Die Suche nach Hitlers „Atombombe“

Hätte Hitler-Deutschland der Bau der Atombombe vielleicht doch noch gelingen können? Wie knapp war der Wettlauf um die alles vernichtende Waffe tatsächlich? 70 Jahre nach Kriegsende gibt es neue Quellenfunde und Erkenntnisse, die ZDFzeit-Dokumentation "Auf der Suche nach Hitlers 'Atombombe'" berichtet.

  • ZDF, Dienstag, 28. Juli 2015, 20.15 Uhr

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Im August 1945 wurden die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki durch Atombomben verwüstet. US-Wissenschaftler hatten fieberhaft an der neuen Massenvernichtungswaffe gearbeitet, weil sie fürchteten, Hitler-Deutschland könnte ihnen zuvor kommen. Der Film geht der Frage nach, wie knapp der Wettlauf um die Atombombe wirklich war.

Beim Vorrücken auf deutschem Gebiet 1945 suchten die Alliierten nach den Fertigungsstätten der so genannten "Wunderwaffen". Sie wurden an mehreren Standorten fündig: Raketen, neuartige Flugzeuge - doch gab es auch den Bau an Hitlers „Bombe“? Neue Quellenfunde, Verhörprotokolle, Zeitzeugnisse sowie Hinweise auf geheime Waffenschmieden unter Tage sprechen dafür, dass ab 1944 die Entwicklung vorangetrieben und zuletzt immer weiter forciert wurde.

Lange hieß es, die Deutschen hätten nur versucht, eine „Uranmaschine“ (Reaktor) zu bauen, und seien selbst damit bis Kriegsende nicht ganz fertig geworden. Aus Mangel an Willen, Material oder Kenntnis hätten deutsche Wissenschaftler den Bau einer Atombombe abgelehnt oder zumindest gebremst. Doch laut jüngeren Dokumentenfunden haben bislang kaum bekannte Gruppen von Technikern auch an der Entwicklung einer atomaren Waffe gearbeitet. Dabei spielte Hitlers "Geheimwaffenchef" Hans Kammler eine zentrale Rolle.

Sogar von der Kombination eines nuklearen Sprengkopfes mit einer Rakete ist die Rede. 70 Jahre nach Hiroshima versucht der Film auszuloten, inwieweit die Befürchtungen, Hitler könnte zuerst über die „Bombe“ verfügen, begründet waren oder nicht.

Auf der Spur von Hitlers Bombe - 70 Jahre nach Hiroshima
(
Stefan Brauburger, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte)

Es ist ein weiterer wichtiger Jahrestag zu einem Ereignis, an das man nicht oft genug erinnern kann.

Die Zerstörung der beiden japanischen Großstädte, erst Hiroshima, dann Nagasaki, markiert eine Zeitenwende. Zum ersten Mal führte der Mensch der Welt vor Augen, dass er in der Lage ist, alles Leben auf der Erde auszulöschen. Mehr als 100 000 Menschen starben nach den Abwurf der beiden Bomben sofort. Weitere Hunderttausende erlagen den Folgen der nuklearen Detonationen. In späteren Jahrzehnten erreichte die Zahl der einsatzfähigen nuklearen Sprengköpfe die Dimension des Overkills.

Aber wie fing es an? Nachdem der deutsche Chemiker Otto Hahn 1938 die Kernspaltung entdeckt hatte, entfaltete die nukleare Forschung weltweit eine ungeahnte Dynamik. Im Zweiten Weltkrieg und noch bis Mitte der 1950er Jahre ging es nur um die militärische Nutzung der Kernspaltung. Der Impuls, die US-Bombe zu bauen, rührte aus der Furcht, die Deutschen könnten als erste über die neue Vernichtungswaffe verfügen. Vor den Nazis nach Amerika geflohene Physiker bedrängten den US-Präsidenten, die Atombombe zu bauen. So begann ein unerklärter Wettlauf zwischen den USA und Deutschland.

