Mainzer Stadtschreiberin Eva Menasse / Fotocredit: ZDF/Jana Kay.
Mainzer Stadtschreiberin Eva Menasse / Fotocredit: ZDF/Jana Kay.

Mainzer Stadtschreiberin 2019

Eva Menasse

Eva Menasse wird am Donnerstag, 7. März 2019, um 15.30 Uhr, als neue Mainzer Stadtschreiberin feierlich in ihr Amt eingeführt. Die 1970 in Wien geborene Schriftstellerin wird wie ihre Vorgänger gemeinsam mit dem ZDF eine Dokumentation nach freier Themenwahl produzieren und die Stadtschreiberwohnung im Mainzer Gutenberg-Museum beziehen. Der mit 12.500 Euro dotierte Literaturpreis wird 2019 zum 35. Mal von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz vergeben.

 

  • ZDF, Donnerstag, 7. März 2019, 15.30 Uhr

Texte

Die Mainzer Stadtschreiberin 2019: Eva Menasse
Biografie und Bibliografie

Eva Menasse wurde 1970 in Wien geboren. Nach dem Schulabschluss 1988 studierte Menasse Germanistik und Geschichte an der Universität Wien. Noch während ihres Studiums begann sie ihre journalistische Karriere, die sie vom Wiener Wochenmagazin Profil bis zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung führte. Mit ihrem ersten Roman, dem österreichisch-jüdischen Familienepos "Vienna" (2005) gelang Eva Menasse ein fulminantes Debüt. Mit ihrem zweiten Roman "Lässliche Todsünden" (2009), der sich aus locker miteinander verbundenen Erzählungen über das lasterhafte Leben der Wiener Intellektuellenszene zusammensetzt, konnte sie ihren Erfolg bei Publikum und Kritik fortsetzen. Preisgekrönt ist ihr Roman "Quasikristalle" (2013), in dem Menasse das Lebensmosaik einer Frau aus verschiedensten Perspektiven schildert. Der jüngste Erzählband "Tiere für Fortgeschrittene" (2017) handelt von Lebenslügen und Lebensillusionen des aufgeklärten Bürgertums.

Eva Menasse engagiert sich vielfach öffentlich, u.a. für die SPD oder gemeinsam mit Autorinnen und Autoren wie Juli Zeh und Ilija Trojanow für einen europäischen Datenschutz gegen die digitale Massenüberwachung unserer Gesellschaft.

Menasse, die seit 2003 in Berlin lebt, wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem mit dem Corine-Preis (2005), dem Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln (2013), dem Stipendium der Villa Massimo in Rom (2015), dem Friedrich-Hölderlin-Preis (2017), dem Österreichischen Buchpreis (2017) und dem Ludwig Börne-Preis (2019).

Bibliografie-Auswahl

Vienna. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005

Lässliche Todsünden. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009

Quasikristalle. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013

Lieber aufgeklärt als abgeklärt. Essays. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015

Tiere für Fortgeschrittene. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017

Rede von ZDF-Programmdirektor Dr. Norbert Himmler zur Verleihung des Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreises 2019 an Eva Menasse

– Es gilt das gesprochene Wort –

Lieber Herr Oberbürgermeister Ebling, liebe Frau Grosse, lieber Herr Kaube, liebe Frau Menasse, meine Damen und Herren,

vor etwa einem Jahr stand Eva Menasse, die wir heute als neue Mainzer Stadtschreiberin feiern wollen, vor der Aufgabe, das Internationale Literaturfestival in Berlin mit einer Rede zu eröffnen. Doch statt den Niedergang des Lesens zu beklagen oder die Bedeutung der Literatur zu beschwören, hielt sie eine leidenschaftliche Rede gegen "digitale Gespenster", gegen die negativen Phänomene des Digitalen Zeitalters.

Eva Menasse hielt den Zuhörern ungeschönt die destruktiven Aspekte der digitalen Revolution, die Auswüchse der sozialen Netzwerke vor Augen: die Radikalisierung extremer Meinungen, die Festigung eindimensionalen Denkens, schlicht den Verlust der Freiheit: Die Mitte, "das Abgewogene [sei] für den Diskurs verloren".

