Die neue Seidenstraße – Chinas Griff nach Westen

1. Von China nach Pakistan / 2. Von Kirgisistan nach Duisburg

In Anlehnung an den Mythos der alten Seidenstraße hat China das Projekt "Neue Seidenstraße" ins Leben gerufen: Entlang des alten Handelsweges soll ein Netz aus Straßen, Brücken, Eisenbahnen, Häfen und Flughäfen sicherstellen, dass Waren und Menschen schnellstmöglich aus und nach China gebracht werden können. Die ZDF-Asien-Korrespondenten Normen Odenthal und Thomas Reichart reisen auf dem See- und dem Landweg entlang der neuen Seidenstraße und zeigen in einer zweiteiligen Dokumentation, wie China mit dem größten Investitionsprogramm der Geschichte seinen Einfluss weltweit ausdehnt.

  • ZDF, Mittwoch, 2. Januar 2019, 22.15 Uhr / Donnerstag, 3. Januar 2019, 22.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Mittwoch, 2. Januar 2018

Texte

Sendetermine und Stab

Mittwoch, 2. Januar 2019, 22.15 Uhr, ZDF

Die neue Seidenstraße – Chinas Griff nach Westen

1. Von China nach Pakistan

 

Donnerstag, 3. Januar 2019, 22.15 Uhr, ZDF

Die neue Seidenstraße – Chinas Griff nach Westen

2. Von Kirgisistan nach Duisburg

 


Film von Normen Odenthal und Thomas Reichart  

Kamera: Toby Marshall, Ludger Nüschen, Bert Schönborn
Produktion: ZDF
Redaktion: Hilde Buder-Monath
Leitung der Sendung: Markus Wenniges
Länge: 2 x ca. 43.30 Minuten

Die neue Seidenstraße – Chinas Griff nach Westen

Der Name ist Legende, das Projekt gigantisch: Chinas "neue Seidenstraße" umfasst 65 Länder und fast zwei Drittel der Weltbevölkerung. Es geht um Infrastruktur, Absatzmärkte und Macht. Die ZDF-Korrespondenten Normen Odenthal und Thomas Reichart reisen auf dem See- und dem Landweg entlang der neuen Seidenstraße und zeigen, wie China mit dem größten Investitionsprogramm der Geschichte seinen Einfluss weltweit ausdehnt.

Bereits 900 Milliarden Dollar hat China investiert. Den Menschen entlang der neuen Seidenstraße wird Arbeit und Wohlstand versprochen, wenn sich das ganze Netz über Asien und Teile Europas spannt. Werden die damit verbundenen Versprechen eingelöst? Antworten auf diese Frage suchen die Reporter auf ihrer Reise: an einem Güterzug-Terminal in der kasachischen Steppe, in einer Jurte in den kirgisischen Bergen, in Sri Lanka oder am Duisburger Hafen.

Die ZDF-Autoren reisen auf zwei Wegen Richtung Westen: Normen Odenthal folgt der Seeroute, entlang derer China Stützpunkte ausbaut, während Thomas Reichart auf dem Landweg der alten Seidenstraße durch Zentralasien folgt. Auf ihrer Reise entdecken sie überwältigende Landschaften, magische Orte und uralte Karawansereien, an denen der Mythos der alten Seidenstraße nach wie vor weiterlebt.

Zugleich begegnet ihnen auf Megabaustellen und riesigen Güterumschlagplätzen Chinas neuer, machtvoller Einfluss. Überall hoffen Menschen darauf, dass Handel und Austausch der Güter ihnen und ihren Kindern eine bessere Zukunft bringt. Genauso wie vor Hunderten von Jahren die alte Seidenstraße. Doch viele erleben bereits jetzt, dass ein Preis für das zu zahlen ist, was China als Entwicklungshilfe verkauft. 

Von China nach Pakistan

Die Reise geht in Shenzhen los, am Perlflussdelta. Dort begann vor vierzig Jahren Chinas sagenhafter Aufstieg zur Wirtschaftssupermacht. Das Experiment mit den entfesselten Kräften privater Marktwirtschaft ließ Shenzhen zu einer Megametropole heranwachsen. Normen Odenthals Team fährt von dort aus auf einem Containerschiff Richtung Südostasien. Erste Station: die Hafenstadt Sihanoukville in Kambodscha. Dort macht ein Scherz die Runde: Man könne jetzt ohne Pass nach China reisen, ohne das eigene Land zu verlassen. Denn Sihanoukville sei jetzt quasi China! Galgenhumor gegenüber einer Entwicklung, die vielen Kambodschanern missfällt. Fast alles, was in jüngster Vergangenheit dort gebaut wurde, haben Chinesen finanziert: den Ausbau des Hafens, neue Straßen, Brücken und Fabriken. Und nicht zuletzt neue Casinos mit glitzernden Fassaden, in denen vor allem chinesische Gäste zocken bis zum Morgengrauen. Viele Kambodschaner fühlen sich als Verlierer des China-Booms. Steigende Preise und Mieten machen die Armen noch ärmer. Für Land- und Hausbesitzer dagegen sind goldene Zeiten angebrochen. Die Chinesen – so scheint es – zahlen jeden Preis.

