Terra X: Superhelden

Dreiteilige Dokumentationsreihe

Der neue "Terra X"-Dreiteiler "Superhelden" führt in die mythische Welt berühmter Heroen. Folge 1 erzählt vom listenreichen Odysseus, der beliebten Sagenfigur der griechischen Antike. Folge 2 erzählt die Geschichte des nordgermanischen Helden Beowulf, der mit grenzenlosem Mut und übermenschlicher Kraft gegen unheimliche Wesen kämpft. Und Folge 3 erzählt von den Abenteuern des naiven Helden Parzival, der auserwählt ist, neuer König der Gralsgesellschaft zu werden. Jeder Film zeigt auch, was die Autoren mit ihren Geschichten zum Ausdruck bringen wollten und welche Bedeutung sie noch für die heutige Zeit haben.

  • ZDF, Sonntag, 18., 25. Februar und 4. März 2018, jeweils 19.30 Uhr
  • ZDF Mediathek, Jede Folge ist jeweils ab samstags, 19.30 Uhr, vorab in der ZDFmediathek unter terra-x.zdf.de abrufbar.

Texte

Folge 1: Odysseus

Samstag, 17. Februar 2018, 20.15 Uhr, ARTE
Sonntag, 18. Februar 2018, 19.30 Uhr, ZDF

Terra X: Superhelden
Dreiteilige Dokumentation

1. Odysseus

Buch & Regie: Robert Schotter
Kamera:
Holger Neuhäuser, Daniel Kullack, Nils Kullack, Felix Comploi, Marc Riemer
Schnitt:
Robert Schotter
Animationen:
Holger Neuhäuser, Felix Comploi
Musik:
Paul Rabiger
Ausstattung:
Dennis Duis
Kostüm:
Jan Hoffmann, Ildiko Okolicsanyi
Sprecher:
Philipp Schepmann
Fachberatung: Dr. phil. Heinz Warnecke
Produktionsleitung:
Florian Miller (NFP), Miriam Brühl (NFP), Cora Szielasko (ZDF), Freda Wiethoff (ZDF)
Producer:
Iris Schaeffer-Flechtner
Produzenten:
Clemens Schaeffer, Alexander Thies
Redaktion:
Claudia Moroni ZDF, Peter Allenbacher ZDF/ARTE
Länge: 43'30

Odysseus muss auf einer langen Irrfahrt mächtigen Göttern, gewaltigen Naturereignissen und Ungeheuern trotzen. Die Abenteuer, die der Held erlebt, sind aber mehr als nur Erfindung. Sie spiegeln die spannende Epoche der griechischen Entdeckungsfahrten im Mittelmeer.

Die Odyssee stammt aus der Feder des griechischen Dichters Homer. In 24 Gesängen schildert er die fantastische Irrfahrt von Odysseus, dem König von Ithaka, der nach dem Sieg über Troja die Heimkehr antritt. Zehn Jahre dauert die Reise. Da er es sich mit den Göttern verscherzt hat, unterziehen sie ihn lebensbedrohlichen Prüfungen. Sie schicken ihn zu einem menschenfressenden Ungeheuer und ins Totenreich, treiben ihn mit den Klängen der Sirenen fast in den Wahnsinn, lassen heftige Stürme aufkommen, die ihn ständig vom Kurs abbringen, machen ihn jahrelang zum Zwangsgeliebten einer Göttin und vieles mehr. Mit rund 500 Mann sticht der Held in See, als einziger Überlebender kommt er zu Hause an.

Der Film zeigt, wie präzise Homer am Bild seines Helden Odysseus gearbeitet hat. Der Dichter entwirft einen völlig neuen Typus des mannhaften Helden, der bis heute Gültigkeit hat: Selbst in den schwierigsten Situationen handelt Odysseus besonnen, geduldig und klug. Jeden Schicksalsschlag wendet er zum Guten, lässt sich niemals unterkriegen, lernt aus seinen Fehlern und setzt auf List und Strategie statt auf Gewalt.

Odysseus ist ein Held, der den Herausforderungen einer neuen Ära genügen muss, die Homer im Blick hat. Im 8. Jahrhundert vor Christus, zu der Zeit als der Dichter die Odyssee verfasst hat, erleben die Griechen einen wirtschaftlichen Aufschwung. Das zerklüftete Hinterland mit seinen engen und schroffen Tälern bietet aber nicht genügend landwirtschaftliche Nutzflächen. Daher weichen die meisten Bauern und Viehzüchter in die schmalen, aber fruchtbaren Küstengebiete rund um die Ägäis aus. Überbevölkerung ist die Folge. Es kommt zu Unruhen und Krisen sowie zu dem Entschluss, neue Siedlungsräume zu erkunden.

