Copyright: ZDF / Mathias Bothor c/oGunda Patzke, Stephan Rabold
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TANNBACH - Schicksal eines Dorfes

Dreiteiliger Fernsehfilm

"Es gab keine Stunde Null, aber wir hatten die Chance zu einem Neubeginn", Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985. "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" erzählt anhand der Lebenswege der Bewohner eines kleinen Ortes an der bayerisch-thüringischen Grenze von den Schicksalsmomenten im Nachkriegsdeutschland auf dem Weg zur deutsch-deutschen Teilung.

  • ZDF, Sonntag, 04.01.2015, 20:15 Uhr, Montag, 05.01.2015, 20:15 Uhr, Mittwoch, 07.01.2015, 20:15 Uhr

Texte

"Eine längst vergangene Zeit, die uns immer noch prägt"

Zum Jahresauftakt 2015, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Welt­kriegs, zeigt das ZDF die mehrteilige Familiensaga "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes", die im Nachkriegs­deutschland spielt. Die Geschichte des Ortes und seiner Men­schen, die von wahren Begebenheiten und historischen Ereignis­sen inspiriert ist, er­zählt vom Leben der in Tannbach verbliebe­nen Bewohner, Kriegsge­fangenen, Deserteure, Naziopportunisten und Flüchtlinge in den letzten Kriegstagen und ihrem Versuch, den Krieg irgend­wie zu überleben.

Nach dem Krieg gehört Tannbach zunächst zur amerikanischen, später zur sowjetischen Besatzungszone, bis sich die Grenzen erneut verschieben, und das Dorf schließlich geteilt wird.

Das ZDF setzt sich 2015 also einmal mehr mit Menschen und Er­eignissen, wie sie im kollektiven Gedächtnis verankert sind, in­nerhalb der Familie weitergetragen und in Erzählungen, Film und Büchern dargestellt wurden, auseinander. Dabei sind Besetzung und Machart ebenso populär wie glaubwürdig, heutig und realis­tisch. Der attraktive und hoch emotionale Mehrteiler erzählt, wie alles anfing: von unseren Wurzeln im Nachkriegsdeutschland bei­der Republiken, der DDR im Osten und der BRD im Westen. His­torisch schließt der Film damit an das Kriegsepos "Unsere Mütter, unsere Väter“ an. Auch "TANNBACH - Schicksal eines Dorfes" kann de­nen, für die diese Jahre sehr weit zurückliegen, einen Einblick in eine für sie längst vergangene Zeit, die uns immer noch prägt, geben. Denen, die die Geschichten von ihren Eltern und Großel­tern noch kennen, manches verständlicher machen, und bei den wenigen Menschen, die die Zeit noch bewusst erlebt haben, Erin­nerungen wecken und Bilder hervorholen, die lange verschüttet waren.

So erzählt das aufwändige Filmepos im Erinnerungsjahr 2015 durch die Darstellung dieses ländlichen Mikrokosmos von der Entstehungsgeschichte der beiden deutschen Staaten und bringt dem Zuschauer große Geschichte im Brennglas menschlicher Erfahrungen und Erlebnisse nahe.

Dr. Norbert Himmler

"Deutschland ist nicht Berlin"

Über viele Jahrzehnte hinweg war Berlin aus gutem Grund der Dreh- und Angelpunkt deutscher Geschichte und Politik und ist es heute wieder. Doch wird und wurde auch anderswo in unserem Land Geschichte geschrieben. Auch in der Provinz, auch im länd­lichen Raum war in der Nazizeit der Faschismus gelebter Alltag. Und vor allem wurden auch hier die Konsequenzen des Zweiten Welt­kriegs spürbar.

Eine Geschichte auf dem Dorf anzusiedeln bedeutet, das ganz Große fassbar zu machen, indem man es im Kleinen widerspie­gelt. So erwecken die Autorinnen und Autoren, die den Dreiteiler "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" erdacht, entwickelt und fortgeschrieben haben, un­mittelbare deutsche Nachkriegsge­schichte anhand vielschichtiger und überraschend vertrauter Fi­guren zum Leben.

Da ist Anna, das junge Mädchen aus sogenanntem gutem Hause, die, behütet aufgewachsen, über die Kriegsjahre und die Zeit da­nach erkennen muss, dass was ihr wertvoll und richtig erschien, falsch war. Sie wagt einen radikalen Neuanfang. Vater Georg ist adliger Offizier und Hitleranhänger, der nicht begreifen will, dass seine Vorstellung von Welt von keinem mehr geteilt wird, nicht einmal von der eigenen Tochter. Beschrieben werden mit den Flüchtlingsbrüdern Friedrich und Lothar auch die ganz jungen Männer einer vaterlosen Generation. Einer Generation, die teils mit großem Idealismus einen wirklichen Neubeginn meint und will, teils desillusioniert und vom Trauma der Judenvernichtung für immer gezeichnet keiner noch so gerecht erscheinenden Ideolo­gie mehr anhängen möchte. Aber natürlich gibt es mit dem Schober-Bauern auch in diesem Dorf den ewigen Opportunisten, gefährlich, weil völlig skrupellos, der in jedem System zum Nutz­nießer wird.

Und dann die starken erwachsenen Frauenfiguren: Hilde, diese erratische, kraftvolle Person. Das ehedem früh gefallene Mäd­chen hatte mit sechzehn dem Falschen Glauben geschenkt, dann ein ungeliebtes Kind zur Welt gebracht und später im Leben nie mehr das Glück finden dürfen. Und Liesbeth, die schön, lebens­hungrig und von dem Drang nach Freiheit und Erfolg getrie­ben, in die Ferne flieht und vergeblich hofft, dort alles, auch ihre deutsche Vergangenheit, hinter sich lassen zu können.

Mit diesen nachvollziehbaren und zugleich widersprüchlichen Charakteren erzählt "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" von der Entstehung der beiden deutschen Staaten, von dem idealisti­schen Glauben an eine bes­sere, sozialistische Welt, und von der Verdrängung geschehenen Unrechts. Aber auch von dem er­schreckenden Pragmatismus de­rer, die wissen, dass man zum Aufbau auch die braucht, die die alten Strukturen kennen. Ganz im Sinne Konrad Adenauers, der 1952, als man ihn auf die Nazi­vergangenheit seiner Diplomaten ansprach die lapidare Antwort fand: "Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat!" Und damit auf unnach­ahmlich entlarvende Weise den Geist der frühen Bundesrepublik demonstrierte.

Denn auch in Tannbach tragen alle erwachsenen Figuren an ihrer Schuld, keine von ihnen ist frei davon, ob als Täter, Mitläufer oder Wegseher. Und auf erschreckende Weise verlieren auch die Jun­gen, die es besser meinen und in einem anderen, neuen Deutschland die Gerechtigkeit und den echten Neuanfang su­chen, ihre Unschuld.

Caroline von Senden, Katharina Dufner

HR Fernsehfilm/Serie I – Fernsehspiel I

"Die Vergangenheit ist nicht vergangen"

Vor vier Jahren kamen die Autoren Josephin und Robert von Thayenthal mit einem Konzept zu mir: "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes", eine groß angelegte historische Familiensaga, eine moderne Heimat. Die Idee: Nachkriegsgeschichte von 1945 bis 1989 am Beispiel ei­nes fiktiven 200-Seelen-Dorfes an der Grenze von Bayern und Thüringen zu erzählen. Das Dorf, dem realen Mödlareuth geographisch nachempfunden, ist die Folie, um deutsche Schicksalsmomente wie durch ein Brennglas vergrößert aus unserem kollektiven Gedächtnis zu­rückzuholen.

Ich war begeistert und angezündet: Seit Jahrzehnten haben Krieg und die Nazidiktatur, sowie der Holocaust zurecht unsere Erinne­rungen okkupiert. Die Zeit vor und nach Kriegsende wurde im Fernsehmehrteiler der ARD "Am grünen Strand der Spree" 1960 zum Straßenfeger. Tom Toelles "Deutschlandlied" war 1994/95 ein ZDF-Erfolg. Ebenso "Die Wölfe", 2009 und "Schicksalsjahre", 2011.

Heute, 70 Jahre nach dem "Untergang", schauen wir auf die Ent­wicklungen nach 1945 zurück. Und hinterfragen scheinbar Gülti­ges. Gab es eigentlich die "Stunde Null", den Neuanfang nach dem Ende eines barbarischen Unrechtregimes? Oder wollten wir das nur gerne glauben? Die Amerikaner brachten uns im Westen den Marshallplan, Vergebung, Vergessen und mit dem Wieder­aufbau das Wirtschaftswunder und die Vollbeschäftigung.

