Copyright: ZDF/Svea Pietschmann
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XY-Preis 2021

Die 20. Verleihung

Auszeichnung für mutiges und vorbildliches Handeln: Im ZDF-Hauptstadtstudio hat Bundesinnenminister Horst Seehofer am Dienstag, 9. November 2021, als Schirmherr den "XY-Preis –
Gemeinsam gegen das Verbrechen
" verliehen. Es war die 20. Verleihung des mit jeweils 10.000 Euro dotierten Preises, der jährlich an Menschen geht, die sich auf besonders couragierte Weise für ihre Mitmenschen eingesetzt haben.

  • ZDF, Die Preisträger sind am Mittwoch, 17. November 2021 in "Aktenzeichen XY... ungelöst" zu Gast

    Texte

    Statement des Schirmherrn Bundesinnenminister Horst Seehofer

    "Alle Preisträger zeichnet eines aus: Ihnen war das Schicksal anderer Menschen nicht gleichgültig. […] Sie haben Verantwortung übernommen. Und von dieser Verantwortung lebt unsere ganze Gemeinschaft."

    Ein wichtiges Zeichen für Zivilcourage und Solidarität
    Grußwort von ZDF-Intendant Dr. Thomas Bellut

    Couragierte Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Verbrechensopfern in akuter Not helfen, leisten einen starken Beitrag für ein sicheres und friedvolles Miteinander. Die Verleihung des "XY-Preises Gemeinsam gegen das Verbrechen" ehrt einige dieser bemerkenswerten Menschen und setzt ein Zeichen für zwei wichtige Säulen unserer Gesellschaft – Zivilcourage und Solidarität.

    Zum 20. Mal werden in diesem Jahr drei Heldinnen und Helden des Alltags ausgezeichnet, die verantwortungsbewusst, mutig und besonnen Leben gerettet haben. Zivilcourage und Opferschutz sind von Beginn an mit den Kernzielen der Fahndungssendung "Aktenzeichen XY… ungelöst" verbunden.

    Diese Werte haben nie an Bedeutung verloren, im Gegenteil: Sie sind heute wichtiger denn je. So wird der "XY-Preis", der 2002 ins Leben gerufen wurde und unter der Schirmherrschaft des Bundesinnenministers steht, auch in den kommenden Jahren vom ZDF vergeben werden.

    "Das Bundeskriminalamt wird seine Unterstützung und Mitarbeit fortsetzen"

    Nach dem Motto von Eduard Zimmermann "Niemand soll sich selbst in Gefahr bringen, aber ohne ein couragiertes Miteinander der Bürger überlassen wir den Falschen das Feld!", ehren die deutsche Kriminalfachredaktion und das ZDF seit 2002 Menschen, die sich in beispielhafter Weise für den Schutz des Lebens, der Gesundheit oder des Eigentums von Mitbürgern eingesetzt haben.

    Zusammen mit den diesjährigen Preisträgern zeichnet der "XY-Preis" bislang 83 couragierte Personen aus. Hinzuzuzählen sind aber auch all die Kandidatinnen und Kandidaten, die bislang nicht mit dieser Ehrung bedacht werden konnten. Jede und jeder von Ihnen hat Großartiges geleistet. Sie alle haben Zivilcourage gezeigt, Verantwortung übernommen und Hilfe geleistet. Sie haben sich in den Dienst der Gesellschaft gestellt und treten für ein friedliches und sicheres Miteinander ein.

    In einer Zeit, in der Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit häufig in unserer Gesellschaft anzutreffen sind, möchte ich Ihnen allen für Ihren außerordentlichen Einsatz für unser aller Gemeinwohl Lob, Dank und Anerkennung aussprechen.

    Ich versichere Ihnen, das Bundeskriminalamt wird auch weiterhin seine Unterstützung und Mitarbeit fortsetzen, damit der "XY-Preis – Gemeinsam gegen das Verbrechen" auch zukünftig die Heldinnen und Helden des Alltags auszeichnen kann und couragiertes Verhalten auf diesem Wege in der Gesellschaft ein Gesicht bekommt.

    Im Namen aller Mitarbeitenden des Bundeskriminalamtes:
    Herzlichen Glückwunsch!

