie die EU auch bei der Handelspolitik in Zugzwang gerät, vor allem, ihre ökonomische Macht in einer gemeinsamen Haltung zu bündeln und dabei Entschlossenheit gegenüber den USA und China zu zeigen. Ziel der EU ist, Washington vor Augen zu führen, dass ein Handelskrieg in Form von Strafzöllen nicht gewinnbar ist und dass die Spirale des Protektionismus am Ende nur Verlierer kennt. Die Frage ist, welche Instrumente der europäische Staatenverbund dafür mobilisieren kann und will. Gegenüber China fordert Brüssel gleiche Rechte und Bedingungen in den Handelsbeziehungen. Dass vom Staat gelenkte beziehungsweise gestützte chinesische Konzerne wichtige Unternehmen in Europa aufkaufen können und dies umgekehrt nur in eingeschränkter Form erfolgen kann, trifft auf immer stärkeren Widerstand. Nun stehen zudem schärfere Regeln zur Debatte, die Hochtechnologie europäischer Staaten vor Zugriff von außen schützen sollen.

In der Konstellation der Mächte ist aber auch ein neuer Systemgegensatz spürbar, wenn auch anders als im Kalten Krieg. Damals war die Welt in einen freiheitlich-demokratischen und einen sozialistisch-zentralistischen Block geteilt. Die "freie Welt" fühlte sich stets überlegen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion ließ sie als Sieger dastehen. Heute wird die westliche Demokratie vor allem durch autoritär gelenkte Regime herausgefordert, Russland trieb mit der Annexion der Krim einen Keil durch Europa. Peking will vor Augen führen, dass die liberale Demokratie für China kein Vorbild ist. Der rasante wirtschaftliche und technische Aufschwung im Reich der Mitte soll demonstrieren, dass die zentral dirigierte "sozialistische Marktwirtschaft" der effizientere, tragfähigere und zielstrebigere Weg in die Zukunft sein kann.

Dass sich der Westen diesem neuen Systemwettbewerb zu stellen hat, ist nach Meinung führender Experten, die in unseren Filmen zu Wort kommen, unvermeidlich. Sie betonen, dass es keine gute Werbung für das westlich-liberale System sei, wenn EU-Staaten sich gegenseitig blockierten, Krisen verschleppten, so etwas wie einen Brexit hervorbrächten, populistische Regierungen ermöglichten, und die USA einen unberechenbaren Donald Trump als US-Präsidenten hatten.
"Wir müssen darüber nachdenken, wie die Demokratie besser werden kann", sagt China-Kenner Frank Sieren im Interview. "Wenn nicht mehr eindeutig ist, wofür eine Westliche Demokratie steht und was sie leisten kann, dann ist das 21. Jahrhundert wirklich das Jahrhundert Chinas", meint Harvard-Professorin Cathryn Clüver. Das freiheitliche Europa müsse sich im Geiste seiner Grundsätze neu profilieren und als handlungsfähiger Akteur erweisen, sonst laufe es Gefahr, dass jene Kräfte auftrumpfen, die eher in einer autoritären und nicht in einer liberalen Ordnung das Heil für die internationale Zukunft sehen.

"Supermächte – Angst vor China?"
Sendetermin, Stab und Inhalt

Dienstag, 17. Juli 2018, 20.15 Uhr
"Supermächte – Angst vor China?"
ZDFzeit-Dokumentation

Buch und Regie_____Annette von der Heyde und Stefan Brauburger
Kamera_____Anthony R. Miller, Christian Baumann
Schnitt_____          Christoph Schuhmacher
Grafik_____Zornshot GmbH
Produktion_____Carola Ulrich, Philipp Müller
Redaktion_____Stefan Mausbach

Interviewpartner:
Prof. Hu Angang, Tsinghua-Universität, Peking
Prof. Anne Applebaum, Historikerin und Journalistin, Osteuropa-Expertin, London
Klaus Brinkbäumer, Chefredakteur und ehemaliger US-Korrespondent des "Spiegels"
Cathryn Clüver, Politikwissenschaftlerin, Harvard Kennedy School, Boston
Mikko Huotari, Mercator Institute for China Studies, Berlin
Dr. Sarah Kirchberger, Institut für Sicherheitspolitik, Universität Kiel
Prof. Qin Xuan, Renmin-Universität, Peking
Frank Sieren, China-Kenner und Journalist, Peking
Prof. Wang Yiwei, Renmin-Universität, Peking
Prof. Kai Vogelsang, Historiker, Asien-Afrika-Institut, Hamburg

Inhalt
China ist die aufstrebende Großmacht des 21. Jahrhunderts. Wann wird das "Reich der Mitte" die USA überrunden, mit welchen Chancen und Risiken für die Welt, für Europa? Präsident und Parteichef Xi Jinping will China an die Weltspitze führen: Nicht nur in Wirtschaft und Technologie, sondern auch politisch, kulturell und – bis zur Mitte des Jahrhunderts – auch militärisch. Was bedeutet das für die internationale Ordnung? Ist China bald die Nummer eins? Büßen die USA ihren führenden Rang ein? Welche Rolle spielt Russland?