Die Russen verleibten sich den Osten in ihr Reich ein und ent­zündeten viele mit der Idee einer besseren, gerechteren Welt: dem Sozialismus, dem Antifaschismus, dem Antikapitalismus. Die Welt ging zur Normalität über und spaltete sich in zwei bipo­lare, zunehmend feindliche Blöcke: Kommunisten hier und Anti­kommunisten dort, Deutsche hier wie dort, die, von Propaganda umlärmt, im Kalten Krieg der jeweils anderen Seite Kriegshetze, Aufrüstung und Vernichtungswillen vorwarfen. Im Osten gab es nur noch Antifaschisten, weil die Faschisten ja in den Westen geflohen waren. Im Westen gab es nur noch Demo­kraten, weil man die Entnazifizierung zugunsten des Wiederauf­baus schon vor 1948 nur sehr nachlässig betrieb. Man brauchte die wichtigen Leute ja für die Verwaltung, die Versorgung, kurzum, um das neue Gemeinwesen zu befördern.

Was damals auf beiden Seiten mit Zement verbaut, verscharrt oder einfach verdrängt wurde, kriecht, wie neuere Untersuchun­gen über die Kriegskinder und -enkel zeigen,  in der dritten Gene­ration wieder hervor. Die Vergangenheit, die nicht vergehen will, sie versperrt sich der Historisierung, heute spürbarer als noch vor 20 Jahren.

In unserem Dreiteiler spüren wir dem nach. In einem Dorf, das im dramatischen Erleben weniger Familien die deutsch-deutsche Wirklichkeit ganz vieler Menschen widerspiegelt. Wir schauen in dunkle Ecken und finden dort Teile unserer eigenen Familienge­schichten wieder, hatte doch fast jeder Brüder oder Schwestern im anderen Teil des sich in Ost und West spaltenden Landes. Wir erzählen die letzten Tage des Krieges, wir erzählen ein Dorf unter wechselnden Besatzungsmächten. Wir erzählen Enteig­nung, Entnazifizierung. Wir erzählen die Grenzziehung mitten durch das Dorf. Nicht 1961, nein, bereits 1952 wurde entlang der 1378 km langen Grenze ein Stacheldrahtzaun mitten durch unser Land gezogen. Der Kalte Krieg hielt Einzug, der im Osten seinen ersten Höhepunkt in der "Aktion Ungeziefer" findet.

25 Jahre nach der Wiedervereinigung, der friedlichen Revolution des Volkes, die die Mauer einer moralisch und finanziell maroden Staatsdiktatur hinwegfegte und 70 Jahre nach dem Ende des 1000-jährigen Reiches holen uns lange Schatten ein: die unge­klärte NSU Serie im eigenen Land, Fronten zu Putins Russland, die aufbrechen. Unmenschlich grausame kriegerische Gewalt­aus­brüche im Nahen Osten kommen dazu. Aus der bipolaren Nach­kriegs-Ordnung sind, in einer finanziell global verstrickten Welt, unheilvolle multipolare Konfliktblöcke entstanden. In dieser Situa­tion bekommt der Blick nach hinten eine neue Bedeutung.

Schon ganz früh standen unsere Partner bei "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" fest: der FilmFernsehFonds Bayern, der uns bei der Stoffentwicklung un­terstützte und das ZDF. Caroline von Senden rief mich unmittel­bar nach der Fördersitzung an: Das sei ein Projekt für das ZDF. Ich freute mich sehr, dachte aber: das wird dauern. Ganz im Ge­genteil: Reinhold Elschot wollte das Programm lieber heute als morgen. Und mit der Unterstützung auch von Katharina Dufner legten wir los.

In Quirin Berg und Max Wiedemann fand ich wunderbare Partner und ein Dach für dieses aufwändige Unterfangen. Unser "Tannbach" heißt Besno und liegt eine Stunde vor Prag. Alexander Dierbach und sein Kameramann Clemens Messow ha­ben es, gemeinsam mit dem Szenenbildner  Knut Loewe, in unser Dorf verwandelt. Filip Hering war unser Partner vor Ort. Sophie von Uslar hat als ausführende Produzentin die Produktion betreut.

Gabriela Sperl, Produzentin

"Die Geschichte unserer Eltern und Großeltern"

Mit TANNBACH führen wir unsere enge, erfolgreiche Zusammen­arbeit mit Produzentin Gabriela Sperl fort. Das Projekt war für alle Beteiligten eine große Herausforderung – dramaturgisch, produk­tionell und in der Suche nach historischer Authentizität. Gemeinsam mit  dem jungen Regisseur Alexander Dierbach und einem fantastischen Ensemble unserer größten Schauspieler und einem hoch motivierten Team erzählen wir ein wichtiges Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Wir hoffen, mit TANNBACH als Auftakt ins Fernsehjahr 2015 alle Generationen zu begeistern. Denn es ist die Geschichte unserer Eltern und Großeltern, die wir erzählen. Während viele Familien sich nach dem Krieg wieder- beziehungsweise neu erfanden, wurden ebenso viele erneut auseinanderge­rissen: Der Blick auf die Narben einer geteilten Vergangenheit ist Bestandteil unserer gemeinsamen Zukunft.

Quirin Berg und Max Wiedemann, Produzenten

Stab

BuchJosephin und Robert von Thayenthal
Drechbuchbearbeitung Gabriela Sperl, Gabriela Zerhau, Martin Prist
RegieAlexander Dierbach
KameraClemens Messow
MusikFabian Römer
SzenenbildKnut Loews
SchnittMatthew Newman, Simon Blasi
KostümGabriele Binder
MaskeGerhard Zeiss, Silka Lisku
Music SupervisionKai Schoormann
HerstellungsleitungStefaan Schieder, Maren Bouwer
KoproduktionWilma Film
Ausführende ProduzentinSophie von Uslar
ProduzentenGabriela Sperl, Quirin Berg, Max Wiedemann
RedaktionCaroline von Senden, Katharina Dufner
Länge:3 x 90 Minuten
Eine Koproduktion des ZDF mit Gabriela Sperl für Wiedemann & Berg Television, gefördert durch den Film FernsehFonds Bayern GmbH, die Mitteldeutsche Medienförderung GmbH und das Finanzierungsprogramm des tschechischen staatlichen Kinematographie Fonds.

Rollen / Darsteller

Anna von StriesowHenriette Confurius
Friedrich Erler Jonas Nay
Liesbeth ErlerNadja Uhl
Georg von StriesowHeiner Lauterbach
Hilde VöcklerMartina Gedeck
Franz SchoberAlexander Held
Lothar ErlerLudwig Trepte
Konrad WernerRonald Zehrfeld
Caroline von Striesow Natalia Wörner
Theresa PrantlMaria Dragus
Heinrich SchoberFlorian Brückner
Kathi SchoberJohanna Bittenbinder
und viele andere

Inhalte

"Es gab keine Stunde Null, aber wir hatten die Chance zu einem Neubeginn", Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985.

"TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" erzählt anhand der Le­benswege der Bewohner eines kleinen Ortes an der bayerisch-thüringischen Grenze von den Schick­salsmomenten im Nach­kriegsdeutschland auf dem Weg zur deutsch-deutschen Teilung.

TANNBACH – Schicksal eines Dorfes: Der Morgen nach dem Krieg, Sonntag, 4. Januar 2015, 20.15 Uhr

Deutschland 1945, die letzten Tage vor der endgültigen Kapitula­tion. Auf Gut Striesow an der thüringisch-bayerischen Grenze sind unzählige Flüchtlinge einquartiert, man wartet auf das erlö­sende Ende des Krieges. Doch im letzten Moment kann die SS durch Verrat noch ein Exempel statuieren: Caroline von Striesow droht die Exekution, weil sie ihren desertierten Mann Georg versteckt.