In der Regel sind es junge Männer, die unter der Führung eines reichen Aristokraten in die Welt hinausziehen. Als große griechische Kolonisation gehen die Erkundungsfahrten in die Geschichte ein. Die Auswanderer entdecken den für sie bis dahin unbekannten Westen des Mittelmeers: Italien, Sizilien, Frankreich und Spanien. Sie leiden Entbehrungen, müssen mit Naturkatastrophen fertig werden, das unberechenbare Meer beherrschen und vor feindlich gesinnten Völkern fliehen.

Wo sie freundlich aufgenommen werden, gründen die Griechen Kolonien wie Marseille oder Syrakus, die schon bald reicher und schöner sind als die Heimatstädte im Mutterland. Homer hat die literarische Blaupause für den großen Aufbruch geschrieben, sagen Wissenschaftler. Somit ist die Odyssee nicht nur Fiktion, sondern auch ein Dokument über die Vorstellungswelt der Griechen sowie über ihr geografisches und nautisches Wissen zu Homers Zeit.

Die ewige Frage, ob sich hinter den mythischen Helden historische Vorbilder verbergen, stellt sich auch bei Odysseus. Die meisten Wissenschaftler sind davon überzeugt, dass der König von Ithaka keine Persönlichkeit der Geschichte ist, sondern ein idealisierter Anführer oder König. Trotzdem versuchen einige Forscher zu beweisen, dass es ihn tatsächlich gegeben hat. Eine Spur führt auf die ionische Insel Kefalonia. Vor einigen Jahren haben Archäologen dort ein Grabmal und einen Siegelstein entdeckt, auf dem ein Hund mit Rehkalb abgebildet ist. Der Fund gilt als Sensation, denn Homer beschreibt das Motiv im 19. Gesang als königliches Familienwappen des Odysseus.

"Das griechische Lebensmodell hat andere Völker überzeugt"
Interview mit Althistoriker Prof. Dr. Martin Zimmermann

Prof. Dr. Martin Zimmermann ist Althistoriker, lehrt an der Ludwig-Maximilans-Universität München und ist ein ausgewiesener Kenner der griechischen Siedlungs- und Migrationsgeschichte im Altertum und in der Antike. Er forscht und publiziert dazu ebenso wie zur Gewaltkultur jener Zeit, in der Homer seinen Helden Odysseus erfindet und ihn auf eine Irrfahrt in den unbekannten, wilden Westen des Mittelmeers schickt.

Im späten 8. Jahrhundert vor Christus wandern viele griechische Männer in eine unbekannte Welt aus und erkunden das westliche Mittelmeer. Wie waren die Lebensbedingungen der Griechen in der Heimat damals, und was bestimmte ihr Leben?

Die Griechen lebten in kleinen, möglichst autarken Familienverbänden, dem "Oikos". Dieser umfasste Mann, Frau, Kinder, das Gesinde und möglicherweise Sklaven. Die Familie im Oikos funktionierte ganz anders als heute. Der Altersunterschied zwischen dem Mann und der Frau war sehr groß. In der Regel heiratete ein knapp 30-jähriger Mann eine Frau, die 15 Jahre alt war. Ein so großer Altersunterschied in Kombination mit einer geringeren Lebenserwartung bedeutete, dass die Frauen in der Regel mit Mitte 20 alle schon verwitwet waren und ihre Kinder Waisen. Familien waren viel prekärer und also viel zerbrechlicher als in unseren Zeiten.

Die Frauen mussten dann sehen, wie sie zurechtkamen?

Die Rolle der Frau im 8. Jahrhundert vor Christus war eine ganz nachgeordnete. Der Mann vertrat den Oikos und seine Frau nach außen, während sie selbst nicht geschäftsfähig war. Deshalb ist die Frau eben in einer ganz schwachen Rolle und in aller Regel an das Haus gebunden. Wenn der Mann verstarb und die Frau Witwe wurde, geriet sie in aller Regel unter die Gewalt des nächsten männlichen Verwandten, also des Bruders des Mannes oder ihres eigenen Vaters, wenn der noch lebte.

Eine zutiefst patriarchalische Gesellschaft, wie geschaffen für einen königlichen Anführer wie Odysseus in Homers Odyssee?