Napoleon soll gesagt haben: "China ist ein schlafender Löwe, lasst ihn schlafen! Wenn er aufwacht, erschüttert er die Welt." Das riesige Reich ist seit Jahrzehnten im Umbruch: ein atemberaubender Aufschwung, boomende Megastädte, Rekord-Investitionen und eine beachtliche Steigerung des Wohlstands. China ist Exportweltmeister, zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde, holt bei den Zukunftstechnologien rasant auf. Entwicklungsprojekte wie die "Neue Seidenstraße" verschaffen internationalen Einfluss und sichern Ressourcen. Daraus ergeben sich aus Sicht des Westens Chancen und Risiken: China öffnet zwar riesige Märkte für westliche Unternehmen, erwirbt aber auch immer mehr Anteile an führenden "Playern", kauft Hightech-Firmen auf, transferiert das Know-how ins "Reich der Mitte", was dem Westen zunehmend Sorge bereitet. In Entwicklungsländern helfen chinesische Unternehmen und Banken beim Aufbau der Infrastruktur, sichern sich dafür den Zugriff auf Ressourcen und schaffen als Gläubiger Abhängigkeiten vor Ort. Doch wo liegen die Grenzen des Wachstums, und wer zahlt den Preis? Das westliche Demokratiemodell lehnt Peking ab, Opposition wird nach wie vor unterdrückt, staatliche Kontrollmacht mithilfe von elektronischer Überwachung erheblich ausgebaut. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft noch immer weit auseinander, die Umweltschäden sind in vielen Regionen verheerend.

Die Staatsführung hält dagegen. Historische Erinnerung soll den Aufschwung beflügeln. Viele Jahrhunderte war China eine kulturell und wirtschaftlich führende Großmacht. Im kolonialen Zeitalter wurde das Reich der Mitte vom Westen ausgebeutet und gedemütigt. Nun gilt der Blick in die Geschichte als Ansporn: an frühere ruhmreiche Zeiten anzuknüpfen und letztlich die westliche Welt zu übertrumpfen. Ob daraus ein Wettbewerb im Zeichen von Kooperation oder Konfrontation wird und welche Herausforderungen sich dabei vor allem für Europa ergeben, ist Thema kontroverser Debatten, die sich auch im Film über Chinas "Supermacht" spiegeln.

Experten-Stimmen aus "Supermächte – Angst vor China"

Prof. Kai Vogelsang, Historiker, Asien-Afrika-Institut, Hamburg
Xi Jinping ist überall. Man sieht seine Bilder, man sieht Poster mit seinem Gesicht, man sieht ihn auf Bannern, man sieht ihn im Fernsehen und wenn man die Zeitung aufschlägt. Wenn drei Bilder auf einer Seite sind, dann ist er mindestens auf zweien. Also er ist schon allgegenwärtig.

China war in der späten Kaiserzeit, das heißt etwa ab dem 11. bis 12. Jahrhundert, dem Rest der Welt weit überlegen. China hatte Millionenstädte in einer Zeit, als in Europa die größten Städte 20.000 bis 30.000 Einwohner hatten. China kannte den Buchdruck Jahrhunderte vor Europa, hatte Papiergeld, als in Europa noch lange nicht davon die Rede war. China kannte den Kompass, hatte das Schießpulver.

Es gibt dort Lehrbücher und Filmmaterial über den Untergang der Sowjetunion, die als Anschauungsmaterial dienen sollen, dafür, wie man es nicht machen darf. Anschauungsmaterial dafür, dass man den Griff auf die Gesellschaft nicht lockern darf, dass man vielleicht nicht zu kollektiver Führung übergehen darf, sondern eine Führerperson braucht. Es sind vor allen Dingen Künstler und Intellektuelle, die deshalb mit erheblichen Repressionen zu kämpfen haben.

 

Frank Sieren, China-Kenner und Journalist, seit fast 25 Jahren in Peking
China wird eine so große Rolle in der Welt spielen, wie wir es uns jetzt noch gar nicht vorstellen können. Und wenn es darum geht, gemeinsame globale Spielregeln zu definieren, müssen wir genau überlegen, was wir tun müssen, um da nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Es geht nicht darum, dass wir zu allem, was die Chinesen vorhaben, Ja und Amen sagen müssen, aber wir müssen vielleicht ein bisschen mehr lernen, uns aus dieser postkolonialen Phase zu verabschieden und die Chinesen wirklich als Partner zu sehen, die eigene Vorstellungen haben und die natürlich die Weltordnung mitgestalten wollen.