Ihre Tochter Anna ist tief erschüttert. In Friedrich, dem Sohn von Liesbeth Erler, die aus Berlin nach Gut Striesow geflüchtet ist, findet sie einen Vertrauten in ihrem Verlust. Auch er hat seinen Vater im Krieg verloren. Als kurz darauf die Amerikaner Dorf und Gut einnehmen, müssen sich die Bewohner mit der neuen Situation arrangieren. Franz Schober, NS-Parteimitglied und Verräter des versteckten Georg von Striesows, glaubt sein Parteibuch verschwunden und nutzt diese Chance, sich den Amerikanern anzudienen. Hilde Vöckler verrät aus Abscheu ihren Sohn Horst, den mörderischen SS-Mann, an die neuen Besatzer. Lothar, jüdischer Ziehsohn von Liesbeth Erler, geht zurück nach Berlin, um nach seinen ver­schollenen Eltern zu suchen. Georg von Striesow, der von dem Verrat durch Franz Schober erfährt, greift diesen tätlich an und wird als Konsequenz von den Amerikanern in ein Kriegsgefange­nenlager abgeschoben. Jetzt trägt die junge Anna von Striesow die alleinige Verantwortung für das Gut und sucht die Verständi­gung mit den Amerikanern. Doch die Besatzungszonen verschie­ben sich – und Tannbach befindet sich im Sommer 1945 plötzlich in der sowjetischen Zone.

TANNBACH – Schicksal eines Dorfes: Die Enteignung, Montag, 5. Januar 2015, 20.15 Uhr

1946. Tannbach wird jetzt von den Rotarmisten kontrolliert. Für die Be­wohner bedeutet das neben dem alltäglichen Überlebens­kampf eine neue politische Richtung: Enteignung durch die Bo­denreform und Deportierung der ehemaligen Großgrundbesitzer. Friedrich brennt für diese neuen Ideen – obwohl Anna durch die politischen Reformen ihren Besitz verliert und deportiert werden soll. Der neu eingesetzte Landrat Werner ist für Friedrich Vater­ersatz und ide­ologischer Richtungsgeber.

Der Großbauer Franz Schober entgeht der Enteignung durch ei­nen klugen Schachzug seines ungeliebten Sohnes Heinrich, der seinen Vater mit dem aufgefundenen Parteibuch in der Hand hat. Heinrich versucht, sich ein eigenes Leben aufzubauen – mit sei­ner jungen Frau Theresa, die er, bereits schwanger von einem ande­ren, geheiratet hat. Friedrich heiratet Anna und rettet sie so vor der Deportation. Ge­meinsam versuchen auch sie sich ein neues Leben auf den Trümmern aufzubauen. Sie beziehen ihren "Neubauernhof" und erleben erstmals wieder so etwas wie Normalität. Bis sich die Grenzen im Sommer 1946 aufs Neue verschieben und das Dorf in seiner Mitte geteilt wird. Liesbeth, endgültig desillusioniert von den neuen russischen Machthabern und der Konformität ihres Sohnes, verlässt Tannbach im Wunsch, sich ein neues Leben jenseits Deutschlands aufzubauen.

TANNBACH – Schicksal eines Dorfes: Mein Land, dein Land, Mittwoch, 7. Januar 2015, 20.15 Uhr

1948. Tannbach ist ein geteiltes Dorf, auch wenn die Grenzen noch recht durchlässig sind. Im Osten wie im Westen versuchen die Bewohner ihr Leben unter den neuen Bedingungen einzu­richten. Anna und Friedrich haben sich unter den Vorzeichen des entstehenden Bauern- und Arbeiterstaates im Ostteil eine neue Existenz aufgebaut, als fleißige Neubauern auf einer Parzelle des enteigneten Gutes Striesow. Auf der Westseite haben Theresa und ihr Mann Heinrich immer noch unter dem alten Schober zu leiden – was sie endlich dazu bewegt, ihn im Rahmen der "Entnazifizierung" und mit Hilfe des angeblich verschwundenen Parteibuches anzuzeigen. Aber auch hier versteht es Schober, sich seiner Strafe zu entziehen.
1952. Liesbeth besucht nach Jahren in den USA Tannbach, um an der Taufe ihres Enkelkindes teilnehmen zu können, und spürt deutlich die gravierenden Veränderungen seit ihrem Fortgang. Auch Landrat Werner kann einer Ausweitung der "Aktion Unge­ziefer" nicht entgegenwirken. Die Liebesbeziehung zwischen ihm und Hilde Vöckler kann der politischen Situation nicht standhal­ten. Zusammen mit Anna und Friedrich lebt weiterhin Lothar auf dem Neubauernhof, der als Schmuggler und Schleuser im wahren Sinn des Wortes Grenzgänger bleibt. Doch die Situation an der Grenze spitzt sich zu, was die Ent­scheidungen plötzlich endgültig werden lässt. Die Überquerung der Grenze wird lebensgefährlich. Als Friedrich mit der Umset­zung der "Aktion Ungeziefer" betraut wird – Zwangsumsiedlungen seiner Nachbarn und Freunde – wird seine und Annas politische und ideologische Loyalität auf eine harte Probe gestellt.

Rollenprofile

Anna von Striesow (Henriette Confurius)

Anna ist als Tochter der Gutsbesitzer Caroline und Georg von Striesow von dem Grauen des Krieges weitgehend verschont ge­blieben, bis ihr junges Leben durch den gewaltsamen Tod der Mutter in den letzten Kriegstagen einen schmerzhaften Einschnitt erfährt. Kurze Zeit später gerät ihr Vater in amerikanische Kriegs­gefangenschaft und überträgt seiner jungen Tochter die Verant­wortung für das Gut. Fortan ist sie völlig auf sich allein gestellt und versucht, mit ihrer neuen Rolle unter amerikanischer Besat­zung zurechtzukommen. Als die Grenzziehung nach knapp drei Mo­naten das erste Mal korrigiert wird, lösen die Russen die ameri­kanischen Besatzer in Tannbach ab. Es herrschen neue Gesetze. Der Striesow’sche Landbesitz wird enteignet, und Anna droht die Deportation. Ihr einziger Halt in dieser zerberstenden Welt ist ihre Liebe zu Friedrich. Doch diese wird durch die politischen Umbrüche immer wieder auf eine harte Probe gestellt, auch wenn Anna Friedrichs Aufbruchsstimmung und den Wunsch nach einer gerechteren Ordnung teilt. Als Annas Vater 1946 aus der Kriegsgefangen­schaft zurückkehrt, prallen zwei Welten aufeinander: Friedrich, glühender Verfechter einer sozialistischen Neuordnung, und Annas Vater, Vertreter patriarchaler Ordnungsstrukturen, der die neuen Verhältnisse ebenso wie die Lebensentscheidungen seiner Tochter nicht akzeptieren kann. Als 1952 die Grenze geschlossen wird, steht Anna zwischen den Fronten.

Friedrich Erler (Jonas Nay)

Nachdem die Schneiderei seiner Mutter Liesbeth in Berlin ausge­bombt wurde, flieht Friedrich mit ihr und Lothar, Liesbeths Zieh­sohn, Richtung Süden. In Tannbach finden sie auf dem Gut der von Striesows Schutz. Während Liesbeth weiter will, ist Friedrich glücklich, irgendwo angekommen zu sein. Er will auf dem Gut bleiben, zumal er sich sehr schnell in Anna verliebt. Friedrich folgt dem ideellen Vermächtnis seines kommunistischen Vaters, der von den Nazis im KZ Sachsenhausen interniert und umgebracht wurde. Er glaubt, dass eine bessere und gerechtere Welt nur eine sozialistische sein kann. Als der ehemalige Politof­fizier Werner aus dem Moskauer Exil als Landrat nach Tannbach kommt, findet er in ihm einen Mentor und so etwas wie eine Va­terfigur.

Der Landrat eröffnet ihm Chancen auf ein neues, selbstbestimm­tes Leben: Er kann eigenen Grund und Boden im Zuge der Ent­eignung der Großgrundbesitzer erhalten und Neubauer werden. Damit kann Friedrich seiner geliebten Anna, die alles verliert, zu­mindest eine bescheidene Perspektive bieten. Ein Traum geht für ihn in Erfüllung. Als aus Besatzungszonen zwei deutsche Staaten erwachsen, muss sich Friedrichs Idealismus an der Realität mes­sen. Er steigt im System auf und wird an der Seite Werners zu einer Stütze der neuen Ordnung, die aber schon sehr bald be­ginnt, ihre eigenen "Kinder zu fressen". Friedrich gerät in einen moralischen Konflikt, den er nicht zu lösen vermag.