Reporter Thomas Reichart reist auf dem Landweg Richtung Osten. Seine erste Station: Dunhuang. Für die chinesischen Touristen ist die ehemalige Handelsstadt an der Seidenstraße eine Zeitreise in eine glorreiche Vergangenheit, als China schon einmal Weltmacht und dem Westen in vielem weit überlegen war. Und ein Freizeitspaß: Auf Kamelen, Jeeps und Quads, im Helikopter oder Motorsegler erobern Zehntausende die gewaltigen Sanddünen und gleichen so einer endlosen Kamelkarawane.

China verkauft seine neue Seidenstraße als ein Projekt, von dem alle Seiten profitieren. Doch in Myanmar formiert sich bereits Widerstand: In Kachin haben Einheimische erfolgreich gegen ein Staudammprojekt protestiert: "Wie kann es sein, dass die Chinesen bei uns Energie für China produzieren, während wir selbst in unseren Hütten keinen Strom haben?", klagen sie im Gespräch mit Normen Odenthal.

Während Odenthals Team dem Seeweg Richtung Sri Lanka folgt, ist Reichart unterwegs auf dem Karakorum-Highway. Er führt von Kashgar in China über das Dach der Welt bis nach Islamabad in Pakistan und ist eine der schwierigsten und gefährlichsten Straßen der Welt. Wie ein dünner Seidenfaden schlängelt er sich vorbei an schneeglitzernden Sieben- und Achttausendern. Ein Faden, der jederzeit reißen kann in dieser ebenso atemberaubenden wie bedrohlichen Bergwelt. Wo die Straße fertig gebaut ist, zerfällt sie oft schon wieder. Steinschlag und Erdrutsch verschütten den Weg, als wollte der Karakorum China den strategischen Zugang zum Arabischen Meer verweigern.

Am Khunjerab-Pass, der Grenze zwischen China und Pakistan, geht alles langsam – muss es vielleicht auch. Denn auf 4800 Metern bleibt einem schnell die Luft weg. Chinas Grenzposten gleicht einem Nachbau der Chinesischen Mauer im Miniaturformat. Das Tor ist verschlossen, als das ZDF-Team ankommt. Einer der chinesischen Grenzsoldaten kommt an den Grenzzaun, man vergleicht die Uhrzeit. Pakistan – China, die Zeitdifferenz beträgt dort drei Stunden! Es ist eine der vielen Überraschungen, denen die Autoren auf ihrer Reise immer wieder begegnen.

Von Kirgisistan nach Duisburg

Auch im zweiten Teil der Reise entlang des alten und neuen Handelsweges begegnen den Autoren Normen Odenthal und Thomas Reichart Menschen, auf deren Rücken China seinen Kampf um Macht und Einfluss in den jeweiligen Gebieten austrägt. "Sauberes Wasser, die Berge, die Natur sind viel wichtiger als alles Geld, was man uns gibt", erfährt Reporter Thomas Reichart in Kirgisistan. Denn die chinesischen Investitionen bescherten dem Land nicht nur bessere Straßen, Hochspannungsleitungen und Eisenbahntrassen, sondern auch Umweltsünden, Korruption und jede Menge Schulden.

In Usbekistans uralter Handelsstadt Buchara, der nächsten Station von Thomas Reichart, ist die alte, magische Seidenstraße an jeder Ecke mit Händen zu greifen. Überall auf den Basaren verkaufen sie uralte Münzen oder wertvolle arabische Handschriften, geschrieben auf Seidenpapier, versehen mit persischen Kommentaren. Manche sind dreihundert Jahre alt, andere noch älter. Aber was heiße verkaufen, verramschen würden seine Landsleute die kostbaren Stücke, klagt Oybek Ostanov, der sich ganz dem historischen Erbe seiner Heimat verschrieben hat.