Anführer wie Odysseus sind keine unumschränkten Herrscher. Er ist zwar als "Basileus", als Erster unter den Aristokraten einer der wichtigsten Männer der Gemeinschaft. Er ist sehr reich, hat große Verantwortung, sowohl im eigenen Oikos als auch in der Gemeinschaft und in der Kriegsführung. Der Basileus muss sich immer als der Beste erweisen, er muss reich sein, er muss fit und gut trainiert sein, und er muss in der Lage sein, eine kleinere oder größere Truppe in den Krieg zu führen. Aber es gibt eben mehrere Basileis in diesen Gemeinschaften, die als Gruppe auftreten und die Rolle des Basileus kann auch wieder weggenommen werden. Wenn ein Basileus stirbt, geht diese Ehre oder dieser Titel nicht automatisch an seinen Sohn über. Den Titel muss sich jeder verdienen.

Die griechische Kultur und Lebensweise ist in späteren Jahrhunderten zur dominierenden Kultur im Mittelmeerraum geworden. Worauf ist dieser Erfolg zurückzuführen?

Die geografische Situation in Griechenland war ganz wesentlich geprägt durch kleinteilige Landschaften, Fruchtebenen, Berge. In diesen kleinteiligen Naturräumen entstanden die "Poleis", kleine Stadtstaaten mit ihren Siedlungen, ein Dorfverband mit einem zugehörigen Territorium. Im Zentrum stehen mehrere Häuser, Bauernhöfe und ein gemeinsamer Marktplatz, um sich zu versammeln. Darüber hinaus hat man bereits zentrale Heiligtümer, die man gemeinsam besucht und pflegt.

Den Einzelnen brachte die Polis den Vorteil, dass sie sich als Gemeinschaft von ihren Nachbarn absetzen konnten. Man konnte mit anderen verkehren, mit ihnen Verträge schließen oder sich mit ihnen gegen Dritte verbünden. In dieser Gemeinschaft konnte man Nachbarschaft pflegen und sich gegenseitig helfen. Das Kollektiv der Bürger einer Polis war sehr wichtig.

Mit diesem Modell, das so erfolgreich war, dass es kopiert wurde, hing der Erfolg der Griechen zusammen. Ihr Lebensmodell hat andere Völker einfach überzeugt.

Manche Ihrer Fachkollegen sehen in der Existenz der "Agora", des öffentlichen Raums in der Polis, wo Diskussionen, Kontroversen, Debatten stattfinden, den Ausgangspunkt für die Entwicklung der griechischen Philosophie und damit der Wissenschaft überhaupt …

Die Einrichtung eines öffentlichen Raumes wie der Agora war sicherlich maßgeblich dafür verantwortlich, dass eine spezifische Form intellektuellen Austausches entstand. Die Philosophen und Wissenschaftler sahen sich aber weniger als Teil dieser Debattenkultur und der Bürgergemeinde. Sie entwickelten Gedanken und Konzepte, die zunächst weniger auf Alltagstauglichkeit ausgerichtet waren, sondern Grundsatzfragen stellten. Hierzu gehörte recht früh die Einsicht, dass die Götter von den Menschen erfunden worden sind. Damit stellten sie zentrale Grundlagen der Gemeinschaft infrage und verdeutlichten, dass grundsätzlich alles hinterfragt werden kann.

Neben Abenteuerlust und Krisen im Heimatland – was waren weitere Triebfedern für junge, griechische Männer auszuwandern?

In den griechischen Siedlungen der homerischen Zeit gab es das sogenannte Realerbrecht. Das heißt, wenn ein Bauer drei Söhne hat, wird das Landgut auf diese drei Söhne verteilt. Das führt in dieser Zeit offenbar häufig dazu, dass die verbleibenden Landstücke nicht mehr ausreichten, um autark in einem Oikos zu leben, so dass sich ein oder zwei der Söhne dazu entschließen mussten, sich einem Kolonistenzug anzuschließen.

Welche Einstellung hatten die Griechen fremden Völkern gegenüber?

Unmittelbar ist uns das nicht bekannt. Aber wenn wir die Epen von Homer anschauen, können wir sehen, dass es noch keine Ressentiments gegenüber "Barbaren" gab. Barbar taucht nur einmal als Begriff bei Homer auf und heißt da "unverständlich sprechen". Die "Zyklopen", die als Gegenbild der Zivilisation in der Odyssee auftauchen, sind Hirten und Milch- und Käseproduzenten, aber – und das unterscheidet sie von der Zivilisation – sie haben keine Gesetze, üben keine Versammlungen aus und – was ganz entscheidend ist: Sie haben keine Schiffe. Sie können also keinen Schiffsverkehr betreiben, um andere Völker zu besuchen, zu kommunizieren und an deren Zivilisation Anteil zu haben. Die fremden Völker wurden von den Griechen dann als ebenbürtig betrachtet, wenn sie Gesetze hatten, man mit ihnen völkerrechtlich verkehren und mit ihnen kommunizieren und Handel treiben konnte.

