Tod eines Mädchens

Zweiteiler

Ein beschaulicher Ort an der Ostseeküste: Am Strand wird ein 14-jähriges Mädchen tot aufgefunden. Die ortsansässige Kommissarin Hella Christensen (Barbara Auer) erkennt die Tote sofort – ist sie doch mit den Eltern des Opfers, Silke und Hauke Broder (Anja Kling, Jörg Schüttauf), eng befreundet. Das beeinflusst ihre Arbeit, und es fällt ihr schwer, gegen die Bewohner der eigenen Gemeinde zu ermitteln. Anders ihr neuer Vorgesetzter, Kommissar Simon Kessler (Heino Ferch), der nüchtern an die Arbeit geht und die Ermittlungen übernimmt.

  • ZDF, Mo., 9. und Mi., 11. Februar 2015, jeweils 20.15 Uhr

Texte

"Wie der Einschlag eines Meteoriten"

Ein idyllischer Ort, nette Nachbarn, gute Freunde, wohlgeratene Kinder, eine funktionierende Gesellschaftsordnung - in unserer fiktiven Gemeinde Nordholm an der Ostsee scheint die Welt noch in Ordnung. Dass die örtliche Polizeidienststelle aufgelöst wurde, bereitet allenfalls den Beamtinnen und Beamten Sorgen, die nun wesentlich weiter zu ihrer Arbeitsstelle fahren müssen. Die scho­ckierende Nachricht, dass am Strand ein totes Mädchen gefunden wurde, trifft diesen Ort wie der Einschlag eines Meteoriten. Was vorher wie ein Segen schien, wird nun zum Fluch: Anstatt der um ihre Tochter trauernden Familie Beistand zu leisten, muss die ört­liche Kommissarin gegen ihre Freunde und Nachbarn ermitteln. Die Nähe, die vorher Halt gegeben hat, erweist sich plötzlich als schier unüberwindbares Hindernis. Der schöne Schein entpuppt sich als rissige Fassade. Was passiert mit den Menschen, die in eine Ausnahmesituation geworfen werden? Halten die Freund­schaften? Waren die Freunde ehrlich zueinander? Wer stellt sich den Tatsachen, und wer verbirgt weiterhin Geheimnisse vor den Freunden, den Ehepartnern und der Polizei?

Die Drehbuchautoren Stefan Holtz und Florian Iwersen haben sich der Herausforderung gestellt, eine zweiteilige Geschichte zu entwickeln, die ihre Figuren an emotionale Grenzen führt, wenn plötzlich die Werteordnung aus den Fugen gerät und Vertrauen zu Misstrauen mutiert. Mit Thomas Berger als Regisseur gelang es, ein Ausnahme-Ensemble zusammenzustellen, das der Geschichte große Authentizität, emotionale Tiefe und Spannung von der ers­ten bis zur letzten Minute verleiht. Allen voran stellten sich Barbara Auer, Anja Kling, Heino Ferch und Jörg Schüttauf der schwierigen Aufgabe, ihre Figuren in ein Wechselbad der Gefühle zu schicken: Trauer, Wut, Verzweiflung, Schuldzuweisung be­stimmen Nähe und Distanz. Thomas Berger und seinem Kamera­mann Frank Küpper ist eine Bildästhetik gelungen, die sich nicht aufdrängt, sondern unterstützend und raumgebend für die Ge­schichte ist und für das gesamte Figurenensemble - bis in die kleinsten Rollen herausragend besetzt.

Dem außergewöhnlichen Drehbuch, der souveränen Regie, dem wunderbaren Cast, dem hoch professionellen, unermüdlichen Einsatz aller Gewerke, dem unaufgeregten Schnitt von Jan Henrik Pusch und nicht zuletzt dem Komponisten Florian Tessloff ist es zu verdanken, dass der Zweiteiler "Tod eines Mädchens" fesselnd und ergreifend bis zur letzten Minute ist. Und selbst wenn der "Meteorit" einen tiefen Krater in der Ortschaft und unübersehbare Nar­ben bei ihren Bewohnern hinterlassen hat, gibt es Hoffnung, dass nicht alles auseinanderfällt, nicht alles vergebens war, nicht alles Illusion - dass es Werte gibt, die bestehen bleiben. In Nordholm wie anderswo.