    Ihr Holger Münch
    Präsident des Bundeskriminalamtes

    Die 20. Verleihung des XY-Preises

    von Ina-Maria Reize-Wildemann Redaktionsleiterin Redaktion Eduard Zimmermann – DKF Deutsche Kriminalfachredaktion GmbH

    Nicht auf die zeigen, die nicht eingeschritten sind, sondern denjenigen eine Bühne bereiten, die Verbrechen verhindert oder beendet haben, bevor Schlimmeres passierte – das ist der Grundgedanke des 2002 entwickelten "XY-Preises – Gemeinsam gegen das Verbrechen".

    Zum 20. Mal ist die Auszeichnung fester Bestandteil der Fahndungssendung "Aktenzeichen XY… ungelöst". Insgesamt 83 Preisträgerinnen und Preisträger (inklusive Sonder- und Ehrenpreise) konnten in dieser Zeit für ihr mutiges und gleichzeitig umsichtiges Einschreiten ausgezeichnet werden. Allesamt beeindruckende und fast immer auffallend bescheidene Persönlichkeiten, die kein Aufhebens machen wollen um ein für sie selbstverständliches Verhalten. Die Schirmherrschaft hat seit jeher der jeweilige Bundesinnenminister inne, der stets persönlich die Preise in Berlin überreicht.

    Über 150 Vorschläge von Zuschauern, Angehörigen oder Freunden von Opfern sowie von den Polizeidienststellen erreichen uns Jahr für Jahr. Die meisten der Preiskandidatinnen und
    -kandidaten hätten es durchaus verdient, für ihr Handeln geehrt zu werden. Doch der Preis muss der kritischen Prüfung durch eine hochrangige Fach-Jury standhalten und soll ein besonderes Zeichen setzen. Daher wird er nur einmal pro Jahr verliehen, an drei Personen oder Personengruppen, stellvertretend für all diejenigen, die geholfen haben.

    Die Beispiele beeindruckender Zivilcourage sind für viele XY-Zuschauer positives Zeichen und Hoffnungsschimmer zugleich, neben all den ungeklärten Verbrechen. Zu sehen, dass man sich erfolgreich zur Wehr setzen und in der Not durchaus auf seine Mitmenschen zählen kann, macht Mut. Und animiert im besten Fall zu ähnlichem Verhalten.

    Die Jurymitglieder

    Martin Groß (Juryvorsitzender)
    Geschäftsführer der XY-Produktionsfirma Securitel

    Ina-Maria Reize-Wildemann
    Redaktionsleiterin Redaktion Eduard Zimmermann –
    DKF Deutsche Kriminalfachredaktion GmbH

    Petra Erschfeld
    ZDF-Redakteurin "Aktenzeichen XY… ungelöst"

    Jörg Langner
    BKA Wiesbaden

    Walter Thurner
    Bund Deutscher Kriminalbeamter

    Rainer Pechtold
    Gewerkschaft der Polizei, München

    Rainer Wendt
    Deutsche Polizeigewerkschaft

    Andreas Mayer
    Deutscher Präventionstag

    Bianca Biwer
    Weißer Ring e.V.

    Harald Schmidt
    ProPK Baden-Württemberg

    Horst W. Bichl
    International Police Association (IPA)

    Die Preisträger 2021
          Ahmad Al Sheikh Hussein Kames (damals 28) aus Bonn

    Der Fall

    Ein 22-Jähriger und ein 55 Jahre alter Mann steigen am 27. Juli 2020 an derselben Station in den Bus. Sie kennen sich nicht, arbeiten aber im selben Krankenhaus. Der ältere Mann setzt sich hinten in den Bus, der 22-Jährige einige Sitzreihen vor ihn. Die Bilder aus der Überwachungskamera zeigen später, dass der 55-Jährige während der Fahrt plötzlich ein Messer zieht, nach vorne geht und ohne Vorwarnung von hinten auf den Jüngeren einsticht. Das geschockte und stark blutende Opfer versucht zu entkommen, doch der Angreifer wirft sich auf ihn und sticht weiter auf ihn ein. Die Fahrgäste versuchen panisch, sich in Sicherheit zu bringen.