Die Fragen stellte Robert Schotter.

Folge 2: Beowulf

Samstag, 24. Februar 2018, 20.15 Uhr, ARTE
Sonntag, 25. Februar 2018, 19.30 Uhr, ZDF

Terra X: Superhelden
Dreiteilige Dokumentation

2. Beowulf

Buch & Regie: Nina Koshofer
Kamera:
Martin Christ, Marc Riemer, Holger Neuhäuser
Schnitt:
Volker Gehrke
Animationen:
Holger Neuhäuser, Felix Comploi
Musik:
Paul Rabiger
Ausstattung:
Dennis Duis
Kostüm:
Jan Hoffmann, Ildiko Okolicsanyi
Sprecher:
Philipp Schepmann
Fachberatung:
Prof. Dr. Rudolf Simek
Produktionsleitung:
Florian Miller (NFP), Miriam Brühl (NFP), Cora Szielasko (ZDF), Freda Wiethoff (ZDF)
Producer:
Iris Schaeffer-Flechtner
Produzenten:
Clemens Schaeffer, Alexander Thies
Redaktion
: Claudia Moroni ZDF, Peter Allenbacher ZDF/ARTE
Länge: 43'30

Das Beowulf-Epos gehört zu den berühmtesten Dichtungen aus dem alten England. Hinter der Sage über Heldenmut und Monster verbirgt sich die Geschichte der Angelsachsen, die nach Britannien auswandern und dort die ersten Königreiche gründen.

Es ist ein unbekannter christlicher Dichter, der die Heldentaten des Beowulf irgendwo im angelsächsischen England zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert verfasst hat. Das Werk gilt heute als eines der bedeutendsten und einflussreichsten Werke der englischen Literatur. Die Geschichte vereint alle Elemente eines modernen Action-Stoffs. Auch der Schriftsteller und Literaturprofessor J.R.R. Tolkien war von dem Heldengedicht fasziniert und nutzte es als Inspiration für seine berühmten Mittelerde-Romane. Nur durch ein einziges Manuskript ist das Beowulf-Epos überliefert – in der Nationalbibliothek in London wird es gehütet wie ein Schatz.

Die Geschichte von Beowulf und seinen sagenhaften Taten beginnt im Dänemark des 6. Jahrhunderts, im Reich des legendären König Hrothgar, einem Nachfahren des germanischen Gottes Odin. Er hat eine prunkvolle Festhalle errichten lassen, "Heorot" genannt. Sie ist Regierungssitz, Gerichtssaal und Festhalle für die Gemeinschaft. Die fröhlichen Feiern der Dänen erwecken den Unmut eines blutrünstigen Trolls, der in den naheliegenden Sumpfgebieten haust. Zwölf Jahre hält das Monster das Land fest in seinen Griff. Es tötet alle Krieger, die es wagen, die Halle zu betreten. Keiner traut sich, sich ihm entgegenzustellen. Bis Beowulf eintrifft, der junge, selbstbewusste Krieger vom Volk der Geatas, der Gauten. Er will König Hrothgar helfen und sein Reich von dem schrecklichen Scheusal befreien.

Das Beowulf-Epos wird zu einer Zeit des Umbruchs niedergeschrieben. Ab dem 5. Jahrhundert wandern Angeln, Sachsen und Jüten im Zuge der Völkerwanderung in Britannien ein. Sie kommen aus Skandinavien und dem Norden Deutschlands. Nachdem die Römer das Land verlassen haben, herrscht dort für lange Zeit eine Art Machtvakuum. Die Neuankömmlinge – später Angelsachsen genannt – gründen bald ihre eigenen Königreiche. Auch wenn sie sich irgendwann dem christlichen Glauben öffnen, bleiben sie ihrer heidnischen Kultur und ihren Mythen lange verbunden. Das Beowulf-Epos erzählt davon.

Über seine literarische Bedeutung hinweg vermittelt das Werk Einblicke in das altgermanische und frühe englische Leben. In Dänemark und Großbritannien begibt sich die Dokumentation auf die Spuren der angelsächsischen Geschichte, zeigt spektakuläre archäologische Funde und berichtet über aktuelle Erkenntnisse. Im dänischen Leijre haben Archäologen Überreste einer alten Königshalle gefunden, die in vielem den Beschreibungen der legendären Heorot-Halle in Beowulf entspricht. In England hat man spektakuläre Grabbeigaben und vergrabene Schätze entdeckt, die an Schilderungen über Bestattungsrituale im Epos erinnern.