Liesbeth Erler (Nadja Uhl)

Liesbeth hat nie vorgehabt, mit ihren Söhnen Friedrich und Lothar auf Gut Striesow zu bleiben. Ihr Traum ist es, Deutschland zu verlassen, um in Paris oder Amerika ein Schneideratelier zu er­öffnen und fern der verhassten Orte ihrer schmerzhaften Vergan­genheit ein besseres Leben zu beginnen. Die Liebe zu Friedrich und Lothar hindert Liesbeth jedoch immer wieder daran, Tannbach zu verlassen. Sie ist voller Tatendrang, will nach vorne blicken und beobachtet zugleich wie die Machthaber wechseln und altes Unrecht durch neues ersetzt wird. In dem aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrten Georg von Striesow findet Liesbeth einen Moment lang einen Gleichgesinnten, der ebenso zerrissen ist wie sie.

Sie versucht zwischen Georg, Anna und Friedrich zu vermitteln. Doch Friedrich hat sich entschieden. Er wird seinen eigenen Weg gehen und den Platz im neuen System nicht wieder aufgeben. Liesbeths Warnungen führen lediglich zu innerfamiliären Span­nungen, bei denen auch Lothar und Friedrich aneinandergeraten. Als sich die politische Lage zuspitzt und auch für die kleine Fami­lie zu eskalieren droht, setzt Liesbeth ihren nie aufgegebenen Plan in die Tat um. Sie bricht nach Amerika in eine ungewisse Zukunft auf.

Georg von Striesow (Heiner Lauterbach)

Der Graf, der an der Ostfront gekämpft hat, desertiert kurz vor Kriegsende. Er versteckt sich in der Nähe seines Guts im Wald, bis zu dem schicksalhaften Tag, an dem seine Frau kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner von SS-Schergen erschossen wird. Nach der Besetzung des Guts durch die Amerikaner trägt man Georg auf, sich um die Versorgung der Landbevölkerung zu kümmern. Als er seinem alten Widersacher Franz Schober, der zudem Schuld am Tod seiner Frau ist, gegenübersteht, entlädt sich seine Wut. Woraufhin Georg, nicht der Opportunist Schober, von den Amerikanern ins Kriegsgefangenenlager geschickt wird.

Während seiner Abwesenheit zerfällt Georgs alte, gutsherrliche Welt vollends. Bei seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft ist Tannbach Teil der sowjetischen Besatzungszone geworden und sein Land ist enteignet. Georgs Tochter hat unter ihrem Stand geheiratet, denn Anna hat sich für Friedrich und den Aufbau einer besseren, sozialistischen Welt entschieden, die für Georg den Untergang seiner Familie bedeutet. Liesbeth, inzwischen Annas Schwiegermutter, wird zumindest für einen Moment ein Anker in seiner Verlorenheit. Sie finden zueinander, nur um sich gleich wieder zu verlieren, denn auch Liesbeth ist nicht glücklich mit ih­rem Leben in Tannbach.

Hilde Vöckler (Martina Gedeck)

Franz Schober hat Hilde Vöckler bereits in jungen Jahren, als sie im Sommer aus der Stadt zu Besuch war, schöne Augen ge­macht, sie verführt. Und geschwängert. Aber geheiratet hat er eine andere. Mit mehr Land. Hilde konnte Horst, dem unehelichen Sohn aus dieser Beziehung, nie die Liebe geben, die er gebraucht hätte. Somit fühlt sie sich mitschuldig, dass ihr Sohn, um dem Vater zu imponieren, innerhalb der SS mit großem Stolz Karriere gemacht hat. Die Akzeptanz des Vaters ist ihm dennoch verwehrt geblieben. Als Horst seine Mutter in den letzten Kriegstagen nach Tannbach bringt, wird sie Zeugin der schicksalhaften Abhängigkeit zwischen ihm und Franz Schober. Horst lässt sich vom Vater manipulieren, und begeht während des Einmarsches der Amerikaner eine sinn­lose Grausamkeit.

Hilde kann das ihrem Sohn nicht verzeihen: Als er auf der Flucht um ihre Hilfe bittet, verrät sie ihn. Ein paar glückliche Momente erlebt sie in der kurzen Liebesbeziehung zu Landrat Werner. Doch auch das neue System mag keine unangepassten Men­schen wie sie. Ihre Frühstückspension an der Grenze wird Hilde zum Verhängnis und schafft eine Situation, in der auch der Mann, den sie liebt, sie nicht schützen kann.

Franz Schober (Alexander Held)

Franz Schober sieht seinen eigenen Vorteil. Immer. Als Groß­bauer und frühes Mitglied der NSDAP ist er Ortsbauernführer, eine Position, die ihn vor dem Wehrdienst bewahrt hat. Skrupel kennt er nicht. Als die Amerikaner Tannbach besetzen, streift er seine Naziver-gangenheit ab wie eine zweite Haut und dient sich den Amerikanern mit seinen intimen Kenntnissen des Ortes und sei­ner Einwohner an.

Schober hat drei Söhne. Einer ist im Krieg gefallen, Gustl, der Zweitgeborene, ist verschollen, daheimgeblieben ist der körper­behinderte Heinrich. Er ist der Stachel in Schobers Fleisch. Heinrich ist irgendwann der Demütigungen durch den Vater über­drüssig. Er presst dem Vater mit dessen NSDAP-Parteiausweis den Hof ab, der eigentlich Gustl zusteht. Als Heinrich seinen Va­ter durch einen geschickten Schachzug vor der Deportation be­wahrt, muss der Alte ihm Respekt zollen.

Lothar Erler (Ludwig Trepte)

Lothar ist jüdischer Herkunft. Als seine Eltern von den Nazis de­portiert wurden, gewährte Liesbeth ihm Unterschlupf und gab ihn, versorgt mit falschen Papieren, als ihren Sohn aus. Mit Friedrich und ihr flieht Lothar aus dem zerbombten Berlin bis nach Tannbach. Als Hitlers Tod bekannt wird, verlässt Lothar Tannbach und kehrt zurück nach Berlin, in der Hoffnung seine Eltern zu fin­den. Dort erfährt er, dass sie in Auschwitz ermordet wurden. Nie­dergeschmettert kehrt Lothar nach Tannbach zurück, wo die ein­zigen Menschen leben, die er noch hat.

Friedrich und Liesbeth sind glücklich, dass er zurück ist, und Lothar verspricht, sie nie mehr zu verlassen. Gemeinsam mit Friedrich erhält er bei der Landverlosung ein Stück Land. Doch Lothar ist kein Neubauer. Er beginnt, seine kleine Familie, die nach Liesbeths Weggang aus Anna, Friedrich und ihm besteht, durch Tauschhandel zwischen Ost und West über Wasser zu halten. Er wird zum Grenzgänger, was in der sowjetisch besetzten Zone und der jungen DDR zunehmend kriminalisiert wird. Mit der "Aktion Ungeziefer" gerät er als "Grenzgänger" und "Schmuggler" ins Visier der neugegründeten Staatssicherheit. Ihm bleibt nur, Tannbach und seine geliebte Familie zu verlassen, wenn er nicht deportiert werden will.

Landrat Werner (Ronald Zehrfeld)

Konrad Werner war bereits früh Mitglied der KPD und musste, wollte er nicht wie Friedrichs Vater in Sachsenhausen enden, schon in den 30er Jahren nach Moskau ins Exil gehen. Nach Kriegsende kommt er mit Ulbricht zurück nach Berlin und wird von den neuen Machthabern zum Aufbau der neuen antifaschistischen sozialistischen Ordnung in die Provinz geschickt. Im Herbst 1945 kommt er nach Tannbach, wo er seine Ideale endlich in die Reali­tät umsetzen kann. Seine erste Amtshandlung ist die Enteignung der Großgrundbe­sitzer und die Verteilung ihrer Ländereien an mittellosen Neubau­ern. In Friedrich findet Werner einen begeis­terten und loyalen Schüler. Zwischen Konrad Werner und Hilde Vöckler keimt eine zarte Liebe, die jedoch für beide zum Balan­ceakt wird, zumal Hilde ins Visier von Konrads Genossen gerät.

