Copyright: ZDF / Andreas Franke
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Wir Deutschen und die USA

Film von Stefan Gierer und Stefan Brauburger

Seit die USA mit Joe Biden einen neuen Präsidenten haben, besteht die Hoffnung, dass sich das deutsch-amerikanische Verhältnis wieder verbessert. Die ZDFzeit-Dokumentation von Stefan Gierer und Stefan Brauburger spiegelt das Verhältnis der Deutschen zu den USA aus aktueller und historischer Perspektive. Eine Bestandsaufnahme zu Beginn der Präsidentschaft Bidens.

  • ZDF, Dienstag, 13. April 2021, 20.15 Uhr

Texte

Zeit zum Umdenken
Von Stefan Brauburger, Leiter der Redaktion Zeitgeschichte

Ein Aufatmen ging nach der Wahlentscheidung in den USA durch Deutschland. Und der erste Auftritt Joe Bidens hierzulande bei der Münchner Sicherheitskonferenz via Video-Schalte hatte ebenfalls etwas Erlösendes: "Amerika ist wieder da". Die Hoffnung auf ein Tauwetter in der deutsch-amerikanischen Beziehung keimt, zumal es in den vergangenen Jahren vor allem der US-Präsident Donald Trump war, der als Hindernis für die Fortsetzung der bis dato gefestigten transatlantischen Partnerschaft galt.

Nun folgt auf den Polarisierer ein Mann des Ausgleichs: Joe Biden, der das Verhältnis zu den Verbündeten wieder beruhigen will. Doch das sollte nicht der Grund sein, sich wieder zurückzulehnen. Denn es wird auch nach der Wende in Washington von US-Seite Erwartungen an Deutschland geben, die unabhängig davon im Raum stehen, wer im Weißen Haus regiert. Wie steht es um den Beitrag Deutschlands als militärischer Verbündeter in der NATO, auch finanziell? Wie positioniert sich Berlin als Sicherheitspartner der USA gegenüber Russland und China? Und was wird aus der ökonomischen Schieflage zwischen deutschen Exporterfolgen und US-Außenhandelsbilanz-Defiziten? Schwankungen in der Geschichte gegenseitiger Interessen und Erwartungen gibt es seit 1945 – mal mehr, mal weniger.

Am Anfang stand der rasante Wandel von der Feindschaft im Zweiten Weltkrieg zur Partnerschaft im Kalten Krieg. "Es gibt in der Geschichte kein ähnliches Beispiel, wo ein Sieger so großzügig mit dem besiegten umgegangen ist", meint der Historiker Rolf Steiniger im Interview für unseren Film. Aber es war ein geteiltes Land, mit gespaltenen Gefühlen. So ergab sich für die Deutschen in Ost und West allein aufgrund ihrer Rolle in den gegensätzlichen Bündnissen stets ein ambivalentes Bild von den USA, wobei der fortschrittliche Nimbus der Supermacht aus dem Westen auch über die Blockgrenzen hinwegstrahlte. Nach der Kennedy-Euphorie trübte der Vietnam-Krieg das Bild der USA als moralische Weltinstanz. Auch das Wettrüsten der frühen 80er Jahre spaltete die Gemüter hierzulande. Die Wiedervereinigung in ihrer außenpolitischen Dimension war schließlich gerade auch der Unterstützung Washingtons zu verdanken. Die Zeit des Terrors nach 9/11 verband zunächst und spaltete schließlich. Beim Einmarsch in den Irak endete die Gefolgschaft, was Washington verstimmte.

Wie sehr die deutsche Sicht auf die USA vom jeweiligen Präsidenten abhängt, zeigte sich nie deutlicher als beim Wechsel von Bush Junior zu Obama und von diesem zu Trump. Mehr als Dreiviertel der Deutschen hatten eine gute Meinung vom ersten schwarzen Präsidenten im Weißen Haus, bei Trump waren es nur fünf Prozent. John F. Kennedy erreichte 1963 mit über 80 Prozent den höchsten Wert. George W. Bush hingegen sah nur einer von fünf Befragten in Deutschland positiv. Immer wieder färbten diese Werte auch auf das Gesamtbild der USA ab.