Nach dem Krieg ging die historische Forschung davon aus, die deutsche Seite habe die Entwicklung der Bombe mitten im Krieg fallengelassen, aus Mangel an Willen, Können oder Material. Hitler-Deutschland sei zu keinem Zeitpunkt in der Lage gewesen, eine Kernwaffe zu konstruieren. Angesichts der verheerenden Atombombeneinsätze gegen Japan, bereute Einstein zutiefst seine Entscheidung, den Brief zum Bau der Bombe an den amerikanischen Präsidenten unterzeichnet zu haben.

Jüngere Forschungen sprechen jedoch dafür, dass von der deutschen Atomforschung durchaus eine reale Gefahr ausging. „Das wichtigste ist meiner Meinung nach die Aussage, dass die Deutschen die deutsche Atombombe doch geschaffen haben“, bewertet der renommierte russische Militärhistoriker Wladimir Sacharow einen Bericht Marschall Schukows an Stalin vom Oktober 1945. Auch der Militärexperte im Deutschen Historischen Institut Moskau, Matthias Uhl, gibt im Interview für die ZDF-Dokumentation „Die Suche nach Hitlers ‚Atombombe‘“ Einblicke in neuere Forschungen. „Aus den russischen Dokumenten geht hervor, dass es darum ging, Raketen mit einem nuklearen Sprengkopf zu kombinieren“, so Uhl.

Die Autoren des Filmes zum deutschen Atomwaffenprojekt begeben sich auf Spurensuche. Sie richten den Blick auf Schauplätze und Akteure, die mit dem Bombenbau in Verbindung gebracht werden, gehen der Frage nach, wie knapp der Wettlauf um die vernichtende Waffe wirklich war. Dokumente, Verhörprotokolle, Zeitzeugnisse sowie Hinweise auf bislang unbekannte Anlagen unter Tage sprechen dafür, dass die Entwicklung ab 1944 immer weiter forciert wurde. Von nuklearen Tests berichten russische, amerikanische und französische Quellen.

Vor allem die „SS hat in den letzten beiden Jahren des Krieges mit aller Macht versucht, die Raketen-Waffenproduktion so weit wie möglich unter ihre Kontrolle zu bringen. Das betraf selbstverständlich auch die Entwicklung nuklearer Waffen“, sagt US-Wissenschaftshistoriker Mark Walker.

Laut jüngerer Dokumentenfunde haben kaum bekannte Gruppen von Technikern an der Waffenentwicklung gearbeitet. Dem SS-General Hans Kammler wuchs nach und nach die Rolle eines „Geheimwaffenchefs“ zu. Von mustergültigen Bombenbauplänen ist auf russischer Seite die Rede, in deutschen und amerikanischen Quellen ist von verschiedenen Wegen zur Gewinnung von Spaltstoffen und zur Entwicklung von Fusionsbomben zu lesen. . Auch eine von der US-Regierung autorisierte Darstellung von Nachforschungen auf deutschem Boden spricht von signifikanten Fortschritten beim Bau von Atombomben zu.

Doch die Suche stößt an Grenzen. Einen gegenständlichen Beweis dafür, dass die Deutschen es tatsächlich vermochten, Spaltstoff hochgradig – bis zur Waffenfähigkeit - anzureichern gibt es weiterhin nicht. Und dass sie am Ende wirklich über eine wie auch immer geartete  funktionsfähige Waffe verfügten, ist ebenfalls nicht nachweisbar. Der Film weist jedoch in Richtungen, in die es sich weiter zu forschen lohnt, zu messen, unterirdische Anlagen zu erkunden oder zu warten: auf eine baldige Öffnung noch immer verschlossener Archivbestände.

ZITATE zum Filmprojekt „Die Suche nach Hitlers ‘Atombombe‘“

Zitat aus dem Bericht des Marschalls Schukow an Stalin vom Oktober 1945 zum Stand des deutschen Atomprojekts:

„Auf Grundlage des von uns gesammelten  Materials kann man die Schlussfolgerung ziehen, dass die Deutschen gute Resultate auf dem Gebiet der theoretischen und praktischen  Erforschung und Anwendung der Kernenergie bis hin zum Bau einer Atombombe erreicht haben“.