    Ahmad Al Sheikh Hussein Kames hört Musik und ist, als Panik ausbricht, der Einzige, der eingreift. Der frühere Medizinstudent kam 2016 aus Syrien und absolviert an der Uni-Klinik Bonn eine Ausbildung zum Anästhesie-Assistenten. Er läuft nach vorne und zerrt den kräftigen 55-Jährigen von seinem Opfer herunter. "Ich habe nicht groß nachgedacht, einfach nur gehandelt", sagt Kames. Es gelingt ihm, den Täter im hinteren Teil des Busses an einer Haltestange zu fixieren. Der geschockte Fahrer hält den Bus an – die Fahrgäste stürzen nach draußen. Drei Minuten lang, bis zum Eintreffen der Polizei hält Kames den Mann fest, der nach wie vor das Messer in der Hand hält und immer wieder versucht, sich loszureißen. Als die Polizei eintrifft und den Gewalttäter übernimmt, eilt Kames sofort zu dem schwer verletzten jungen Mann und leistet gemeinsam mit zwei jungen Fahrgästen Erste Hilfe. Das Opfer ist lebensgefährlich verletzt. Es hat Stichverletzungen am Kopf und am gesamten Oberkörper erlitten. Doch der junge Mann hatte Glück im Unglück. Nach nur zwei Tagen kann er die Intensivstation verlassen, bleibt aber noch weiter in stationärer Behandlung. Gegen den Beschuldigten wird Haftbefehl wegen des Verdachts des versuchten Mordes erlassen.

    Begründung der Jury für Ahmad Al Sheikh Hussein Kames

    Der zur Tatzeit 28-jährige ehemalige Medizinstudent Ahmad Al Sheikh Hussein Kames reagiert als Einziger, als in einem öffentlichen Bus ein junger Mann mit einem Messer urplötzlich angegriffen wird. Mutig und ohne zu zögern, packt er den Angreifer, zerrt ihn von seinem inzwischen schwer verletzten Opfer weg und fixiert ihn mit aller Kraft an einer Haltestange. Drei Minuten lang kämpft Kames bis zum Eintreffen der Polizei allein mit dem Täter. Danach kümmert er sich sofort um das stark blutende Opfer und leistet zusammen mit zwei inzwischen zurückgekehrten Fahrgästen Erste Hilfe. Mit schweren Stichverletzungen am Kopf und Oberkörper kommt der junge Mann in eine Klinik und wird sofort notoperiert. Er überlebt und schließt Freundschaft mit seinem Retter. 

    Kames' großes Maß an Zivilcourage und Mut beeindruckt selbst die Polizei. Dass er dabei äußerst bedacht vorgegangen ist und auch seine Eigensicherung nicht vernachlässigt hat, ist mit ausschlaggebend für die Verleihung des "XY-Preises – Gemeinsam gegen das Verbrechen".

    "Ich würde immer wieder genauso handeln"

    Interview mit Ahmad Al Sheikh Hussein Kames

    Wie haben Sie den Vorfall wahrgenommen? Was ging Ihnen durch den Kopf?

    Ich saß hinten im Bus, habe Musik gehört und meine Umgebung erstmal nicht wahrgenommen. Als ich die Schreie der anderen Fahrgäste hörte, habe ich gesehen, wie ein Mann auf einen anderen Mann mit einem Messer einsticht. Ich bin sofort losgerannt und habe den Täter von dem jungen Mann weggezerrt. Er war sehr hartnäckig, ich musste all meine Kraft einsetzen. Den anderen Fahrgästen habe ich zugerufen, dass sie mit dem schwerverletzten Opfer reden und ihn bei Bewusstsein halten sollen.

    Hatten Sie keine Angst vor dem Angreifer?

    Ja, ich hatte Angst. Um mich selbst, aber vor allem auch um das Opfer, das schwer verletzt war. Ich habe gemerkt, wie gefährlich der Angreifer ist und meine ganze Kraft eingesetzt, um ihn zu stoppen.

    Waren in Ihrer Umgebung noch andere Menschen, die hätten eingreifen können?