Ich zitiere weiter: "Daumen rauf, Daumen runter […]. Das macht alles Verwirrende einfacher, aber es macht eine vormals liberale Gesellschaft deutlich enger und inquisitorischer." Extreme politische Stimmen nutzen den – in Ihren Worten – "Daten- und Meinungsmüll, der uns hysterisch, zynisch und desorientiert werden lässt" für sich als "Propaganda neuen Stils".

Der Radikalisierung, den kleiner werdenden Spielräumen im Denken, all diesen Veränderungen und Herausforderungen der digitalisierten Welt sieht sich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk gegenüber. Einerseits als Objekt der aktuellen medienpolitischen Debatte andererseits als Beteiligter an öffentlichen Diskursen, der immer wieder entscheiden muss, wie stark er die sozialen Medien selbst aktiv nutzen kann und will. Wir als öffentlich-rechtliches Fernsehen wollen uns in den digitalen Kosmos einbringen, müssen es sogar. Gegen Fake-News, gegen Filterblasen und Hypes.

Vor kurzem haben wir zum Start in Berlin den neuen digitalen Kulturraum ZDFkultur vorgestellt. Das ZDF geht dorthin, wo die jüngeren Nutzerinnen und Nutzer sind, ins Netz, auch in die sozialen Netzwerke. Denn als nichtkommerzielles Programm haben wir einen Demokratieauftrag, einen Integrationsauftrag und eben auch einen Kulturauftrag. Wir bündeln mit unseren Expertinnen und Experten im Sender und gemeinsam mit wichtigen Kulturinstitutionen alles, was die Zuschauerinnen und Zuschauer von Kultur erwarten können. Von Konzerten und Theater bis zu Design und Gaming. Und natürlich auch immer Literatur bis hin zum Mainzer Stadtschreiber-Preis. Als Medienproduzenten und gesellschaftliche Institution sehen wir uns zur professionell recherchierten Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit verpflichtet. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier ein Zeichen für Meinungsvielfalt und Offenheit gegen Lüge und Hetze setzen können, inmitten der digitalen Fragmentierung.

Denn dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, jedem Medienschaffenden und Künstler, jedem Mitglied unserer Gesellschaft kommt eine individuelle Verantwortung zu. Früher gab es große Stimmen, die als moralische Gewissen der Nation fungierten. Leitfiguren, vor allem Günter Grass, aber auch Heinrich Böll und Max Frisch, mit denen Eva Menasse sich literarisch immer wieder auseinandersetzt, waren solche.

Doch in den defragmentierten und zugleich maximal radikalisierten Zeiten, in denen wir leben, brauchen wir Autorinnen und Autoren, die sich öffentlich einmischen. Für Bürgerrechte, für Selbstbestimmung auch und gerade im Digitalen. So wie Eva Menasse und ihre Kolleginnen und Kollegen. Die sich beispielsweise für eine Charta der Digitalen Grundrechte in der Europäischen Union engagierten. Die sagen, ich zitiere: "Ein Mensch unter Beobachtung ist niemals frei; und eine Gesellschaft unter ständiger Beobachtung ist keine Demokratie mehr."

Denn es gibt sie auch heute noch, die großen moralischen Stimmen, die Mahnenden. So wie Eva Menasse, wie Juli Zeh oder unsere ehemaligen Stadtschreiber Ilija Trojanow und Josef Haslinger, die jetzt in unserer Stadtschreiberjury sitzen. Denn – hier zitiere ich abermals Eva Menasse – "Was man für richtig hält, was man in Ruhe begründen kann, muss man sagen, egal, wer applaudiert, wer protestiert, egal, ob es einen Shitstorm gibt."