Elke Müller, HR Fernsehfilm/Serie I/Redaktion Reihen und Serien II

Stab und Besetzung

Buch   Stefan Holtz, Florian Iwersen
RegieThomas Berger
KameraFrank Küpper
Musik Florian Tessloff
SchnittJan Henrik Pusch
ProduktionNetwork Movie Film- und Fernseh-produktion GmbH & Co. KG, Hamburg
ProduzentenJutta Lieck-Klenke, Dietrich Kluge
Junior-ProduerinPolli Elsner
HerstellungsleitungRoger Daute
ProduktionsleitungFrank B. Bosselmann
RedaktionElke Müller
Länge2 x 90 Minuten
Rollen/Darsteller
Simon Kessler Heino Ferch
Hella Christensen Barbara Auer
Silke Broder Anja Kling
Hauke Broder Jörg Schüttauf
Torben Broder Hinnerk Schönemann
Johannes ChristensenRainer Bock
Lars von Ahnefeld Johann von Bülow
Uwe HahnGustav Peter Wöhler
Hermann Broder Peter Striebeck
Martin ChristensenChris Veres
Mareike ThielAnna Unterberger
Jan Wiese Max Landgrebe
Karla Bossen  Nina Petri
Dennis BoysenJulius Nitschkoff
Jenni Broder Annika Schrumpf
Dorothe Mathiessen Hedi Kriegeskotte
Staatsanwalt DenschPeter von Strombeck
ReeseHansjürgen Hürrig
BürgermeisterMarek Erhardt
Charlotte Broder  Lilly Barshy
Benjamin Gründling Paul Herwig
Sven Christensen Luke Vogelbein
und andere

Allgemeiner Inhalt

Ein beschaulicher Ort an der Ostsee: Am Strand wird ein totes Mädchen gefunden. Kommissarin Hella Christensen (Barbara Auer) erkennt die Tote, es handelt sich um die 14-jährige Jenni, Tochter ihrer Nachbarsfamilie. Hella ist sichtlich erschüttert, ist sie doch mit den Eltern des Opfers, Silke und Hauke Broder (Anja Kling, Jörg Schüttauf), eng befreundet. Doch ihr neuer Vorgesetzter Simon Kessler (Heino Ferch) geht nüchtern an die Arbeit und richtet vor Ort die SOKO "Jenni" ein. Schnell stellt sich die Frage, ob der Täter ein Fremder ist oder ob er sein Opfer kannte. Der ganze Ort scheint verdächtig, Freundschaften unter den Familien werden auf eine harte Probe gestellt und das Zusammenleben auf lange Zeit in seinen Grundfesten erschüttert.

Inhalte

Teil 1

Ein Ort an der Ostseeküste: Nachdem die örtliche Polizeidienst­stelle aufgelöst wurde, will sich Oberkommissarin Hella Christensen (Barbara Auer) auf den Weg zu ihrer neuen Arbeits­stätte in Kiel machen. Doch sie kommt nicht weit, da an einer Seebrücke ein totes Mädchen gefunden wurde. Hellas neuer Vor­gesetzter Simon Kessler (Heino Ferch) ist bereits aus Kiel ange­reist und erwartet sie am Fundort. Hella erkennt die Tote sofort: Es handelt sich bei dem Opfer um die 14-jährige Jenni, Tochter ihrer Nachbarn, mit denen sie gut befreundet ist. Hella ist sichtlich erschüttert. Kessler ordnet an, die aufgelöste Dienststelle vor Ort zu nutzen, um von hier aus den Mordfall zu klären, während er seine vor kurzem erst erlittene Schussverletzung als Geheimnis hütet.

Schnell stellt sich die Frage, ob der Täter ein Fremder ist, der seinem Opfer am Abend zuvor durch Zufall begegnet war – oder, ob der Mörder sein Opfer kannte. Hella fällt es aufgrund der fami­liären Verbundenheit sehr schwer, die Ermittlungen an Kesslers Seite voranzutreiben. Sie ist nicht nur mit der Familie des Opfers befreundet, sondern auch mit allen aus dem Ort bekannt. Es ist für sie kaum vorstellbar, dass jemand aus ihrem unmittelbaren Umfeld tatverdächtig sein soll: Hauke (Jörg Schüttauf), Jennis Vater, steht neben dem Hotelbesitzer Uwe Hahn (Gustav Peter Wöhler) jedoch ganz oben auf der Liste. Beide haben kein stich­haltiges Alibi für die Mordnacht.