 

Zitate aus einer von der US-Regierung autorisierten Bekanntmachung für den 26. August 1945 zu den Ergebnissen aufwändiger Erkundungen im Machtbereich NS-Deutschlands. Verschiedene Spezialeinheiten und Geheimdienste hatten eine aufwändige Suche nach technischen Erfindungen und moderner Waffentechnik betrieben:

„Deutschlands Geheimprojekte während des Krieges reichen von Experimenten mit der Atombombe bis ..“

„Sie machten nicht nur signifikante Fortschritte in der Entwicklung einer Atombombe…“

 

Ein Bericht des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU vom 23. März 1945 beschreibt den Test einer neuartigen deutschen Bombe in Thüringen und enthält eine detaillierte Konstruktionsbeschreibung der Kernspaltungsbombe, die nach dem Implosionsprinzip funktioniert. Der Bericht wird an Stalin weitergeleitet und dem wissenschaftlichen Leiter des sowjetischen Atomprojekts, Igor Kurtschatow, zur Auswertung übergeben:

Volkskommissariat für Verteidigung der UdSSR

Hauptabteilung der militärischen Aufklärung der Roten Armee

23. März 1945, Moskau

An den Chef des Generalstabes der Roten Armee, Armeegeneral Gen. Antonov

Bericht:

Unsere zuverlässige Quelle in Deutschland meldet:

„In der letzten Zeit haben die Deutschen in Thüringen zwei große Explosionen durchgeführt. Sie fanden in einem Waldgebiet unter strengster Geheimhaltung statt. Vom Zentrum der Explosion wurden Bäume bis zu einer Entfernung von fünfhundert bis sechshundert Metern gefällt. Für die Versuche errichtete Befestigungen und Bauten wurden zerstört. Kriegsgefangene, die sich im Explosionszentrum befanden, kamen um, wobei häufig von ihnen keine Spuren blieben. Andere Kriegsgefangene, die sich in einigem Abstand zur Zentrum der Explosion aufhielten, trugen Verbrennungen an Gesicht und Körper davon, deren Grad von der Entfernung zum Zentrum abhing.

Die Tests wurden in einem entlegenen Gebiet durchgeführt. In den Versuchsobjekten gilt die höchste Geheimhaltungsstufe. Das Ein- und Ausfahren ist nur mit Spezialausweisen erlaubt. SS-Kommandos haben das Gebiet abgeriegelt und verhörten jeden, der sich diesem Gebiet näherte.

Die Bombe enthält vermutlich U235 und hat ein Gewicht von zwei Tonnen. Sie wurde auf einem speziell dafür konstruierten Flachwagen transportiert. Mit ihr zusammen wurden Tanks mit flüssigem Sauerstoff gebracht. Die Bombe wurde permanent von zwanzig SS-Männern mit Hunden bewacht.

Die Bombenexplosion wurde von einer starken Detonationswelle und der Entwicklung hoher Temperaturen begleitet. Außerdem wurde ein starker radioaktiver Effekt beobachtet. Die Bombe stellt eine Kugel mit einem Durchmesser von 130 Zentimetern dar.“

 

Die Bombe besteht aus:

1. Einer Hochspannungsentladungsröhre, die ihre Energie von speziellen Generatoren bezieht

2. Einer Kugel aus metallischem Uran 235

3. Einem Verzögerer

4. Einem Schutzkasten

5. Dem Sprengstoff

6. Einer Detonationsanlage

7. Einem Stahlmantel

Alle Teile der Bombe werden ineinander montiert.

 

Der Inititator oder der Zünder der Bombe

Besteht aus einer speziellen Röhre, die schnelle Neutronen erzeugt. Durch spezielle Generatoren wird in der Röhre hohe Spannung geschaffen. Im Ergebnis wirken die schnellen Neutronen auf den aktiven Stoff ein.