Dänische, englische und deutsche Wissenschaftler helfen bei der Einordnung des historischen Kontexts und zeichnen ein lebendiges Bild des Lebens und der Glaubenswelt im angelsächsischen England. Sie zeigen: Das Beowulf-Epos ist eine Heldengeschichte, die auch nach über 1000 Jahren nichts von ihrer Kraft verloren hat.

"Beowulf spricht verschiedene Generationen auf unterschiedliche Weise an"
Interview mit Prof. Andy Orchard

Andy Orchard ist Professor für angelsächsische Literatur an der Universität von Oxford und lehrt an dem Lehrstuhl als Nachfolger von J.R.R. Tolkien. Orchards Spezialgebiete sind altenglische, nordische und keltische Literatur. Er ist Autor verschiedener Fachbücher zum Thema Beowulf, ein neues Werk wird 2018 erscheinen.

Was fasziniert Sie an dem Gedicht "Beowulf", was macht es so einzigartig?

"Beowulf" ist der Inbegriff des angelsächsischen Gedichts. Wenn wir auf die kulturellen Anfänge des angelsächsischen Englands im 5. Jahrhundert zurückblicken, beginnt es in einer heidnischen Gesellschaft, die auf mündlicher Überlieferung beruht und eine säkulare, heroische Kriegerkultur ist. Gegen Ende der Ära der Angelsachsen hat sich dann fast alles verändert. Sie sind zu einer christlichen Kultur geworden, fast einer Schriftkultur, die sich sehr für Latein, Kontinentaleuropa und das dortige Geschehen interessiert. In "Beowulf" bildet sich diese ganze Entwicklung ab.

Ich habe "Beowulf" das erste Mal im Original gelesen, als ich 17 Jahre alt war, was nun schon ein paar Jahre her ist. Ich lese und lehre das Gedicht jedes Jahr und entdecke immer etwas Neues in diesem sehr vielschichtigen und anspruchsvollen Gedicht. Ich mag die Dichtkunst aus dieser Zeit. Man folgt ihr auf ihren verschlungenen Wegen und manchmal führt sie einen an unerwartete Orte und eröffnet einem unerwartete Perspektiven.

Warum ist "Beowulf" immer noch aktuell?

1936 hielt der junge J.R.R. Tolkien – der damals den Lehrstuhl besetzte, den ich heute innehabe – einen bedeutenden Vortrag an der British Academy. Er sagte, "Beowulf" sei nicht nur Geschichte, sondern ein literarisches Werk, das von Menschlichkeit und Menschen erzählt, nicht nur von Ereignissen und Handlungen. Seitdem wird "Beowulf" immer wieder unter diesem Gesichtspunkt untersucht: Was erzählt uns das Gedicht über die Angelsachsen? Und was sagt es uns über uns selbst? "Beowulf" wird immer wieder interpretiert und re-interpretiert. Es existieren moderne Lesarten, feministische und öko-kritische Lesarten. Genau das ist es, was es zu einem großen Kunstwerk macht: Es spricht verschiedene Generationen auf ganz unterschiedliche Weise an.

Worin liegt die tiefere Bedeutung des Gedichts?

Das "Beowulf"-Epos ist nicht einfach nur die Geschichte von einem äußeren Monster. Es handelt auch davon, gegen die eigenen Dämonen anzukämpfen. Am Ende des Gedichtes, wenn wir wissen, dass Beowulfs Leute dem Untergang geweiht sind, liefert der Dichter eine wundervolle Neubewertung: Einige Monster – Grendel, Grendels Mutter und der Drache zum Beispiel – erscheinen menschlich, und wir empfinden Mitleid mit ihnen. Nietzsche hat einmal gesagt: "Wenn du in einen Abgrund starrst, starrt der Abgrund auch in dich hinein." Wenn du Monster bekämpfst, pass' also auf, dass du nicht selbst zum Monster wirst. Mit diesem Gedanken spielt der Dichter wiederholt.

Warum ist es so schwierig, die Entstehungszeit von "Beowulf" zu bestimmen?