Die Sicht der US-Bürger auf Deutschland ist von größerer Kontinuität gekennzeichnet als umgekehrt. Die Historikerin Britta Waldschmidt-Nelson konstatiert dazu im Film: "Grundsätzlich werden die Deutschen laut Umfragen eigentlich immer sehr positiv gesehen, selbst in Zeiten, in denen es Proteste gegen die Politik der USA gab". Der Journalist und Amerika-Kenner Christoph von Marschall berichtet: "Deutschland wird schon bewundert, gerade wegen des wirtschaftlichen Erfolgs. Generell haben die Deutschen einen guten Ruf in den USA, aber sie leben auch ein Stückweit auf der Insel der Seligen". Ex-Vizekanzler Sigmar Gabriel nimmt darauf kritisch Bezug: "Bisher war das einfach: Wir haben uns immer raushalten können, weil da jemand war, nämlich die Vereinigten Staaten, die jedes Risiko eigegangen sind. Doch diese Zeiten sind vorbei". Und Joschka Fischer, früherer Außenminister fügt hinzu: "Das wohlfeile Argument. Es gibt ein Problem, Washington übernehmen Sie! Das wird nicht mehr funktionieren". Die Meinung der Expert*innen in unserem Film ist einhellig: Die Deutschen sind am Zug, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Stab und Inhalt

Dienstag, 13. April 2021, 20.15 Uhr
Wir Deutschen und die USA
ZDFzeit-Dokumentation von Stefan Gierer und Stefan Brauburger

Buch und Regie_____Stefan Gierer und Stefan Brauburger
Kamera_____Anthony R. Miller, Christian Baumann, Stefan Wiesen, Emanuel Altenburger
Animation_____Kawom!
Schnitt_____Christian Herold
Produktion_____Philipp Müller
Redaktion_____Carl-Ludwig Paeschke
Leitung_____Stefan Brauburger

Eine Produktion des ZDF in Zusammenarbeit mit Story House Productions und Altenburger Film & Media Production

Inhalt
Der Film richtet aus aktueller Perspektive den Blick auf die Entwicklung der deutsch-amerikanischen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Schwankungen in den gegenseitigen Interessen und Erwartungen gab es immer wieder im Verhältnis der Deutschen zu den USA.  Dies lehrt der Blick auf die wichtigsten Wegmarken gemeinsamer Geschichte: auf Marshallplan und Luftbrücke, als aus ehemaligen Gegnern Partner im Zeichen der Freiheit werden, auf die Höhepunkte des Kalten Krieges, als die uneingeschränkte nukleare Sicherheitsgarantie der USA für Vertrauen sorgt; aber auch auf die Zeit des Vietnamkrieges und der Nachrüstung, als Widerstand spürbar wird. In der Zeit der Wiedervereinigung Deutschlands erweisen sich die USA als wichtiger Türöffner zum großen Staatsziel. In den Anti-Terrorkriegen nach dem 11. September geht die Schere wieder auseinander, von uneingeschränkter Solidarität zur Ablehnung – etwa einer deutschen Beteiligung am Irak-Krieg. Zwischen Obama-Romantik und Trump-Frustration schwanken die zurückliegenden Jahre. Wo werden sich die Stimmungen und Interessenlagen nun einpendeln?

Hochkarätige Experten – darunter Historiker Rolf Steiniger, Harvard-Politologin Cathryn Clüver Ashbrook, Politikberater Peter Rough und die ehemaligen Außenminister Joschka Fischer und Sigmar Gabriel – blicken zurück und nach vorne. Eine aufschlussreiche Reise durch mehr als sieben Jahrzehnte gemeinsamer Geschichte und ein differenzierter Ausblick auf die nahe Zukunft.