Die Ehe der verwaisten Eltern wird auf eine harte Probe gestellt: Silke (Anja Kling) trauert nicht nur um ihre Tochter, sondern ist auch von ihrem Mann enttäuscht, der sich mehr und mehr in sein Schneckenhaus zurückzieht. Sie fühlt sich allein gelassen, ir­gendwas stimmt hier nicht. In dieser Zeit ist sie sehr dankbar für die Hilfe von Torben (Hinnerk Schönemann), Haukes Bruder. Er scheint ihre Trauer zu verstehen und unterstützt sie in jeder Hin­sicht. Keiner der Ermittler gönnt sich mehr eine Pause, so sehr trifft der Tod des Mädchens alle Beteiligten. Kessler treibt sein Team an – ein weiterer Erfolg beim Check des Computers gibt Hinweise: Das Mordopfer muss einen heimlichen Verehrer aus dem Ort gehabt haben.

 

Teil 2

Der schreckliche Mord an der 14-jährigen Jenni hat den kleinen Ort an der Ostseeküste tief erschüttert. Die Ermittlungen haben sich dramatisch zugespitzt, als der Sohn der Kommissarin Hella Christensen (Barbara Auer) zum Hauptverdächtigen wird. Wäh­rend sie immer noch fest daran glaubt, dass sich die Beschuldi­gungen als Missverständnis aufklären werden und Martin (Chris Veres) unschuldig ist, holt sich ihr Ehemann Johannes (Rainer Bock) bereits anwaltliche Unterstützung. Denn er hat ein Indiz unterschlagen, dass seinen Sohn schwer belasten könnte: einen blutigen Pullover. Nachdem Jennis Eltern, Silke (Anja Kling) und Hauke (Jörg Schüttauf), von dem Verdacht gegen Hellas Sohn erfahren haben, wollen sie mit ihr sprechen. Doch wie kann sie ihnen jetzt unter die Augen treten, wo Martin beharrlich schweigt und sie von ihrem Vorgesetzten Simon Kessler (Heino Ferch) vo­rübergehend vom Fall abgezogen wurde?

Als anonyme Hinweise auf einen ähnlichen Fall deuten, der sich vor 14 Jahren in dem kleinen Ort ereignet hat, bekommen die Er­mittlungen eine weitere Wendung. Damals verschwand das 15-jährige Mädchen Anita Bossen, das bis heute nicht aufgefunden wurde. Kessler befragt dazu auch die Mutter des verschwundenen Mädchens und erkennt, dass die Theorie von Anitas Verschwin­den damals falsch gewesen sein muss. Hängen die beiden Fälle vielleicht zusammen? Anita Bossen hatte, so wie Jenni, bei Uwe Hahn (Gustav Peter Wöhler) im Hotel gearbeitet. Ein Zufall?

Der Hotelbesitzer rückt wieder in den Fokus der Ermittlungen. Hella kommt nicht zur Ruhe, sie ist immer noch fest von Martins Unschuld überzeugt. Es gelingt ihr, einen Zeugen zu finden, der Jenni noch einmal gesehen hat, nachdem ihr Sohn mit dem Mäd­chen zusammen war - in einem Auto mit kaputtem Rücklicht. Diese Information bringt Kessler auf die Spur von Lars von Ahnefeld (Johann von Bülow), einen Gutshofbesitzer, dessen Wagen ebenfalls ein defektes Rücklicht aufweist, und entlastet Martin. Hella darf wieder an den Ermittlungen teilnehmen, die sich jetzt ganz auf Uwe und Lars konzentrieren. Was aber verbergen die beiden in Bezug auf Jenni und Anita? Die Ereignisse über­schlagen sich vollends, als es zwischen Kessler und Lars zu ei­nem Schusswechsel kommt, bei dem der Gutshofbesitzer tödlich verletzt wird. Gegen Kessler wird ein Untersuchungsverfahren eingeleitet und ihm droht, der Fall entzogen zu werden. Als Hella und Kessler die Hintergründe des Mordes an Jenni zu begreifen beginnen, offenbart sich ihnen das gesamte schreckliche Ausmaß der Tragödie um das tote Mädchen.

Der Regisseur als Spiegel

Interview mit Thomas Berger

In mehreren Szenen erscheint das tote Mädchen im Film. Welche Funktion hat diese Dramaturgie?