Caroline von Striesow (Natalia Wörner)

Caroline von Striesow ist die Tochter eines Bierbrauers aus Zwickau. 1920 heiratet sie Graf Georg von Striesow und zieht zu ihm und seinen Eltern auf das Gut. Sie liebt das Leben in der Natur und mit den Tieren. Ihre Söhne Ferdinand und Otto werden kurz nacheinander geboren. 1927 folgt die Geburt der Tochter Anna. Der nationalsozialistischen Bewegung steht Caroline von Anfang an skeptisch gegenüber - im Gegensatz zu ihrem Mann. Sie muss erleben, wie der Krieg ihr beide Söhne nimmt. Auf sich gestellt, führt sie in den Kriegsjahren den Gutsbetrieb, dem mehrere französische Zwangsarbeiter zugewiesen sind. Ge­gen Ende des Krieges füllt sich das Gut mit Flüchtlingen. Dies bedeutet Unterstützung, aber auch, noch mehr Mäuler zu stopfen. Als ihr Mann Georg, von der Front desertiert, nach Hause zurück­kehrt, gelingt es ihr, ihn so lange zu schützen, bis er von Franz Schober entdeckt wird. Schober hetzt den SS-Untersturmführer Horst Vöckler, seinen unehelichen Sohn, auf den Grafen. Im Ver­such, ihren Mann zu schützen und die eigene Menschlichkeit zu bewahren, opfert Caroline nur Minuten vor dem Ein­treffen der Befreier ihr Leben.

Theresa Prantl (Maria Dragus)

Theresas Eltern führen den Lebensmittelladen im Dorf. In den letzten Kriegstagen muss sie feststellen, dass sie ein Kind er­wartet. Zum Entsetzen ihrer Mutter von einem französischen Zwangsarbeiter. Um sich und der Familie keine Schande zu bereiten, verführt sie Heinrich, den körperbehinderten Sohn des Schober-Bauern. Und heiratet so in die reichste Familie des Dorfes ein. Theresa hat sich und ihr Kind gerettet, sie hat ein Problem gelöst, aber das große Glück kann sie nicht finden. Erst als Heinrichs totgeglaub­ter Bruder Gustl aus der Gefangenschaft heimkehrt, rücken The­resa und ihr Mann nah zusammen. Sie wird mit ihm für den Hof und ihre zwei Kinder kämpfen.

Heinrich Schober (Florian Brückner)

Heinrich ist der ungeliebte Sohn und sieht keine andere Möglich­keit, als sich seinen Platz in der Familie zu erzwingen. Er presst dem Vater die Übergabe des Hofes ab und rettet dann den Besitz, indem er rechtzeitig genug Land verschenkt, um der Enteignung durch die Russen zu entgehen. Als Theresa ihn verführt, kann er sein Glück kaum fassen. Und verschließt die Augen vor der Tat­sache, dass sie das Kind eines anderen erwartet. Heinrich will beweisen, dass er den Hof zu neuer Blüte bringen kann. Und der Erfolg in den beginnenden Wirtschaftswunderjah­ren gibt ihm Recht. Bis Gustl, von allen totgeglaubt, 1952 aus russischer Gefangenschaft zurückkehrt und die alten Konflikte wieder aufbrechen.

Statements der Macher und Berater: "Die Geschichte einer Entfremdung"

Josephin und Robert von Thayenthal

Eine schäbige Betonmauer, Stacheldraht, ein Todesstreifen, alle paar Kilometer Wachtürme; das war die Grenze, die Deutschland für fast vier Jahrzehnte durchschnitt. Gemessen an ihrer unge­heuren Bedeutung für die Generationen, die sie prägte, erscheint sie aus heutiger Sicht als kurioses, geradezu irrwitziges Unding. Dennoch hat sie ihre Spuren hinterlassen in den Biografien, in den Anschauungen, in den Werten und im Selbstbewusstsein der Menschen dies- und jenseits der verschwundenen Grenze. "Men­schen haben eine Bindung an das, was sie geprägt hat, selbst wenn sie durch diese Prägung beschädigt worden sind", sagte Herta Müller kürzlich in einem "Spiegel"-Interview, und erklärt damit eine Art "Heimweh nach der Diktatur", die jenen, die im Wirtschaftswunder aufgewachsen sind, verdächtig sein muss. Als Autorenduo österreichisch/westdeutscher und ostdeutscher Provenienz erleben wir die unterschiedlichen Sozialisationen von "Ossis" und "Wessis" bei unseren Recherchen, aber auch im pri­vaten, sogar im familiären Umkreis hautnah. Diesen Verwerfun­gen nachzuspüren, hat uns schon lange gereizt.

Was uns interessierte: Wie objektiv ist der Blick der West­deut­schen auf den Osten, wenn sie aus der Perspektive der Wirt­schaftswunderkinder auf ihre Nachbarn sehen, eines Wunders, das mit Dollars und Adenauers Westintegration erkauft worden war, nachdem er die von Stalin angebotenen Verhandlungen über eine Wiedervereinigung und Neutralität Deutschlands voller Miss­trauen abgelehnt hatte? Wie weit gelingt es den "Bürgern der neuen Bundesländer", die Interpretationsmuster und Feindbilder abzulegen, die ihnen seit der Kinderkrippe vertraut sind? Was verbindet die beiden großen deutschen Diktaturen des 20. Jahr­hunderts? Ist bei aller Gegensätzlichkeit der Anschauungen nicht die eine die Ausgeburt der andern? Wie wird aus Not Hoffnung, aus Hoffnung Idealismus, aus Idealismus ein Dogma und aus dem Dogma ein neuer totalitärer Staat?

Antworten wird das Fernsehen nicht geben können, vielleicht aber ein Gefühl dafür, wie Menschen fühlen, denken und handeln, wie sie sich entwickeln, verhärten, wie sie sich in Situationen der Macht oder der Angst verhalten. Uns wurde bald klar, dass sich die große politische Parabel nur im Kleinen anschaulich machen lassen würde, nach dem Motto: Wenn man "Berlin" nicht erzählen kann, könnte man mit "Little Berlin" auf den Punkt kommen. "Little Berlin" nannten die amerikanischen Besatzer das kleine Dorf Mödlareuth an der bayerisch-thüringischen Grenze, weil es wie Berlin von einer Zonengrenze geteilt war. Von der Geschichte dieses Dorfes, durch das der Tannbach fließt, haben wir uns in­spirieren lassen.

Die Schicksale, die wir erzählen, sind jedoch rein fiktional. Als Format schwebte uns ein Mehrteiler vor, der es erlauben würde, in größeren Zeitsprüngen die Zeit von 1945 bis zur Wiederverei­nigung und zur Rückübertragung in dichten handlungsintensiven Episoden zu erzählen. Ein Projekt dieser Größenordnung einem öffentlich rechtlichen Sender anzubieten, ist ein kühnes Unterfan­gen. Es spricht für die Überzeugungskraft unserer Produzentin Gabriela Sperl und für den Mut unserer Redakteurinnen Caroline von Senden und Katharina Dufner, dass der Dreiteiler  so schnell realisiert werden konnten. Mit Themen wie der "Bodenreform", bei der 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone die Großgrundbe­sitzer enteignet und ihr Land an Flüchtlinge und Mittellose verteilt wurde, und der "Aktion Ungeziefer", der Vertreibung "missliebi­ger" DDR-Bürger aus ihren Häusern und Dörfern, betreten wir erzählerisch Neuland. Im Westen sind diese Geschichten kaum bekannt, im Osten, hat es, soweit sie überhaupt noch im kol­lektiven Bewusstsein sind, immer nur eine regimetreue Darstel­lung der Ereignisse gegeben. Man kann diese Geschichten nicht erzählen, ohne nicht auch immer wieder die eigene Haltung zu hinterfragen. So war das Schreiben von "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" immer auch ein Lernen, bei dem uns Autoren die Sichtweise des jeweils ande­ren den Horizont erweiterte.

In diesem Sinne fungiert auch die Grenze, die wir von beiden Seiten gleichzeitig bespielen, unseren Protagonisten immer wie­der als Spiegel. Erst aus dem Gegenentwurf der anderen Dorfseite und den Reaktionen der Nachbarn, Freunde und Ver­wandten, die fast in Rufweite und dennoch unerreichbar leben, wird die Absurdität der Konfrontation zweier Denksysteme deut­lich. Wir erzählen mit "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" die Geschichte einer Entfrem­dung. Wenn es uns gelingt, damit ein Stück zu ihrer Überwindung beizutragen und unseren Kindern ein Kapitel unserer Geschichte nahezubringen, ist uns viel gelungen.

"Ein weiteres Kapitel: Die Zeit nach dem Krieg"

Alexander Dierbach

Die Anfrage, eine Geschichte eines Dorfes von der Befreiung durch die Alliierten bis hin zur Teilung in West und Ost in drei Filmen zu erzählen, begeisterte mich. Ich las die drei Bücher, die mich emotional mitnahmen und mich zu der Frage führten: Wie kann ich mich so einer Geschichte nähern? Kann ich einen Film über eine Zeit inszenieren, über die ich nur marginal etwas weiß?