Für die Chinesen ist es üblich, in längeren Perioden zu denken und nicht kurzatmig zu entscheiden. Und da, glaube ich, haben sie einen großen Vorteil gegenüber uns. Was nicht bedeutet, dass ich ein autoritäres System besser finde als eine Demokratie, aber es bedeutet, dass wir uns über die Schwächen unserer Demokratie Gedanken machen sollten und überlegen sollten, wie man unsere Demokratie verbessern kann.

Wir wissen noch nicht genau, wann es geschieht, aber dass China Amerika überholen wird, ist ziemlich klar, und das ist schon eine sehr ungewöhnliche historische Situation, weil es eben zum ersten Mal seit vielen hundert Jahren eine Macht ist, die nicht aus dem Westen kommt.

 

Cathryn Clüver, Politikwissenschaftlerin, Harvard Kennedy School, Boston
Wenn nicht mehr eindeutig ist, wofür eine westliche Demokratie steht und was sie leisten kann, dann ist wirklich das 21. Jahrhundert das Jahrhundert Chinas.

 

Klaus Brinkbäumer, Chefredakteur und ehemaliger US-Korrespondent des "Spiegels"
China hat eine wirkliche weltpolitische Strategie, wie sie die USA im Moment nicht haben. China weiß, was es will und setzt es durch. Das muss nicht so bleiben, aber im Moment jedenfalls ist das so.

Die chinesische Gesellschaft ist auf Unterdrückung aufgebaut, auf nicht-demokratischen Werten. Wie lange hält das System der Unterdrückung? Wie lange hält ein System, das Menschenrechte nicht achtet, das Systemgegner inhaftiert, auch hinrichtet? Normalerweise kollabieren solche Systeme irgendwann.

Wenn Sie mich aber heute, 2018, fragen: "Welches System ist das stabilere?" Im Moment sieht es so aus, als würde die westliche Demokratie leiden, weil sie Ergebnisse wie den Brexit hervor- oder Präsidenten wie Donald Trump an die Macht bringt, während China robust, stabil und sehr schlagkräftig in die einmal vorgegebene Richtung marschiert.

Was kommt auf uns zu? Ich glaube, dass wir einen wirklichen Wandel in der Weltpolitik erleben werden und dass der nicht mehr so weit entfernt ist. Aber ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass das schon ausgemacht sei. Das chinesische System kann schon auch noch innerlich kollabieren, also implodieren.

 

Prof. Hu Angang, Tsinghua Universität, Peking
Es zeigt sich im Moment, dass China dabei ist, die westlichen Industrienationen einzuholen.

Im Westen gibt es die Redensart: Was ist ein Politiker? Einer für die nächste Wahl. Und was ist ein Staatsmann? Einer für die nächste Generation. Aber bei der chinesischen Führung ist es anders. Sie steht für die nächsten Generationen!

 

Prof. Qin Xuan, Renmin Universität, Peking
China ist seit Gründung der Volksrepublik 1949 bis zum kommenden Jahr, also in einem Zeitraum von 70 Jahren, vom Rand der Weltbühne Schritt für Schritt auf das Zentrum zugelaufen.

 

Prof. Wang Yiwei, Renmin Universität, Peking
Früher hieß "Made in China" Billigarbeit. Wir wissen, technischer Fortschritt und Innovation, braucht seine Zeit. Deshalb erwerben wir westliche Firmen. Wir wollen in ihren Markt und sie bekommen dadurch auch Zugang zum chinesischen Markt. Das ist doch eine Win-Win-Situation!

 

Mikko Huotari, Mercator Institute for China Studies, Berlin
China kann dadurch, dass der heimische Markt so groß ist, dass auch massive staatliche Finanzierungsspritzen in die Industrien einfließen können und zudem sehr viele billige Arbeitskräfte bereitstehen, überraschend schnell in einigen Bereichen solche Fortschritte machen, dass wir geradezu überrollt werden. Das ist derzeit in Ansätzen der Fall bei der Elektromobilität, bei allem was zu tun hat mit Logistik und Transportinfrastruktur und bei der E-Finance. Das sind nur einige der Bereiche, in denen China internationale Wettbewerber nicht nur einholen, sondern auch überholen kann.

 

Dr. Sarah Kirchberger, Institut für Sicherheitspolitik, Universität Kiel
Chinesische Unternehmen können in europäischen Ländern zum Teil erheblich freier investieren, als es umgekehrt europäischen Unternehmen in China möglich ist. Das ist ein Punkt, der auch von unserer Regierung sehr stark kritisiert wird.

Sorgen machen sollten sich diejenigen Unternehmen, die einen Technologievorsprung innerhalb ihrer Branche haben. Die sollten sich, wenn ein chinesischer Investor anklopft und sich beteiligen will, fragen, was passiert, wenn unsere Technologie kopiert wird oder abfließt. Wie gut können wir dann weiter im Markt mitspielen? Beispiel ist hier die deutsche Solarzellenindustrie, die ja im Grunde gegen die Konkurrenz aus Fernost komplett chancenlos wurde.