Ein Mädchen wird ermordet. Zwei Kommissare fahnden nach ih­rem Mörder. Eine ganze Stadt sucht nach dem Grund, warum die­ses Mädchen sterben musste. Für mich ist der Tod dieses Mäd­chens wie ein Stein, den man ins Wasser wirft. Die Ringe, die dadurch auf der Oberfläche entstehen, symbolisieren unsere Protagonisten. Ganz nah die Familie. Dann die Freunde und Nachbarn. Die Polizisten. Und am Ende jeder Einwohner der klei­nen Stadt Nordholm. Sie alle werden durch das große Unglück gefangen genommen. Ihre Gedanken sind bei Jennifer Broder. Für Tage. Für Wochen. Das Mädchen zu zeigen, war eine logi­sche Konsequenz. Unser Film heißt "Tod eines Mädchens". Um das Mädchen geht es. Sie ist ein Teil der Erzählung. Ein sichtba­rer Teil.

Im Film kommen einige sehr gefühlvolle und tragische Sze­nen vor. Wie gelingt es, solche Situationen so realistisch ein­zufangen?

Ich denke, dass es so unterschiedliche Möglichkeiten gibt, wie Menschen auf so eine schreckliche Nachricht reagieren, wie es auch unterschiedliche Menschen gibt. Anja Kling erzählte mir von einer Frau, die ihr Kind verloren hat und schon am nächsten Tag ihr normales Leben wieder aufnahm und arbeiten ging. Das klingt befremdlich und hatte natürlich einen Preis. Die Verdrängung war so stark, dass drei Monate später der totale Zusammenbruch folgte.

Wir haben in der Vorbereitung viel über die zwei Wochen, die wir erzählen, geredet. Die meisten von uns sind auch Eltern. Jeder von uns musste sich die Frage beantworten, wie er reagieren würde. Bei den Dreharbeiten muss ein Raum für diese Gedanken und Emotionen geschaffen werden. Ein Schutzraum gegen den enormen Zeitdruck, unter dem so eine Produktion steht. Und ein Schutzraum, in dem sich Schauspieler sicher genug fühlen, um diese Emotionen, die so tief in ihnen verborgen sind, an die Oberfläche zu holen. Die meiste Arbeit für solche Szenen findet in der Vorbereitung statt. Den Schutzraum muss ich am Drehort zur Verfügung stellen. Dort ist der Regisseur der Spiegel, in den ein Schauspieler schaut. Kann er sich auf den Spiegel verlassen, wird er den Mut haben, solche Szenen zu spielen.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem hochkarätigen Ensem­ble?

Sie ist ein Geschenk. Ich habe dieses Geschenk – Gott sei Dank – bei all meinen Filmen erhalten: Schauspieler, die mit viel Herz­blut mit mir eine Geschichte erzählen. Die ihre Gedanken zu den Figuren mitbringen und neugierig genug bleiben, sich mit meinen Vorstellungen zu beschäftigen. Es ist ein gern erzähltes Pathos, dass es immer ein furchtbares Gemetzel am Set geben muss, wenn sehr beliebte Schauspieler, nennen wir sie ruhig "Stars", am Set aufeinandertreffen. Das gibt es in Einzelfällen auch. Aber wahrscheinlich ist dieses Pathos von Regisseuren erfunden wor­den, die sich gerne als Löwenbändiger darstellen wollen. Im Ernst: Es gibt nur einen Grund, einen Schauspieler zu besetzen. Weil er der Richtige für die Rolle ist. Und weil er ein Talent mit­bringt, dass mich als Regisseur erst befähigt, mit ihm eine Figur zu erschaffen. Und ich möchte das Wort hochkarätig gerne damit übersetzen, dass es nicht nur die Bekanntheit, sondern das Talent beschreibt.

Was war die größte Herausforderung bei den Dreharbeiten?

