Copyright: ZDF / Svea Pietschmann
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aspekte

ZDF-Kultursendung

"aspekte" mit Katty Salié und Jo Schück beleuchtet Aktuelles aus der Welt der Kultur: Literatur, Musik, Kunst, Kino und wichtige gesellschaftliche Debatten. Die ZDF-Kultursendung mit Publikum und Gästen hakt nach und mischt sich ein, gibt Machern und Denkern ein Forum und holt angesagte Musiker auf die Bühne.

  • ZDF, Freitags, nach 23.00 Uhr

Texte

Informationen zur Sendung

Freitags, nach 23.00 Uhr
aspekte
ZDF-Kultursendung mit Publikum und Gästen

Moderation_____Katty Salié und Jo Schück
Sendeform_____Live/Live-on-Tape mit Publikum und Gästen
Ort_____Berlin, Studio 1 im ZDF-Hauptstadtstudio
Redaktionsleitung_____Daniel Fiedler, Redaktion Kultur Berlin
Länge_____45 Min.

Kultur im ZDF mit "aspekte" gibt es seit 1965. Damit ist "aspekte" die erste überregionale Kultursendung des gesamten deutschen Fernsehens. Seit 1979 wird der renommierte "aspekte-Literaturpreis" für das beste deutschsprachige Romandebüt verliehen.

Aus der "aspekte"-Redaktion entstand "Das literarische Quartett"und die Literatursendung "Das blaue Sofa", die vom Revival des "Literarischen Quartetts" abgelöst wurde. Auch die bundesweite Denkmalschutzaktion "Bürger rettet Eure Städte" hatte ihre Wurzeln bei "aspekte".

Im Februar 2014 wurde aus dem 30-minütigen Kulturmagazin eine 45-minütige Studiosendung mit Doppelmoderation vor Publikum. Film-Einspieler zu aktuellen Themen werden ergänzt durch Live-Gespräche mit Künstlern, Musikern, Schauspielern – mit Kulturschaffenden, die etwas zu sagen haben und die Akzente setzen.

Seit Januar 2013 ist "aspekte" Teil der Redaktion "Kultur Berlin". Unter Leitung von Daniel Fiedler verantwortet "Kultur Berlin" alle in der Hauptstadt produzierten Kulturformate und beliefert andere Redaktionen der ZDF-Programmfamilie.

Redaktionsleitung von "aspekte" seit 1965

Walther Schmieding_____Oktober 1965 – Dezember 1968
Reinhart Hoffmeister_____Januar 1969 – Juli 1975
Wolfgang M. Ebert, Wiltrud Mannfeld, Monika Meynert_____ August 1975 – Februar 1977
Dieter Schwarzenau_____März 1977 – August 1988
Johannes Willms_____September 1988 – August 1992
Manfred Eichel_____September 1992 – Dezember 1999
Wolfgang Herles_____Januar 2000 – Juni 2011
Christhard Läpple_____Juli 2011 – Dezember 2012

Seit Januar 2013 ist "aspekte" Teil des Redaktionsbereichs "Kultur Berlin", Leiter: Daniel Fiedler 

Hauptmoderatoren von "aspekte" seit 1965

Walther Schmieding_____Oktober 1965 – Dezember 1979
Reinhart Hoffmeister_____Januar 1969 – Juli 1975
Wiltrud Mannfeld_____August 1975 – Februar 1977
Monika Meynert_____August 1975 – Februar 1977
Wolfgang M. Ebert_____August 1975 – Februar 1977
Dieter Schwarzenau_____März 1977 – August 1988
Hannes Keil_____April 1977 – Dezember 1991
Alexander U. Martens_____März 1978 – November 1987
Christina von Braun_____März – Juli 1982
Johannes Willms_____September 1983 – September 1992
Anne Linsel_____Juni 1984 – Dezember 1987
Manuela Reichart_____Juni 1984 – Februar 1990
Anna Doubek_____April 1988 – September 1989
Carola Wedel_____September 1990 – Oktober 1993
Manfred Eichel_____September 1992 – Dezember 1999
Luzia Braun_____November 1993 – Dezember 2011
Roger Willemsen_____Januar – August 2000
Wolfgang Herles_____Januar 2000 – Juni 2011
Katty Salié_____Januar 2012 – Januar 2014

Seit Februar 2014 Doppelmoderation: Katty Salié, Tobias Schlegl (bis 30.9.2016), Jo Schück

Seit Oktober 2016: Katty Salié und Jo Schück

"aspekte"-Literaturpreis

Der "aspekte"-Literaturpreis versteht sich als Förderpreis für literarische Debütantinnen/Debütanten und wird jeweils im Oktober eines Jahres in Form eines finanziellen Zuschusses von maximal 10.000 Euro zu einem Arbeitsstipendium vergeben. Die Form dieses Arbeitsstipendiums (zum Beispiel Studienaufenthalt, Studienreise) kann die Preisträgerin/der Preisträger selbst bestimmen.

Der Preis wird für ein belletristisches Prosawerk vergeben, mit dem sich eine deutschsprachiger Autor erstmals in Buchform der Öffentlichkeit präsentiert. Das Buch muss jeweils im laufenden Kalenderjahr erschienen sein.

Der Preisträger wird von einer fünfköpfigen Jury bestimmt. Derzeit setzt sich die Jury des ZDF-"aspekte"-Literaturpreises aus Ursula März (Die Zeit), Jana Hensel (freie Autorin), Volker Weidermann (Das Literarische Quartett, Der Spiegel), Simon Strauß (FAZ) und Daniel Fiedler (Redaktionsleiter ZDF Kultur Berlin) zusammen.

Mit dem Preis, den das ZDF 1979 zum ersten Mal verliehen hat, begannen für die Schriftsteller fast immer große literarische Karrieren. Mit ihm wurden Autoren wie Thomas Hürlimann, Ingo Schulze, Zoë Jenny, Stefan Thome, Eugen Ruge, Hanns-Josef Ortheil, die spätere Büchnerpreisträgerin Felicitas Hoppe und die spätere Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ausgezeichnet.

Die Debüt-Romane können in der Regel bis 31. August bei der ZDF-Redaktion Kultur Berlin eingereicht werden. Der Preisträger wird im Herbst in der Sendung " aspekte" vorgestellt, der Preis auf der Frankfurter Buchmesse verliehen.

Bisherige Preisträger:

2018: Bettina Wilpert für "Nichts, was uns passiert".
Jury: Julia Encke (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung), Daniel Fiedler (Leitung ZDF Kultur Berlin), Jana Hensel (Autorin), Ursula März (Die Zeit) und Volker Weidermann ("Das Literarische Quartett", Der Spiegel).