Trägheit, Gefräßigkeit, Wollust, Zorn, Hochmut, Neid und Habgier. Fast könnte man meinen, mit diesen starken Worten sind die niedrigsten Eigenschaften des Internets präzise beschrieben. Doch ich spreche von den sieben Todsünden, die es schon lange vor der digitalen Revolution gab. Diese haben nicht nur seit jeher Autorinnen und Autoren zu großer Literatur inspiriert, auch Eva Menasse hat sie in ihrem Band "Lässliche Todsünden" zum Thema gemacht.

Ein Titel der paradox klingt. In diesem Band von Erzählungen, den ich mit Bewunderung gelesen habe, kommt in der Tat niemand ins Fegefeuer. Und doch fragt sich der Leser mit Eva Menasse, ob das Konzept Sünde nicht auch in unserer ausgenüchterten Zeit noch weiterwirkt. In "Lässliche Todsünden" sind die Menschen Paare zumeist, vielfach Familien mit unguten Konstellationen, Fremdgänger, Verliebte und Betrogene, kleine oder größere Sünder, ohne dass Eva Menasse dies moralisch wertet.

Michael Naumann sprach in der ZEIT in seiner Rezension vom Glück der Lektüre über das Unglück anderer Leute. Zum Glück des Lesens gehört, dass Eva Menasse jedoch nie billige Schadenfreude aufkommen lässt. Sie erhebt sich nicht über ihre angeschlagenen Heldinnen und Helden. Daher kommen uns die Figuren wie Rument, Cajou, Fiona, Martine und der träge Fritz erstaunlich nahe, ganz getreu ihrer ersten Maxime: "Liebe jede einzelne deiner Figuren". Mit Eleganz, Humor und Ironie nimmt sie die Welt des Wiener Kulturmilieus bis in die kleinste Gefühlsregung auseinander und setzt sie kunstvoll wieder zusammen.

Zum Schluss möchte ich noch einmal analog werden und unsere neue Mainzer Stadtschreiberin wörtlich zitieren. Auf die Frage, wie sie schreibe, antwortete Eva Menasse: "Mein größtes Problem ist, dass ich nicht aufhören kann. […] Wenn es gut läuft, ist es fast schlimmer, wie in dem Märchen mit dem süßen Brei. Man kann schon nicht mehr, will der quellenden Masse aber Herr werden, den Reichtum an sich raffen, bis zuletzt."

Möge diese überquellende Kreativität und Schaffenskraft auch Ihr Jahr als Mainzer Stadtschreiberin prägen. Ich freue mich, dass Sie die Mainzer Stadtschreiberin des Jahres 2019 sind, und bin gespannt darauf, welches Thema Sie sich für die Dokumentation vornehmen, die Sie gemeinsam mit dem ZDF produzieren werden. Seien Sie jederzeit bei uns im ZDF auf dem Mainzer Lerchenberg herzlich willkommen.

Herzlichen Dank!

Rede des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Mainz, Michael Ebling,
zur Verleihung des Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreises 2019 an Eva Menasse

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Frau Grosse, sehr geehrter Herr Himmler, sehr geehrter Herr Kaube, meine sehr geehrten Damen und Herren, vor allem aber: sehr geehrte, liebe Eva Menasse,

in Ihrem Buch "Tiere für Fortgeschrittene" stellen Sie jeder Erzählung eine skurrile Episode aus dem Tierreich voran. Ich versuche das jetzt auch einmal, um Ihnen auf diese Weise die Menschen Ihrer neuen "Heimatstadt auf Zeit" näherzubringen. Meine kleine Geschichte entstammt der Süddeutschen Zeitung und trägt den Titel "Papageien mit Rhythmus im Blut": "Palmkakadus sind die einzigen Tiere, die wie Menschen ein Werkzeug benutzen, um damit Musik zu machen.[…] Palmkakadu "Ringo Starr" beispielsweise beginnt seine bis zu 14 Minuten langen Percussions stets mit einer Art Trommelwirbel, der dann in einen langsameren, regelmäßigen Beat übergeht. Hin und wieder lassen die Tiere auch ein Pfeifen oder andere Töne einfließen. Die meisten der Trommelsequenzen […] fanden in Anwesenheit eines Weibchens statt. Wenn der Kakadu-Dame die Darbietung gefällt, beginnt sie, die Bewegungen des Männchens nachzuahmen, bis beide Vögel gemeinsam hin und her schunkeln – äh schaukeln."