 

Spaltstoff

Aktiver Stoff der Bombe ist Uran 235. Es stellt eine Kugel dar, in die durch eine Öffnung der Initiator eingeführt wird. Die Öffnung wird danach mit einem Pfropfen verschlossen, der aus Uran 235 besteht.

 

Der Schutzmantel

Die Urankugel wird in ein Gehäuse aus Aluminium eingeschlossen, das mit Cadmium beschichtet ist. Dies bremst die thermischen Neutronen stark ab, die vom Uran 235 freigesetzt werden und eine vorzeitige Detonation verursachen könnten.

 

Sprengstoff

Hinter der Cadmiumschicht befindet sich Sprengstoff, der aus porösem Trinutrotoluol besteht, das mit flüssigem Sauerstoff durchtränkt ist. Trinutrotoluol besteht aus Blöcken, die eine spezielle Form haben. Die innere Oberfläche der Blöcke hat sphärischen Durchmesser, der mit der äußeren Oberfläche des Cadmiums übereinstimmt. Zu jedem der Blöcke ist ein Detonator mit zwei Elektrozündern verlegt.

 

Hülle

Das Trinutrotoluol ist mit einer Schutzhülle aus einer leichten Aluminiumlegierung bedeckt. Oben auf der Hülle wird die Sprengvorrichtung befestigt.

 

Äußere Hülle

Oberhalb der Sprengvorrichtung wird die äußere Hülle aus gepanzertem Stahl montiert.

 

Haube

Auf die gepanzerte Hülle kann eine Haube aus einer leichten Legierung montiert werden, für die nachfolgende Montage der Bombe auf eine Rakete vom Typ „V“.

 

Der Zusammenbau der Bombe

Die Kugel, die aus metallischem Uran besteht, wird in einen Schutzbehälter platziert, der aus mit Cadmium beschichtetem Aluminium besteht, so dass die Öffnung in der Kugel mit der Öffnung im Behälter übereinstimmt. Über diese Öffnung wird der Initiator eingeführt und anschließend wird die Öffnung mit einem Pfropfen aus Uran verschlossen.
Danach wird die mit Cadmium beschichtete Aluminiumkugel mit einem Pfropfen verschlossen, auf den der letzte Trinutrotoluol-Block gelegt wird. Ferner wird über die das Trinutrotoluol deckende Öffnung flüsiger Sauerstoff gepumpt. Danach ist die Bombe einsatzbereit.

 

Der Zünder der Bombe

Das Zünden der Bombe wird mit Hilfe einer Hochspannungsentladungsröhre ausgeführt.
Sie erzeugt einen Neutronenstrom, der den aktiven Stoff angreift. Im Prozess der Einwirkung des Neutronenstroms auf das Uran, aus dem Element 93 freigesetzt wird, der das Zustandekommen einer Kettenreaktion beschleunigt.
Ferner bringt die Sprengvorrichtung den Sprengstoff zur Explosion, worauf ein zum Zentrum gerichteter Schlag passiert, der durch die Explosion der äußeren Schicht des Trinutrotoluols in Mischung mit flüssigem Sauerstoff ausgelöst wird. Dies erlaubt das Uran über die kritische Masse zu bringen.
Vor der Zündung wird die Urankugel mit Gamma-Strahlen, der eine Energie von nicht mehr als 6 Mio. Volt besitzen, bestrahlt, was zu einer Steigerung seiner Sprengfähigkeit führen soll.

 

Fazit:

Ohne Zweifel führen die Deutschen Tests einer Bombe mit großer Zerstörungskraft durch.
Im Falle ihres erfolgreichen Tests und der Herstellung solcher Bomben in ausreichender Menge werden sie über eine Waffe verfügen, die in der Lage ist, unsere Offensive zu verlangsamen.“

 

Leiter der Hauptverwaltung der Militärischen Aufklärung

Generalleutnant Iljitshov

 

4 Exemplare:

Exemplar Nr. 1    Gen. Stalin

Exemplar Nr. 2    Gen. Molotov

Exemplar Nr. 3    Gen. Antonov

Exemplar Nr. 4    zu den Akten

16 Blätter

 

Quelle: Schreiben des Chefs der Hauptverwaltung für militärische Aufklärung, Generalleutnant Iwan I. Ilitshov, an den Chef des Generalstabes der Roten Armee, General Antonov, vom 23.3.1945, Verteiler: Stalin, Molotov, Antonov, Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation, Fonds 93, Abteilung 81 (45), Liste 37.