Zitate aus den Interviews

Cathryn Clüver Ashbrook, Politologin, über das Entsetzen in den USA nach der Befreiung der KZ's:
"Es herrschte Fassungslosigkeit. Wie hatte dieses Nazi-Gedankengut in Deutschland so Fuß fassen können, dass die Auslöschung von sechs Millionen Menschen nicht nur toleriert, sondern auch getragen wurde? Das waren die großen Fragen, die sich die Amerikaner stellten angesichts der fürchterlichen Bilder, die sie erreichten. Das verfestigte zunächst das Feindbild und war eine denkbar schlechte Ausgangslage in der Frage der Behandlung Deutschlands."

Britta Waldschmidt-Nelson, Historikerin, über das "Fraternisierungsverbot":
"Dieses Ausmaß des Schreckens und der absoluten menschenverachtenden Behandlung von Menschen saß ganz tief, dieser Schock. Und dann wurde schon im Herbst 1944 dieses Fraternisierungsverbot ausgesprochen. Das heißt, man wollte auf gar keinen Fall, dass amerikanische GIs mit der deutschen Zivilbevölkerung irgendwelchen Kontakt hätten, weil man sagte: 'Das sind alles Nazis, das sind Verbrecher, potenziell auch gefährlich. Haltet euch fern von denen.' Das hat aber eigentlich nur bis kurz nach Kriegsende funktioniert."

Rolf Steiniger, Historiker, zur Bedeutung des Marshallplans:
"Der Marshallplan diente aus amerikanischer Sicht dazu, dieses vollkommen zerstörte Europa wiederaufzubauen. Es war nicht nur ein Liebesdienst, er bot auch die Möglichkeit für amerikanische Investitionen in Europa und die Chance, einen zusätzlichen Markt zu erschließen. Für die spätere Bundesrepublik ist die psychologische-politische Bedeutung des Marshallplans viel wichtiger gewesen als die rein materielle, die nämlich gar nicht so besonders groß war. Und zwar in dem Sinne, dass nun dieses mächtige Amerika die Verantwortung dafür übernimmt, Westeuropa und zumindest Westdeutschland wiederaufzubauen."

Britta Waldschmidt-Nelson, Historikerin, über die "Care-Pakete":
"Mein Vater, der war damals auch nach dem Krieg in einer Situation, in der es wirklich nichts zu essen gab. Und dann bekamen sie auf einmal so ein Care-Paket aus Amerika, mit vielen Lebensmitteln und anderen Dingen. Und das hat meinen Vater so tief beeindruckt. Das hat bei ihm eine so tiefe Verbundenheit zu den Amerikanern ausgelöst, die sich auch durch die ganzen folgenden Dekaden fortsetzte."

Rolf Steiniger, Historiker, über die Bedeutung der Luftbrücke:
"Nun haben wir eine, wenn Sie so wollen, typisch amerikanische Aktion, eine unglaubliche Leistung. Die Amerikaner ziehen, unterstützt von den Briten, aus der ganzen Welt ihre Flugzeuge zusammen, um Westberlin aus der Luft zu versorgen. Und nicht umsonst wird immer wieder an diese Luftbrücke erinnert. Eines aber war noch viel wichtiger: in der Abwehr dieser sowjetischen Erpressung empfanden sich Westberliner, Westdeutsche und Amerikaner zum ersten Mal als so etwas wie Partner, Freunde, und das nur wenige Jahre nach dem Krieg."

Britta Waldschmidt-Nelson, Historikerin, zur Anziehungskraft der US-Kultur:
"Es gab ja auch so etwas wie einen kulturellen Kampf zwischen Ost und West. Und da hatten die Amerikaner gerade auch bei den jungen Menschen die Nase vorne. Zum Beispiel die Musik war da ganz wichtig. Ich meine, die Russen haben damals brilliert im klassischen Ballett. Aber das ist etwas, was die Jugend kaum anspricht. Jazz, Rock'n'Roll, auch die Filme, die Mode, Jeans, in der Alltagskultur, in der Popkultur. Da waren die Amerikaner weltweit die führende Marke."

Rolf Steininger, Historiker, zum Verhältnis von Siegern und Besiegten:
"Es gibt in der Geschichte kein ähnliches Beispiel, wo ein Sieger so großzügig mit dem Besiegten umgegangen ist. Das muss man deutlich sagen bei aller Kritik an Amerika. Aber das galt damals natürlich nur für einen Teil der Deutschen, die im Westen. Die Ostdeutschen mussten nach dem Krieg den höheren Preis zahlen unter sowjetischer Vorherrschaft."