Meine Damen und Herren, drei Tage ist der Rosenmontagszug jetzt her, aber ich denke, wir alle haben noch "den Rhythmus im Blut". Und wenn Sie, liebe Frau Menasse, das närrische Treiben in diesem Jahr auch leider knapp verpasst haben, so werden Sie sicher schnell feststellen: Mainz ist eine Stadt der guten Laune.

Oder machen wir uns da etwas vor? Ihnen, der Meisterin des Aufspürens von Lebenslügen und Luftschlössern, werden wir mit Sicherheit nichts vormachen können. Und so dürfen wir gespannt sein auf die "Verhaltensforscherin der Spezies Mensch", wie Sie einmal genannt wurden, die heute ihr Amt als neue Mainzer Stadtschreiberin antritt.

Ich darf Sie dazu noch einmal herzlich in der Landeshauptstadt Mainz willkommen heißen – und das sowohl persönlich, als auch im Namen der Bürgerschaft von Mainz, die morgen Gelegenheit haben wird, Sie und Ihr Werk genauer kennenzulernen. Kennenlernen werden die Mainzerinnen und Mainzer dann eine Autorin, die es uns zunächst einmal sehr einfach macht, sie zu mögen, denn ihre Romane und Erzählungen lesen sich allesamt hochvergnüglich.

Humor und Hintersinn, Wiener Schmäh und jüdische Chuzpe und nicht zuletzt dieser wunderbar lässige, immer leicht ironische Erzählton quasi als "Milchschaumhäubchen" oben drauf – das sind die Zutaten für Eva Menasses Schreiben: eine "Wiener Melange", die es versteht, das Süße zu betonen, ohne das Bittere zu verschweigen. Uns Lesernn und Leserinnen beschert das viele köstliche Momente bester Leseunterhaltung. Es beschert uns aber auch den ungeschönten, ja bisweilen harten Blick auf die Selbsttäuschungen der Protagonisten und in die Abgründe des menschlichen Seins.

Das Leben bei Eva Menasse ist – ich zitiere hier aus Ihrem 2013 erschienenen Roman "Quasikristalle" – "gleichzeitig festgefahren und fragil, ein Fahrzeug, das in einer steilen Kurve hängen geblieben ist". Nun frage ich Sie, verehrtes Publikum: Wem von uns ist es nicht selbst schon so ergangen? Wer kennt dieses Gefühl des "Festgefahrenseins" im eigenen Leben nicht? Da ist es ein Trost, dass Eva Menasses sezierender Blick die Helden ihrer Geschichten zwar schonungs-, aber doch nie empathielos trifft. Ihr Schreiben ist immer ein ehrliches, ein lebenskluges Schreiben.

Nur auf Ihren Roman "Vienna", verehrte Frau Menasse, Ihr hochgelobtes Debüt, das sich eng anlehnt an Ihre eigene Familiengeschichte, trifft das Bild des "festgefahrenen Fahrzeugs" wohl nicht zu: Mit irrwitzigem Tempo nimmt dieser Roman auch noch die steilste Kurve. "Vienna" – das ist ein schillerndes Sittengemälde und ein bewegendes Stück deutscher Zeitgeschichte in einem. Das ist ein Buch, das vom Schrecken des 20. Jahrhunderts, vom Verlust der Heimat und Familie, von Irrwegen und Umwegen erzählt – und dazu eine ganze Armada an skurrilen, zugleich ungemein liebenswerten Charakteren auffährt. "Mein Vater war eine Sturzgeburt", so im wahrsten Sinne des Wortes turbulent beginnt dieser Roman, und genauso endet er auch. Dazwischen: 400 Seiten prallvolles, packendes Leben!