Dennoch berichtet der wissenschaftliche Leiter des sowjetischen Atomprojekts, Kurchatow, im März ‘45 an Stalin, er sei wegen der relativ geringen Sprengwirkung des beschriebenen Tests nicht ganz überzeugt, dass die Deutschen eine Atombombe wie auf dem Bauplan zündeten – sondern eher einen Vorläufer, ein Testmodell.

ZITATE aus Interviews zum Film

Prof. Wladimir Sacharow, Militärhistoriker, Lomonossow-Universität Moskau

Zu Schukow-Bericht:

„Sehr interessant ist eigentlich der Bericht des Marschalls Schukow an Stalin über das deutsche Atomprojekt…Das wichtigste ist doch meiner Meinung nach die Aussage, dass die Deutschen die deutsche Atombombe doch geschaffen haben.“

Zur Quellenlage:

„Ich kann drei Gruppen von neuen Quellen zu dem Thema nennen, die GRU-Berichte, in zweiter Linie Berichte des NKWD, in dritter Linie Dokumente aus dem Dienstarchiv des Atomministeriums der UDSSR,  dort gibt es sowohl Berichte der Aufklärungsdienste als auch Verhörprotokolle der deutschen Atomphysiker.“

Zur Rolle der SS:

„Bekannt ist, dass die überwiegende Mehrheit von den deutschen hochtechnologischen Projekten, die kriegswichtig waren, am Ende des Krieges unter die Kontrolle der SS gelangten, das hatte auch mit dem Attentat des 20. Juli zu tun. Es ging um das Raketenprojekt und selbstverständlich auch das Atomprojekt. Und hier ist die Rolle von SS-General Hans Kammler wichtig. Er war der einzige Akteur in dieser Geschichte, der die Raketentechnik mit der Atomwaffe zusammenbringen konnte.“

 

Dr. Matthias Uhl, Historiker, Deutsches Historisches Institut Moskau

Zu Schukow-Bericht:                                                                                

„Der Schukow-Bericht versuchte auf der Grundlage der Informationen, die die Rote Armee in der sowjetischen besetzten Zone Deutschlands sammeln konnte nachzuweisen, welchen Kenntnisstand und vor allem Forschungsstand die deutschen Atomwissenschaftler haben. Auf der Grundlage der gesammelten Informationen kam man schließlich zu dem Schluss, die Deutschen hätten es tatsächlich bis zur Entwicklung einer Atomwaffe geschafft.“

Zur Frage der Kombination von nuklearer Waffe und Rakete:

„Man hatte ganz klar erkannt, dass ein konventioneller Sprengkopf den militärischen Erfordernissen nicht gerecht wird, deshalb versuchte man dafür entweder Chemiewaffen-Köpfe zu entwickeln oder aber man setzte dabei auf neue, nukleare Waffen, sowohl auf die Verunreinigung durch radioaktive Substanzen, aber dachte auch selber dann bereits, bestimmte nukleare Sprengköpfe auf die Spitzen der Raketen zu setzen, das bestätigen zahlreiche sowjetische Geheimdienstberichte.“

Zur Rolle von Hitlers „Geheimwaffenchef“ Hans Kammler:

„Kammler erhält von Hitler und Himmler schrittweise immer mehr Kompetenzen bei der Entwicklung von Geheimwaffen, so dass er schließlich zu einer zentralen Person in diesem Bereich wird“.

„Er war der Mann, der dafür die notwendigen Ressourcen bündelte, um diese Projekte noch zu einem erfolgreichen Abschluss bringen zu können.“

„Kammler verfügte über ein hohes Managertalent und war bereit, ein hohes Risiko einzugehen und für die Erreichung seiner Ziele über Leichen zu gehen“.