2017: Juliana Kálnay für "Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens"
Jury: Jana Hensel (freie Autorin), Ursula März (Die Zeit), Daniel Fiedler (Redaktionsleiter ZDF Kultur Berlin), Simon Strauß (FAZ) und Volker Weidermann (Das Literarische Quartett, Der Spiegel)

2016: Philipp Winkler für "Hool"
Jury: Jana Hensel (freie Autorin), Ursula März (Die Zeit), Daniel Fiedler (Redaktionsleiter ZDF Kultur Berlin) und Volker Weidermann (Das Literarische Quartett, Der Spiegel)

2015: Kat Kaufmann für ihr Debüt "Superposition"
Jury: Jana Hensel (freie Autorin), Ursula März (Die Zeit), Daniel Fiedler (Redaktionsleiter ZDF Kultur Berlin), Clemens Schick (Schauspieler) und Volker Weidermann (Das Literarische Quartett, Der Spiegel)

2014: Katja Petrowskaja für "Vielleicht Esther"
Jury: Jana Hensel (Der Freitag), Ursula März (Die Zeit), Daniel Fiedler (Redaktionsleiter ZDF Kultur Berlin) und Volker Weidermann (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)

2013: Eberhard Rathgeb für "Kein Paar wie wir"
Jury: Jana Hensel (Der Freitag), Ursula März (Die Zeit), Daniel Fiedler (Redaktionsleiter ZDF Kultur Berlin), Clemens Schick (Schauspieler) und Volker Weidermann (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)

2012: Teresa Präauer für "Für den Herrscher aus Übersee"
Jury: Pia Reinacher (freie Kritikerin), Anton Thuswaldner (Salzburger Nachrichten), Hubert Spiegel (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Hajo Steinert (Deutschlandfunk Köln) und Christhard Läpple (Leiter des ZDF-Kulturmagazins "aspekte")

2011: Eugen Ruge für "In Zeiten des abnehmenden Lichts"
Jury: Pia Reinacher (freie Kritikerin), Anton Thuswaldner (Salzburger Nachrichten), Hubert Spiegel (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Hajo Steinert (Deutschlandfunk Köln) und Christhard Läpple (Leiter des ZDF-Kulturmagazins "aspekte")

2010: Dorothee Elmiger für "Einladung an die Waghalsigen"
Jury: Pia Reinacher (freie Kritikerin), Anton Thuswaldner (Salzburger Nachrichten), Hubert Spiegel (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Hajo Steinert (Deutschlandfunk Köln)und Wolfgang Herles (Leiter des ZDF-Kulturmagazins "aspekte")

2009: Stephan Thome für "Grenzgang"
Jury: Pia Reinacher (freie Kritikerin), Anton Thuswaldner (Salzburger Nachrichten), Hubert Spiegel (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Hajo Steinert (Deutschlandfunk Köln) und Wolfgang Herles (Leiter des ZDF-Kulturmagazins "aspekte")

2008: Maria Cecilia Barbetta für "Änderungsschneiderei Los Milagros"
Jury: Pia Reinacher (freie Kritikerin), Anton Thuswaldner (Salzburger Nachrichten), Hubert Spiegel (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Hajo Steinert (Deutschlandfunk Köln) und Wolfgang Herles (Leiter des ZDF-Kulturmagazins "aspekte")

2007: Thomas von Steinaecker für "Wallner beginnt zu fliegen"
Jury: Pia Reinacher (freie Kritikerin), Anton Thuswaldner (Salzburger Nachrichten), Hubert Spiegel (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Hajo Steinert (Deutschlandfunk Köln) und Wolfgang Herles (Leiter des ZDF-Kulturmagazins "aspekte")

2006: Paul Ingendaay für "Warum Du mich verlassen hast"

2005: Jens Petersen für "Die Haushälterin"

2004: Thomas Stangl für "Der einzige Ort"

2003: Roswitha Haring für "Ein Bett aus Schnee"

2002: Zsuzsa Bánk "für Der Schwimmer"

2001: Sherko Fatah für "Im Grenzland"

2000: Andreas Maier für "Wäldchestag"

1999: Christoph Peters für "Stadt Land Fluß"

1998: John von Düffel für "Vom Wasser"

1997: Zoë Jenny für "Das Blütenstaubzimmer"

1996: Felicitas Hoppe für "Picknick der Friseure"

1995: Ingo Schulze für "33 Augenblicke des Glücks"

1994: Radek Knapp für "Franio"

1993: Manfred Rumpl für "Koordinaten der Liebe"

1992: Dagmar Leupold für "Edmond"

1991: Burkhard Spinnen für "Dicker Mann im Meer"

1990: Ulrich Woelk für "Freigang"

1989: Irina Liebmann für "Mitten im Krieg"

1988: Christa Moog für "Aus tausend grünen Spiegeln"

1987: Erich Hackl für "Auroras Anlaß"

1986: Barbara Honigmann für "Roman von einem Kinde"

1985: Jochen Beyse für "Der Aufklärungsmacher"

1984: Herta Müller für "Niederungen"

1983: Beat Sterchi für "Blösch" und Zsuzsanna Gahse "Zero"

1982: Inge Merkel für "Das andere Gesicht"

1981: Thomas Hürlimann für "Die Tessinerin"

1980: Michael Schneider für "Das Spiegelkabinett"

1979: Hanns-Josef Ortheil für "Fermer"

2015: Zwei Redakteure erinnern an 50 Jahre "aspekte"

"the fundamental things apply, as time goes by"

Im Lauf der Zeit bleiben die wesentlichen Dinge haften. Den folgenden Rückblick auf "aspekte" schreiben zwei "Insider"; insofern sind diese Erinnerungen subjektiv gefiltert, vielleicht auch nostalgisch verklärt.

Die Gründerjahre

Walther Schmieding, seit 1963 beim ZDF als Leiter der Redaktion "Literatur & Kunst", ist der geistige Vater des ersten Kulturmagazins im deutschen Fernsehen. Am 17. Oktober 1965 kommt das Kind unter dem Arbeitstitel "Kulturbericht" zur Welt und wird dann zum 1. Januar 1966 auf den Namen "aspekte" getauft. Fortan gibt es im Zwei-Wochen-Rhythmus, dienstags gegen 22.00 Uhr, 30 Minuten lang "Informationen und Meinungen aus dem Kulturleben". Die Sendung ist live, die Form spartanisch. Vorspann: weiße Schrift auf schwarzer Pappe, dazu Prokofieffs "Symphonie Classique", Moderation vor grauer Wand, häufig Studio- oder Schaltgespräche, zwei bis drei Filmeinspielungen. Der Inhalt: aktuelle Berichte, meist über die traditionellen Genres Theater, Musik, Kunst, Literatur, auch Kino und Kulturpolitik.

Schmieding schafft es, ein Millionenpublikum für kulturelle Themen zu gewinnen, ohne sich dem Massengeschmack anzubiedern. Seine Qualität: beherzter Journalismus, moderiert auf hohem Niveau, aber in einer Sprache, die jeder verstehen kann. So wie Schmieding komplexe Sachverhalte übersetzt, wie er Lust auf Lesen, Freude an Theater und Kunst vermittelt, nimmt er auch den Leuten, die keine entsprechende Vorbildung haben, die Angst, sich selbst mal über die "Schwellen der Musentempel" zu wagen. Dafür wird er von "Hör Zu!" mit der "Goldenen Kamera" ausgezeichnet, erhält aber auch die Anerkennung der Künstler und Intellektuellen. Ernst Jünger, Carl Zuckmayer, Marc Chagall, Samuel Beckett, Heinrich Böll – wer Rang und Namen hat, tritt bei Schmieding auf. Grass brät ihm einen Butt, György Ligeti widmet ihm ein eigenes Konzertstück. Schmieding ist populär und zugleich Kultfigur. Apropos Figur: Als der "Dicke mit der markanten Warze" – wie er liebevoll karikiert wird – sich einer Diät aussetzt, leidet die ganze Nation mit ihm.