De facto gibt es schon chinesische Investitionen in EU-Ländern, wie zum Beispiel Griechenland, die so wichtig sind für das jeweilige Land, dass das politische Verhalten der Regierung davon beeinflusst wird. Wenn zum Beispiel die EU versucht, eine gemeinsame Position zu erarbeiten, um zum Beispiel China für Menschenrechtsverletzung zu kritisieren, dann kommt es vor, dass Länder, in denen China stark investiert hat, nicht bereit sind, diese gemeinsame Haltung mitzutragen und die gemeinsame EU-Position also daran scheitert.

Im Grunde wird in China versucht, moderne technologische Mittel, wie zum Beispiel die automatisierte Gesichtserkennung zusammen mit künstlicher Intelligenz, zu verwenden, um Menschen lückenlos im öffentlichen Raum zu überwachen und "Fehlverhalten", auch politisches, zu ahnden, indem auf einem Punktekonto entsprechende Minuspunkte auflaufen. Das führt dazu, dass die entsprechende Person Nachteile zu erwarten hat. Da fühlen sich natürlich viele Beobachter an die Vision von George Orwells "1984" erinnert.

 

Prof. Anne Applebaum, Historikerin und Journalistin, Osteuropa-Expertin, London
Sicherlich ist China auf dem Sprung, die größte Volkswirtschaft der Welt zu werden, wahrscheinlich früher als wir denken, und sicherlich beginnt China, sich selbst in einer umfassenderen Rolle zu sehen. Historisch betrachtet hatten es die Chinesen aber gar nicht darauf abgesehen, eine Rolle weit außerhalb ihrer Sphäre zu spielen. Sie haben nicht versucht, die internationale Politik zu beeinflussen wie die Russen und die Amerikaner etwa in Europa. Wenn China eine Supermacht werden soll, dann ist es vielleicht eine einer anderen Art. Hier geht es vor allem um die Wirtschaft und nicht darum, anderen irgendeine Ideologie oder Lebensweise aufzuerlegen.

"Supermächte – America first?"
Sendetermin, Stab und Inhalt

Dienstag, 24. Juli 2018, 20.15 Uhr
"Supermächte – America first?"
ZDFzeit-Dokumentation

Buch und Regie_____Florian Huber und Stefan Brauburger
Kamera_____Timothy Archibald, Jurek Wieben
Schnitt_____Gabriele Biasizzo
Grafik_____Zornshot GmbH
Produktion_____Jens Freels, Mirko Mikelskis (Story House), Carola Ulrich, Philipp Müller (ZDF)
Produzent_____Carsten Obländer (Story House)
Redaktion_____Stefan Mausbach

Interviewpartner:
Prof. Anne Applebaum, Historikerin und Journalistin, Osteuropa-Expertin, London
Dr. Josef Braml, Politikwissenschaftler, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, Berlin
Klaus Brinkbäumer, Chefredakteur und ehemaliger US-Korrespondent des "Spiegel"
Cathryn Clüver, Politikwissenschaftlerin, Harvard Kennedy School, Boston
Prof. Niall C. Ferguson, Historiker, Stanford University
Paul Michael Kennedy, Historiker und Politikwissenschaftler, Yale University, New Haven
Prof. Michael T. Klare, Sicherheits- und Energieexperte, Hampshire College, Amherst/Massachusetts
Prof. Ian Morris, Historiker, Stanford University
Prof. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler, Humboldt-Universität, Berlin

Inhalt
"America first!" lautet die Parole Donald Trumps, dafür setzt er die führende Rolle der USA als Vormacht des Westens und als internationale Ordnungsmacht aufs Spiel. "Die Welt ist keine globale Gemeinschaft, sondern eine Arena", lässt der US-Präsident verlauten und redet damit einer Weltordnung das Wort, die eher auf Konfrontation als auf Kooperation ausgerichtet ist und gewachsene Beziehungen in Frage stellt.

Wer als US-Präsident transatlantische Schutzversprechen relativiert, aus internationalen Abkommen wie dem Klimavertrag oder dem Atom-Deal mit dem Iran aussteigt, einen Handelskrieg anzettelt, langjährigen Verbündeten Sanktionen androht, rüttelt an der von den USA selbst geschaffenen internationalen Architektur. Fürsprecher Trumps sagen, er breche lediglich mit Verpflichtungen, die vor allem auf Kosten der USA gegangen seien, er reagiere auf eine veränderte Weltlage und innere Krisen.

Das Verhältnis der USA zu anderen Teilen der Welt war über weite Strecken der Geschichte ambivalent, das eigene Rollenverständnis wechselte. Im Laufe der Epochen gab das Weiße Haus unterschiedliche Antworten auf die Frage nach dem eigenen Standort als Großmacht.