„Es ist anzunehmen, dass Kammler in Gusen (bei Linz) versuchte, ein Zentrum für die deutsche Geheimwaffenentwicklung zu schaffen, das zeigen seine Bemühungen, sowohl Raketentechnologie, Atomtechnologie als auch Flugzeugtechnologie in diesem Raum zu konzentrieren und unter seiner Führung dort zusammenzufassen.“

 

Sergej Lev Davidow, russischer Kernwaffenexperte, begleitete mehrere sowjetische Atomtests

Zum beigefügten deutschen Bomben-Bauplan der GRU-Berichte

„Mich hat sehr beeindruckt, wie kenntnisreich und qualifiziert das Dokument ist. Dies kann nicht von einem normalen Agenten stammen, nur von einer speziell ausgebildeten Person, die entsprechende Kenntnisse besitzt. Da ist alles so genau beschrieben, als würde es vom Erfinder der Bombe selber kommen.“

Dazu Matthias Uhl (zum Bomben-Bauplan)

„Wir wissen ganz genau, es ist eine bewährte, überprüfte Quelle gewesen. Diese Quelle hatte Zugang zu Bereichen der SS, die mit Waffenentwicklung im Atombombenbereich vertraut war.“

 

Prof. Mark Walker, Wissenschaftshistoriker, Universität Schenectady / New York

Zur Rolle der SS:

„Die SS versuchte in den letzten beiden Jahren des Krieges, die High-Tech-Waffenproduktion mit aller Macht unter ihre Kontrolle zu bringen. Das betraf selbstverständlich auch die Entwicklung nuklearer Waffen. Wissenschaftler versuchten unter der Führung der SS bis zum Kriegsende, solche neuartigen Waffen herzustellen.“

Zu einem weiteren Bombentyp (neben dem Konzept der Uranbombe):

„Es ist nicht ganz klar, was es war. Ein eigener Typ von nuklearen Waffen, an denen Wissenschaftler am Ende des Krieges arbeiteten. Es ging darum, mit höchstem explosivem Druck möglicherweise sogar Fusionsreaktionen hervorzurufen unter Einbeziehung von Kernspaltung.“

„Allerdings muss gesagt werden, dass es sich hier nicht um eine Waffe wie die Hiroshima-Bombe handelte. Diese Gruppe arbeitete eben an anderen Typen.“

„Ich bin jedoch skeptisch, dass das gelang und dass sie es tatsächlich geschafft haben.“

Zur Frage der Realisierung:

„Die Frage ist, ob so etwas unter äußerst schwierigen Bedingungen kurz vor Ende des Krieges von den Deutschen bewerkstelligt werden konnte. Das heißt nicht, dass man es nicht versucht hat. Und ich lege auf diese Unterscheidung Wert. Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln dass es Menschen gab, die alles taten, um an das Ziel zu gelangen.“

 

Dr. Rainer Karlsch, Wirtschafts- und Unternehmenshistoriker, Berlin

Zu Äußerungen Hitlers zur neuen Waffe:

„Als Ion Antonescu Hitler besuchte, standen sowjetische Truppen bereits an der rumänischen Grenze. Der rumänische Diktator wollte am liebsten aus diesem Krieg ausscheiden. Hitler hat alles versucht um ihn an seiner Seite zu halten und hat Antoniscu über neueste Waffenentwicklungen informiert. Er sprach von einer V3 und einer V4, von einer Vernichtungswaffe die im Umkreis von 2-3 km alles zerstören sollte. Wenn wir den Zerstörungsradius berücksichtigen, kann es nur eine nukleare Waffe gewesen sein oder eine große Kohlenstaubbombe mit gewaltiger Explosionskraft, auch an so einer Entwicklung wurde in Deutschland gearbeitet.“

Zu Berichten über Waffentest an die Amerikaner:

