ZDFzoom: Aus Liebe zum Tier

Wie weit dürfen Aktivisten gehen?

Kein Tier soll benutzt, geschlachtet, gegessen werden. Das haben sich radikale Tierschützer auf ihre Fahnen geschrieben und setzen sich im Namen der Tiere dafür ein – häufig auch mit illegalen Aktionen. Wie weit dürfen Aktivisten aus Liebe zum Tier gehen?, fragt "ZDFzoom". Über Monate waren die Filmautoren in der Welt der Aktivisten unterwegs und beleuchten die verschiedenen Positionen in der Tierschützer-Bewegung.

  • ZDF, Mittwoch, 12. August 2015, 22.45 Uhr

Texte

Sendetermin und Stab

Mittwoch, 12. August 2015, 22.45 Uhr, ZDF

ZDFzoom: Aus Liebe zum Tier
Wie weit dürfen Aktivisten gehen?

Film von Michael Strompen, Ulrike Brödermann und Peter Ruppert

Redaktion: Paul Amberg, Claudia Ruete

ZDFzoom: Aus Liebe zum Tier 

Radikale Tierschützer wollen, dass kein einziges Tier durch Menschenhand benutzt wird, stirbt oder leidet. Im Namen der Tiere machen sie mobil – häufig auch mit illegalen Aktionen.

Über Monate tauchten die "ZDFzoom"-Reporter in die Welt der Aktivisten ab und begleiteten sie bei ihren meist nächtlichen Feldzügen. Ziel dieser Attacken: Bauern, Wissenschaftler und Geschäftsleute, die mit Tieren ihr Geld verdienen.

2000 Straftaten in den vergangenen zehn Jahren gehen auf das Konto radikaler Tierschützer, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, meldet das Bundeskriminalamt. Meist sind es kleinere Delikte, mit denen angebliche Tierquäler zermürbt werden sollen. Auch wenn sie für ihre Ziele mit dem Gesetz in Konflikt geraten, sehen sich die Aktivisten im Recht, "Tiere zu befreien und Dinge zu zerstören, um viel schlimmeres Unrecht, Tiere töten, zu verhindern", wie eine Aktivistin von der "Tierbefreiung Hamburg" sagt.

Zu besonders militanten Aktionen bekennt sich häufig die internationale Aktionsgruppe "Animal Liberation Front", die, wie sie es nennen, "Tier-Industrie" weltweit mit Anschlägen attackiert. Eine Entwicklung, welche die europäische Polizeibehörde Europol mit Sorge beobachtet. Sie bestätigt den grenzüberschreitenden Anstieg von Straftaten. Die Opfer sprechen von "Bedrohungen für Leib und Leben" und fürchten um ihre Existenz. "Der Markt verlangt nach Fleisch, ich produziere vollkommen legal und außerdem bezahlbares Fleisch, was wollen die von mir?", beklagt sich ein Geflügelbauer, den ein Brandanschlag beinahe ruiniert hätte.

Auf der anderen Seite werden Tierrechte gesellschaftlich zunehmend akzeptiert, viele Auflagen verschärft, Tierschutz ist mittlerweile sogar im Grundgesetz verankert. Die Zahl der Vegetarier und Veganer steigt rapide – nicht zuletzt durch schockierende Bilder gequälter und misshandelter Tiere in der Massentierhaltung, die zum großen Teil auf Undercover-Recherchen der Tierrechtsaktivisten zurückgehen.

Professor Peter Singer, Ethik-Professor an der Universität in Princeton, USA, und zentrale Figur der Tierrechtsbewegung, ist sich sicher: "Die vegane Bewegung ist nicht aufzuhalten, wir brauchen Industrien, die ohne Tierausbeutung auskommen; dieses Umdenken in der Gesellschaft findet bereits statt."

"Die Aktivisten bekommen einen Schub aus der Veganer-Bewegung"
Interview mit Filmautorin Ulrike Brödermann

Was fordern die Aktivisten "aus Liebe zum Tier": mehr als nur den Verzicht auf Fleischverzehr?

Die Aktivisten fordern, dass Tiere weder benutzt noch geschlachtet und gegessen werden. Zu unterscheiden ist dabei zwischen den Aktivisten, die sich komplett gegen Tierausbeutung und jede Form von Tiernutzung wenden, und denen, die dafür kämpfen, dass es den Tieren gut geht, bevor sie geschlachtet werden.