Mein Vater, mein Onkel, ein großer Teil meiner Familie kommt aus einem Teil von Deutschland, den wir heute Ostdeutschland nennen. Plötzlich wurde mir klar: Ich habe nie gefragt, wie es dazu kam. Ich wusste etwas über das Leben in der Zeit mit der Mauer und nach dem Mauerfall, die Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Teilung Deutschlands zeigte sich mir als gro­ßes Nebelfeld.

Die Bücher zu "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" eröffneten mir plötzlich einen Blick in eine filmische Erzählzeit, in der es nicht ausschließlich darum geht, dass ein zerstörerischer Krieg beendet ist, sondern die ein weiteres Kapital aufschlägt: Die Zeit nach dem Krieg.

Befreit von den Alliierten, bewegen sich Tannbachs Figuren in einer Art Vakuum. Begleitet von Ablehnung und dem nicht Los­lassen wollen alter Ideale, verbindet alle Figuren eines: Der Be­ginn einer neuen Zeit. Doch wie sieht diese Zeit aus?

Sehr schnell kam ich zu dem Ergebnis: Ich kann diese Filme nur inszenieren, wenn ich versuche, aus der damaligen Zeit heraus auf die Geschehnisse zu blicken, aus der vergangenen Gegen­wart zu erzählen. Natürlich musste ich historisch wissen, wohin die Reise geht, aber die Bücher zeigten dieses innerhalb ihrer fiktionalen Basis so genau, dass meine Aufgabe eher darin be­stand, uns daran zu hindern, mit unserem heutigen Mehrwissen auf die damalige Zeit zu früh Wertungen auszusprechen.

Von nun an begann eine für mich noch heute unfassbar span­nende, intensive und tunnelartige Zeit. Gemeinsam mit Produk­tion, Kamera, Szenenbild, Kostüm, Maske und Locationscouts mussten wir es schaffen "Tannbach" zu kreieren. Ein Dorf auf dem Land, bespielbar auf 360 Grad, um keine Bühnenhaftigkeit zu erzeugen, authentische, zeitgemäße Kostüme sowie zeitge­mäßer Look, begleitet von Anforderungen wie: verschiedene Jah­reszeiten, sieben Jahre Erzählzeit, 3000 Komparsen, 5000 Kos­tüme, 100 Sprechrollen und alles in einer Form so greifbar, dass man von fiktivem, aber historisch, authentischem Erzählen als Filmemacher sprechen kann.

"TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" wirft einen fiktionalen Blick auf eine vergangene Zeit, und eröffnet so Einblick in den Mikrokosmos eines Dorfes. Der Film erzählt neben dem Weg zu einer Teilung vor allem von Men­schen. Von Menschen auf dem Land nach dem Krieg, denen Kon­flikte wie Zugehörigkeit, Überle­benskampf, Neuordnung, Zer­schlagung, Idealisierung und Zweifel an der Zukunft, Angst, Mut und Manipulation begegnen. Es ist ein Figurenensemble entstan­den, das hoffentlich einlädt, mit ihnen und durch ihre Augen eine Reise zu erleben, die emotional mit­nimmt, geschichtlich lebendig und spannend von einem Film zum nächsten führt.

"Spannende Fernsehabende, die historisch bilden"

Dr. Torsten Diedrich, Historiker

Anfang des Jahres 2014 kam Frau Dr. Gabriela Sperl mit der An­frage auf mich zu, ob ich bereit wäre, das Filmprojekt "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" als Historiker fachlich zu beraten. Ich empfand die Idee des Pro­jektes als sehr reizvoll.

Mit Freude habe ich die wenig später eintreffenden Drehbücher gelesen. Sie lasen sich spannend und waren historisch sehr gut recherchiert. Die Stärke der Drehbücher und des daraus entstan­denen Filmepos ist, dass unterschiedlich belastete und durch das NS-Regime drangsalierte und wirklichkeitsnahe Charaktere ge­schildert werden, die nach 1945 die neuen Gesellschaften in Ost und West mitgestalteten und dabei ihre positiven wie negativen Eigenschaften, ihre Vergangenheit, in die Neugestaltung ein­brachten. Damit entsteht ein sehr nachhaltiges und eingängiges Bild der Stärken und Schwächen deutscher Entwicklungen – hier am Beispiel eines kleinen Dorfes und doch historisch allgemein­gültig für die Besatzungszonen und späteren beiden deutschen Staaten.

Der Film lotet in seiner komparatistischen Analyse der deutsch-deutschen Nachkriegsgesellschaft wesentliche Aspekte der di­rekten Nachkriegsgeschichte tiefer aus, als es die Geschichtswis­senschaft bislang zu leisten vermochte.

Begeistert haben mich die hervorragenden Schauspieler, die so überzeugend sind, dass man meint, diese fiktiven Figuren ge­kannt zu haben. Dadurch "erzählen" die Figuren die politischen Ereignisse wie Zeitzeugen, lassen die Besatzungszeit, die gerade in Thüringen von dem Wechsel der amerikanischen Besetzung hin zur sowjetischen viele Spannungen und Probleme bei der Bevöl­kerung erzeugt hat, vor den Augen des Zuschauers plastisch er­stehen.

Das Dorf Tannbach mit seinen Bewohnern könnte es so gegeben haben, sowohl von den historischen Fakten als auch von den hier lebenden und in ihren Stärken und Schwächen plausibel nachge­zeichneten Menschen. Es werden viele der zu bewältigenden Probleme und historischen Belastungen jener Zeit angesprochen und künstlerisch verarbeitet. Der Film, das ist ihm hoch anzu­rechnen, führt in einer Zeit des Vergessens und Verdrängens jahrzehntealter Vergangenheit, den Zuschauer in diese Zeit zu­rück, erinnert an schwere erste Jahre beim Aufbau des heute Selbstverständlichen, macht damalige Konflikte und vor allem die Ideologien transparent, die fast ein halbes Jahrhundert die Welt gespalten haben.

"TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" wird zum Nachdenken und Nachlesen auffordern – und damit einen Beitrag zur histori­schen Erinnerung des kol­lektiven deutschen Gedächtnisses leis­ten.

"Little Berlin"

Dr. Rolf Steininger, Historiker

Im Sommer 2013 erhielt ich einen Anruf von Robert von Thayenthal mit der Bitte, als Zeithistoriker das geplante Filmpro­jekt "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" "wissenschaftlich" zu prüfen und zu begleiten. Ich sagte spontan zu.

Deutschland seit 1945 ist ein Thema, mit dem ich mich seit über 40 Jahren beschäftige, über das ich Bücher geschrieben und – mit meinem Freund Herbert Schwan – mehrere Fernsehdoku­mentationen produziert habe. Spielfilm war neu für mich. Das deutsch-deutsche Thema seit 1945 an einem fiktiven Dorf "aufzu­hängen", fand ich originell  – und wichtig. In vielfacher Weise ist ja die DDR in den letzten Jahren Thema für so manchen (Fern­seh)-Film geworden. Im Mittelpunkt stand immer das "reale"  Le­ben im Unrechtsstaat DDR. Dass die DDR ein Unrechtsstaat war, bleibt wohl unbestritten – wenn auch die gegenteilige Behauptung gut für so manche Talkshow ist.

Wenig bis gar nichts – oder ganz Falsches im Sinne der überlie­ferten DDR-Geschichtsinterpretation – wissen wir über den Weg  von 1945 hin zur DDR. Hier nun spielt "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" eine ganz entscheidende Rolle: Der Film schließt eine Lücke und zeigt uns auf "spielerische" Weise den steinigen Weg der Demokratisie­rung im Westen und die ersten Jahre des Unrechtsstaates im Osten.

Statements der Schauspieler:

Henriette Confurius über Anna von Striesow:

Was mich schon nach dem ersten Lesen der Drehbücher an mei­ner Figur Anna von Striesow am meisten interessiert hat, war die Entwicklung, die sie während der Zeit zwischen dem Kriegsende 1945 und 1952 durchlebt. Anna wächst als Tochter eines Groß­grundbesitzers auf, erlebt den Krieg, den Tod ihrer Brüder und die Abwesenheit des Vaters.