Die überraschte mich per Telefon auf dem Weg zum Drehort. "Land unter!" – im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Sturm hatte die Ostsee so aufgebracht, dass unser Set fast drei Meter unter Wasser stand. Ausgerechnet der Fundort des "toten Mädchens". Es fegte ein eisiger Wind über den Strand. Man konnte keinen Mitarbeiter mehr verstehen, weil Brandung und Sturm die Sätze einfach verschluckten. Für einen Moment standen wir ratlos vor diesem Naturereignis. Dann haben fleißige Hände alles umge­baut, und wir haben gedreht. Hier hat das Wort Herausforderung eine sehr fühlbare Bedeutung bekommen. Ständig wurden die Kameras nass und drohten zu versagen. Die Kostümabteilung musste für jeden "Take" mitten im Sommer Schauspieler aus den dicken Winterjacken schälen und sie danach sofort wieder verpa­cken. Ich habe meist die gespielten Texte nicht hören können und musste alles nach jeder Einstellung beim Tonmeister überprüfen. Wie so oft hat die Szene durch den Sturm dennoch eine ganz eigene Kraft bekommen. Er war wie ein weiterer, sehr dominanter Darsteller, der den Kollegen seine Farbe aufgedrückt hat. Heute sind wir glücklich, dass wir uns der Herausforderung gestellt ha­ben. An dem Tag jedoch ist keiner ohne Verwundungen zurück ins Hotel gegangen.

Das Interview führte Claudia Maxelon

"Vollprofi mit Vergangenheit"

Interview mit Heino Ferch

Sie spielen Hauptkommissar Simon Kessler, der den Tod eines Mädchens in einem kleinen Ort an der Ostseeküste aufklären soll. Wie charakterisieren Sie die Figur?

Schon früh, während der Drehbuchphase, war mein erster Ge­danke zusammen mit Regisseur Thomas Berger zu dem Zweitei­ler, dass der Kommissar jemand sein könnte, der von außen ins Geschehen geworfen wird. Ein Außenseiter – wie die Figur des klassischen FBI-Agenten: Ein harter Hund, der nicht lang analy­siert, sondern der vorprescht und den Leuten auch mal richtig auf die Füße tritt, ein ruppiger Charakter. Kommissar Kessler ist ein Mensch mit schwieriger Vergangenheit, und er hat noch nicht mit ihr abgeschlossen. Er ist ein Vollprofi, der sich anfangs nicht von seinen Emotionen leiten lässt. Im Laufe der Ermittlung stößt er aber - wie jeder andere auch - an seine Grenzen und ist dann eben auch nur ein Mensch. Das ist ja, denke ich, auch ganz nor­mal. Auch wenn wir eigentlich eine klassische FBI – Geschichte verfilmt haben, nach dem Motto "Guten Tag, ich bin Kessler und übernehme hier!", muss er zähneknirschend zusammen arbeiten mit der Kommissarin vor Ort, die von Barbara Auer gespielt wird. Er ist klug genug zu wissen, dass er angewiesen ist auf die Leute, die in der Gemeinde leben. Er braucht sie, um die Zwischentöne zu begreifen und Verbindungen herstellen zu können.

Kommissarin Hella Christensen wirft Kessler vor: "Sie sind wie eine schwarzes Loch, das jeden ansaugt, der mit ihnen zu tun hat." Was meint sie damit?

Sie meint damit, dass der Kommissar anfangs sehr dominant und sehr distanziert ist, arrogant könnte man sagen. Er lässt sich nicht in die Karten schauen und gibt absolut nichts von sich selbst preis, was sie ihm dann vorwirft. Aber der Vorwurf kommt von ih­rer subjektiven Warte: Sie ist ja direkter persönlich betroffen von der Situation, da sie mit der Mutter des Mädchens bestens be­freundet ist. Insofern ist es eigentlich ein ungerechter Vorwurf, denn er kann natürlich nicht so involviert sein wie sie, da er von außen rein kommt. Doch er wandelt sich im Verlauf zum Teamplayer, bleibt aber ein Stück weit ein Rätsel, das ist das Spannende an der Figur.

In der Nachbarschaft des toten Mädchens misstraut schließ­lich jeder jedem. Was ist Ihrer Meinung nach entscheidend, um verlorenes Vertrauen wieder aufbauen zu können?

Die lückenlose Aufklärung des Falles ist natürlich der Anfang und notwendig für die Umgebung. Außerdem ist die Ehrlichkeit jedes einzelnen gefragt. Und dann hilft nur Zeit, die sich alle Beteiligten geben müssen, um das verlorene Vertrauen wieder aufzubauen. Das kann man nicht auf Knopfdruck erreichen. Wie die Zeit Wun­den heilt, so kann auch Vertrauen nur über die Zeit wieder wach­sen, das ist leider so.

"Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein." Ist der Film "Tod eines Mädchens" als Statement über die so ge­nannte 'bürgerliche Fassade' zu sehen?

Nein, ich glaube, dass der Film in so einem kleinstädtischen Um­feld letztlich nur das erzählt, was sich überall findet - gewisser­maßen stellvertretend für alle kleineren und größeren Gemein­schaften: Jeder hat eine andere Sicht auf die Beziehungen um ihn herum, und es gibt immer verschiedene Perspektiven auf ein und dasselbe Geschehen, eben nicht die eine Wahrheit. Überall bre­chen mal mehr, mal weniger Begehrlichkeiten und Emotionen heraus.

Würden Sie sagen, jeder hat seinen Dämon?

Nein, das wäre mir zu übertrieben. Was wir zeigen, ist einfach das ganz normale Leben. Man könnte vielleicht sagen, dass jeder seine Unzulänglichkeiten hat: Wie oft wird zwischen den Men­schen immer hundertprozentig die Wahrheit gesagt? Und wie oft werden Sachen verschwiegen? Und wie oft entwickeln sich Be­ziehungen zu Partnern und Freunden kongruent? Das sind halt Lebenslinien – jeder Mensch hat seine eigene Entwicklung, und die geht in eine Richtung, die dann zusammengebracht werden muss mit den Menschen drum herum, was nicht immer leicht ist. Da kommen dann durchaus Fallhöhen zustande – und Schwächen an den Tag. Unser Krimi ist also ein Spiegel des menschlichen Handelns.

Letztlich sind sehr viele Missverständnisse daran schuld, dass der Tod des Mädchens so passiert. Wenn sich alle offen ins Visier geschaut hätten – was sowieso nie der Fall ist – wäre das Mäd­chen vielleicht noch am Leben. Und so ist es, glaube ich, immer: Am Ende ist es schmerzhaft zu sehen, wie einfach der Tod hätte verhindert werden können, wenn nicht jeder nur für sich versucht hätte, mit den Dingen klar zu kommen.

Das Interview führte Claudia Maxelon

"Nie mehr so wie es war"

Interview mit Barbara Auer

Wie würden Sie die Figur der Hella Christensen beschreiben, und welcher Charakterzug hat Sie besonders angesprochen?

Hella ist eine bodenständige Kommissarin in einer kleinen Dienststelle an der Ostsee, die gerade aufgelöst worden ist. Sie soll ab sofort nach Kiel ins Hauptkommissariat. Aber bevor sie dort ihren Dienst antreten kann, wird ein vierzehnjähriges Mädchen tot am Strand gefunden. Es ist die Tochter ihrer nächsten Freunde, die sie von klein auf kannte und die mit Ihren Söhnen zur Schule ging. Und nun muss sie an der Seite ihres neuen Vorgesetzten, der einen ganz anderen Arbeitsstil als sie pflegt und in ihren Augen ein gefühlskalter Karrierist ist, versuchen, den Mörder dieses Kindes zu finden. Und ihre bis dahin so beschauliche Welt, in der sie immer glücklich und zufrieden war, fängt an, auseinander zu brechen.

Gefallen hat mir an Hella ihre Normalität. Sie ist weder cool noch irgendwie besonders, und ihre Lebensperspektiven sind nicht aufregend, aber sie ist eins mit sich. Will nichts anderes sein, als sie ist und nicht mehr haben, als sie hat. Eigentlich ist ihr Leben ein gutes Beispiel für die vielzitierte Entschleunigung, wenn es da nicht dieses Verbrechen gäbe und diesen Kollegen Simon Kessler, der genau das Gegenteil von ihr ist.

Ihr Kollege Simon Kessler gibt sich unnahbar und emotions­los und verlangt von Hella absolute Professionalität und Ab­geklärtheit, obwohl sie das tote Mädchen sehr gut kannte. Wie geht Hella damit um?

Das ist sehr schwer für Hella, weil sie zwischen allen Stühlen sitzt. Einerseits möchte sie natürlich auch Jennis Mörder finden, andererseits aber will sie Freunde, Nachbarn und sogar ihre Familie dadurch nicht verletzen oder sogar verlieren.

Aus der scheinbar idyllischen, verschlafenen Wohnstraße wird ein Ort des Misstrauens und der gegenseitigen Verdächtigungen unter den Nachbarn. Ein Ort, an dem plötzlich alles denkbar sein muss. Hella sagt: "Alles, was mir im Leben wichtig ist, geht gerade kaputt." Wie meint Sie das?