Mit ganz ähnlich erzählerischem Verve stürzen Sie sich in Ihrem Buch "Lässliche Todsünden" in die Biografien von Menschen, die alles richtig machen wollen und schließlich doch im falschen Leben landen. Und warum? Aus Trägheit zum Beispiel, aus Zorn, Hochmut, Neid oder Habgier. Aus Beweggründen also, die nicht selten auch unser eigenes gesellschaftliches und soziales Miteinander prägen.

Damit erweisen Sie sich einmal mehr als eine nicht nur äußerst unterhaltsame, sondern auch ungemein politische Autorin, die zwischen den Zeilen sehr deutlich zu mehr Verantwortung, Engagement und Mitgestaltung aufruft. "Wenn Literatur nicht etwas mit dem Leben zu tun hat, das wir kennen", so haben Sie selbst es einmal formuliert, "und mit den Reibungen und Konflikten, die wir alle schon selbst erlebt haben, dann ist sie langweilig. Literatur handelt von den Konflikten der Menschen untereinander. Das ist Politik. Es ist nur eine andere Ausdrucksform."

Diese Ausdrucksform aber beherrschen Sie, liebe Frau Menasse, perfekt: Immer wieder bringen Sie sich als Schriftstellerin, Journalistin oder Essayistin in die gesellschaftspolitische Debatte ein, und Sie scheuen dabei nicht zurück vor deutlichen Worten.

Sie sind damit eine couragierte Frau – eine Panikmacherin sind Sie nicht. Im Gegenteil: Ausdrücklich plädieren Sie für ein Zurück zum ruhigen, sachlichen Ton, und immer wieder wenden Sie sich entschieden gegen die Zersplitterung unserer Gesellschaft in einander bekämpfende Gruppen und Grüppchen. Sie stehen damit beispielhaft für Autorinnen und Autoren in unserem Land, die sich mit einer ganz spezifischen Gabe öffentlich einbringen. Welche Gabe das ist, das haben Sie in Ihrer Dankesrede anlässlich Ihrer Auszeichnung mit dem Heinrich-Böll-Literaturpreises der Stadt Köln verraten: "Wir [Autoren] sind komische Käuze in stillen Kammern, wir verweigern uns der Hochgeschwindigkeit der Geschäftswelt, dem absurden Postulat von der Schwarmintelligenz, der vermeintlichen Alternativlosigkeit einer Hundertschaft von gefährlichen Entwicklungen. Wir nehmen uns viel Zeit für seltsame, altmodische Gedanken. Wir haben und brauchen Abstand. Genau das ist unsere Expertise, die Voraussetzung für einen anderen, hoffentlich freieren Blick."

Mit diesem anderen, freieren Blick werden Sie hoffentlich auch uns in Ihrem Jahr als Mainzer Stadtschreiberin begleiten, und wir sind schon jetzt darauf gespannt, welche Höhen und Tiefen Sie dabei entdecken werden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, mit Eva Menasse konnten wir – die Landeshauptstadt Mainz, das ZDF und 3sat –  eine Stadtschreiberin gewinnen, die zu den herausragenden Schriftstellerinnen in Deutschland und Österreich gehört und bereits mit hochrangigen Preisen ausgezeichnet wurde: darunter 2017 mit dem Österreichischen Buchpreis für "Tiere für Fortgeschrittene" und gerade erst mit dem Ludwig-Börne-Preis für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Reportage, des Essays und der Kritik. Wir konnten eine Stadtschreiberin gewinnen, die "mit Witz und Intelligenz zeitgenössische Charaktere von großer Lebendigkeit erschafft. Ihre Figuren haben alle einen schwachen Punkt, an dem unsere Empathie andocken kann. Nie verfällt sie in die Versuchung, ihnen endgültige Zeugnisse auszustellen. Es ist eine Freude, am Leben zu sein, aber alle Gewissheiten sind im besten Fall anrührende Selbsttäuschungen."

Antworten auf die großen Lebensfragen dürfen wir von dieser "sardonischen Menschenbeobachterin" nicht erwarten. So einfach macht sie es uns nicht. Aber sie hilft uns doch auf andere, subtilere Weise. Sie hilft uns, in dem sie uns Fragen stellt – und diese Fragen hallen noch lange nach der Lektüre ihrer Geschichten in uns nach.