George Washington riet von dauerhaften Verbindungen mit Mächten außerhalb Amerikas ab. Die Gründer- und Verfassungsväter sahen die expansive Außen- bzw. Kolonialpolitik der Europäer kritisch. Allerdings waren die USA damals auch in einer anderen Lage: Ihr Territorium konnte sich weiterhin auf dem Kontinent ausdehnen, war geschützt durch zwei Ozeane. Die spätere Formel "Amerika den Amerikanern" richtete sich gegen Einmischung von außen und setzte eigenen kolonialen Ambitionen Grenzen. Militärische Stützpunkte, Beistandsverträge, Handel und Investitionen sicherten Einflusssphären in Übersee.

Es waren die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts, welche die USA schließlich in die Rolle einer internationalen Supermacht katapultierten – wirtschaftlich, militärisch und politisch. Die Vereinigten Staaten galten als unangefochtener Führer, als Leuchtturm der "freien Welt", nach dem Ende der Sowjetunion als der herausragende Sieger des Kalten Krieges. Nine-Eleven und der Versuch, dem Terror militärisch und politisch Herr zu werden, zeigten der einzig verbliebenen "Supermacht" jedoch ihre Grenzen – ob in Afghanistan, im Irak oder in Syrien.

Barack Obamas Hoffnung, im Geiste von "Yes, we can" zur "Heilung" Amerikas und der Welt beitragen zu können, entpuppte sich als Illusion. Trump schuf mit "America first" den dezidierten Gegenentwurf zu den Visionen des Friedensnobelpreisträgers.

Wie zuverlässig ist die bisherige Vormacht des Westens noch für ihre Partner? Was bleibt vom transatlantischen Schutzversprechen? Was ändert sich an der Konstellation der Mächte und wie kann sich Europa darauf einstellen? Auch diesen Fragen widmet sich die zweite Folge der Reihe über die "Supermächte".

Experten-Stimmen aus "Supermächte – America first?"

Cathryn Clüver, Politikwissenschaftlerin, Harvard Kennedy School, Boston
Wir haben jetzt einen Präsidenten, der jegliche alliierte Verbindung, jede Partnerschaft in Frage stellt: der Verbündete als Feinde sieht und der Handelspartner zunächst einmal als Gegner betrachtet.

Interessanterweise hat der neue Ton der Amerikanischen Administration, sowohl in der Nordkorea-Frage als auch im Verhältnis mit den europäischen Alliierten, für eine ungeplante Bewegung gesorgt. In Nordkorea macht der Habitus des neuen amerikanischen Präsidenten Eindruck auf eine Führungsfigur wie Kim Jong-un. Auch dass unser gemeinsames europäisches Projekt wieder Auftrieb bekommen hat, haben wir einem Donald Trump zu verdanken, der erheblichen Druck aufbaut.

 

Prof. Ian Morris, Historiker, Stanford University
Ich denke, nachdem was in jüngster Zeit geschehen ist, werden die westlichen Allianzen nie wieder dieselben sein. Es ist wie ein Tabu, das gebrochen wurde.

Eine Möglichkeit, eine Supermacht zu definieren, ist, wenn sie es sich leisten kann, einen großen Krieg zu führen. Aber der einzige Weg, um eine Supermacht zu bleiben, ist, keinen großen Krieg zu führen.

 

Dr. Josef Braml, Politikwissenschaftler, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, Berlin
Bei Amtseinführung hat Donald Trump verbal die liberale Weltordnung eingerissen. Am gleichen Tag hat Xi Jinping auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos diese Werte hochgehalten. Wer da noch nicht gemerkt hat, dass die Weltordnung sich verändert, der wird es wohl nicht mehr merken.

Dieses Jahrhundert wird vom Antagonismus zwischen USA und China bestimmt werden. Sogenannte Friedensmächte wie Europa müssen aufpassen, dass sie nicht zwischen die Fronten geraten.

 

Prof. Niall Ferguson, Historiker, Stanford University, Mitglied des "Council for the Future of Europe"
Die Europäer machen die gleichen alten Fehler, wenn sie sagen, dass die USA abgebaut haben, dass der Präsident ein ignoranter Halbstarker sei und dass die Zukunft einer asiatischen Macht gehöre. Eine der Lehren der Geschichte ist: "Schreibe die USA nicht ab!"

Wenn die Europäer denken, dass sie bereit sind, ohne die USA zu bestehen, dann viel Glück! Was würde denn passieren, wenn sie einer echten militärischen Bedrohung gegenüberstünden?

 

Prof. Paul Michael Kennedy, Historiker und Politikwissenschaftler, Yale University, New Haven

Die Vereinigten Staaten sind ein nervöser Riese. Ein unglaublich nervöser Riese.

Die Rede von der amerikanischen Größe, der großen Ausnahmeerscheinung, der Führung, von der Nummer eins, entspricht längst nicht mehr der Realität und ist bloße Rhetorik.