Wie viele radikale Tierschutz-Aktivisten gibt es in Deutschland?

"Radikal" in ihrer Überzeugung gegen Tierausbeutung sind sicher fast alle strikten Veganer. Die Gruppe der "militanten" Tierrechtler und Tierbefreier dürfte sich in Deutschland auf 500 bis 1000 Menschen belaufen. Allerdings hat uns das Bundeskriminalamt bestätigt, dass in den vergangenen zehn Jahren mehr als 2000 Übergriffe stattgefunden haben, die man im Zusammenhang mit dem radikalem Tierschutz sehen muss. Wenige Aktivisten initiieren vergleichsweise viele Übergriffe und die Dunkelziffer sei hoch, weil viele Delikte nicht zur Anzeige gebracht werden.

Und wie sehen diese Übergriffe aus?

Die reichen von Sachbeschädigungen im Zuge von Kampagnen gegen Tierfabriken bis zu Aktionen gegen die Unterbringung von Tieren in Ställen. In den radikaleren Varianten kommt es zu sogenannten Homevisits, wobei Aktivisten vermeintliche Tierschänder in deren Privatsphäre aufsuchen, zum Einschlagen der Fensterscheiben von Ledergeschäften oder sogar zum Abfackeln von Hühnermastanlagen.

Tierschutz hat ja schon eine längere Tradition in Deutschland: Hat sich die Tierschützer-Szene in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahren verändert?

Genau das haben wir uns angeschaut: Welche Gruppierungen gibt es in Deutschland und wie weit würden sie gehen aus Liebe zum Tier. Der Tierschutz hat tatsächlich schon eine 200-jährige Geschichte: Er war schon immer stark in England, aber seit den 70er-Jahren ist auch hierzulande eine gesellschaftspolitische Bewegung entstanden, die sich verstärkt für die Rechte von Tieren einsetzte. Heute hat es sich insofern verändert, als dass es in Deutschland mittlerweile viele Menschen gibt, die vegetarisch oder vegan leben wollen. Vielen geht es dabei "nur" um gesundes Leben oder um ein Zeichen gegen Massentierhaltung. Aktivisten allerdings verbinden mit dem Tierprodukte-Verzicht oft eine grundsätzliche Konsumkritik an der Gesellschaft, die bei den Politischeren unter ihnen immer auch eine Kritik an den bestehenden Machtverhältnissen ist, auch an denen zwischen Tier und Mensch. Und von denen wollen dann einige nicht mehr nur Zettel verteilen, auf denen steht: Fleischessen ist doof. Sie wollen, dass überhaupt keine Tiere mehr ausgebeutet werden, und bringen das mit entsprechenden Aktionen zum Ausdruck.

Sind Sie bei Ihren Recherchen auf Vorbehalte Ihrer angefragten Gesprächspartner getroffen oder gab es keine Probleme, auskunftsfreudige Interview-Geber zu finden?

Es war ein langer Weg, das Vertrauen zu finden, um miteinander reden und das auch filmen zu dürfen. Wir lassen die radikalen Tierschützer ebenso zu Wort kommen wie diejenigen, die durch deren Aktionen geschädigt wurden. Das haben wir auch immer offen gelegt. Eine klare Absage gab es nur von einigen radikalen Aktivisten aus Großbritannien, die sagten, dass sie nicht mit der Mainstream-Presse reden würden. Ansonsten waren unsere Gesprächspartner aber sehr offen und wollten auch gehört werden.

Und welche Erkenntnisse haben Sie bei Ihrer Recherche gewonnen: Muss in Sachen Tierschutz ein Umdenken stattfinden oder sind die Aktivisten nur eine Modeerscheinung?