„Über den Test einer neuartigen deutschen Waffe in Thüringen ist nicht nur der sowjetischen Generalstab Ende März informiert worden, sondern auch der Oberkommandierende der amerikanischen Streitkräfte Eisenhower. Er erhielt den Report eines deutschen Offiziers der diesen Test gesehen hat. Eisenhower hat das Gebiet überfliegen lassen. Es ist allerdings nichts festgestellt worden.“

Wirbel um ZDF-Recherchen zu NS-Unterwelt in Österreich: Historiker raten zu neuen Forschungen
(Gastbeitrag von Rainer Keplinger/ORF, Redaktion „Am Schauplatz“)

Bei Recherchen für die ZDF-Dokumentation „Die Suche nach Hitlers Bombe“ ist der österreichische Filmautor Andreas Sulzer auf bislang unbekannte Bildmaterialien, Dokumente und Zeitzeugenberichte gestoßen. Diese förderten Erstaunliches zutage: Die unterirdischen NS-Anlagen bei St.Georgen an der Gusen (bei Linz) sollen weitaus größere Ausmaße gehabt haben als bisher angenommen. Die schon bisher bekannte Rüstungsfabrik “B8 Bergkristall” war demnach nur ein Teil einer weitaus größeren NS-Anlage. Der Umstand, dass dort womöglich Geheimwaffen produziert wurden, ruft jetzt besorgte Bürger auf den Plan. Auf welchem Grund wurden Siedlungen errichtet, könnten Altlasten unter Tage zur Gefahr werden, besteht die Gefahr einer Kontaminierung des Bodens? So fragen sich viele. 

In der internationalen Presse schlug die Nachricht über diese NS-Anlagen 2014 hohe Wellen. Denn schon seit Jahren gibt es Mutmaßungen über nukleare Forschungen der Nazis. Die Behörden in Oberösterreich reagierten auch prompt: Eine 16köpfige Kommission – bestehend aus Historikern, Archäologen, Vertretern des Innenministeriums und des Denkmalamtes – wurde beauftragt, die Fragen nach einem größeren Stollensystem und einer eventuellen Nuklearforschung  der Nazis zu klären. Ziel war die „objektive, fachlich fundierte, wissenschaftlich methodische sowie interdisziplinäre Evaluierung durch hochrangige Experten/innen“.  Drei Monate (!) nach der Einsetzung, Ende Januar 2015, trat die Kommission mit einer eindeutigen Botschaft an die Öffentlichkeit. Keine einzige Vermutung oder Annahme habe einer wissenschaftlichen Überprüfung standgehalten, hieß es, somit  bestehe auch kein Forschungsbedarf.

Erste Kritik an diesem Gutachten kam aus den Reihen des Gusen-Gedenkdienst-Komitees. Man bemängelte, dass keine internationalen Experten hinzugezogen worden seien und auch keine Mitarbeiter des Komitees.  Journalisten der ORF-Sendung „Am Schauplatz“ hinterfragten den „Expertenbericht“. Filmemacher Andreas Sulzer stellte der ORF-Redaktion die Ergebnisse seiner Recherchen zur Verfügung: Geheimdienstakten, geoelektrische Untersuchungen des Bodens sowie eine Einschätzung eines UNSCOM-Inspekteurs für ABC-Waffen lassen darauf schließen, dass ein großes Gebiet von St. Georgen/Gusen während des NS-Regimes unterminiert wurde. Sulzer war es auch, der außerhalb des bekannten Stollensystems graben ließ – und  tatsächlich stieß man auf zwei Bauwerke. Die Behörden in Österreich wiegelten ab. Bei den ausgegrabenen Betonstrukturen handle es sich lediglich um Überreste eines Lüftungsschachtes und um eine Aufzeigerdeckung eines Schießstandes. 