Ende 1968 folgt Schmieding der Berufung zum Intendanten der Berliner Festspiele, bleibt "aspekte" aber verbunden – als Moderator und gelegentlich als Kommentator, der sich mit scharfer Zunge in kulturpolitische Ereignisse einmischt oder der sich auch mal bei Durchsicht des neuen Dudens über das Wort "bumsen" amüsiert.

Im Mai 1980 stirbt Walther Schmieding – nur 51 Jahre alt – an Krebs. In Reich-Ranickis Nachruf heißt es: "Von ihm ging aus, was sich weder erlernen noch beschreiben lässt: Charme."

Sturm und Drang

Reinhart Hoffmeister, nach seiner Zeit bei "Spiegel" und "Stern" seit 1966 bei "aspekte", wird auf Empfehlung von Schmieding am 1. Januar 1969 neuer Chef der Redaktion – und geht sehr schnell auf Konfrontationskurs zu überalterten Vorstellungen, welche Rolle die Kultur in der Gesellschaft, also auch im Fernsehen, spielen solle. Mit einem jungen Team, der Studentenbewegung näher als dem Establishment, macht Hoffmeister den erweiterten Kulturbegriff zum Programm. Wichtiger als die Pflege des Guten, Schönen, Wahren werden Beiträge, die den Zeitgeist der 68er widerspiegeln. Der "Kulturkampf in Deutschland" geht auch "durch den Magen von aspekte" (Cohn-Bendit), stößt aber manchen Schirmherren des ZDF sauer auf. Hausintern macht das Schimpfwort "Rotz-as" für 'Rote Zelle "aspekte"' die Runde. Klar, das Herz der Redaktion schlägt links, ihre Sendung versteht sie aber als unabhängiges, kritisches Forum für Fragen, die nicht nur in Universitäten, Schriftstellerverbänden, Künstlerkreisen, sondern auch auf der Straße heiß diskutiert werden. Insofern sind "aspekte" selbst ein Beleg für die Politisierung des gesamten Kulturlebens.

"aspekte" öffnen sich für Themen, die –noch – nicht als kulturwürdig gelten, aber die Menschen im Alltag beschäftigen: anti-autoritäre Erziehung (Summerhill), Jugendrebellion und Musik (Woodstock, Pink Floyd), Medienkritik, Sex-Welle und so weiter.

Am meisten Aufsehen erregen die Sendereihen zum "Denkmalschutz" – damals ein Unwort für Politiker aller Parteien, die am liebsten ganze Altstadt-Ensembles mit der Abrissbirne sanieren wollen. "aspekte" belassen es nicht dabei, Skandale aufzudecken (Heidelberg, Eltville, Bamberg und viele andere). Unter dem Motto "Bürger rettet Eure Städte" ruft Hoffmeister zum aktiven Protest auf und gibt auch konkrete Ratschläge, zum Beispiel, wie man eine Bürgerinitiative gründet. Heute gehört Denkmalschutz selbstverständlich zum Image des ZDF, das mit dem "aspekte"-Slogan "Bürger rettet …" in einer eigenen Kampagne für das Erhalten bedrohter Bauwerke wirbt. Es ist Hoffmeisters Engagement, das den Denkmalschutz Anfang der 70er Jahre zum Medienthema macht. Damit gewinnt er Preise (Bambi, Stiftung Denkmalschutz) – aber nicht unbedingt das Wohlwollen seines Intendanten. Denn sobald die "aspekte" den Abrisswahn gewisser Politiker aufs Korn nehmen, provozieren sie auch den heftigen Widerstand der Parteifreunde in den ZDF-Gremien. Nur: Hoffmeister lässt nicht locker, sein Credo: "Wer Anstöße geben will, wird Anstoß erregen."

Am 27. Februar 1974 kommt es zum Eklat. In einem Kommentar über Menschenrechte sagt der Schriftsteller Gerhard Zwerenz, im Zusammenhang mit den Frankfurter Häuserkämpfen sei es nicht nur zu Gewaltakten von Demonstranten, sondern auch zu "Folterungen" seitens der Polizei gekommen: "Inhaftierte wurden blutig geschlagen und gezwungen, ihr Blut vom Boden aufzulecken." Das ZDF glaubt dem Dementi des Frankfurter Polizeipräsidenten. Hoffmeister wird das Betreten der Diensträume verboten, ihm droht die fristlose Entlassung. Sturm in der Presse. Protestschreiben vom Deutschen Städtetag bis zum PEN-Club. Unter dem Druck der Öffentlichkeit muss Intendant Karl Holzamer die Kündigung zurücknehmen. Monate später werden die Polizisten verurteilt.
Ende Juli 1975 verlässt Reinhart Hoffmeister die "aspekte" und präsentiert seine eigene neue Sendeform: "Litera-Tour" – eine Talk-Show mit Musik.

Interregnum

Wiltrud Mannfeld, Monika Meynert und Wolfgang M. Ebert übernehmen am 1. August 1975 die kommissarische Leitung der Redaktion. Ein junges Team, Mitte dreißig. Alle drei sind mit Schmieding und Hoffmeister aufgewachsen und führen die "aspekte" im Sinne der "Vaterfiguren" weiter – mit einem breiten Themenspektrum zwischen Hoch- und Populärkultur. Wobei jeder der drei im Wechsel der Moderationen je nach Vorlieben auch eigene Akzente setzt. So stellt Ebert zum Beispiel neue Architektur- und Lebensmodelle vor – oder den Aktionskünstler HA Schult, der mit dem Müll der "aspekte"-Zuschauer einen "Konsumbaum" schmückt. Wilou Mannfeld steht auf den Sound der Jugendkultur (Punk, die Stones, Bob Marley). Monika Meynert liebt die Avantgarde der E-Musik.

Tragisch ihr Tod: Monika Meynert, die auch "schwierige" Neutöner wie Luigi Nono, Stockhausen, Penderecki verständlich machen konnte, stirbt im April 1976 bei einem Autounfall.

Restauration & Klassik

Dieter Schwarzenau, vordem Planungschef des ZDF, übernimmt am 1. März 1977 das Ruder der "aspekte". Er soll das "Flaggschiff der ZDF-Kultur" in gemäßigte Fahrwasser führen; das heißt auch, neue Mitarbeiter anzuheuern und alte zu feuern, um die als aufmüpfig geltende Mannschaft pluralistischer zu besetzen. Keine dankbare Aufgabe für den liberalen Schwarzenau. Am Anfang gibt es Meutereien innerhalb der Redaktion – bis nach einiger Zeit ein Kompromiss gefunden wird, der sich als tragfähig, sogar als kreativ erweist.

Schwarzenau bringt ein Geschenk des neuen Programmdirektors Dieter Stolte mit. Die Sendung erscheint jetzt wöchentlich – die eine Woche am Dienstag, die nächste freitags, nach wie vor gegen 22.00 Uhr. Es gibt keine inhaltlichen Einschränkungen, im Gegenteil. Die "aspekte" sollen, so der Wunsch des Hauses, ausdrücklich auch "vermeintlich am Rande liegende Themen wie Stadtplanung, Wohnen, Umwelt/Ökologie, Freizeit/Unterhaltung, Werbung, Design" mit einbeziehen und "ab und zu den Blick über die Grenze tun", Richtung Osten.