Die Tier-Aktivisten sprechen Tieren Rechte zu, weil es fühlende und intelligente Wesen sind. Sie sagen, dass es für sie einen Unterschied zwischen Recht und Gesetz gibt, und dass ihnen das Gesetz nicht weit genug geht. Daher nehmen sie sich moralisch das Recht, die Gesellschaft zu belehren und zu verändern. Man muss aber auch sagen: Verbesserter Tierschutz in Deutschland ist durch gewisse Grenzverletzungen erst in Gang gekommen – durch investigative Recherchen in Hühnerställen und Ähnlichem. Die Szene der Tierschützer ist international vernetzt aber auch sehr divers. So unterschiedlich ihre Vorgehensweisen sein mögen, muss man dennoch zumindest diejenigen, die demokratische Spielregeln einhalten, als Teil einer "Graswurzelbewegung" ernst nehmen, die das Konsumverhalten grundlegend ändern will – auch wenn sie mancher nur als Modeerscheinung sieht. Sie bekommen durch den aktuellen Trend zum Veganer durchaus einen Schub, zudem sind die Themen Klima- und Umweltschutz, die mit der Tierrechtsfrage verbunden sind, zukunftsgerichtet. Manche Aktivisten allerdings haben "Selbstermächtigungsfantasien", wie es die Extremismusforscher nennen. Danach muss man die Welt besser gestern als morgen radikal ändern und sollte das auch erzwingen. Das ist etwas, was BKA und LKAs durchaus mit Sorge beobachten. Was da an Radikalität noch auf uns zukommt, weiß keiner. Das Thema Tierrechte ist auf jeden Fall auf dem Tisch – so oder so.

Mit Ulrike Brödermann sprach Thomas Hagedorn.

Biografische Angaben zu den Filmautoren

UIrike Brödermann, "ZDFzoom"-Reporterin und -Redakteurin in Berlin. Geboren in Hamburg, Studium der Amerikanistik und Slawistik in Berlin, Exeter und St. Petersburg, OSZE-Mitarbeiterin in Bosnien-Herzegowina, arbeitet seit 17 Jahren für das ZDF (Reportagen, Berichte und Dokumentationen). 2009 erhielt sie den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus zusammen mit Michael Strompen für "Der gläserne Deutsche – Wie Bürger ausgespäht werden".

Peter Ruppert, Jahrgang 1970, ist seit 1999 beim ZDF. Als Cutter war er zwei Jahre im ZDF-Studio in Kairo tätig. Als Ka­mera-Assistent arbeitete er mit Kameramann Hartmut Seifert zusammen und war bei mehreren Dokumentationen von Claus Kleber und Wolf von Lojewski beteiligt. Für "ZDFzoom" hat er mit Jo Schück und Michael Strompen unter anderem die Doku­mentationen "Fährt Auto-Deutschland vor die Wand?", "Hopfen und Malz verloren – wie gut ist unser Bier wirklich?" und "Flucht in die Karibik – die Steuertricks der Kon­zerne" an der Kamera realisiert. Peter Ruppert hat viele Reportagen für den "Länderspiegel" und Kurz-Dokus vom Survivaltraining in Norwegen bis zur Ostfriesland-Erkun­dung gedreht.

Michael Strompen, Jahrgang 1980, ist seit zwölf Jahren beim ZDF tätig. Er studierte Journalismus und Sport an der Technischen Universität Dortmund, schrieb für die Rheinische Post und die Nachrichtenagentur sid. Michael Strompen war zu­nächst freier Mitarbeiter beim WDR, bevor er als Volontär zum ZDF kam. Anschließend arbeitete er für das 3sat-Wissen­schaftsmagazin "nano" und wechselte 2006 in die heutige Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen. Dort arbeitete er zunächst für politische Magazine und aktuelle Sondersendun­gen. 2011 gehörte er zum "ZDFzoom"-Gründungsteam. Für seine Dokumentation "Der gläserne Deutsche – Wie Bürger ausgespäht werden" erhielt Michael Strompen zusammen mit Ulrike Brödermann 2009 den zwei­ten Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus. Für den zusammen mit Rainer Fromm realisierten Film "Blutige Schätze – die Anti­ken und der Terror" bekam er den Deutschen Archäo­logie-Son­derpreis 2011 zuerkannt. Mit "Hopfen und Malz verloren" ge­wann er 2013 den Axel-Springer-Preis für junge Journalisten. Der Film "Flucht in die Karibik – die Steuertricks der Konzerne" erhielt den CNN Journalist Award 2014.

Infos zu "ZDFzoom"

"ZDFzoom" bietet mittwochs um 22.45 Uhr in der Regel im Anschluss an das "auslandsjournal" investigative Recherchen zu gesellschaftlich relevanten und alltagsnahen innen- und außenpolitischen Themen. Seit dem 11. Mai 2011 bereitet das Dokumentations- und Reportageformat komplexe Sachverhalte mit einer wiedererkennbaren Grafik- und Kameraarbeit verständlich auf. Je nach Länge (30 oder 45 Minuten) schwanken die Kosten der zirka 35 Produktionen pro Jahr zwischen 90.000 Euro und 130.000 Euro pro Ausgabe.

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