Britta Waldschmidt-Nelson, Historikerin, zu Kennedys Berlin-Besuch 1963:
"Dass Kennedy Berlin besuchte, relativ kurze Zeit nach dem Mauerbau und dort nicht nur eine mitreißende Rede gehalten hat, sondern diese dann auch noch mit den Worten beendete: 'Ick bin ein Berliner', das hat die Menschen zutiefst beeindruckt. Nicht nur, dass sich Kennedy persönlich mit diesem eingekesselten Teil der West-Berliner Stadtbevölkerung identifizierte. Er hat auch vor Augen geführt, dass diese Stadt und ganz Westdeutschland des Schutzes durch die USA sicher sein konnten. Und er hat es auf so sympathische persönliche Weise artikuliert, dass er damit die Herzen im Sturm erobert hat."

Joschka Fischer, Ex-Bundesaußenminister, zum Wandel seines USA-Bildes:
"Die USA waren während meiner ganzen Kindheit die Guten. Und Vietnam war dann der erste Krieg, der auch über die Fernsehbilder ausgetragen wurde. Was man da sah, war zutiefst schockierend. Die Ablehnung der Politik der US-Regierung in Vietnam führte bei mir dann aber nicht zu einer emotionalen Ablehnung des Landes. Dazu war ich zu sehr von der Kultur, der Populärkultur der USA begeistert."

Sigmar Gabriel, Ex-Bundesaußenminister, zu "Euphorie" und "Enttäuschung":
"Die Deutschen sind da, glaube ich, eine besondere Sorte Mäuse. Bei uns ist man entweder gleich des Teufels oder der Messias kommt. Als Obama in Berlin gesprochen hat, habe ich gesagt: Das kann nur eine Enttäuschung werden, denn es gibt in der Politik niemand, der über Wasser laufen kann. Übrigens, wenn man ehrlich ist, hat Europa in der Außenpolitik Obamas sehr lange keine vorrangige Rolle gespielt. Viel stärker als seine Vorgänger richtete er seinen Blick auf den Pazifik, wo der Machtzuwachs Chinas schon unverkennbar war."

Peter Rough, Politikberater und ehemaliger Mitarbeiter von George W. Bush zur Abhöraffäre:
"Wenn Präsident Obama wissen wollte, was Angela Merkel denkt, hätte er einfach den Hörer abnehmen und sie anrufen können. Es gibt keinen Grund, das Telefon eines so engen und vertrauten Verbündeten abzuhören. Aber in diesem Fall waren die USA eindeutig zu weit gegangen, und die deutsche Kanzlerin war zurecht enttäuscht. Ich denke, der größte Schaden entstand nicht zwischen den Regierungen, sondern wahrscheinlich in der Öffentlichkeit, die ein weiteres Beispiel dafür sah, dass die amerikanischen 'Cowboys' wieder mal eine Aktion unternahmen, die aus ihrer Sicht jenseits der Legalität lag."

Kathryn Clüver Ashbrook, Politologin, zur Reaktion der Deutschen auf die Wahl Donald Trumps:
"Das empfanden viele Deutsche wie einen Verlust tief innerhalb der Familie, sie konnten nicht verstehen, wie ihr Amerika einen solchen Präsidenten hat wählen können, der dann eben eine Politik machte, die alles in Frage stellte, was Deutschland zu dem gemacht hat, was es heute nämlich ist, eine wirtschaftliche, politisch hochintegrierte, angesehene funktionale Demokratie. Das passt vielen Deutschen nicht ins Bild. Es wurde wie ein klarer Bruch der Tradition empfunden." 