Das ist ganz im Sinne Schwarzenaus, dem die Situation der tschechischen Intellektuellen nach dem Ende des "Prager Frühlings" besonders am Herzen liegt. So moderiert er Schwerpunkt-Sendungen aus Prag, interviewt Dissidenten inner- und außerhalb des Landes, so Bohumil Hrabal und Pavel Kohout. Die "aspekte" versuchen auch, möglichst oft und möglichst ohne Vorurteile über das Kulturleben in DDR zu berichten so von der Leipziger Buchmesse).

Schwarzenau hat als Moderator nicht die Ausstrahlungskraft eines Schmieding oder Hoffmeister und auch keine Ambitionen, dauernd auf dem Bildschirm aufzutauchen. Nie zuvor und nie danach gab es so viel verschiedene Moderatorinnen und Moderatoren wie in der Ära Schwarzenau. Seine Leistung ist es, mit neuen Gesichtern auch neue Formen populär zu machen. So etablieren die "aspekte" gleich zwei "Päpste" im Fernsehen:

+ Peter W. Jansen – mit seiner "Kino-Notiz" sowohl leidenschaftlicher Förderer als auch unbestechlicher Kritiker von Filmen. Schlichter konnte sein Set nicht sein: Da sitzt ein Mann mit handgestricktem Pullover im Studio und kommentiert ein paar Kino-Szenen. Aber wie er's macht, ist unverwechselbar – über die Interpretation einzelner Filme hinaus – auch eine Seh-Schule. Mit Peter W. Jansen ziehen die "aspekte" über die Festivals von Cannes, Venedig und Berlin. Legendär sind die Filmnächte anlässlich der Berlinale und der Filmpreis-Verleihung. Rauschende Partys, drei bis vier Stunden lang live übertragen – und alle Stars und Regisseure sind dabei: die Lollobrigida, Marais, Fellini, Wenders … und Godard wischt zum Happy End den Schweiß von Jansens Stirn.

+ Marcel Reich-Ranicki brauchen wir hier nicht vorzustellen. Was aber die wenigsten wissen: "Das Literarische Quartett" ist eine ureigene Erfindung der "aspekte". Als die Redaktion 1987 Reich-Ranicki eine Büchersendung anbietet, sagt er Ja – nur unter einer Bedingung: Vier Kritiker sollen im Studio eine gute Stunde lang über literarische Neuerscheinungen diskutieren, ohne jede Unterbrechung durch irgendwelche Film- und Musik-Einspielungen. Obwohl die Fernsehprofis bezweifeln, dass das karge Konzept jemals Zuschauer vor dem Bildschirm halten würde, wagen sie das Experiment. "Das Literarische Quartett" wird zu einer der erfolgreichsten Kultursendungen der deutschen Fernsehgeschichte.

Nachzutragen ist noch, dass Schwarzenau mit dem – seit 1979 jährlich verliehenen – "aspekte"-Literaturpreis auch dem Nachwuchs eine Chance gibt. Und in seiner Zeit erschließen die "aspekte" mit "Reportagen aus der Alten Welt" das Thema Archäologie für das Fernsehen. Die Sendereihe wird auch als Buch ein Erfolg – und zum Vorläufer von Dokumentationsreihen wie "Terra X" oder "Sphinx".

Weil sein Intendant ihn als Pressechef braucht, verlässt Dieter Schwarzenau Ende August 1988 die "aspekte". Sein Nachfolger wird Johannes Willms – der Redakteur, der auf die Idee kam, mal bei Reich-Ranicki nachzufragen, ob er denn Lust hätte.

Fin de Siècle

Johannes Willms, seit dem 1. September 1988 im Amt als Leiter der "aspekte", ist der Typ des Flaneurs, der die (Medien-)Welt mit gelassener Neugier durchstreift. Ein aufmerksamer Beobachter, der für die Redaktion auch Themen entdeckt, die nicht schon in den Kulturkalendern vorgemerkt sind. So wird in einer Schwerpunktsendung über "Ruinen" der Verfall gesellschaftlicher Werte am Ende des Jahrhunderts deutlich So unter anderem am Beispiel von Städten wie Beirut, Dresden, East St. Louis. Oder die "aspekte" fahren nach Leningrad, um über die Umbrüche nach dem Untergang des Sowjetimperiums zu berichten. Zwei Jahre später sind dieselben Redakteure noch einmal dort, in St. Petersburg – wie die Stadt jetzt wieder heißt –, und beobachten den Kulturschock nach der Umarmung des Kapitals. Mit "aspekte" werden die Zuschauer auch Augenzeugen, wie auf dem Leipziger Dokumentarfilm-Festival Perestroika auf Versteinerung trifft: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Die Wende mit all ihren kulturellen Verwerfungen ist natürlich das große Thema. Aber die "aspekte" wollen die Ereignisse nicht nur aus der journalistischen Distanz vermitteln. Willms lässt vier Regisseure – zwei aus dem Osten, zwei aus dem Westen – je einen kurzen Spielfilm über die vier Tugenden drehen. Die Filme erzählen mehr als mancher dokumentarische Bericht über den Aberwitz der Geschichte, über die Stimmungslage dieser Zeit.
Im August 1992 geht Johannes Willms als Feuilleton-Chef zur Süddeutschen Zeitung.

Einer hat dem Magazin seit den Anfängen der "aspekte" eine besondere Note gegeben. Hannes Keil macht Sendungen mit eigenem Stil – erst als Filmemacher, dann lange Jahre auch als Moderator. Seine Diktion: witzig, prägnant, elegant, manchem zu süffisant. Sein Outfit folgt der minimalistischen Farbenlehre: im Winter schwarz, im Sommer weiß. Sein liebstes Studiodesign: ein rein-weißer Raum. Zen, Konzentration aufs Wesentliche. Aber auch Farbtupfer, Spielfreude. Ein Cocktailglas, immer anders gefüllt, mal blau, mal gelb, mal grün, wird zum Running Gag seiner Moderationen. Nach einem Beitrag über die blutigen Schlachtrituale von Hermann Nitschs "Orgien-Mysterien-Theater" hebt Keil das Glas mit blutroter Flüssigkeit – und lächelt: Tomatensaft, er ist Vegetarier. Im Januar 1992 erkrankt Hannes Keil. Er stirbt am 15. Januar 1993.

Zwischen Avantgarde und Postmoderne

Manfred Eichel wird – vom NDR-Kulturmagazin abgeworben – am 1. September 1992 neuer Chef der "aspekte"-Redaktion, die mit der Feature-Redaktion "Literatur und Kunst" verschmilzt. "aspekte" gewinnt damit die Chance, auf aktuelle Kulturevents oder längerfristige Trends mit 30- und 45-minütigen "aspekte-extras" zu reagieren. Zum Einstand dennoch ein Wermutstropfen: Im Zuge der ZDF-Programmreform wird das Magazin auf einen Zwei-Wochen-Rhythmus, dienstags 45 Minuten lang, festgelegt. Doch Eichel gelingt es, die "aspekte" nach einem Jahr wieder auf den angestammten Platz – jeden Freitag, 30 Minuten – zurückzuholen. "Gerade in Zeiten verschärften Wettbewerbs unter den Fernsehveranstaltern setzt das ZDF mit dem neuen wöchentlichen Sendetermin verstärkt auf Kultur", heißt es in der Presseerklärung.

Manfred Eichel versucht den Spagat zwischen populär und elitär, zwischen Mainstream und Avantgarde. Aller Ehren wert, dass er nicht auf Themen verzichten mag, die bei den ARD-Kulturmaga­zinen längst als Quotenkiller aus dem Programm gestrichen sind: Ballett, experimentelles Theater, zeitgenössische E-Musik und dergleichen. Eines seiner großen Verdienste ist es, Entdeckungen vorzustellen und junge Talente zu fördern.