Im ganzen Gedicht gibt es nur ein Ereignis, das eine eindeutige historische Datierung zulässt. Es ist ein Raubzug, der unter Beowulfs König Hygelac stattfand. Soweit wir es datieren können, muss der Raubzug ungefähr um das Jahr 520 n. Chr. passiert sein. Das ist also die früheste Datierungsmöglichkeit. Das einzig erhaltene Manuskript ist ungefähr auf das Jahr 1000 n. Chr. zu datieren. Also haben wir mindestens fünf Jahrhunderte, die in Frage kommen. Wissenschaftler haben versucht, das Gedicht in jedem einzelnen dieser fünf Jahrhunderte zu verorten, jeweils mit ganz unterschiedlichen Begründungen. Deswegen gibt es über die Datierung des Gedichts große Meinungsverschiedenheiten.

Welche Bedeutung hat die Halle "Heorot" im Gedicht?

Innerhalb der angelsächsischen Kultur ist die Halle der Ort der Wärme und Sicherheit, des Essens, Trinkens und Schlafens, des Glücks und des menschlichen Diskurses. Die Außenwelt ist dagegen unheimlich und sehr dunkel. Als Grendel dann plötzlich von draußen in die Halle platzt, ist dies ein dramatischer Höhepunkt und traumatischer Moment, denn plötzlich dringt diese Außenwelt in den geschützten Raum ein.

Wie wird Grendel beschrieben? Was für eine Art Monster ist er?

Er kommt aus der Dunkelheit, ist ein Schattengänger. Er wird mit vielen menschlichen Attributen beschrieben. Zudem ist er ein Verbannter. In der angelsächsischen Dichtung gibt es viel Mitgefühl für die Verbannten, denn wenn man einmal von einer Kriegergruppe oder vom Hofe vertrieben wird, wird man sofort zu einer sehr verdächtigen Figur. Es stellen sich die Fragen: Warum hat er keinen Herrn? Warum hat er keinen Beschützer? Hat er seinem Herrn gegenüber versagt? Deshalb empfinden wir auch Mitgefühl für Grendel.

Warum ist Tolkien so wichtig für "Beowulf"?

Tolkien war einer der größten "Beowulf"-Gelehrten, die es je gab. Er hat unsere Meinung über Beowulf revolutioniert. Durch ihn haben wir über das Gedicht unter literarischen Gesichtspunkten nachgedacht. In erster Linie war Tolkien ein Experte des Angelsächsischen, aber er wurde auch sehr beeinflusst von altnordischen und isländischen Sagen und Gedichten, sowie von keltischen Stoffen, vor allem walisischen und teilweise auch irischen, die er alle vermischte. So gibt es in seinen eigenen Werken die zentrale Vorstellung einer verlorenen Welt, eines Königs, der im eigenen Reich nicht die Ehre bekommt, die er verdient hätte.

Die Fragen stellte Nina Koshofer.

Folge 3: Parzival

Samstag, 3. März 2018, 20.15 Uhr, ARTE
Sonntag, 4. März 2018, 19.30 Uhr, ZDF

Terra X: Superhelden
Dreiteilige Dokumentation

3. Parzival

Buch & Regie: Judith Voelker
Kamera: Martin Christ, Marc Riemer, Holger Neuhäuser
Schnitt: Claudia Spoden
Animationen: Holger Neuhäuser, Felix Comploi
Musik:
Paul Rabiger
Ausstattung: Dennis Duis, Beata Brentnerová
Kostüm: Jan Hoffmann, Ildiko Okolicsanyi, Věra Mírová
Sprecher: Philipp Schepmann
Fachberatung: Prof. Dr. Stephan Jolie
Produktionsleitung: Florian Miller (NFP), Miriam Brühl (NFP), Cora Szielasko (ZDF), Freda Wiethoff (ZDF)
Producer: Iris Schaeffer-Flechtner
Produzenten: Clemens Schaeffer, Alexander Thies
Redaktion: Claudia Moroni ZDF, Peter Allenbacher ZDF/ARTE
Länge: 43'30

Der Roman über den unbedarften Helden Parzival, der erst lernen muss, einer zu sein, spielt in der gewaltsamen Welt der Ritter. Das Werk ist die ebenso humorvolle wie tiefsinnige Antwort auf die verheerenden Verhältnisse im Römisch-Deutschen Reich zur Zeit der Kreuzzüge.

Wolfram von Eschenbach hat den Ritterroman über den "tumben Thor" Parzival um 1200 verfasst. Er ist zwar nicht der Erfinder der Figur – das war der Franzose Chrétien de Troyes – doch hat er die Geschichte des schönen, aber unbesonnenen Helden weitergesponnen und zu einem Bestseller gemacht. Mit fast 25.000 Versen ist "Parzival" das längste deutsche Erzählwerk seiner Zeit, mit über 100 Abschriften auch eines der beliebtesten im Mittelalter. Das liegt vor allem an den Themen, die der Dichter anspricht: Wolfram von Eschenbach geht es um ritterliche Wertevorstellungen, vorbildliche Herrscher und um die für ihn wichtigste christliche Tugend – Mitgefühl.