Sie ist ein junges Mädchen, das sich nach der Schönheit des Le­bens sehnt. Aber sie erlebt auch das Kriegsende, die amerikanische und sowjetische Besatzungszeit. Sie muss sehr früh Verantwortung übernehmen und schnell vom Mädchen zur Frau werden. Zu einer jungen Frau, die immer wie­der vor schwerwiegenden Entscheidungen steht. Die Herausfor­derung, diese Frau zu spielen, war von Anfang an groß: Was ist Sehn­sucht in einer solchen Zeit, was ist Liebe, was ist Alltag?

Ich selbst bin 1991 nach dem Mauerfall geboren und habe die Arbeit an dem Film und das Eintauchen in diese Geschichte sehr genos­sen. Die Geschehnisse dieser Zeit anhand der Dorfbewoh­ner und ihrer Erlebnisse zu verstehen, hat mir die Zeit näher ge­bracht.

Jonas Nay über Friedrich Erler:

Den Friedrich Erler zu spielen bedeutete für mich, wie auch für die Figur, auf eine lange Reise zu gehen. Friedrich Erler ist ein junger Mann, der mit seinen Träumen und Idealen aus dem Nichts kommt und einen gesellschaftlichen Neubeginn miterlebt, den er mitgestalten möchte. Er entwickelt sich vom Flüchtling zum politi­schen Hardliner, Landbesitzer und Familienvater. Solch einen Bogen als Schauspieler spielen zu dürfen, ist eine große Her­ausforderung und ein Geschenk zugleich. Hinzu kam für mich der historische Aspekt -  eine völlig fremde Zeit, anderes Denken so­wie eine Teilung meines Vaterlandes, das für mich als 90er Jahr­gang so selbstverständlich als Ganzes zusammen gehört. Dies zusammengenommen brachte das größte Potential an Vorberei­tung mit sich, das ich mir nur vorstellen konnte. Schöne Erinnerungen gibt es so viele - der erste Gedanke, der mir in den Kopf schießt: Die Zusammenarbeit mit Henriette Confurius als Anna von Striesow war für mich von der ersten Castingbegegnung an überwältigend. Ich hätte mir keine tollere Partnerin vorstellen können. Dies ging vom Zusammenspiel über das menschliche Miteinander bis hin zum täglichen Jogging an der Moldau in Prag. Das werde ich sehr vermissen.

Nadja Uhl über Liesbeth Erler:

Der Film über die Entstehung der Mauer erinnert daran, wie nur wenige Meter über das Schicksal von Familien entscheiden konnten. Diese Fremdheit, die es zwischen Ost und West manchmal noch gibt, geht wohl auch auf den Standort des einzel­nen zurück, als das Land geteilt wurde. Manche hatten Glück, andere weniger. Der große Lebenstraum von Liesbeth ist, bereits am Anfang des Films mit Kriegsende nach New York oder Paris zu kommen. Für mich steckt eigentlich alles in dem einen Satz, den sie sagt: "Ich kann hier nicht mehr atmen". Sie verkörpert Einsamkeit und Identitätsverlust, eine kriegsmüde und geschundene Seele, die nicht weiß wohin mit sich. Später spricht sie auch von Heimweh, "ohne zu wissen, wo Heimat ei­gentlich ist". Sie geht dann nach New York, wird sehr erfolg­reich und wird trotzdem nicht glücklich. Als sie zurück kommt nach Tannbach, spürt sie ihre Entwurzelung und, dass sie nir­gendwo richtig zuhause ist.

Heiner Lauterbach über Georg von Striesow:

Georg von Striesow ist ein vielschichtiger Charakter, der von der so gerne zitierten Fallhöhe profitiert. Er ist kein Gutmensch, aber auch kein wirklicher Fiesling. Er ist von der Gnadenlosigkeit des Krieges überrannt worden und versucht, wie so viele seiner Mit­menschen in dieser Zeit, damit fertig zu werden. Produktionen wie "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" sind sehr wichtig für das deutsche Fernsehen, da sie speziell jünge­ren Menschen, die noch nie mit Kriegen konfrontiert wurden, ei­nen Einblick verschaffen in die Grausamkeiten und verheerenden pri­vaten Schicksale, die ein Krieg, fernab der unzähligen Toten, mit sich bringt.

Martina Gedeck über Hilde Vöckler:

Die Figur Hilde ist ein Mensch, wie es sie in Kriegs- und Nach­kriegszeiten viele gab. Sie muss von vorne anfangen, immer wie­der. Sie tut das still und mit einer gewissen Wut. Sie durchlebt den Zusammenbruch Nazideutschlands als persönliches Schick­sal, dem sie sich stellt. Die Fassungslosigkeit über das Gesche­hene führt dazu, dass Hilde nicht zur Ruhe kommt: Sie putzt, räumt auf, legt Hand an, ist unentwegt tätig und schafft sich so eine neue Lebensgrundlage. Gleichzeitig ist sie misstrauisch und voll Abscheu jeglicher Art von System gegenüber und glaubt nicht an den "Neuen Menschen" der jungen DDR. Ihr höchstes Gut ist ihre innere Unabhängigkeit.

Alexander Held über Franz Schober:

Ein Sauhund ist er, dieser Franz Schober, könnte man meinen. Aber bei aller Selbstherrlichkeit und Verrohung, nazistischer Ge­sinnung, Kraftmeierei, Feigheit und Bauernschläue und einem Gewissen, das sich noch nicht einmal in Ansätzen erahnen lässt, konnte ich bei ihm dennoch Verletzlichkeit und Sensibilität aus­machen. Gut getarnt allerdings und bewahrt für ganz besondere, seltene Momente. Das musste ich erst mal spielen. Und so wurden die Dreharbeiten zu einer Wegstrecke, die ich wohl für immer in meinem Gedächtnis bewahren werde. Auch, weil mir in dieser Zeit das größte Unglück meines Lebens begeg­nete, der Tod meiner Frau. Aber ich wusste um ein wundervolles Ensemble an meiner Seite, alle, die für dieses Projekt standen und mir durch ihre Verbundenheit ermöglicht haben weiter zu ar­beiten. Das war tröstlich und schön.

Eine Ausnahme gab es allerdings. Das Motorrad. Widerspenstig wie ein Dackel startete es, oder es startete eben nicht. Meistens letzteres. Prächtig die Fassade, aber voller Tücke. Wie der Schober Franz, der Sauhund. Auch heute noch ist ein nicht näher bestimmter "Schoberismus" weltweit auszumachen, weil dem Sauhund halt immer wieder et­was einfällt und die meisten von ihnen schon viele und vieles überlebt haben, und falls nicht, wachsen sie eben nach wie die Schwammerl.

Ludwig Trepte über Lothar Erler:

Während der Deportation seiner Eltern nahmen ihn Liesbeth und Friedrich auf. Eine neue Familie, die er liebt, für die er kämpft und denen er sein Leben zu verdanken hat. Am meisten interessierte mich an der Figur Lothar, wie frei er ist und dass er sich keiner Ideologie anpasst. Er steht auf keiner Seite und versucht die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Er steht zu seinem Wort und liebt seine "neue Familie", für die er bereit ist alles zu tun.

Die Dreharbeiten in Tschechien waren ganz wundervoll. Das ganze Team hat sagenhafte Arbeit geleistet, und dies ist nun wirk­lich nicht immer einfach bei einem so großen Projekt.

Natalia Wörner als Caroline von Striesow:

Caroline von Striesow ist eine starke und sehr mutige Frau, die sich aus Überzeugung klar positioniert. Sie hat während der Kriegsjahre am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, Verluste zu erfahren und ist von der Sinnlosigkeit des Krieges überzeugt. Unsere Geschichte beginnt damit, dass sie ihren desertierten Mann versteckt und dafür einen harten Tribut zahlt. 

Im größeren Bild war es für mich als Schauspielerin inspirierend, eine Figur zu spielen, die eine klare Haltung gegenüber dem Dritten Reich verkörpert, bis hin zur Selbstaufgabe.

Maria Dragus über Theresa Prantl:

Die Figur der Theresa Prantl gab mir die Freiheit, Teil eines Films zu werden, der mir nah an den wirklichen Menschen erschien, echte Geschichten erzählt, so wie ich sie durch die Erzählung meiner Großelterngeneration mitbekommen habe.

Theresas Stärke und Entschlossenheit haben mich schon seit dem allerersten Casting nicht mehr losgelassen. Sie ist für mich ein Teil einer Frauengeneration, die im Nachkriegsdeutschland das Land wieder mit aufgebaut hat, die mit der Kriegsschuld le­ben musste und der Generation von jungen Müttern angehörte, die später die Jugend der 60er-Jahre-Bewegung aufgezogen hat.