Hella war mit ihrem Leben und seiner beschaulichen Routine zufrieden. Sie wollte nie weg aus Nordholm, hatte keine Karriereambitionen. Es war einfach gut so, wie es war. Und nun ist etwas passiert, wodurch sich alles verändert. Es wird nie mehr so sein wie es war. Und das ängstigt einen natürlich und macht traurig.

Was ist ihr Ausweg? Was würden Sie ihr raten, wenn Hella eine Freundin wäre?

Sich auf sich selbst zu besinnen und den Werten zu vertrauen, mit denen sie bisher ihr Leben gut gelebt hat und die ihr immer wichtig waren.

Das Interview führte Claudia Maxelon

"Drama mit Krimi-Elementen"

Interview mit Anja Kling

Silke verliert in "Tod eines Mädchens" ihre Tochter. Was reizte Sie an der Rolle?

Das Drehbuch als Ganzes hat mich gereizt. Hier wird ein großes emotionales Drama mit klassischen Krimi-Elementen verknüpft. Jede darin vorkommende Figur hat ihr ganz eigenes Geheimnis, was eine große Spannung mit sich trägt.

Hatten Sie auch Bedenken?

Ich hatte keine Bedenken, eher Respekt. Eine Mutter zu spielen, die ihr Kind auf so brutale Weise verliert, war eine große Her­ausforderung für mich.

Was war die größte Herausforderung für Sie?

Die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen kann sich sehr unterschiedlich darstellen und nimmt eine unglaublich lange Zeit in Anspruch. Zeit, die wir in einem Film nicht zur Verfügung haben, die nicht erzählt werden kann in unserer Geschichte. Also müssen wir versuchen, alle möglichen Facetten des Verarbei­tungsprozesses in diesen kurzen Zeitraum zu pressen und dabei trotzdem authentisch zu bleiben. Ich denke, das war die größte Herausforderung.

Wie geht Silke mit dem Tod ihrer Tochter um? Macht Sie sich Vorwürfe?

Ich glaube dass jeder, dem so etwas Schreckliches widerfährt, automatisch nach der Schuld sucht. Auch bei sich selbst, dem Partner, dem Nachbarn et cetera. Man möchte verstehen, warum man vom Schicksal so schwer belastet wird. Silkes Emotionen schwanken zwischen unerträglich schmerzender Trauer, Wut, Ohnmacht, Vorwurf und Hoffnung.

Wie würden Sie die Beziehung zwischen Ihrer Filmfigur Silke Broder und ihrem Mann Hauke beschreiben?

Silke und Hauke verbindet sicher eine gewachsene Liebe, aber das "verliebt sein" liegt schon sehr lang zurück. Die Leidenschaft füreinander ist erloschen, die Gespräche bringen kaum noch Neuigkeiten hervor. Aber sie arrangieren sich im Alltag. Durch den Tod ihrer Tochter bricht das ganze Gerüst zusammen, und es bleibt ungewiss, ob Silke und Hauke die Kraft und den Mut für einen neuen Anfang aufbringen können.

Warum bringt der Tod eines Kindes so häufig Distanz zwi­schen die Eheleute und nicht Nähe?

Jeder Trauernde geht seinen ganz individuellen Weg in der Art und Weise der Trauer. Dieser Weg ist zwischen den Partnern oft nicht deckungsgleich, auch zeitlich gesehen. Dadurch kann es zu großer Hilflosigkeit, Spannung bis hin zur Entfremdung kommen.

Was glauben Sie persönlich, kann es überhaupt eine wie auch immer geartete "heilende" Umgangsweise geben, um mit Schuld umzugehen?

Ich denke, man kann nur versuchen mit der Schuld schrittweise umzugehen, ob es die eigene ist oder die fremde. Verdrängung, der Versuch des Vergessens, werden da nicht hilfreich sein. Man muss also mutig sein, auch aufrichtig sich selbst gegenüber. Aber das sagt sich in der Theorie so leicht.

Was ist ihrer Meinung noch entscheidend, um verlorenes Ver­trauen wieder aufbauen zu können?

Zeit, Geduld, intensive Auseinandersetzung, Trost, Mut und ein stabiles Umfeld.

Sind Sie generell eher der Typ, der Freunden und Familie blind vertraut, oder sind Sie eher kritisch und vorsichtig?