Während Reicharts Team den Legenden der alten Seidenstraße nachspürt, geht es für Odenthal weiter nach Oman. Dort hat sich Peking ein beachtliches Stück einer neuen Sonderwirtschaftszone in der Wüstenstadt Duqm gesichert. Es ist vor allem heiß und staubig, von der versprochenen goldenen Zukunft ist noch wenig zu sehen. Auf einem großen Trockendock, das bereits fertiggestellt wurde, werden Schiffe repariert.

In der alten Hafenstadt Sur, auf der Werft von Khali Al-Erami, bauen sie ebenfalls Schiffe, jedoch auf traditionelle Weise. "Mein Vater hat mir alles gezeigt, der hat es von seinem Vater gelernt und der wiederum von seinem Vater. Es liegt uns im Blut", erklärt der Dau-Bauer dem ZDF-Team. Im internationalen Handel haben Daus keinen Platz mehr. Am Horizont sieht man große Containerschiffe, viele davon unter chinesischer Flagge.

In der französischen Hafenstadt Marseille träumt man davon, europäischer Brückenkopf der neuen Seidenstraße zu werden. Ein kleines Containerdorf in den Hügeln über der Großstadt macht den Anfang: "Marseille International Fashion Center" oder kurz MIF 68. Die chinesische Glückszahl 68 soll dem neuen Umschlagzentrum für Produkte aus China fetten Umsatz bringen. Billige Textilien aus Fernost werden dort angeliefert, um später in ganz Europa vermarktet zu werden.

Duisburg ist Endstation der Reporterreise und Endpunkt der Landroute der chinesischen neuen Seidenstraße. Die zweiteilige Dokumentation zeigt die Dimension dieses gigantischen Vorhabens, bei dem – so scheint es jedenfalls – kein Stein auf dem anderen bleibt.

"China will eine neue Rolle in der Welt spielen"
Interview mit den ZDF-Korrespondenten Normen Odenthal und Thomas Reichart

Vor zwei Jahren haben Sie für eine zweiteilige ZDF-Dokumentation unterschiedliches Street Food auf einem Streifzug durch Asien und Amerika erkundet. Steht bei Ihrer aktuellen Recherchereise statt des Probierens exotischer Speisen nun das Erkunden gigantischer Baustellen im Vordergrund? Oder geht es vor allem darum, einen Eindruck davon zu bekommen, wie komplex das "Belt und Road"-Projekt ist – vom Brückenbau bis zu den Gaspipelines, von den Investitionen bis zu den machtpolitischen Implikationen?

Thomas Reichart: Wir wollen auf unserer Reise beides zeigen: die alte, magische Seidenstraße und das Milliardenprojekt der neuen Seidenstraße, mit dem China seine Macht und seinen Einfluss weit über seine Grenzen Richtung Westen ausdehnen will. Es sind unterschiedliche Perspektiven: Als ich auf dem Basar von Bukhara in Usbekistan tausend Jahre alte Münzen in Händen hielt, war die alte Seidenstraße der Kamelkarawane plötzlich ganz nah. Und dann standen wir wieder staunend auf einem sechzig Meter hohen Brückenpfeiler in Pakistans Karakorum-Gebirge und sahen zu, mit welchem Aufwand China da über das Dach der Welt einen Zugang zum Arabischen Meer baut. Und natürlich geht es auch ein bisschen ums Essen. Auf der Seidenstraße wurden schließlich immer schon nicht nur Waren, sondern auch Rezepte ausgetauscht. Das usbekische Reisgericht Plov etwa ist womöglich bis nach Spanien gelangt, woraus dort dann die Paella wurde.

Normen Odenthal: Da Thomas gerade wieder mit dem Essen anfängt, fällt mir ein: Egal, wo wir die Chinesen auf der Welt treffen, immer sorgen sie sich um ihr eigenes, chinesisches Essen. Es sind also nicht nur die Deutschen, die – angeblich – auch im Ausland ihr Schnitzel wollen. Das war es dann aber auch mit den Anleihen bei “Street Food”. Trotzdem soll unsere "Seidenstraße" keine harte Kost sein. Klar, es geht um große Politik, Wirtschaft, Macht. Uns interessiert aber immer auch der Blick ins jeweilige Land und die Frage: Was passiert dort mit den Menschen? Wer gewinnt? Wer verliert? 

Wie viele Ausgestaltungen und Bauwerke der "neuen Seidenstraße" konnten Sie denn vor Ort bereits wahrnehmen? Und sind auch die Rückschläge bei diesem Projekt erkennbar, von denen in den vergangenen Monaten immer mal wieder zu lesen war?