Ich fand es besonders spannend, die Ideale und Werte einer sol­chen jungen Frau zu ergründen! Zwei große Herausforderungen barg diese Rolle für mich: Zum einen den bayerischen Dialekt zu lernen, was auch spielerisch etwas Besonderes war, und zum anderen war es das erste Mal, dass ich eine junge Mutter verkör­pern durfte.

Gemeinsam mit dem Regisseur Alexander Dierbach und dem En­semble voller erfahrener und toller junger Kollegen, an deren Seite ich spielen durfte, tauchte ich in die Welt Tannbachs ein. Es war dabei besonders inspirierend mit Schauspielern wie Alexander Held oder Johanna Bittenbinder zu arbeiten und natür­lich lustige bayerische Worte von Florian Brückner zu lernen, die leider so schwierig waren, dass ich sie schon wieder vergessen habe.

Florian Brückner über Heinrich Schober:

Ich glaube, das Schöne an dem Heinrich ist, dass er von Anfang an unterschätzt bzw. als Anti-Held verstanden wird. Seine körper­liche Behinderung erlaubt ihm zwar der Front fernzubleiben, an­dererseits ist sie auch einer der Gründe, weshalb der Vater ihn nicht akzeptiert. Somit hat es der "Heini" nicht leicht und kämpft vergebens wie ein Löwe um die Liebe und Achtung seines Vaters. Doch dann begegnet der resignierte Heinrich der Resi, und die Rolle erfährt eine spannende Entwicklung. Anfangs war es für mich eine Herausforderung, den Zeitsprüngen innerhalb der drei Bücher an den Drehtagen zu folgen. Doch gerade das machte die Arbeit so spannend und gab der Figur genügend Spielraum sich zu entwickeln. Eine spannende, intensive und oft auch sehr sen­sible Zeit mit einem spitzen Team. Ich bin stolz, dabei gewesen zu sein.

Sonntag, 4. Januar 2015, 21.45 Uhr: Tannbach - die Dokumentation, Ein Film von Florian Hartung und Heike Nelsen-Minkenberg

Ein Film von Florian Hartung und Heike Nelsen-Minkenberg

Deutschland im Frühjahr 1945. Aus allen Richtungen rücken die alliierten Truppen vor: Hitler erschießt sich in seinem Bunker, Berlin kapituliert, am 8. Mai ist das sogenannte "Großdeutsche Reich" nur noch Geschichte. Was bleibt, ist ein zerstörtes Land, das nun von den Siegern in vier Besatzungszonen aufgeteilt wird. Doch schon bald entzweien sich die drei westlichen Siegermächte und ihr einstiger Verbündeter, die Sowjetunion. Der "Kalte Krieg" beginnt und der sogenannte "Eiserne Vorhang" zwischen Ost und West erlangt für 45 Jahre traurige Berühmtheit.

Führt der dreiteilige Fernsehfilm "TANNBACH – Schicksal eines Dorfes" in einer spannenden Spielhandlung das Leben an der in­nerdeutschen Grenze ein­drucksvoll vor Augen, so lässt die Do­kumentation von Florian Hartung und Heike Nelsen-Minkenberg Zeitzeugen zu Wort kom­men, die ihre persönlichen Erlebnisse aus den Jahren des Kalten Krieges schildern - an der Nahtstelle der Blöcke, zwischen Ost und West.

Besonders betroffen waren Menschen, deren Orte unmittelbar an der Grenze lagen oder gar von ihr durchschnitten wurden, wie Mödlareuth, mit Bewohnern auf der bayerischen und auf der thüringischen Seite. Dieser Ort spiegelt geradezu symbolisch die Willkür der innerdeutschen Teilung wider. Neben ehemals sowjetischen und amerikanische Veteranen, die an der "Zonengrenze" ihren Dienst verrichteten, kommen Männer und Frauen zu Wort, deren Schicksal es war, sich mit dieser Grenze zu arrangieren - oder ihr den Rücken zu kehren und zu gehen. Menschen, die mit ihren Familien gewohnt waren, mitten in Deutschland zu leben und sich auf einmal am "Ende der Welt" befanden. Plötzlich war der gewohnte Schulweg versperrt, wohn­ten die Verwandten auf einmal "drüben". "Ich hab’ mich wahnsin­nig erschrocken. Ich hab’ als Kind gar nicht so verstanden, dass die eine Hälfte von dem Dorf in Bayern und die andere in Thüringen war", erinnert sich der damals 12-jährige Wolf-Dieter Schwabe, der auf bayerischer Seite aufgewachsen ist. "Und dann stand da auf einmal ein Bretterzaun, ging mitten durch das Dorf."

Aus dem Bretterzaun der ersten Jahre wurde eine Grenze aus Stacheldraht, und für Jahrzehnte durchzog das Örtchen Mödlareuth sogar eine Mauer. Der spätere Präsident George Bush sen. sprach bei einem Besuch von "Little Berlin". Der Name ging um die Welt. Dass aus "Little Berlin" einmal wieder ein vereintes Mödlareuth werden würde, darauf hatte in dem kleinen Ort keiner zu hoffen gewagt. Wie es dann aber doch geschah, auch davon berichtet die Dokumentation.

Carl-Ludwig Paeschke, Redaktion Zeitgeschichte

"Willkommen in Tannbach", Ein virtueller Besuch auf zdf.de

Das Kriegsende 1945 bringt für die meisten Bewohner Tannbachs keinen Frieden. Nach der Zerschlagung des Nazi-Regimes kämpfen sie nun in den neuen wechselnden Verhältnissen ums Überleben, um ihr Land und um ein wenig privates Glück. Doch einige wissen auch die Zeit des Umbruchs geschickt für ihre Zwe­cke zu nutzen.

Ganz wie im mehrteiligen TV-Epos zielt das Online-Angebot da­rauf ab, die historischen Ereignisse durch die fiktionalen Charak­tere für den Zuschauer erfahrbar zu machen: Wie fühlt es sich für die Bewohner an, bei Kriegsende zwischen den Fronten zu ste­hen? Was kann die junge Theresa tun, als sie ausgerechnet von einem französischen Kriegsgefangenen ein Kind erwartet? Wie soll Anna sich entscheiden, als ihr Zuhause dem Osten zugeteilt wird, ihr Vater aber in den Westen geht?

Auf www.tannbach.zdf.de kommt der Zuschauer den zentralen Figuren noch näher. In persönlichen Videos erzählen sie aus ih­rem Leben vor und während des Kriegs und welches Schicksal sie mit Tannbach verbindet. Das fiktionale Dorf steht dabei stellvertretend für viele andere deutsche Orte in der Nachkriegszeit. Auf der Microsite bekommt der Zuschauer die Gelegenheit, selbst in dieses Geschehen ein­zutauchen. Räumliche Tiefe und animierte Gegenstände erwe­cken den Ort Tannbach beim virtuellen Rundgang zum Leben. Ausgehend vom Dorfzentrum im Jahr 1945 kann sich der Zu­schauer weiter zu zentralen Plätzen in Richtung Ost und West bis ins Jahr 1952 bewegen. Zum Beispiel zum Wirtshaus im Jahr 1946, wo Hochzeiten und Taufen gefeiert, aber auch wichtige Entscheidungen der Besatzungsmächte verkündet werden. Oder zur Mühle, die 1952 im Zuge der "Aktion Ungeziefer" der neuen Ost-West-Grenze weichen muss. An ausgewählten Gebäuden wird der Wandel der Zeit per Maus­klick sichtbar: Fotos veranschaulichen, wie das herrschaftliche Gut Striesow unter verschiedenen Besatzungsmächten nach Kriegsende allmählich zerfällt und wie sich die Brücke im Zentrum des Dorfes zur lebensgefährlichen Grenzzone entwickelt.

Neben vielfältigen Videos, Hintergründen zu den Figuren und Schauplätzen findet sich im Online-Angebot ein aufwändiges Making Of, das dokumentiert, wie ein Dorf im Jahr 2014 optisch in die Nachkriegszeit versetzt wurde. Durch responsives Design passt sich die Seite automatisch auf allen Bildschirmen und Geräten (mobil oder Desktop) an. Das Angebot ist Anfang Dezember 2014 verfügbar unter: www.tannbach.zdf.de

Jasmin Pauschert, Milena Bonse, ZDF-Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie I

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