Als Liebhaber von kulinarischen Genüssen weiß Eichel natürlich auch, dass er ein abwechslungsreiches Menü anbieten muss, bevor er die etwas ausgefalleneren Delikatessen servieren kann. Konkret: zuerst der neue Bestseller von Ken Follett, dann das Porträt der Schweizer Videokünstlerin Pipilotti Rist. Erst die Bardot-Biografie, dann Viktor Klemperers Tagebücher.

Als Co-Moderatorin gewinnt Manfred Eichel ab Herbst 1993 Luzia Braun, die bereits als Autorin für "aspekte" arbeitet und insbesondere als Spezialistin für Italienthemen "bella figura" macht. Das soll 18 Jahre so bleiben. Mit journalistischer Neugier, kultureller Kompetenz und lässiger Eleganz moderiert sie bis 2011 und wird zu dem wohl einprägsamsten "aspekte"-Gesicht.

Dass "aspekte" seit 1990 nicht länger ein westdeutsches, sondern ein gesamtdeutsches Kulturmagazin ist – für die Redaktion ist das weit mehr als eine Pflichtübung. Es war ja kein Zufall, dass die beiden "aspektler" Michael Stefanowski und Hannes Keil am 9. November 1989 in Ost-Berlin aus der Premiere des ersten DDR-Schwulenfilms im Kino "International" in die stürmische Nacht des Mauerfalls gerieten. Als Redakteur stößt 1994 der erste "Ossi" zu "aspekte", vereint reibt man sich jetzt an dem, was kulturell in Deutschland zusammenwächst, doch nicht immer zusammengehören will. So lehnt Herta Müller in "aspekte" jede Vereinigung der beiden deutschen PEN-Zentren kompromisslos ab, Günter Grass verkündet in einer "aspekte"-Reportage trotzig seinen Übertritt vom West-PEN in den Ost-PEN, und Christa Wolf rauft sich mit dem polnischen Schriftsteller Andrzej Szczypiorski über die Folgen der deutschen Einheit. Spätestens als Weimar 1999 europäische Kulturhauptstadt wird, erreicht die schwierige, aber notwendige Klärung alle Sphären der Kultur – und "aspekte" ist immer mit dabei.

2000. Regierungsumzug nach Berlin. Die "aspekte" ziehen mit. Zeit für einen Neubeginn. Manfred Eichel verlässt die Redaktion, um als Chefkorrespondent Kultur die "Hotspots" dieser Welt zu filmen. Als Honorarprofessor für Fernsehjournalistik an der Berliner Universität der Künste gibt er heute seine Erfahrung – und seine Begeisterung – an Jüngere weiter.

Aufbruch ins 21. Jahrhundert

Wolfgang Herles startet am 1. Januar 2000 aus der Hauptstadt mit einem teilweise erneuerten Redaktionsteam und erneuertem Konzept: Die "aspekte" müssen "raus aus der elitären Ecke", sie sollen populärer, polemischer und politischer werden, ein "Stachel im Fleisch der Mächtigen", so Herles' Kulturdefinition. Der Kulturbegriff weitet sich, der Stabwechsel ist hör- und sichtbar: Gemeinsam mit Herles und Luzia Braun moderiert ein Jahr lang auch Roger Willemsen. "aspekte" ist unterwegs zwischen Neuschwanstein und Sydney, immer mit pfiffigem Signalton à la Beethoven, der den einen oder anderen auch nervt. Herles setzt auf Themen wie Irrungen und Wirrungen der Berliner Republik, Verdrängung der deutschen Vergangenheit, Erstarken der Neonazis. Ab 2001 rückt mit den Anschlägen von 9/11 der Terror islamistischer Fundamentalisten in den Mittelpunkt und die Frage nach dem Verhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit in den Demokratien des Westens. Afghanistan- und Irak-Krieg, Überwachungsstaat, Wachstumswahn und Klimakatastrophe sind Themen, die ebenso kulturelle wie politische Aspekte haben.

Die traditionellen Genres Literatur, Theater, Kunst und Musik werden deshalb nicht geringer geschätzt. Glanzvolle Namen wie Goya und Walser, Netrebko und Coelho stehen auf dem Programm, politische Dinosaurier wie Fidel Castro, Eduard Schewardnadse und US-Sicherheitsberater Richard Clarke geben "aspekte"-Interviews, Angela Merkel deutet in "aspekte" die Quantenphysik und wird selbst durch die Erkundung der Uckermark gedeutet. Hoch willkommen sind auch Newcomer, Außenseiter, schräge Vögel. Die "aspekte" haltens mit Voltaire: "Alle Genres sind gut, außer die langweiligen."

Wolfgang Herles setzt sich nicht nur für Schwerpunktsendungen zu den großen Kunstevents wie der "documenta" in Kassel und der Biennale von Venedig, den Berliner Filmfestspielen und den Buchmessen ein, sondern richtet bei den regelmäßigen "aspekte"-Sendung auch einen Fokus auf die globalisierte Welt.  Wie sehen Schriftsteller und Künstler, Musiker und Architekten, Projektmacher und Aktivisten die Zukunft der Menschheit in Südafrika, Mittelasien, Indien, Brasilien, Israel, Argentinien oder China?
Nach vier Jahren unter einem immergrünen Olivenbaum im verglasten Atrium des ZDF-Hauptstadtstudios moderieren Luzia Braun und Wolfgang Herles "aspekte" ab Sommer 2005 in der futuristischen Architektur, die IM Pei für das Historische Museum in Berlin entworfen hat – auf dem Boden eines Geschichtsmuseums, umgeben von der Architektur des 21. Jahrhunderts. Einmal, 2009, steht die Welt Kopf: Braun und Herles moderieren von der Decke hängend: ein Kunstwerk, das Christian Jankowski ersonnen hat, um unsere Sehgewohnheiten infrage zu stellen. Ein Jahr später steckt der Österreicher Erwin Wurm die Moderierenden in gewrungene Quetschkostüme: Braun und Herles halten die vom Künstler gewünschte Peinlichkeit durch – erneut werden 30 Fernsehminuten zum Kunstwerk.

Seine Affinität zum Buch lässt Wolfgang Herles nicht nur Sachbücher und Romane verfassen, sondern führt ihn auch auf "Das Blaue Sofa", wo "aspekte" gemeinsam mit verschiedenen Medienpartnern seit März 2000 auf den Buchmessen von Frankfurt und Leipzig Hunderte Autorengespräche präsentiert. "Ruhmesrampe" nennt der "Spiegel" die Institution gewordene Couch. Im September 2011 hievt Wolfgang Herles "Das blaue Sofa" als regelmäßige Literatursendung ins ZDF-Hauptprogramm und geht von nun an alle acht Wochen auf Bücherreise – Sitzmöbel inclusive. Als sich Wolfgang Herles vom ZDF in den Ruhestand verabschiedet, haben über 75 Schriftsteller auf seiner Fernsehcouch Platz genommen.