Thomas Reichart: Das Spannende an dieser Reise ist, dass wir überall das Werden und Entstehen beobachten konnten. Chinas Griff nach Westen passiert gerade – und wir sind dabei. Manchmal sind es Baustellen, manchmal sind Projekte schon fertiggestellt wie der größte Containerbahnhof der Welt in Kasachstan. Aber auch das ist eine Wette auf die Zukunft – die Hoffnung, dass der Frachtverkehr auf der Schiene zunehmen wird, dass sich die Investition lohnt. Und oft ist es in der Tat so, dass Dinge, kaum dass sie fertig sind, schon wieder kaputt gehen, wie zum Beispiel auf dem Karakorum-Highway, wo Erdrutsch und Steinschlag immer wieder die frisch gebaute Straße blockieren.

Normen Odenthal: Die Häfen sind jedenfalls schon gigantisch. Sieben der zehn größten Containerhäfen der Welt liegen in China. Wir waren an Bord eines Schiffes, das 14.000 Container lädt. Das ist unfassbar. Und es gibt sogar noch größere. Bei jedem Stopp werden Tausende Container ab- und Tausende aufgeladen. Zwei Minuten pro Container, Zeit ist Geld. Die Logistik ist faszinierend. Man hat das Gefühl, man kann den Alltag der pulsierenden Weltwirtschaft erleben. Vergleicht man See- und Landweg, ist die Sache ziemlich klar: 98 Prozent aller Güter werden per Schiff auf der maritimen Seidenstraße transportiert.

Welche Stimmen und Stimmungen konnten Sie auf Ihren bisherigen Stationen einfangen? Gibt es auch in China selbst kritische Stimmen zu diesem geostrategischen Großprojekt? Oder trifft man auf Ablehnung nur in anderen Ländern?

Thomas Reichart: Wir sind auf beides gestoßen. In einer Jurte auf 4000 Metern in Kirgisistans Bergen hat uns ein Nomade erklärt, warum er sich über die chinesischen Investitionen freut. Er hofft, dass China Geld ins Land bringt und vielleicht auch Touristen, die – wie wir – in seiner Jurte übernachten. Andere sehen Chinas Rolle mit Sorge, weil sie den Ausverkauf ihres Landes fürchten. Gerade in Kirgisistan gab es zum Beispiel gewaltsame Proteste gegen chinesische Goldminenbetreiber.

Normen Odenthal: Man muss dabei ja auch immer sehen, wo diese enormen Investitionen und Arbeiten stattfinden: In Gwadar, Pakistan, landet man praktisch im Nichts. Doch die Chinesen sehen den Hafen dort als "Juwel" an, weil er geostrategisch so attraktiv scheint. Im Oman sind wir in der Wüste, in Sri Lanka im Dschungel – und oft braucht man dort eine gehörige Portion Fantasie, um die Vision vom großen Plan nachzuvollziehen. Aber sie glauben und arbeiten daran – akribisch und knallhart.

Was verbindet die "Neue Seidenstraße" eigentlich mit dem Mythos der „alten“ – dass es beide Male um eine Handelsexpansion geht beziehungsweise gehen soll, nur beim ersten Mal von Westen nach Osten und jetzt in die Gegenrichtung vom Fernen Osten bis nach Duisburg?

Thomas Reichart: Was beide eint, ist die Verbindung und der Austausch entlang dieser Seidenstraße. Ich habe auf dieser Reise staunend gelernt, wie vernetzt die Welt zu Zeiten der alten Seidenstraße schon war. Die neue Seidenstraße knüpft in gewisser Weise Fäden zusammen, die vor langer Zeit schon einmal verbunden waren. Der größte Unterschied ist vielleicht, dass die alte Seidenstraße Handel in beide Richtungen bedeutete. Ost – West und West – Ost. Die neue Seidenstraße ist im Moment dagegen oft eine Einbahnstraße: Die Container aus China sind voll, die aus dem Westen dagegen oft leer.

Was verspricht man sich in Duisburg von diesem Projekt? Und wie ist überhaupt die europäische Perspektive auf Chinas Offensive?

Thomas Reichart: Duisburg verspricht sich Arbeitsplätze und die Ansiedlung von Firmen. Die Stadt hofft darauf, als wichtiger Umschlagplatz für Waren aus China zu profitieren. Eine europäische Perspektive auf Chinas Initiative gibt es im Moment im Grunde noch nicht. Die EU versucht gerade erst eine Position zu finden. Viele fürchten, dass China durch das Versprechen von großen Investitionen gerade in Mittel- und Osteuropa Einfluss auf Regierungen gewinnt und damit die EU spalten könnte. Aber eine Antwort, wie man damit umgeht, hat die EU noch nicht gefunden.