Mit diesem Nachhall aber steht sie in einer Linie mit den namhaften Stadtschreiberinnen und Stadtschreibern, die wir bislang in Mainz willkommen heißen durften. Ich nenne hier nur die Amtsinhaberinnen und -inhaber der vergangenen Jahre: Abbas Khider, Feridun Zaimoglu, Judith Schalansky, Peter Stamm, Ingo Schulze, Josef Haslinger, Monika Maron, Michael Kleeberg und Ilija Trojanow. Und ich erinnere an jene ersten Mainzer Stadtschreiber, die vor über 30 Jahren diese Tradition für unsere Stadt begründet haben: an Gabriele Wohmann und H.C. Artmann.

Nicht vergessen werden darf an dieser Stelle natürlich unsere bisherige Stadtschreiberin Anna-Katharina Hahn, deren Amtszeit heute endet und bei der ich mich noch einmal sehr herzlich im Namen der gesamten Stadt bedanken möchte.

Liebe Frau Menasse, "was ich?", haben Sie sich gewundert, als Sie von Ihrer Wahl zur Mainzer Stadtschreiberin erfahren haben. "Ja, Sie!", darf ich Ihnen heute zurufen, denn unsere Stadt freut sich sehr auf Sie und auf Ihr Werk. Wir freuen uns auf Ihren Wiener Charme, auf Ihren Koffer aus Berlin, auf Ihre "blühende Fantasie" und Ihren messerscharfen Verstand. Verehrte Frau Menasse, seien Sie uns in Mainz auf das Herzlichste willkommen!

Die Mainzer Stadtschreiber und ihre TV-Dokumentationen

1985  Gabriele Wohmann (verstorben am 22. Juni 2015)
          "Unterwegs"
           (Sendung: 17. November 1985)

1986  H. C. Artmann (verstorben am 4. Dezember 2000)
          "Den Horizont überschreiten"
           (Sendung: 7. Dezember 1986)

1987  Ludwig Harig (verstorgen am 5. Mai 2018)
          "Zu ergründen die eigene Heimkehr"
          (Sendung: 6. Dezember 1987)

1988  Sarah Kirsch (verstorben am 5. Mai 2013)
          "Briefe an eine Freundin"
           (Sendung: 4. Dezember 1988)

1989  Horst Bienek (verstorben am 7. Dezember 1990)
          "Die verrinnende Zeit"
           (Sendung: 31. Dezember 1989)

1990  Günter Kunert
          "Artus – ein König wird gesucht"
          (Sendung: 9. Dezember 1990)

1991  Helga Schütz
          "Hinterm Vorhang sieht man einen Schatten"
           (Sendung: 26. April 1992)

1992  Katja Behrens
          "Jerusalem – Berlin. Eine Begegnung"
          Mit Asher Reich und Hans Joachim Schädlich
          (Sendung: 7. März 1993)

1993  Dieter Kühn (verstorben am 25. Juli 2015)
          "Eine Reise nach Surinam"
           (Sendung: 19. Dezember 1993)

1994  Libuse Monîková (verstorben am 12. Januar 1998)
          "Grönland-Tagebuch: Wer nicht liest, kennt die Welt nicht"
          (Sendung: 13. Dezember 1994)

1995  Peter Härtling (verstorben am 10. Juli 2017)
          "Schumann in Finnland"
          (Sendung: 21. Dezember 1995)

1996  Peter Bichsel
          "Wir hätten in Spiez umsteigen sollen"
           (Sendung: 12. Dezember 1996)

1997  F.C. Delius
          "Wie weit ist es von einem Mann zu einer Frau?
           24 Stunden mit Tucholsky in Gripsholm"
           (Sendung: 23. November 1997)

1998  Erich Loest (verstorben am 12. September 2013)
          "Karl May reist zu den lieben Haddedihn"
           (Sendung: 6. September 1998)