Wind of Change

Mitte 2011 übernimmt Wolfgang Herles' langjähriger Stellvertreter Christhard Läpple die "aspekte"-Leitung – ein politischer Journalist, Magazinmacher, am liebsten Reporter, der anfangs im schwierigen ZDF-Studio Ost-Berlin, später dann im ZDF-Landesstudio Berlin seine Meriten erworben hat, auch – wie bei "Kennzeichen D" – in Leitungsfunktionen.
Christhard Läpple will nicht alles anders machen, aber manches fokussieren auf das, was dieses Land im Innersten zusammenhält, näher ran an die Konflikte und Widersprüche der Berliner Republik. So konfrontiert "aspekte" Thilo Sarrazin mit der Reaktion Kreuzberger Migranten auf dessen rechtspopulistische Bestseller. Durch einen "aspekte"-Beitrag im Juli 2012 wird bekannt, dass der Wagner-Sänger Evgeny Nikitin ein Hakenkreuz-Tattoo auf seiner Brust trägt. Norwegische Schriftsteller und Künstler leuchten nach dem Breivik-Massaker in Oslo fremdenfeindliche Motive aus, die auch in Deutschland spürbarer werden.

Die Zeit ist hochpolitisch und kulturell kreativ, "aspekte" muss nur schnell genug sein: Der arabische Frühling rappt und schwappt von Land zu Land, Pussy Riot demaskiert Putins politische Rolle rückwärts durch spektakuläre Kunstaktionen und Julian Assange provoziert die Mächtigen, indem er Whistleblowern mit "WikiLeaks" eine weltweite Plattform gibt.

Auch bei der Präsentation wird experimentiert mit Gastmoderatoren für einzelne Sendungen. Prominente Künstler und Schriftsteller wie Anke Engelke, Wladimir Kaminer und Frank Schätzing geben "aspekte" die Ehre – bis zwei neue Gesichter für das ZDF-Kulturmagazin gefunden sind.

 Am 13. Januar 2012 moderiert Katty Salié zum ersten Mal im Berliner "aspekte"-Studio; eine junge Kölner Fernsehjournalistin, die ihre kulturelle Kompetenz unter anderem beim WDR als Moderatorin von "west.art" unter Beweis gestellt hat. Vier Wochen später geht mit Tobias Schlegl das zweite neue "aspekte"-Gesicht an den Start: ein Nordlicht, das schon mit 17 souverän "VIVA Interaktiv" moderiert hat und beim NDR in "Extra 3" seine satirischen Stärken ausspielt.

Forever Young

Im Januar 2013 übernimmt Daniel Fiedler, seit 2007 ZDF-Koordinator für 3sat und seit 2009 auch Koordinator des Digitalkanals "ZDFkultur", die sendungsübergreifende Redaktion "Kultur Berlin". Ein Kulturaffiner mit großer Offenheit, positivem "Karma" und verblüffender Multifunktionalität. In seiner personell breiter aufgestellten Redaktion "Kultur Berlin" geht "aspekte" nun auf.

Für das Flaggschiff der Kultur im ZDF erweist sich der Strukturwirbel, trotz anfänglicher Unsicherheiten, als Gewinn: Am 7. Februar 2014 während der 64. Berlinale geht "aspekte" erstmals in einer Sendelänge von 45 Minuten auf den Sender. Das gab es zuletzt 1992, aber da nur alle zwei Wochen. 15 Minuten mehr Kultur am Freitagabend, live aus dem Berliner "aspekte"-Studio – das ist eine erstaunliche Rückkehr zu den Anfängen und ein Neuanfang. Ein großer Umzug auch: In ein zeitgemäßes, "loungeiges" Studio, in dem es richtig knistert, weil bis zu 100 Gäste dabei sind, wenn Berichte und Reportagen vom großen Screen der Vidi-Wall flimmern, wenn Clueso oder Herbert Grönemeyer, Dagmar Manzel oder Krassimira Stojanowa auf der "aspekte"-Bühne performen oder das Los im "Großen 'aspekte'-Museumslotto" gezogen wird, um einem kleinen Haus einen großen Auftritt zu verschaffen.

Mehr denn je wird debattiert bei "aspekte", in vertiefenden Gesprächen mit Studiogästen: über den Sinn eines Humboldtforums im Berliner Stadtschloss oder den Völkermord an den Armeniern, über Vor- und Nachteile von "one-take-movies" à la Sebastian Schipper oder die Erfolgsaussichten digitaler Selbstbestimmung in unserer vernetzten Computerwelt.

Daniel Fiedler kann den Theatermann, der er vor seiner Fernsehkarriere gewesen ist, in diesem neuen Kulturformat nicht verleugnen. Im "Feintuning" von "aspekte" kommen die performing arts – Musik, Theater, Ballett und Tanz – wieder stärker zu ihrem Recht. Der weite Kulturbegriff bleibt: Dokumentar- und Spielfilme, Sachbücher und Belletristik, moderne Kunst und Fotografie, Architektur und Archäologie – was spannend und originell ist, hat seinen Platz in "aspekte".

Wie die Verlinkung dieser unterschiedlichen, zum Teil auch disparaten Bausteine gelingt, entscheidet mehr denn je die Moderation. Unangestrengt soll die Präsentation daherkommen und Lust machen auf Kultur, vertiefen und unterhalten, aber nicht belehren. Das Ganze kurz vor Mitternacht "live-on-tape". Schon nach ein paar Sendungen entsorgen Katty Salié und Tobi Schlegl den Teleprompter aus dem Studio und bewegen sich frei durch ihr gut bevölkertes "Wohnzimmer". Ab Februar 2014 komplettiert Jo Schück das Moderatoren-Trio von "aspekte". Da er nicht nur Kulturbegeisterung und journalistisches Gespür, sondern auch Moderationserfahrung aus den ZDF-Digitalkanälen mitbringt, schultert er die 45 Minuten Freistil auf Anhieb ebenso souverän wie seine Kollegen.

Regelmäßig bricht das Moderatoren-Trio auch für Reportagen aus dem Studio aus: So dringt Katty Salié mit Jakob Augstein ins Reich der Botanik vor, um Entschleunigung zu üben. Jo Schück posiert mit Engelsflügeln an der Berliner Siegessäule, um Wim Wenders seine Referenz zu erweisen. Und Tobias Schlegl zieht in Hamburg mit eigenem Orchester in die Speicherstadt, um die längst überfällige Eröffnung der Elbphilharmonie durchzuziehen.

Seit 2. Oktober 2015 gibt es am ZDF-Kulturfreitag unter Leitung von Daniel Fiedler und der Redaktion von Luzia Braun auch "Das literarische Quartett" wieder, das "aspekte" 1988 aus der Taufe gehoben hat. Noch so ein Klassiker…

Forever young? Was "aspekte" betrifft: die nächsten 50 Jahre bestimmt.

 

Michael Stefanowski, "aspekte"-Redakteur 1973-2007
Dr. Frank Vorpahl, "aspekte"-Redakteur seit 1994

Der Text stammt aus dem Jubiläumsjahr 2015 .

2015: "aspekte"-Chefs im Gespräch über 50 Jahre "aspekte"

Zum 50. Jubilaum trafen sich im Sommer 2015 die ehemaligen "aspekte"-Chefs Dr. Johannes Willms (September 1988 bis August 1992), Prof. Manfred Eichel (September 1992 bis Dezember 1999), Dr. Wolfgang Herles (Januar 2000 bis Juni 2011) und Daniel Fiedler, der die Sendung seit Januar 2013 leitet, im ZDF-Hauptstadtstudio zum Gespräch.