    Ja, der Bus war voll, aber eingegriffen hat niemand. Jemand hat die Polizei gerufen und als der Bus gehalten hat, sind alle rausgestürmt. Zwei junge Menschen haben mich dann noch bei der Ersten Hilfe für das Opfer unterstützt.

    Hatten Sie nach dem Vorfall noch Kontakt zu dem Opfer des Angriffs?

    Ja, der junge Mann hat sich bei mir gemeldet und sich bedankt. Wir haben regelmäßig Kontakt und sind jetzt sogar befreundet.

    Wie denken Sie im Nachhinein über Ihr Handeln, würden Sie heute wieder so reagieren?

    Es war eine gefährliche Situation, aber ich würde immer wieder genauso handeln. Ohne zu zögern.

    Freuen Sie sich auf die bevorstehende Preisverleihung? Und wissen Sie schon, was Sie mit dem Preisgeld machen wollen?

    Ja, ich fühle mich sehr geehrt und freue mich auf die Verleihung in Berlin. Mit dem Preisgeld möchte ich mein Berufsleben erleichtern.

          Dennis Hennig (damals 34) aus Soest

    Dennis Hennig muss kurz vor Weihnachten länger arbeiten und ist allein im Büro seiner Firma im vierten Stockwerk. Plötzlich hört er durch das gekippte Fenster Hilfeschreie. Als er hinaussieht bemerkt er eine am Boden liegende Frau, und einen Mann, der auf ihr sitzt und mit einem Hammer auf sie einschlägt. Hennig schreit, er solle die Frau in Ruhe lassen.

    Er rennt die Treppen hinunter auf die Straße. Die Frau am Boden blutet inzwischen stark. Der Täter geht gerade mit einem Eimer in der Hand wieder auf die Frau zu: "Da war Flüssigkeit drin; dass es sich um Benzin gehandelt hat, habe ich erst später erfahren."

    Wieder schreit er den Mann an und setzt einen Notruf ab. Der Täter lässt sich davon nicht beirren und übergießt die Frau und sich selbst mit dem Benzin. Dennis Hennig versucht, den Täter von seinem Opfer wegzureißen und bemerkt dabei, dass der Mann ein Feuerzeug in der Hand hält. Bevor er es entzünden kann, reißt Hennig es ihm aus der Hand. Nach einiger Kraftanstrengung gelingt es Dennis Hennig mit Händen und Füßen, den Täter von der Frau wegzubringen: "Er lag dann ein paar Sekunden da und diese Zeit hab' ich genutzt, die Frau und ihre Habseligkeiten aufzusammeln und mit ihr ins Gebäude zu flüchten." Dort sind die beiden erst einmal sicher vor dem Angreifer, denn die Tür lässt sich von außen nur mit einem Schlüssel öffnen. Nun erkennt Dennis Hennig die Frau: Es ist die Reinigungskraft des Büros. Sie erzählt, dass der Täter ihr Ex-Freund sei und sie nicht wisse, warum er sie angegriffen habe.

    Mit einem Schal versucht Dennis Hennig Verletzungen des Opfers zu verbinden. Dabei schaut er immer wieder zur Tür, ob die Rettungskräfte eingetroffen sind. Er sieht, wie der Täter seinen Rucksack nimmt und flieht. Ein paar Straßen weiter kann ein Streifenwagen den Mann festnehmen.

    Durch sein Eingreifen hat Dennis Hennig der Frau vermutlich das Leben gerettet, zumal sich die Tat in einem Industriegebiet ereignet hat, in dem abends nur selten Menschen vorbeikommen. Dennis Hennig wurde von einem Zuschauer für den XY-Preis vorgeschlagen.

    Begründung der Jury für Dennis Hennig

    Dennis Hennig ist am Abend allein im Büro, als er von draußen Hilfeschreie vernimmt. Durchs Fenster erkennt der 34-Jährige, dass vor dem Haus zwei Personen miteinander kämpfen. Geistesgegenwärtig nimmt Dennis Hennig sein Handy und läuft aus dem vierten Stock nach unten. Dort wird eine Frau, die in dem Gebäude als Reinigungskraft arbeitet, von ihrem Ex-Freund mit einem Hammer angegriffen. Dennis Hennig alarmiert die Polizei und greift sofort entschlossen ein, als der Täter versucht, sich und sein Opfer auch noch mit Benzin zu übergießen und bei lebendigem Leib anzuzünden. Dennis Hennig kann die Frau beherzt ins Bürogebäude ziehen und damit in Sicherheit bringen. Der Täter wird kurz darauf von der Polizei festgenommen. 