1999  Tilman Spengler
         
"Bitterer Balkan. Der Krieg ist eine Zerrüttung der Seelen"
           (Sendung: 5. Dezember 1999)

2000  Hanns-Josef Ortheil
         
"Schauplätze meiner Fantasien – Rom, Venedig und Prag"
           (Sendung: 22. Oktober 2000)

2001  Es wurde keine Dokumentation produziert.

2002  Katja Lange-Müller
         
"Mein erster Amerikaner. Der Maler Kedron Barrett"
          (Sendung: 17. November 2002)

2003  Urs Widmer (verstorben am 2. April 2014)
          "Die Forschungsreise"
           (Sendung: 14. Dezember 2003)

2004  Raoul Schrott
          "Deutschland – Himmel und Hölle"          
           (Sendung: 3. August 2005)

2005  Sten Nadolny
         
Es wurde keine Dokumentation produziert

2006  Patrick Roth
          "In My Life – 12 Places I Remember."
           (Sendung: 26. November 2006)

2007  Ilija Trojanow
          "Vorwärts und nie vergessen! Ballade über bulgarische Helden"
           (Sendung: 16. Dezember 2007)

2008  Michael Kleeberg
          "Europas Heimkehr. Eine Reise in den Libanon"
           (Sendung: 4. Januar 2009)

2009  Monika Maron
          "Rückkehr nach Bitterfeld"
           (Sendung: 30. Oktober 2009)

2010  Josef Haslinger
          "Nachtasyl – Die Heimat der Heimatlosen"
           (Sendung: 16. Dezember 2010)

2011  Ingo Schulze
          "Rettung aus dem Regenwald? Die Wiederentdeckung der Terra Preta"
           (Sendung: 11. November 2011)

2012  Kathrin Röggla
          "Die bewegliche Zukunft – Eine Reise ins Risikomanage­ment"
           (Sendung: 18. November 2012)

2013  Peter Stamm
         
"Fordlandia – Das verlorene Paradies?"
           (Sendung: 1. Juni 2014)

2014  Judith Schalansky
          
Es wurde keine Dokumentation produziert.

2015  Feridun Zaimoglu
         
"Istanbul von vorne. Eine Recherche"
           (Sendung: 25. Oktober 2015)

2016   Clemens Meyer
          
"Nicht jedes Los gewinnt – Erzählungen vom Rummelplatz"
           (Sendung: 9. Dezember 2016) 

2017   Abbas Khider
           Es wurde keine Dokumentation produziert.

2018   Anna Katharina Hahn
          
Tauben in Städten
           (Sendung: 21. Oktober 2018)

Die Jury

Der Jury des Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreises 2019 gehörten an:

Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller:

Prof. Dr. Josef Haslinger

Katja Lange-Müller

Dr. Tilman Spengler

Ilija Trojanow

und als amtierende Stadtschreiberin Anna Katharina Hahn

 

Für die Landeshauptstadt Mainz:

Kulturdezernentin Marianne Grosse

 

Für das ZDF:

Programmdirektor Dr. Norbert Himmler

Leiterin der Hauptredaktion Kultur, Anne Reidt

Jury-Vorsitzender Werner von Bergen, Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft

Koordinatorin 3sat, Natalie Müller-Elmau

Literaturredakteur 3sat, Dr. Michael Schmitt

Richtlinien für die Verleihung des Stadtschreiber-Literaturpreises des ZDF, 3sat
und der Landeshauptstadt Mainz

Wir möchten den Reichtum unserer Sprache bewahren und fördern. Durch Bildungsdefizite und mangelnde Kommunikation droht unsere Gesellschaft sprachloser zu werden. Darum wollen wir auch mit den Mitteln des Fernsehens zur Bereicherung und Weiterentwicklung unserer bedrohten Sprache beitragen. In einer sich ständig verändernden Medienwelt muss es zu den vornehmsten Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gehören, auf die Einmaligkeit unserer Sprache als unverzichtbares Medium hinzuweisen.