Meiner Familie vertraue ich blind, und zwar vollkommen. Bei Freunden bin ich vorsichtiger geworden im Laufe der letzten Jahre. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass ich mich leider manch­mal zu schnell anvertraut habe, was nicht immer belohnt wurde.

Könnten Sie sich vorstellen, im Haus und Ort zu bleiben nach so einem Ereignis?

Ich würde sehr wahrscheinlich versuchen, woanders neu zu be­ginnen. Weit weg von allem, was mich stets an das Verlorene er­innert. Aber auch das ist die blanke Theorie.

Das Interview führte Claudia Maxelon

"Eine Rolle mit traurigem Hintergrund"

Interview mit Jörg Schüttauf

Sie spielen den Familienvater und Ehemann Hauke Broder, der seine Tochter verliert:

Es ist eine Rolle mit einem sehr traurigen Hintergrund. Für einen wie mich, der gerne auch mal lacht, also gar nicht so einfach. Was aber entscheidend war, ist die Tatsache, dass mich Regis­seur Thomas Berger persönlich angerufen hat und sich wünschte, dass ich diese Rolle spiele. So etwas kommt nicht alle Tage vor, und dann gibt man sich auch die größte Mühe. Bei Bauchschmer­zen und Fragen konnte man über alles reden. Herr Berger ist ei­ner, bei dem nach dem Reden kein Unverständnis oder gar Un­behagen herrscht, sondern Klarheit, gepaart mit vielleicht noch ein, zwei zusätzlichen Einfällen (Bildgestaltung, Requisiten, Akti­onen allgemein), die die Arbeit am Ende des Tages immer zu ei­nem Vergnügen werden ließ.

Warum bringt der Tod eines Kindes so häufig Distanz zwischen die Eheleute und nicht Nähe?

Das müssten sie eventuell studiertere Leute fragen als mich, der ich natürlich auch schon Verluste erlebt habe, aber noch nicht in dieser krassen und unmittelbaren Form. Gott sei Dank. Ich würde es allerdings in meinem laienhaften Empfinden genau anders sehen und auch praktizieren. Sich stützen und trösten ist sicher nicht die alltäglichste Form in einer Ehe, aber wenn es dann mal so weit ist, kann man - glaube ich - froh sein, dass man sich hat.

Was glauben Sie persönlich, gibt es überhaupt eine wie auch immer geartete "heilende" Umgangsweise, um mit Schuld umzugehen?

Wenn man selbst Schuld auf sich geladen hat und durch sein Verschulden zum Beispiel eine nahestehende Person zu Tode gekommen ist, ist es auch eine Mentalitätsfrage, wie man sich damit auseinandersetzt. Der eine will vergessen und wird es nicht los, der andere bittet ständig um Vergebung. Aber es ist nun mal passiert. Vielleicht ein Tipp: Wenigstens versuchen, dass sich das nicht wiederholt. Kleine private Anmerkung: Wird das hier ein Handbuch für Verhaltensweisen bei plötzlichen Todesfällen in der Familie?

Sind Sie generell eher der Typ, der Freunden und Familie blind vertraut, oder sind Sie eher kritisch und vorsichtig?

Ich bin Steinbock, und die kommen ganz gut allein zurecht. Aber einigen wenigen Tieren in meiner Herde kann ich blind folgen, weil ich weiß, dass ich nicht am Ende in einem Abgrund lande. Verstehen sie? Steinbock - Berg - Abgrund.

"Abgrund" Nachbarschaft – haben Sie da schon mal was Schockierendes erlebt?

Ja, aber das behalte ich, wenn es mir gestattet ist, für mich. Ich muss ja noch 'ne Weile mit dem Nachbarn auskommen.

Das Interview führte Claudia Maxelon

Bildhinweis und Impressum

Fotos über ZDF Presse und Information
Telefon: (06131) 70-16100 oder über
pressefoto.zdf.de/presse/todeinesmaedchens

ZDF Hauptabteilung Kommunikation
Presse und Information
Verantwortlich: Alexander Stock
Foto: ZDF/ Stefan Erhard
E-Mail: pressedesk@zdf.de
© 2014 ZDF

Impressum

Ansprechpartner

Name: Susanne Priebe
E-Mail: presse.hamburg@zdf.de
Telefon: (040) 66985 180