Seit 50 Jahren gibt es die ZDF-Kultursendung "aspekte" und das trotz einer immer schnelllebigeren Medienwelt. Was ist der Spirit von "aspekte", der die Sendung bis heute lebendig hält?

Manfred Eichel: Ich bin fest davon überzeugt, dass Berichte über Kultur im Fernsehen immer dann ein Publikum anlocken, wenn sie sehr lebendig und engagiert dargeboten werden. Genau das ist in den 50 Jahren weitgehend geschehen. Und wenn solche Beiträge dann auch noch geeignet sind, Lust zu erzeugen, Kultur live zu erleben, dann ist das ein immer noch funktionierendes Erfolgsrezept für Kultursendungen.

Wolfgang Herles: Der Spirit von "aspekte" ist, dass wir schon immer ein kleines gallisches Dorf umgeben von römischen Quotenjunkies gewesen sind und immer bleiben werden. Zu wissen, man ist ein Außenseiter im Programm, man arbeitet in immer schwierigeren Programmumfeldern, man kann mit der Quote nicht mithalten, sondern muss etwas Eigenes dagegen setzen – das hat alle, die bei "aspekte" gearbeitet haben, beflügelt und zugleich trotzig gemacht.

Johannes Willms: Dem kann ich mich nur anschließen. Man wurde belächelt und musste dem entgegensteuern, indem man sagte: Ich schaue nicht auf die Quote, nicht darauf, was die Oberen sagen, sondern ich mache das Programm, das ich für richtig halte. Unser Schutz war ja immer der Staatsvertrag. Da steht drin, dass Kultur ein wichtiger Bestandteil des Aufgabenbereichs der Sendungen des ZDF ist. "aspekte" war das Flaggschiff der Kultur und hat großen Spaß gemacht. Das ist der Spirit von "aspekte", dass man gegen alle Stürme und Anfeindungen den Kurs gehalten hat.

Daniel Fiedler: 50 Jahre "aspekte" sind ja nicht nur 50 Jahre Kulturberichterstattung im ZDF, sondern die Tatsache, dass sich ein Fernsehformat 50 Jahre gehalten hat. Für mich ist das wichtigste Merkmal der Sendung ihre permanente Veränderung. "aspekte" hat sich immer wieder erneuert, ist innovativ in einem Umfeld, in dem es oft heißt, man müsse einfach nur über Kultur berichten, mehr sei nicht nötig. "aspekte" war aber immer mehr als bloße Berichterstattung. "aspekte" ist immer auf der Suche nach neuen Themen und Zugangsformen gewesen. Jeder von uns hat genau das in seiner Zeit Richtige getan. Das ist das Geheimnis, darum gibt es "aspekte" bis heute und zwar ganz selbstverständlich.

Was ist charakteristisch für die Phasen, in denen Sie, Johannes Willms, Manfred Eichel und Wolfgang Herles, jeweils "aspekte" geleitet haben? Auf was sind Sie im Rückblick besonders stolz?

Johannes Willms: Meine Zeit bei "aspekte" war von gewaltigen Umbrüchen geprägt: Wir hatten den Fall der Mauer, die Auflösung der Sowjetunion. Es gab Bewegung, die sich sofort im weitesten Sinne kulturell niederschlug. Das war eine wunderbare Gelegenheit, Entwicklungen, während sie sich vollzogen, einzufangen, zu reflektieren, zu analysieren. Die Themen kamen jeden Tag in Hülle und Fülle hereingeschwommen, ich konnte einfach auswählen. Das war ein großer Vorzug. Das war Glück, dass die Zeit so war, und ich habe dieses Glück genutzt; ich hoffe, nach bestem Wissen und Möglichkeiten.

Manfred Eichel: Wenn ich auf meine "aspekte"-Zeit zurückschaue, dann freut es mich immer noch, dass ich es geschafft habe, "aspekte", das damals nur 14-tägig dienstags ausgestrahlt wurde, wieder wöchentlich auf den Freitag zurückzuholen und dass wir "aspekte", trotz aller Begehrlichkeiten von Unterhaltung und Politik, über all die Jahre auf dem Sendeplatz 22.15 Uhr halten konnten. Meine wichtigste Programmidee? Sowohl die Stars der Szene zu feiern, als auch in der gleichen Länge anschließend Newcomer vorzustellen – also auf Augenhöhe mit den Kultur-Promis. Aber ich hatte auch Glück mit meiner Redaktion und sehr guten freien Mitarbeitern. Das waren alles Leute, die ihr Handwerk verstanden und auch schwierige Sachverhalte locker rüberbringen konnten.

Wolfgang Herles: Mit meinem Antritt zog die Redaktion 2000 von Mainz nach Berlin, was eine entscheidende Weiterentwicklung ist für ein Kulturmagazin. Es sollte da sein, wo die Musik spielt. Zugleich war mir wichtig, es nicht zu einem Berliner Kiez-Programm zu machen, sondern zu einem, das Kultur wirklich als globales Ereignis betrachtet. Deswegen sind wir immer rausgegangen. Drei- bis viermal im Jahr sind wir in ferne Länder gereist, nach China, Saudi-Arabien, also auch in schwierige Länder, wo man über Kultur mehr transportieren kann als über Politik, weil es eben keine offenen Gesellschaften sind.
Ich selbst, mit meiner Vergangenheit als politischer Korrespondent, Leiter des Studio Bonns, wurde anfangs verdächtigt, dass ich die Kultur abschaffen will. Das sagt jetzt, glaube ich, keiner mehr. Nach kurzer Zeit fühlte ich mich als Lord Siegelbewahrer der Hochkultur. Denn in dem Moment, wo man "aspekte" macht, ist man derjenige, der für Dinge steht, die es im anderen Programm nicht gibt. Komischerweise gibt es im öffentlich-rechtlichen Hauptprogramm kein tägliches Feuilleton. Das ist aus meiner Sicht ein Riesen-Manko.

Unter Daniel Fiedler ist aus dem Kulturmagazin "aspekte" seit Februar 2014 eine Live-Kultursendung mit Publikum geworden. Wie beurteilen Sie diese Veränderung?

Johannes Willms: Zu meiner Zeit hatte die Moderation nur eine dienende Funktion, aber man kann natürlich aus der Sendung selbst ein Event mit zwei Moderatoren und Publikum machen. Warum nicht? Ich sehe das nicht kritisch, sondern als eine Möglichkeit, die Sache zu verkaufen im stetigen Kampf um Quote, um Anerkennung im eigenen Haus.

Herles: Der Trend geht in vielen Dingen leider dahin, dass die Verpackung immer wichtiger wird in Relation zu den Stücken. Coolness schlägt Kompetenz, könnte man polemisch sagen.

Daniel Fiedler: Ich würde Coolness nicht gegen die Kompetenz ausspielen. Idealerweise geht beides zusammen. Unsere Überlegung war, die Live-Form der "heute-show", die vor "aspekte" läuft, in "aspekte" hineinzutragen. Außerdem wollten wir nicht nur über Kultur sprechen, sondern auch ermöglichen, dass Kultur einen aktiven Part hat. Deswegen haben wir "aspekte" geöffnet und laden Künstler in die Sendung ein. Das erhöht die Lebendigkeit der Sendung. Mir ist wichtig, dass Kulturschaffende und Kulturinteressierte "aspekte" auch als Bühne begreifen.

Und funktioniert das?