Parzivals Abenteuer beginnen mit seinem Entschluss, Ritter von König Artus und seiner Tafelrunde zu werden. König Artus und seine Getreuen verkörpern im Mittelalter das ideale höfische Rittertum. Sie kämpfen für Kirche und Vaterland, beschützen die Schwachen und sorgen für die öffentliche Sicherheit. In "Parzival" aber hat der Vorzeigehof seinen guten Ruf verspielt. Es herrscht Chaos und Streit, selbst der gerechte Artus handelt aus Willkür und Selbstsucht.

Das Gegenmodell zum höfischen Rittertum der Artusrunde ist die geheimnisvolle Gralsgesellschaft. Ihre Regeln gibt der Gral vor. Sie sind so streng und starr, dass kein Mensch sie einhalten kann. Im Roman ist es der Gralskönig, der versagt und damit den Fortbestand der Gesellschaft in Gefahr bringt. Wolfram von Eschenbach entwirft die religiöse Gemeinschaft nach dem Vorbild der christlichen Ritterorden, die zur Zeit der Kreuzzüge entstehen. Im Namen Gottes ziehen sie als Soldaten Christi ins Heilige Land gegen die Muslime. Aber nicht nur die heilige Sache treibt die Ritter in den Kampf, sondern auch die Aussicht auf reiche Beute und Herrschaftsgebiete im Orient. Wer sich hinter der Gralsgesellschaft und ihrem Anführer Anfortas verbergen könnte, versucht der Film aufzuzeigen. Die Spur führt nach Spanien und zu den Tempelrittern, die nicht nur im Zusammenhang mit der Legende um den Heiligen Gral, sondern auch bei der Rückeroberung der von Muslimen besetzten Gebiete Spaniens eine wesentliche Rolle gespielt haben.

Im Roman lernt Parzival beide Ritterwelten kennen. Er, der nichts von höfischen Sitten, ritterlichen Idealen und den Lehren der Kirche weiß und sie erst mühsam kennenlernen muss, wird nach harten Prüfungen schließlich zum Hoffnungsträger der christlichen Gesellschaft. Mit einer einzigen Heldentat, die darin besteht, menschliches Mitgefühl zu zeigen, kann er die Gemeinschaft vom Leid erlösen.

Die Geschichte spiegelt die Ordnung in Europa um 1200 wider, mit all ihren Werten, Tugenden und Vorstellungen, aber auch Konflikten, Kriegen und Fehden. In einer Zeit des Umbruchs ist der Roman nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen jener Epoche, sondern auch die Suche nach einem neuen Selbstverständnis des Ritterstands. Als Wolfram von Eschenbach seinen Roman vollendet, sind die Kreuzzüge im Heiligen Land gescheitert und der deutsche Thronstreit im Römisch-Deutschen Reich gerade zu Ende. Die Menschen wünschen sich Frieden und Sicherheit. Parzival erfüllt die Sehnsucht nach einem Friedensstifter – das macht ihn zum Publikumsliebling im Mittelalter und darüber hinaus.

"Die emotionale Verbindung zwischen Mann und Frau in der Ehe ist Wolfram von Eschenbachs Utopie"
Interview mit Prof. Ricarda Bauschke-Hartung

Prof. Ricarda Bauschke-Hartung ist Professorin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf für Germanistik mit dem Schwerpunkt Mediävistik und zugleich Geschäftsführerin der Wolfram-von-Eschenbach-Gesellschaft. Sie widmet sich der Erforschung des Werks von Wolfram von Eschenbach sowie der Literatur und Kultur des Hochmittelalters, um sie auch für die Gegenwart verständlich zu machen. Ricarda Bauschke-Hartung war Fachberaterin der dritten "Terra X"-Folge "Superhelden" über Parzival.

Worum geht es in "Parzival"?

Es geht um Sinnsuche, darum, wie der Einzelne seinen Platz in der Welt findet, auch den Sinn seines individuellen Lebens findet – und wie er dabei etwas für die Gemeinschaft tun kann. In mittelalterlicher Vorstellung ist das immer ein gottgefälliges Leben, also ein christliches Leben, und Parzival findet diesen Weg für sich und damit auch stellvertretend für alle Menschen.

Welche menschliche Eigenschaft wird in "Parzival" besonders hervorgehoben?