Joschka Fischer, Ex-Bundesaußenminister, zur Frage eines Neustarts in den transatlantischen Beziehungen:
"Es wird große Probleme geben von beiden Seiten, wenn wir zurückfallen in das tradierte überkommene Verhältnis: Der große Bruder erledigt alles, vor allen Dingen die unangenehmen Dinge. Und wenn die Europäer nicht dazu willens sind, die nötigen Leistungen zu bringen, dann wird es sehr schwierig. Aber ich gehe davon aus, dass ein Neustart tatsächlich im Bereich des Möglichen ist. Ich denke, grundsätzlich werden die Beziehungen wieder sehr viel positiver. Man wird wieder wie unter Freunden miteinander reden, auch wenn hinter geschlossenen Türen sicher nach wie vor Tacheles geredet wird."

Sigmar Gabriel, Ex-Bundesaußenminister und Vorsitzender der "Atlantik-Brücke", zu seinen Erwartungen an die Präsidentschaft von Joe Biden:
"Erst einmal ist er vermutlich einer der außenpolitisch erfahrensten Präsidenten, den die USA jemals hatten. Vor allen Dingen aber weiß er eines: In der Welt des 21. Jahrhunderts wird selbst ein Land wie die USA keine Chance haben, allein klarzukommen. Er will sicher nicht aus reiner Sentimentalität mit uns zusammenarbeiten oder nur weil er uns nett findet. Aber er weiß, dass Amerika Alliierte braucht, um die Welt in der Balance zu halten. Das ist eine Chance, die wir ergreifen müssen."

Christoph von Marschall, Journalist und USA-Experte, zum künftigen deutschen Verteidigungsbeitrag:
"Im ganzen Bereich von Sicherheit und Verteidigung sind wir aus amerikanischer, aber eben nicht nur aus amerikanischer Sicht viel zu zurückhaltend. Das sehen auch unsere europäischen Nachbarn: Frankreich, die Niederlande und Polen so. Das ist keine rein amerikanische Position, dass Deutschland mehr für die gemeinsame Sicherheit tun soll."

Sigmar Gabriel, Ex-Bundesaußenminister, zur künftigen Rolle Deutschlands in der Welt:
"Das Wichtigste ist, dass wir in Deutschland mal eine Diskussion darüber führen, was eigentlich los ist in der Welt, und was heißt das für Europa und für uns? Meine Sorge ist, dass die Deutschen sich am liebsten in die Rolle der Schweiz zurückziehen möchten. Wirtschaftlich erfolgreich, politisch neutral. Das kann man mit acht Millionen Menschen machen, aber nicht mit 82 Millionen."

Cathryn Clüver Ashbrook, Politologin, über eine Beziehung auf Augenhöhe:
"Deutschland ist für Amerika im Laufe der Zeit zu einem erwachsenen Partner geworden. Also weg von der komplizierten Kind-Eltern-Beziehung zu einer wirklich gewachsenen, gestandenen, artikulierten Partnerschaft, die meiner Meinung immer mehr auf Augenhöhe stattfindet."

Sigmar Gabriel, Ex-Bundesaußenminister, zur Zukunft der Lastenverteilung zwischen den USA und Europa:
"Ein bisschen zugespitzt kann man sagen: Wir haben eben niemanden mehr, der jetzt die schwierigen und manchmal auch schmutzigen Dinge in unserer Nachbarschaft anfasst. Vorher war das einfach. Wir haben uns immer raushalten können, weil da jemand war, nämlich die Vereinigten Staaten, die jedes Risiko eingegangen sind. Und die Zeiten sind vorbei, und zwar endgültig."

Zeitleiste

1945
Kriegsende, Deutschland und Berlin werden jeweils in vier Besatzungszonen beziehungsweise Sektoren aufgeteilt. Auf der Potsdamer Konferenz zeigt die Anti-Hitler-Koalition erste Risse. Es folgen Maßnahmen zur Entnazifizierung, Demilitarisierung und Demokratisierung in Deutschland, die jedoch von den Siegermächten unterschiedlich verstanden und angewendet werden.
Nach den Jahren der durch die Nationalsozialisten verordneten "völkischen" Kultur, sehnen sich immer mehr Deutsche nach Musik, Filmen und Literatur "aus dem Westen", speziell den USA. Ein Trend, der sich ungebrochen über die Jahrzehnte fortsetzt.