    Dennis Hennig hat auf vorbildliche Weise reagiert, als er unvermittelt zum Zeugen einer brutalen Gewalttat wurde. Dank seines hohen persönlichen Einsatzes hat er einer Frau in höchster Not das Leben gerettet. Die Jury spricht Dennis Hennig ihren größten Respekt aus.

    "Ich habe gewusst, dass ich der Frau helfen muss"

    Interview mit Dennis Hennig

    Wie haben Sie den Vorfall wahrgenommen? Was ging Ihnen durch den Kopf?

    Mir ging nicht viel durch den Kopf, ich wollte schauen, was los ist und dann habe ich gewusst, dass ich der Frau helfen muss. Ich habe mich eigentlich nur gefragt, wieso der Täter so etwas macht, beziehungsweise was er vorhat.

    Hatten Sie keine Angst vor dem Angreifer?

    In den Moment habe ich keine Angst gehabt, ich wollte der Frau nur helfen, habe gar nicht drüber nachgedacht, dass er mich auch verletzen könnte. Das wurde mir erst später bewusst. Ich glaube, es wäre mir aber in dem Moment egal gewesen.

    Waren in Ihrer Umgebung noch andere Menschen, die hätten eingreifen können?

    Nein, das Bürogebäude war zu dem Zeitpunkt leer. Auch drum herum war niemand, da es ein kleineres Gewerbegebiet ist, wo um die Zeit selten noch jemand lang fährt.

    Hatten Sie nach dem Vorfall noch Kontakt zu der Frau?

    Ja, hatte ich. Ich wollte unbedingt wissen, wie es ihr geht. Ihr ging es zum Glück schnell wieder besser. Ich habe von ihren Angehörigen ein kleines Geschenk als Dankeschön erhalten. Zu einem späteren Zeitpunkt kam sie mich auch im Büro persönlich besuchen und hat sich bedankt. Da ging es ihr zum Glück schon wieder ganz gut.

    Wie denken Sie im Nachhinein über Ihr Handeln, würden Sie heute wieder so reagieren?

    Ich denke schon, da man wieder festgestellt hat, dass man so wirklich einem Menschen helfen kann.

    Freuen Sie sich auf die bevorstehende Preisverleihung? Und wissen Sie schon, was Sie mit dem Preisgeld machen wollen?

    Ja, ich freue mich drauf, werde sicher auch nervös sein. Ich habe noch keine genauen Pläne, was ich mit dem Preisgeld machen will, wir werden uns ein paar Kleinigkeiten kaufen und eventuell einen längeren Urlaub im neuen Jahr planen. Das meiste werden wir für die Zukunft sparen.

          Lea-Sophie Schlömer (damals 16 Jahre) aus Volkmarsen

    Der Fall

    Am 24. Februar 2020 steht der Karnevalsumzug in Volkmarsen an, dem die Einwohner der nordhessischen Stadt lange entgegengefiebert haben. Auch Lea-Sophie, ihre Mutter und ihre sechsjährige Schwester sind dabei. Lea-Sophie unterhält sich mit Freunden, als gegen 14.45 Uhr ein Auto in die Menge fährt. Zielgerichtet, ohne zu bremsen und mit 50 bis 60 km/h.