Wir wollen daher unseren Teil dazu beitragen, das höchste Kulturgut, das wir besitzen, lebendig zu halten, und zugleich einen Beitrag zur Leseförderung leisten – auch im Gedenken an Johannes Gutenberg, an seine epochale Erfindung und den dadurch in Mainz ausgelösten medialen Umbruch.

§1

Das ZDF verleiht gemeinsam mit der Landeshauptstadt Mainz nachfolgend benannten Preis: "Mainzer Stadtschreiber-Literaturpreis des ZDF, 3sat und der Landeshauptstadt Mainz".

§2

Mit diesem Preis sollen Schriftstellerinnen und Schriftsteller deutscher Sprache geehrt werden, die unsere Literatur mit ihren Werken beeinflussen oder prägen und die sich darüber hinaus um das Zusammenwirken von Literatur und Fernsehen bemühen.

Dieser Literaturpreis gilt dem Gesamtwerk des Schriftstellers/der Schriftstellerin.

§3

Der Titel "Mainzer Stadtschreiber" wird jeweils für die Dauer eines Jahres verliehen.

§4

Die Wahl trifft eine vom ZDF, 3sat und der Landeshauptstadt Mainz benannte Jury, die sich wie folgt zusammensetzt:

der amtierende Stadtschreiber/die amtierende Stadtschreiberin,

der Kulturdezernent/die Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Mainz,

der Programmdirektor/die Programmdirektorin des ZDF,

der Koordinator/die Koordinatorin 3sat,

der Leiter/die Leiterin der ZDF-Hauptredaktion Kultur,

der/die verantwortliche Redakteur/in für den Mainzer Stadtschreiberpreis,

der/die den Stadtschreiber/die Stadtschreiberin betreuende Redakteur/in für 3sat

sowie vier Schriftstellerinnen und Schriftsteller deutscher Sprache, die vom ZDF im Einver­nehmen mit der Landeshauptstadt Mainz benannt werden.

§5

Jedes Jurymitglied kann bis zu drei Kandidaten/Kandidatinnen zur Wahl vorschlagen. Diese Wahlvorschläge allein bilden die Basis für die Abstimmung zur Wahl des Stadtschreibers/der Stadtschreiberin. Die Wahl erfolgt nach dem Mehrheitsprinzip.

§6

Mit der Verleihung des Titels ist ein Preis in Höhe von 12.500 Euro verbunden.

§7

Die Landeshauptstadt Mainz stellt für die Dauer eines Jahres dem gewählten Stadtschreiber/der Stadtschreiberin kostenlos eine Wohnung zur Verfügung, inklusive Nebenkosten.

§8

Von dem gewählten Stadtschreiber/der Stadtschreiberin wird erwartet, dass er/sie für ZDF und 3sat eine Dokumentation herstellt: das "Elektronische Tagebuch". Das Thema wird in Abstimmung und mit redaktioneller Unterstützung der ZDF-Hauptredaktion Kultur erarbeitet und mit einem Kamerateam und einer Cutterin bzw. eines Cutters des ZDF umgesetzt. Die Dokumentation wird gemäß den im ZDF gültigen Honorarbedingungen gesondert honoriert.

§9

Der/die gewählte Stadtschreiber/in erklärt sich bereit, für Sendungen von ZDF, 3sat und weiterer Partnerkanäle zur Verfügung zu stehen.

§10

Der/die Stadtschreiber/in erklärt sich bereit, für öffentliche Lesungen in der Landeshauptstadt Mainz zur Verfügung zu stehen, sowie zu gesonderten literarischen Gesprächen insbesondere mit Studierenden, Schülerinnen, Schülern und Seniorengruppen.

Die städtischen Aktivitäten des Stadtschreibers/der Stadtschreiberin werden mit dem Kulturdezernenten/der Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Mainz abgesprochen.

Es wird erwartet, dass der/die Stadtschreiber/in mehrmals im Amtsjahr die Stadtschreiberwohnung im Gutenbergmuseum in Mainz bezieht.

Bildhinweis

Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 -70-16100, oder über
https://presseportal.zdf.de/presse/mainzerstadtschreiber

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