1946
Beginn des "Kalten Krieges". Die USA unterstützen in den folgenden Jahren den Aufbau des zerstörten West-Europas und der Westzonen Deutschlands finanziell (Marshallplan) und durch Hilfsmaßnahmen (unter anderen Care-Pakete).

1948
Die Sowjetunion reagiert auf die Währungsreform in den Westzonen und West-Berlin mit der Blockade der Westsektoren der Stadt. Die USA antworten mit der Luftbrücke zur Versorgung der mehr als zwei Millionen eingeschlossenen Menschen. Das weckt große Sympathien bei den Deutschen. Aus der "Besatzungsmacht USA" wird eine "Schutzmacht".

1949
Gründung der Bundesrepublik, Gründung der DDR, Wahl Konrad Adenauers (CDU) zum ersten Bundeskanzler. Er verfolgt eine strikte Westbindung des neu errichteten Staates, in politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht.

1950er Jahre
Das sogenannte "Wirtschaftswunder": Die westdeutsche Wirtschaft boomt, auch wegen des Marshallplans, vor allem aber aufgrund der enormen Nachfrage und internationaler Exportmöglichkeiten.

1950 bis 53
Koreakrieg: Das kommunistische Nord-Korea versucht mit Hilfe seiner Verbündeten Sowjetunion und Volksrepublik China das westlich orientierte Südkorea zu überrennen. Eine internationale UN-Aktion unter Leitung der USA erwidert die Invasion erfolgreich. Die Option einer Wiederbewaffnung in Westdeutschland rückt immer mehr in den Vordergrund.

1953
Dwight D. Eisenhower wird US-Präsident; Bundeskanzler Adenauer besucht die USA und wird im Weißen Haus empfangen. Sein strikter politischer Kurs der Westbindung überzeugt den einst sehr deutschlandkritischen Ex-General des Zweiten Weltkriegs, Eisenhower.

1955
Dem NATO-Beitritt der Bundesrepublik folgt die Aufstellung und Gründung der Bundeswehr. Die Bundesrepublik gilt als "Frontstaat" an der Nahtstelle der Blöcke, zwischen der NATO und dem "Warschauer Pakt". Westeuropa steht unter dem nuklearen Schutzschirm der USA.

1961
John F. Kennedy wird US-Präsident und genießt größte Sympathien bei den Deutschen. Der Bau der Berliner Mauer schreibt die deutsche Teilung fest und bestätigt die Auffassung, dass nur das Bündnis mit den USA die Bundesrepublik vor den Machtansprüchen der Sowjetunion schützen kann.

1962
Kuba-Krise: der sowjetische Versuch, Atom-Raketen auf Kuba zu stationieren soll auch aus der Sicht Washingtons und der Adenauer-Regierung mit einer Politik der Stärke beantwortet werden. Für 13 Tage steht die Welt am Rande eines dritten Weltkrieges. Die Sowjetunion zieht gegen Zusicherungen der USA die Raketen ab. Es ist auch der Beginn eines Umdenkens, Risiken zu mindern und Entspannungspolitik zu ermöglichen, die Ende der 60er Jahre forciert wird.

1963
Der Besuch von Präsident Kennedy in West-Berlin wird zum Triumph. Sein Bekenntnis "Ich bin ein Berliner" wird begeistert aufgenommen. Nie schienen Deutsche und Amerikaner einander näher.
Nach dem Attentat auf John F. Kennedy folgt sein Vize-Präsident Lyndon B. Johnson. Zum verstärkten US-Engagement in Vietnam soll die Bundesrepublik beitragen, die das Lazarettschiff "Helgoland" schickt.

Zweite Hälfte 60er Jahre
Das Engagement der USA in Vietnam wird auch in der Bundesrepublik von der jüngeren Generation zunehmend kritisiert. Vom "Anti-Amerikanismus" ist die Rede, zugleich aber gilt der Protest in den USA (Woodstock) selbst als Vorbild. So richten sich die Zweifel an der Politik der USA nicht gegen die amerikanische Kultur.