    "Das Auto ist ca. 1,5 bis 2 Meter von mir entfernt vorbeigefahren. Ich habe einen Aufprall gehört und mich umgedreht." Der Aufprall trifft einen Mann, der als Charakter der Sesamstraße verkleidet in einem Mülleimer durch die Gegend geschoben wird. Lea-Sophie zögert nicht, läuft dem Auto hinterher. "Mir war klar, dass der Autoschlüssel gezogen werden muss. Die Straße wird immer enger. Die Leute weiter hinten hätten keine Chance gehabt." Dort stehen auch die Bewohner eines Behinderten-Pflegeheims in dem Lea-Sophie arbeitet. Ihre Mutter, die wie viele von dem Auto getroffen wurde und ihre Schwester retten sich auf den Gehsteig. Durch die Start-Stopp-Automatik kommt das Fahrzeug zum Stehen. "Ich habe die Beifahrerseite aufgerissen, mich auf den Sitz gekniet und nach dem Schlüssel gegriffen." Der Täter will sie abwehren, schlägt ihr gegen den Hals und die Hand, die nach dem Schlüssel greift, und zieht an ihren Haaren: "Wir haben uns immer wieder gegenseitig die Hände vom Schlüssel weggeschlagen – ich wollte den Schlüssel abziehen, er das Auto wieder starten." Schließlich schafft es die 16-Jährige, den Großteil des Schlüsselbundes – bis auf den Autoschlüssel – abzureißen. Jetzt kommen mehrere Männer zur Fahrerseite, schlagen auf den Täter ein und halten ihn fest. Gleichzeitig zieht ein Freund Lea-Sophie aus dem Auto. Sie kann noch sagen: "Das hilft nichts – der Schlüssel muss gezogen werden", dann steigt sie aus dem Auto. Auf der Straße kümmert sie sich um Verletzte: "Ich habe meine beiden Jacken für Kinder ausgezogen, an einer Wurstbude Servietten geholt."  Anschließend leistet sie Erste Hilfe bei einer Frau mit offenem Beinbruch, hilft in der Apotheke, reicht Verbandsmaterial und Getränke herum, beruhigt die Leute. "Es war für mich selbstverständlich zu helfen, und ich bin froh, dass ich das gemacht habe. Es war das Richtige, und ich würde es wieder so machen."

    Begründung der Jury für Lea-Sophie Schlömer

    In einer entspannten und fröhlichen Situation – mitten in einem Karnevalsumzug – wird die damals erst 16 Jahre alte Lea-Sophie Schlömer Zeugin eines Auto-Attentats. Während alle anderen Umstehenden zunächst völlig schockiert und unfähig sind zu handeln, versucht Lea-Sophie beherzt und ganz allein, den Attentäter zu stoppen. Als das Fahrzeug für einen Moment zum Stehen kommt, will sie den Zündschlüssel an sich bringen, bevor weiteres Unheil geschieht. Nachdem der Täter von Umstehenden aus dem Auto gezerrt wird, kümmert sich Lea-Sophie Schlömer unverzüglich und äußerst professionell um die zahlreichen Verletzten. Sie organisiert Verbandsmaterial und leistet Erste Hilfe bei einer Schwerverletzten. Das gelingt ihr so gut, dass die Notärzte sie später für eine ausgebildete Sanitäterin halten.

    Für ihr ungeheuer mutiges Einschreiten in einer äußerst bedrohlichen Extremsituation zollt die Jury Lea-Sophie Schlömer ihre allerhöchste Anerkennung. Dafür und für ihr umsichtiges und fürsorgliches Verhalten den Opfern gegenüber gebührt ihr der "XY-Preis 2021".

    "Ich habe instinktiv gehandelt"

    Interview mit Lea-Sophie Schlömer

    Wie haben Sie den Vorfall wahrgenommen? Was ging Ihnen durch den Kopf?

    Mir ging nicht viel durch den Kopf – wenn ich mehr darüber nachgedacht hätte, hätte ich vielleicht gar nicht eingegriffen. Ich habe aber natürlich an meine Familie und Freunde und die Menschen in den engen Gassen gedacht, die keine Ausweichmöglichkeiten hatten. Mir war klar, dass man den Täter stoppen muss.

    Hatten Sie keine Angst vor dem Attentäter?

    Nein, in dem Moment gar nicht. Ich habe nicht darüber nachgedacht, wie gefährlich die Situation eigentlich war und was alles hätte passieren können.

    Waren in Ihrer Umgebung noch andere Menschen, die geholfen haben?

    Ja, sehr viele. Passanten, Sanitäter, Krankenschwestern, die Polizei – jeder, der nicht verletzt war, hat geholfen. Ich war ganz und gar nicht die Einzige.