Daniel Fiedler: Wir sind jetzt eineinhalb Jahre mit der neuen Form am Start (Stand: 2015!), und ich merke von Woche zu Woche, dass das immer besser funktioniert. Mittlerweile sind wir ein gesuchter Partner für Auftritte von Musikern und anderen Gästen.

Wo sehen Sie heute wie damals die Herausforderungen für eine Sendung wie "aspekte"?

Daniel Fiedler: Die große Herausforderung für "aspekte" ist nach wie vor, immer wieder aufs Neue, eigene Themen zu setzen, die Relevanz haben und sie mit eigener Handschrift zu präsentieren. Dadurch zeigt sich die hohe Kompetenz der Redaktion. Es gilt, mehr zu bieten als den berühmt-berüchtigten Kulturkalender abzuarbeiten. Ich glaube, nur dadurch macht man das Format unersetzlich. Das ist das Schwierigste, aber gleichzeitig auch das Schönste! Defizite gibt es immer, sie zu erkennen und daran zu arbeiten, das ist das Entscheidende.

Johannes Willms: Ja, das ist der Königsweg zum Glück und zur eigenen Befriedigung, wenn man es in der Sendung schafft, nicht den Kulturkalender nachzuspielen, sondern eigene Themen zu setzen. Das ist wichtig, und das honoriert auch das Publikum.

Haben Sie ein Beispiel, wo es "aspekte" gelungen ist, eigene Themen zu setzen?

Manfred Eichel: Wir haben einmal einen Bericht gemacht über die unsäglichen Privilegien von Orchester-Musikern in Opernhäusern. Das war ein Thema, über das man nach unserer Sendung auch draußen heftig diskutierte, weil sich vorher keiner von den Printkollegen an dieses Thema so richtig rangetraut hatte. Oder: Wir haben uns ein anderes Mal sogar mit dem "Spiegel" angelegt, indem wir dessen Musikkritiker, seine offensichtlichen Fehlurteile und seinen verquasten Stil angeprangert haben. Da waren wir "aspektler" es, die Debatten angefacht haben.

Wolfgang Herles: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Die Kulturszene ist nicht heilig und auch nicht besser als andere Szenen. Ein kritischer Blick darauf sollte nicht zu kurz kommen.

Manfred Eichel: Gerade im Hinblick auf 50 Jahre "aspekte" möchte ich sehr gerne auf einen unserer Vorgänger verweisen, nämlich auf Reinhart Hoffmeister (Januar 1969 bis Juli 1975). Er war der Erste, der sehr engagiert Stadtplanung und Architekturkritik ins TV-Kulturprogramm genommen hatte. Heute ist das selbstverständlich, damals war das Pionierarbeit. Dass Eltville am Rhein beispielsweise nicht eine Straße bekam, die direkt am Fluss mitten durch die Ortschaft ging, sondern eine Umgehungsstraße erhielt, verdankt die Stadt für alle Zeiten den "aspekten".

Wie hat sich die Arbeit der Redaktion "aspekte" im Laufe der Zeit gewandelt? Welche Einschnitte sehen Sie?

Fiedler: Ich bin der erste Redaktionsleiter, der nicht nur für das Format "aspekte" verantwortlich ist. Es gibt nicht mehr die "aspekte"-Redaktion, und es gibt nicht mehr den "aspekte"-Redakteur oder den "aspekte"-Autor. Wir sind bei der Redaktion "Kultur Berlin", die ich leite, Kulturjournalisten, die unsere Formate "aspekte", "Das blaue Sofa" beziehungsweise ab Oktober (2015) "Das Literarische Quartett" gestalten, genauso aber auch andere Formate aus der ZDF-Familie. Das heißt, das Berufsbild desjenigen, der sich heute mit "aspekte" beschäftigt, ist ein völlig anderes, als es früher gewesen ist. Das ist eine Herausforderung in positiver Hinsicht, weil der Horizont sich öffnet, gleichzeitig birgt es die Gefahr einer Verwässerung. Man muss sich bewusst machen, wie man den Markenkern von "aspekte" behält. Wie sieht ein "aspekte"-Beitrag aus, wie unterscheidet er sich von einem "Kulturzeit"-Beitrag oder einem "heute-journal"-Stück? Unsere Kollegen sind ja für all diese Formate tätig. Das ist im Moment eine der interessantesten Herausforderungen für uns.

Und woran erkennt man einen Beitrag für "aspekte"?

Wolfgang Herles: Der formale ästhetische Aufwand muss in einer Kultursendung immer größer sein, auch und gerade in den Stücken. Ein gutes "aspekte"-Stück muss anders sein als ein guter "heute-journal"-Beitrag oder ein "auslandsjournal"-Stück. Wir sind schon allein durch die Dinge, mit denen wir uns befassen, auch ästhetisch herausgefordert, irgendwie auf Augenhöhe mit den Milieus und Sphären, über die wir berichten, zu bleiben. Wenn man sich einen Spielfilm anschaut, ist der beeinflusst von der Werbung, vom Internet und von all diesen schnellen Erzählformen, das spiegelt sich natürlich auch in der Ästhetik von Kulturjournalismus wider.

Was kann Kulturjournalismus und eine Sendung wie "aspekte" bieten, was kein nachrichtliches Fernsehformat leisten kann?

Manfred Eichel: Ich nenne nur ein Wort: Leidenschaft! Leidenschaft für das, was ich toll finde, und Leidenschaft, wenn ich etwas herzhaft niedermache. Das können politische Journalisten in dieser persönlichen Betroffenheit meistens weniger. Vom Zuschauer her betrachtet: Ich möchte mich von einem kompetenten Moderator auf Entdeckungstouren führen lassen – auch in die Werkstätten der Kreativen, nicht nur immer wieder in die Bereiche, die auch schon in den Nachrichten vorgekommen sind.

Herles: Die Frage ist doch: Wozu brauchen wir Kultur? Brauchen wir sie zur Zerstreuung von gebildeten Ständen oder brauchen wir sie, weil Kultur etwas vermittelt, was andere Felder nicht vermitteln können? Nämlich zum Beispiel die Entwicklung von Urteilsfähigkeit. In einer Zeit, in der alles beliebig ist, bestenfalls Moden und Trends unterliegt, schärft die Kultur das Unterscheidungsvermögen. Denn nicht alles, was angesagt ist, ist gut. Das bedeutet: Kultur entzieht sich der Quote – das ist das große Paradox von Kulturfernsehen.

Willms: Völlig richtig. Eine Kultursendung hat nicht nur die Aufgabe, "das Gute, Wahre, Schöne" zu lehren, sondern sie hat auch die Aufgabe, unterscheiden zu lehren, über Dinge aufzuklären, die ich sonst nur am Rande oder unter Aspekten erfahre, die den Dingen nicht gerecht werden. Das ist natürlich mühsam und schlägt sich nicht in Einschaltquoten nieder.

Fiedler: Ich möchte noch etwas anderes hervorheben: Kulturfernsehen – und damit "aspekte" – kann und sollte einen anderen Blick auf die Welt anbieten. Kulturfernsehen ist weder boulevardesk-unterhaltend noch rein nachrichtlich-nüchtern. Kulturjournalismus ist auch die Lust am Verspielten, am Grübeln, an der Ironie, am Nachdenken, am Witz – auch im Fernsehen.

 

Das Gespräch moderierte Birgit-Nicole Krebs im Sommer 2015.

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