Eine Großmacht wird eindeutig nicht mehr nur an der Stahlproduktion oder am BIP (Bruttoinlandsprodukt) gemessen. Sie muss an den Kriterien Künstliche Intelligenz, Cyberkrieg, Computerkontrolle und ähnlichem gemessen werden.

 

Prof. Michael T. Klare, Sicherheits- und Energieexperte, Hampshire College, Amherst/ MassachusettsEuropa wurde von der US-Administration heruntergestuft und von anderen geopolitischen Konflikten eingeholt. Es hat eine Verlagerung der US-amerikanischen Prioritäten in den Nahen Osten und nach Asien gegeben.

 

Klaus Brinkbäumer, Chefredakteur und ehemaliger US-Korrespondent des "Spiegel"
Europa hat die USA stark gemacht wie natürlich auch umgekehrt. Die europäischen Länder waren ein wesentlicher Teil der Substanz von Amerikas Stärke. In den USA wird das nicht so gesehen. Dort ist das Selbstverständnis eher so: Wir haben Europa geholfen. Daher kommt heute auch die Forderung von Donald Trump: Wir haben euch Jahrzehnte lang gerettet, wir haben euch immer unterstützt, was haben wir eigentlich von euch gekriegt?

Trump hat sich davon verabschiedet, Führungsmacht des Westens zu sein. Er will aber mit dem Slogan "America First!" keineswegs die Führungsrolle Amerikas aufgeben. First heißt "Nummer 1" und Donald Trump möchte die USA nunmehr auf seine Weise als weltweite Führungsmacht erhalten.

Man sollte auf gar keinen Fall die Brücken abbrechen. Europa sollte die Verbindungen zu den USA, so gut es geht, erhalten. Europa muss aber auch, völlig unabhängig davon, wer amerikanischer Präsident ist, sich selbst so weit entwickeln, dass es schlagkräftig wird – nicht nur im militärischen Sinne, sondern viel mehr im politischen Sinne, dass es handlungsfähig wird, dass es eine einheitliche Außenpolitik entwickelt, wirtschaftspolitisch stärker wird. Das ist schwer genug.

 

Prof. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler, Humboldt-Universität, Berlin
Wenn ich es ein bisschen zuspitzen darf, bedeutete der Westen für die Menschen: Man sitzt auf der Couch, lässt die Amerikaner die Sachen machen, und wenn etwas schief gelaufen ist, kommentiert man das. Und das Ende des Westens ist, dass wir uns von der Couch erheben müssen und selber diese Dinge tun müssen und uns hinterher dann selber zu kommentieren haben. Das ist ganz zweifellos die unangenehmere Situation und insofern bedauern wir das Ende des Westens.

 

Prof. Anne Applebaum, Historikerin und Journalistin, Osteuropa-Expertin, London
Es wird in den kommenden Jahren sehr wichtig sein, insbesondere für Europa, gemeinsam mit den Vereinigten Staaten eine abgestimmte Außenpolitik umzusetzen. Die Europäische Union ist dafür zurzeit ziemlich schlecht aufgestellt, ohne die Fähigkeit, gemeinsam zu denken und zu handeln. Auch mit den USA, wird Europa viel Mühe haben, gegen Russland und China zu bestehen.

"Supermächte – Russlands Rückkehr?"
Sendetermin, Stab und Inhalt

Dienstag, 31. Juli 2018, 20.15 Uhr
"Supermächte – Russlands Rückkehr?"
ZDFzeit-Dokumentation

Buch und Regie_____Stefan Brauburger und Christian Frey
Kamera_____Stephan Radke, Nicolai Kubicek
Schnitt_____          Sandra Ventriglia
Grafik_____Zornshot GmbH
Produktion_____Carola Ulrich, Philipp Müller
Redaktion_____Stefan Mausbach

Interviewpartner:
Prof. Anne Applebaum, Historikerin und Journalistin, Osteuropa-Expertin, London
Dr. Pavel Felgengauer, Journalist und Militärexperte, Moskau
Dr. Sarah Kirchberger, Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel
Prof. Margareta Mommsen, Politikwissenschaftlerin und Russlandexpertin, München
Prof. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler, Humboldt-Universität, Berlin
Prof. Vjatscheslav Nikonov, Historiker, Berater Putins, Moskau
Irina Scherbakowa, Historikerin und Kulturwissenschaftlerin, Moskau
Prof. Matthias Stadelmann, Historiker, Universität Erlangen
Prof. Nikolaj Svanidse, Historiker, TV-Journalist, Institut für Massenmedien, Moskau
PhD Dmitrij Trenin, Politikwissenschaftler Sicherheitsexperte, Direktor Carnegie-Zentrum Moskau