1969
Richard Nixon wird US-Präsident: Der Rüstungswettlauf wird fortgesetzt, vom "Gleichgewicht des Schreckens" ist die Rede; gleichzeitig beginnt die Entspannungspolitik. Willy Brandt (SPD) wird Bundeskanzler und will neben der Westbindung mehr Öffnung nach Osten.

1979
Moskau unterstützt Stellvertreterkriege und rüstet auf, der Westen reagiert mit dem NATO-Doppelbeschluss: Dagegen protestieren in der Bundesrepublik allein in Bonn Hunderttausende. Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) verliert sein Amt durch ein konstruktives Misstrauensvotum, Helmut Kohl (CDU) wird Nachfolger und hält am NATO-Beschluss fest.

1981
Ronald Reagan wird US-Präsident und gilt in Teilen der westdeutschen Öffentlichkeit zunehmend als "Kalter Krieger". Der US-Präsident will die Sowjetunion durch einen verschärften Rüstungswettlauf wirtschaftlich destabilisieren: "totrüsten".

1985
Michael Gorbatschow kommt in der Sowjetunion an die Macht und versucht mit "Glasnost" und "Perestroika" einen Reformprozess einzuleiten, auf den auch Bonn und Washington reagieren.

1987
Einigung zwischen Ost und West über die Mittelstreckenraketen, der NATO-Doppelbeschluss erreicht sein Ziel: SS-20 (Ost) und Pershing 2 (West) werden wieder abgebaut. Im Juni 1987 hält US-Präsident Ronald Reagan seine berühmte Rede am Brandenburger Tor, in der er "Mr. Gorbatschow, tear down this wall" ausruft: "Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein."

1989
George Bush Senior wird US-Präsident, Gorbatschow besucht Bonn, die Mauer fällt am 9. November.

1990
US-Präsident Bush unterstützt Kohls Politik zur "Deutschen Einheit" mehr als alle anderen westlichen Partner. Einzige Bedingung: auch das vereinte Deutschland soll der NATO angehören.

1993
Bill Clinton wird Präsident.

1998
Gerhard Schröder (SPD) wird Kanzler einer rot-grünen Koalition, Vize-Kanzler Joschka Fischer (Bündnis 90/Die Grünen). Der Kosovo-Einsatz der Bundeswehr im darauffolgenden Jahr erfolgt an der Seite der USA.

2001
George Bush Junior wird Präsident. Nach den Anschlägen vom 11. September erklärt Bundeskanzler Schröder die "uneingeschränkte Solidarität" mit den USA

2002
Gerhard Schröder lehnt eine deutsche Unterstützung beim Einmarsch der USA in den Irak ab, was zu einer Abkühlung der politischen Beziehungen führt.

2005
Angela Merkel (CDU) wird Kanzlerin. Sie hatte als Oppositionsführerin gegenüber der Irak-Politik der USA weniger Distanz gezeigt als die Regierung und wird in Washington freundlich empfangen.

2009
Die Wahl des Demokraten Barack Obama zum 44. US-Präsidenten wird in Deutschland einhellig begrüßt.

2013
Im Sommer besucht US-Präsident Obama Berlin und zieht für seine Rede vor dem Brandenburger Tor sein Jackett aus – "unter Freunden könne man ungezwungener sein" –

und wird dafür bejubelt. Die NSA-Affäre beginnt das Verhältnis zu überschatten, Angela Merkels Handy wurde "angezapft", die Kanzlerin reagiert empört: "Abhören unter Freunden geht gar nicht!"

2017
Donald Trump wird US-Präsident. Er verweigert Bundeskanzlerin Merkel beim Antrittsbesuch in Washington den Handschlag. Das deutsch-amerikanische Verhältnis wird in den kommenden Jahren mit Forderungen konfrontiert und belastet, die dem Anspruch "America First" entsprechen. Die Beziehungen erreichen einen Tiefpunkt.

2021
Joe Biden, einst Vize-Präsident unter Barack Obama, wird US-Präsident. Schon aus den ersten Reaktionen und Ankündigungen der neuen Regierung wird deutlich, dass die USA einen Neustart der deutsch-amerikanischen und transatlantischen Beziehungen zu Europa wünschen, aber auch Bedingungen stellen.

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