    Wie denken Sie im Nachhinein über Ihr Handeln, würden Sie heute wieder so reagieren?

    Ich wünsche mir vor allem, dass ich nicht nochmal in so eine Situation gerate. Damals habe ich instinktiv gehandelt, und das würde ich wohl auch wieder so machen.

    Freuen Sie sich auf die bevorstehende Preisverleihung? Und wissen Sie schon, was Sie mit dem Preisgeld machen wollen?

    Ich bin dankbar für die Nominierung und bin gespannt auf die Preisverleihung. Was ich mit dem Geld machen möchte, weiß ich noch nicht.

    Zahlen und Fakten zum XY-Preis

    ·      Preisträger insgesamt bisher: 83, davon 32 Frauen und 50 Männer

    ·      21-mal konnte eine Vergewaltigung verhindert beziehungsweise ein sexueller Missbrauch gestoppt oder eine Missbrauchsserie beendet werden.

    ·      29-mal wurde durch XY-Preisträger eine schwere Gewalttat verhindert oder unterbrochen und somit Menschenleben gerettet.

    ·      Elf schwere Straftaten konnten von minderjährigen Helden verhindert oder beendet werden.

    ·      16 Jugendliche unter 18 Jahren erhielten bisher den "XY-Preis":

    • ·      Christina, 14, verhinderte einen Raub.
    • ·      Nabila, 13 und Lilia, 13, deckten gemeinsam den Missbrauch an einem Kind auf.
    • ·      Falk, 12, und Susann, 16, stoppten den Missbrauch eines Kindes und trugen zur Festnahme des Täters bei.
    • ·      Drei 17-jährige Mainzer Schüler und ein 19-Jähriger retteten einen Mitschüler vor brutalem Schläger.
    • ·      Cederic, 17, rettete eine Frau vor prügelndem Passanten.
    • ·      Paulina, 15, rettete Prügelopfer.
    • ·      Marlis, 17, und Nicolas, 17, retteten einen Mann vor tödlichem Angriff.
    • ·      Marie-Isabel, 17, beendete den sexuellen Missbrauch eines Kindes.
    • ·      Saskia, 17, rettete zwei Gleichaltrigen das Leben nach einem Angriff.
    • ·      Marie, 17, verhinderte eine Vergewaltigung.
    • ·      Lea-Sophie, 16, stoppte einen Amok-Fahrer.

    Vier Sonderpreise und ein Ehrenpreis

    2007 entschloss sich die Jury das erste Mal, zusätzlich zu den drei Preisen einen XY-Sonderpreis zu vergeben: an drei Jugendliche aus Berlin, die eine Frau auf ihrem nächtlichen Nachhauseweg durch Berlin-Tiergarten vor einem Angreifer retteten. Dieses Ereignis war nach der Jurytagung und recht kurz vor der Preisverleihung 2007 bekannt geworden. Daher kam es zu dem Entschluss, einen Sonderpreis an die drei jungen Männer zu vergeben.

    2009 ging ein XY-Sonderpreis an den 10-jährigen Kaspar Krebbers aus Krefeld. Er beobachtet und verfolgt einen Mann mit einem kleinen Fahrrad, bis er auf Polizisten trifft, die zu einem Raubüberfall gerufen wurden. Er erzählt den Beamten seine Beobachtungen, führt sie zum Fahrrad und beschreibt den Täter. 

    2009 folgte der XY-Ehrenpreis, posthum vergeben an den kurz vor einer "Aktenzeichen XY… ungelöst"-Live-Sendung verstorbenen Dominik Brunner, als er in der S-Bahn Kinder vor Angreifern retten wollte. Innerhalb weniger Stunden entschloss sich damals der Schirmherr Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, per Schalte aus Berlin die Ehrung vorzunehmen.

    2011 wurde der XY-Sonderpreis an Marcel Gleffe vergeben. Er hatte rund 30 Menschen bei dem Attentat auf der norwegischen Insel Utøya gerettet. Auch dieses Ereignis fand nach der Wahl des XY-Preises durch die Jury statt. Marcel Gleffe konnte an der Preisverleihung in Berlin teilnehmen und den Sonderpreis persönlich entgegennehmen.

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