Inhalt
Moskau strebt unter Wladimir Putin wieder nach Weltgeltung. Der Kreml-Chef hält den Zerfall der UdSSR für "die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts". Nach einer Zeit der Demütigung und des Verlusts will er die Nation zu neuer Größe führen.
Aus westlicher Sicht hat Gorbatschow die Welt besser gemacht, aus der Warte Moskaus heute hat er die eigene Weltmacht verspielt. Putin will an zaristische und sowjetische Traditionen des Russischen Imperiums anknüpfen und machtpolitisches Terrain zurückgewinnen.
Wo im Ausland Russen leben und nationale Interessen – vor allem im postsowjetischen Raum – betroffen seien, habe Russland auch Ansprüche. Diese Haltung fand bei der Annexion der Krim ihre Zuspitzung und verschaffte Putin im eigenen Land enorme Popularität. Auch Interventionen in den traditionellen Einflusssphären, wie etwa in Syrien, dienen der Wiederbelebung früherer Macht. Medienwirksame "Superwaffen"-Shows sollen militärische Stärke demonstrieren.

Welche Bedeutung kommt den imperialen Traditionen Russlands zu? Die dritte Folge der Doku-Reihe "Supermächte" führt auch zu den Ursprüngen. Nach dem Untergang von Byzanz wollte Moskau politisch und religiös als das "dritte Rom" am legendären Vorbild anknüpfen. Damit begann auch der Aufstieg des Zarentums. Die offizielle Historiographie der Ära Putin nimmt darauf Bezug, hebt große geschichtliche Momente hervor und exponiert Herrscherfiguren, die Beispiel geben sollen: Selbst Iwan der Schreckliche wird als Mehrer russischer Macht geschätzt. Peter der Große modernisierte und stärkte das Reich, ebnete im Norden den Weg zu den Meeren. Zarin Katharina ließ die Krim erobern, wird aber wegen ihrer Nähe zum Westen auch kritisch gesehen. Alexander I. besiegte Napoleon und galt als Retter Europas. Russland wurde zum größten Territorialstaat der Erde. Nachdem die Existenz der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg durch den Überfall Hitler-Deutschlands zunächst auf dem Spiel stand, ebnete der Sieg im "Vaterländischen Krieg" Stalins Reich den Weg zur Supermacht. Auf Augenhöhe mit den USA dirigierte Moskau den von ihm beherrschten Teil der bipolaren Welt. Dieses Bild prägt auch heute noch die Erinnerung und die Vorstellung von imperialer Größe.
Umso schmerzlicher wirkt der Zerfall am Ende des vorigen Jahrhunderts. Machtdemonstrationen wie in Georgien, in der Ukraine, auf der Krim oder in Syrien sollen nun wiedergewonnene Stärke vor Augen führen. Doch verhindern wirtschaftliche und demografische Schwächen sowie Sanktionen des Westens den inneren Aufschwung. Gegenüber den USA und China fällt Russland weiter zurück. Zentrale Probleme internationaler Sicherheit – ob in Europa oder im Nahen Osten – scheinen jedoch ohne die Einbeziehung Moskaus kaum lösbar zu sein.

Experten-Stimmen aus "Supermächte – Russlands Rückkehr?"

Prof. Margareta Mommsen, Politikwissenschaftlerin und Russlandexpertin
Putin bietet den Russen ein Gefühl an: Du gehörst zu einer Großmacht, das hast du mir zu verdanken, ich biete dem bösen Westen die Stirn, und wir holen uns die historische Gerechtigkeit zurück, so wie die Krim.
Es gibt soziologische Umfragen dazu, die sind ganz eindeutig. Über Nacht war das Syndrom der gekränkten Großmacht verflogen, und noch hält dieses Gefühl an. Das hat auch noch geholfen, als der Kühlschrank immer leerer wurde und aufgrund westlicher Sanktionen der Lebensstandard sank. Man hat es dann ausgeglichen mit der Vorstellung: Wir sind Großmacht.

Die Rangfolge zwischen USA, Russland und China heute? Da ist Russland im Hintertreffen. Ungeachtet seiner einzigartigen Ausstattung an Rohstoffen, seines riesigen Territoriums, seiner Atommacht und so weiter ist Russland klar an dritter Stelle, weil es hinterherhinkt in der Wirtschaftsförderung, bei Strukturreformen, bei Impulsen für Innovation in Wissenschaft und Technik.

 

Prof. Matthias Stadelmann, Historiker, Universität Erlangen
Gorbatschow war ein Zauberlehrling, der seine Geister nicht mehr loswurde. Nur im Unterschied zu Goethes Zauberlehrling hatte er kaum eine Alternative. Er musste die Geister rufen. Die Sowjetunion war so marode, es musste etwas geschehen.

Wenn man mit Blick auf Russland den Ausdruck "Supermacht" gebrauchen will, trifft das für das Militärische zu. Russland ist auch eine große Macht, was die territorialen Gegebenheiten und das Rohstoffvorkommen angeht. Russland hat viel Potenzial, um zu den Großen dieser Welt gezählt zu werden. Auf der anderen Seite liegt vieles im Argen, und da schrumpft Russlands Größe zu zwergenhafter Statur. Im Vergleich zu dem Potenzial und zur Größe des Landes ist die Wirtschaftsleistung unbefriedigend. Es gibt eine ganze Reihe an Dingen, bei denen Russland gewaltigen Reform- und Nachholbedarf hat.