Lieferungen von Substanzen in das Konzentrationslager Gusen, die anhand von „Wagenkontrollbüchern“ (Buchhaltung über Bahn-Lieferungen von und nach Gusen) nachvollzogen werden können, taten die Behörden in ihrem Bericht als irrelevant ab.  Zahlreiche Einträge weisen aber auf gelieferte Komponenten hin, die sowohl für eine nuklear- als auch eine raketentechnische Rüstung sprechen. Diese Indizien werden von Nuklear-Experten, Zeitzeugen und  Dokumenten gestützt. Die ORF Sendung “Am Schauplatz” hat die unterschiedlichen Positionen zu diesem Thema beleuchtet und u.a. auf Falschbehauptungen hingewiesen, mit dem die Behörden ihren Standpunkt zu untermauern suchten, wonach keine nukleartechnischen Aktivitäten in St.Georgen/Gusen nachzuweisen seien. 

Eine überhöhte radioaktive Strahlung der Region im Stollenbereich verunsichert derzeit die Bevölkerung und weckt Befürchtungen. Nicht zuletzt deshalb, weil sich direkt neben dem Eingang zu „Bergkristall“  ein Brunnen befindet, der mehrere Gemeinden mit Trinkwasser versorgt. Über dem Normalbereich liegende Strahlenwerte würden von Radon-Gas ausgehen und seien natürlichen Ursprungs, versuchen Experten zu beruhigen. Schutzmaßnahmen hat man dennoch getroffen; ein Aufenthalt im Stollen darf nur kurze Zeit erfolgen. 

Ein Bergbauspezialist aus Thüringen, dessen Unternehmen 2002 mit Arbeiten an der Sicherung der Anlage befasst war, versteht die Verharmlosung des Problems nicht, er hat andere Erfahrungen gemacht: "Wir haben damals selbstständig Strahlenmessungen durchgeführt und waren erschrocken über die Höhe der Strahlenbelastung – und haben dann zum Schutz unserer Mitarbeiter, mitunter gegen die Meinung der Auftraggeberschaft, wettertechnische Maßnahmen ergriffen, um die Belastung durch Strahlung auszudünnen.”

Die Diskussion um die NS-Stollen wurde und wird in Österreich durchaus kontrovers, emotional und teilweise auch aggressiv geführt. Den Stein ins Rollen und Licht in die Sache zu bringen – dazu haben der ORF mit seiner Sendung sowie die ZDF-Recherchen beigetragen. Nur vorzunehmende wissenschaftlich/historische Untersuchungen werden letztendlich Klarheit schaffen. 

 "Atomwaffen werden wir in dieser unterirdischen Welt sicher nicht finden, aber es ist möglich, dass wir hier ein Tor aufstoßen, von dem noch niemand weiß, was uns dort erwartet“, sagt der Kriegsfolgenforscher Prof. Stefan Karner. Er und auch renommierte Historiker  wie Prof. Wladimir Sacharow, Dr. Matthias Uhl, Prof. Mark Walker und Dr. Rainer Karlsch empfehlen ein wissenschaftliches Projekt mit internationalen Experten, in dem der Gesamtkomplex „Bergkristall“ neu aufgearbeitet wird.

Die Suche nach Hitlers „Atombombe“/ Stabliste

Ein Film von Andreas Sulzer, Stefan Brauburger und Christian Frey

 

Wissenschaftliche Beratung: Dr. Matthias Uhl, Prof. Wladimir Sacharow, Dr. Rainer Karlsch

Szenische Regie: Andreas Sulzer, Lukas Kozel

Kamera: Lukas Kronsteiner, Robert Neumeyer

Schnitt: Pascal Gehrlein

Aufnahmeleiter: Rostislav Stepanek

Bühnenbild: Jan Zazvorka

Ausstattung: Miroslav Karmazin

Kostüm: Christian A. Kahrer, Ana Kala Kovacevic

Maske: Rostislav Stepanek

Animation: Wolfgang Wögerer, Paul Roesch

Musik: Alfred Söllinger, Christoph Sigl

Sprecher: Josef Vossenkuhl

Tonmischung: Stephan Fischer

Produzent: Andreas Sulzer

Produktion: Alexandra Sulzer (pro omnia), Carola Ulrich (ZDF)

Redaktion: Stefan Mausbach

 

Eine Produktion der pro omnia film GmbH im Auftrag von ZDF und ZDFEnterprise

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