In "Parzival" geht es auch um Verantwortung, in zweierlei Hinsicht. Zum einen muss jeder Einzelne seine Taten darauf hin prüfen, ob sie sozial verträglich sind und welche Konsequenzen sie für die Mitmenschen oder für die Welt haben. Zum anderen geht es wieder um den religiösen Aspekt: Jeder Mensch ist in christlicher Vorstellung mit einer Erbschuld behaftet und hat nun die Verantwortung, durch ein gottgefälliges Leben diese Schuld zu tilgen.

Welche Kritik übt Wolfram von Eschenbach an den herrschenden Zuständen seiner Zeit?

Er zeigt in der Art und Weise, wie er seinen Helden vorstellt, auch kritische Aspekte gegenüber dem Rittertum: Gewalt, Tötung, Mord. Wenn man bedenkt, dass das Rittertum eine Gesellschaft ist, die sich über Kampf definiert, dann ist das eine fundamentale Problematisierung dieser Gesellschaftsform.

Welche Botschaft will der Autor seinem Publikum durch die Geschichte des kranken Gralskönigs Anfortas mitteilen?

Anfortas hat als Gralskönig versagt, weil er sich einer Frau zugewandt hat, die ihm nicht vorbestimmt war. Die Gralsgemeinschaft als religiöse Gemeinschaft ist eine keusche Gemeinschaft. Er aber hat sich aus "niederen" erotischen Beweggründen für diese Frau interessiert. In der Folge wird er unheilbar verletzt, sodass er keinen legitimen Nachfolger mehr zeugen kann. Durch seine Geschichte wird gezeigt, wie schwierig es ist, wenn der Herrscher fehlbar ist. Und es wird gezeigt, dass eine Verbindung zwischen Mann und Frau, die nur auf Begehren zielt und nicht auf keusche Minne und "Triuwe", zum Unglück führen kann, ja sogar führen muss.

Was ist Parzivals wichtigste Aufgabe vor dem Hintergrund einer religiös geprägten Zeit?

Man kann Parzival als Heilsbringer für die Gralsgesellschaft und für die Welt insgesamt deuten, wenn man seinen Weg in Analogie zum Weg Christi versteht. Am Karfreitag erhält er von seinem Onkel Trevrizent Unterweisungen über die Erbschuld, über die Notwendigkeit, dass jeder Einzelne Mitleid zeigen soll. Dieses Heil, das Christus in die Welt gebracht hat, das bringt Parzival in die Gralsgesellschaft hinein.

Was macht einen guten Herrscher im Mittelalter aus?

Seit der Antike gibt es Herrscherkataloge, in denen aufgelistet wird, was einen guten Herrscher ausmacht. Wolfram von Eschenbach ergänzt das noch durch ganz individuelle, menschliche Qualitäten. Ein Herrscher muss ein guter Mensch sein, muss gut sein in seinen menschlichen Beziehungen. Einmal in Bezug auf Mitleidsfähigkeit mit andern, aber auch als guter Ehemann. Die funktionierende Ehe ist die Keimzelle für den funktionierenden Staat, darum ist es gerade so wichtig, dass die Beziehung zwischen Parzival und Condwiramurs so von Liebe und Loyalität getragen ist.

Welche Rolle spielt die Minne und die Ehe in "Parzival"?

Zentral ist, dass Wolfram von Eschenbach die Liebesbeziehung in der Ehe ansiedelt, weil Ehe und Liebe im Mittelalter eigentlich gar nicht konform gehen. Liebe ist kein Heiratsgrund, es existieren vielmehr politisch motivierte Ehen, dynastische Verbindungen. Wenn Wolfram von Eschenbach zeigt, wie die emotionale Verbindung zwischen Mann und Frau in der Ehe eine positive Kraft entfalten kann, dann ist das eine Utopie, die das mittelalterliche Publikum sicherlich in besonderer Weise angesprochen hat, weil hier ein Defizit in der realen Welt existierte.

Die Fragen stellte Judith Völker.

Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 – 70-16100, und unter https://presseportal.zdf.de/presse/terrax

Weitere Informationen

terra-x.zdf.de

Alle drei Dokumentationen sind jeweils ab samstags, 19.30 Uhr, vorab in der ZDFmediathek unter terra-x.zdf.de abrufbar.

Webvideos embedden: Zu jedem Film gibt es ein Webvideo, das jeweils am Samstag um 10.00 Uhr in der Mediathek und am Sonntag um 12.00 Uhr auf dem YouTube-Kanal "Terra X Natur & Geschichte" https://www.youtube.com/terrax veröffentlicht wird. Diese Webvideos sind zum Embedding mit Verweis auf "Terra X" für alle Interessierten freigegeben.

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