 

Prof. Anne Applebaum, Historikerin und Journalistin, Osteuropa-Expertin, London
Es ist sehr schwierig darüber zu reden, wie stark Russland wirklich ist, denn Russland ist ein Land, das gleichzeitig sehr stark und sehr schwach ist.

 

Prof. Vjatscheslav Nikonov, Historiker, Berater Putins, Leiter der Stiftung "Russische Welt", Moskau
Im Westen sind Gorbatschow und Jelzin die herausragenden Staatsmänner. Hierzulande gelten sie als die unpopulärsten von allen russischen Herrschern, an die sich die Menschen erinnern. Weil man sie vor allem mit der Zerstörung der Sowjetunion assoziiert.

Es gibt ein völlig unüberwindbares Streben im Westen, Russland nach dem Bild und der Art des Westens zu verändern. Man verweigert Russland das Recht, sich selbst treu zu sein. Aber es ist eine Nation, die eine sehr ernsthafte, große, ruhmreiche Geschichte hat. Wir können in vielem stolz darauf sein, dass wir Russen sind, wie wir sind, und nicht so, wie die Deutschen oder andere im Westen es wollen.

 

Dr. Sarah Kirchberger, Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel
Man kann von einer Art Systemkonflikt sprechen zwischen den westlichen Staaten auf der einen Seite und den autoritären Staaten China und Russland auf der anderen. Man kann vielleicht nicht "sozialistische Staaten" sagen, weil Russland nicht mehr sozialistisch ist. Aber es gibt auf jeden Fall einen Systemkonflikt zwischen Demokratie auf der einen Seite und Autoritarismus auf der anderen Seite.

 

PhD Dmitrij Trenin, Direktor Carnegie-Zentrum Moskau, Außenpolitik- und Sicherheitsexperte

Jetzt sind die Großmächte wieder auf den Pfad der Rivalität eingeschwenkt, eine harsche Konkurrenz und sogar Konfrontation, wenn wir den Fall der USA und Russlands nehmen. Diese Epoche müssen wir überleben. Aus militärischer Sicht gibt es drei Militärmächte, eine Supermacht, das sind die USA, und zwei Großmächte, China und Russland. Sie konkurrieren scharf miteinander um ihre Position im Weltsystem und, allgemein gesagt, um die Weltordnung, die als Resultat ihrer Konkurrenz entsteht. Und diese Epoche müssen wir überleben. Gebe Gott, dass es Frieden bleibt!

 

Dr. Pavel Felgengauer, Journalist und Militärexperte, Moskau

Die russische Gesellschaft unterstützt Putin, das haben die letzten Wahlen gezeigt. Jedoch hat die Gesellschaft, da Russland keine Demokratie ist, nicht zu entscheiden. Die Entscheidungen trifft ein kleiner Kreis aus Personen und Institutionen, und Putin nimmt hierbei die Rolle eines Schiedsrichters ein.

In der russischen Führung gibt es völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, wie weiter vorzugehen ist. Dieser Kampf der sogenannten "Partei des Krieges" und der "Partei des Friedens" ist genau das Gefährliche. Putin muss hier vermitteln und balanciert die einen gegen die anderen aus.

 

Irina Scherbakowa, Germanistin und Kulturwissenschaftlerin, Bildungsbeauftragte beim "Memorial International", Moskau
Putin hat sehr viel Anerkennung durch die Annexion der Krim gewonnen. Für mich war überraschend, dass so viele Menschen mit so einem starken patriotischen Elan reagiert haben. Ich glaube, es war für viele eine Genugtuung für vieles, was lange fehlte, auch Anerkennung.

 

Prof. Nikolaj Svanidse, Historiker, TV-Journalist, Moskau
Sicher ist die Popularität Putins durch die Krim enorm gestiegen, doch was das Verhältnis zu den Nachbarn, die Wirtschaftsbeziehungen, den realen Einfluss Russlands in der Welt, den Verlust der Ukraine als geopolitischen Partner angeht, so hat der Anschluss der Krim zu einer Reihe von sehr ernsthaften Nachteilen für Russland geführt.

 

Prof. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler, Humboldt-Universität, Berlin
Dass die Europäer ein vitales Interesse daran haben, die Russen nicht als strategischen Gegenspieler, sondern als strategischen Partner zu haben, dafür gibt es durchaus Perspektiven. Das heißt jetzt nicht, dass man Arm in Arm durch die Welt zieht. Es heißt eher, das Verhältnis wieder auf eine Grundlage gegenseitigen Vertrauens zu stellen, Einflusszonen gegeneinander abzugrenzen und zu dem Ergebnis zu kommen: Wir haben in ganz bestimmten Bereichen gemeinsame Interessen.

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