Normen Odenthal: Im Gegenteil. Man sieht sogar, wie sich die Europäer selbst Konkurrenz machen. Marseille etwa träumt davon, der Brückenkopf der Seidenstraße zu werden. Aber den Traum haben viele andere Städte und Staaten eben auch. Europa insgesamt ist – so scheint es – sehr unsicher. Aber an vielen einzelnen Standorten spürt man den unbedingten Willen, dabei zu sein. 

Wie gestalten Sie Ihre Dokumentation formal: Werden Sie erneut das Stilmittel aus der "Street-Food"-Doku einsetzen und wieder beide Reiserouten via SMS verknüpfen?

Thomas Reichart: Nein, wir wollen uns ja nicht selbst kopieren. Das hat bei "Street Food" gut gepasst, aber jetzt sind wir auf einer Art Parallel-Reise von Ost nach West, von Shenzhen nach Duisburg. Das müssen wir anders erzählen und verknüpfen.

Normen Odenthal: Allerdings hat es auch diesmal wieder zu gemeinsamen Drehs gereicht: Bei "Street Food" haben sich die Teams aus Peking und Singapur in Buenos Aires getroffen – diesmal für die "Seidenstraße" bei der Abfahrt in Shenzen und bei der Ankunft in Duisburg. Gemeinsame Erkenntnis: Duisburg ist nicht Buenos Aires – aber auch schön.

Welche Gesprächspartner kommen in Ihrer Dokumentation zu Wort?

Thomas Reichart: Das Besondere ist, dass wir wirklich unterwegs sind und an Orte kommen, die nicht so leicht erreichbar sind. Es ist also eine Reportage, bei der sich uns Türen öffneten, die sonst verschlossen sind. Auf großen Baustellen wie am Karakorum-Highway oder bei anderen Großinvestitionen Chinas waren wir oft die ersten, die überhaupt dort drehen konnten. Wir können also Einblicke bieten, die es bislang so noch nicht gab. Und wir sprechen mit Menschen, die dort arbeiten, die Chinas Griff nach Westen ausführen, die auf ihn hoffen oder ihn fürchten.

Normen Odenthal: Natürlich interessieren uns nicht nur die Chinesen, sondern vor allem auch die Einheimischen. Pekings Projekte schlagen dort oft ein wie ein Meteorit. Und wir wollen wissen: Was macht das mit den Menschen, mit ihrem Land? Welchen Einfluss hat das auf ihr Leben, auf ihre Kultur, auf die Gesellschaft? Einige glauben an die große Chance, die goldene Zukunft. Andere leben in großer Angst. 

Ihre Dokumentation läuft in einem Zeitraum, in dem das Jubiläum "70 Jahre UN-Menschenrechtserklärung" gewürdigt wird: Inwiefern schwingen bei diesem Projekt "Neue Seidenstraße" auch Fragen globaler ethischer Standards oder der individuellen Bürgerrechte mit?

Thomas Reichart: Das ist ein Punkt, der mich bei der Reise sehr beschäftigt hat: Die alte Seidenstraße erlebte ihre Blüte zur Zeit der Tang-Dynastie im 8./9. Jahrhundert. Das war eine Zeit, als China offen und neugierig war auf fremde Kulturen und Einflüsse. Handel bedeutet immer mehr als nur den Austausch von Gütern: Auf der Seidenstraße wurden auch Ideen, Philosophien, Religionen, unterschiedliche Vorstellungen von der Welt ausgetauscht. Das heutige Chinaerlebt jedoch eine neue, deprimierende Form der Repression und Überwachung. Ganz besonders deutlich ist das in Kashgar, in Chinas Westen, wo die muslimische Minderheit der Uiguren sich unterdrückt sieht. Man hat den Eindruck, es geht Peking vor allem um den freien Austausch von Gütern und Kapital. Alles andere aber wird mit größtem Misstrauen beobachtet.

Normen Odenthal: Zugleich spürt man mitunter auch, dass ein neues Bewusstsein oder Selbstbewusstsein erwachsen kann. Verblüffend etwa, wie sich die Menschen in Myanmar, das nun wirklich nicht für seine demokratische Reinheit bekannt ist, einem Großprojekt widersetzt haben. In einer traumhaften Landschaft am Irrawaddy-Fluss sind die chinesischen Pläne, einen Staudamm zu bauen, nicht über riesige Betonfundamente hinaus gekommen. Der Widerstand der Einheimischen war zu stark, irgendwann hat die Regierung die Notbremse gezogen. Aber ob die Geschichte damit wirklich zu Ende ist, weiß man nicht. Denn bislang liegen die Pläne offiziell nur auf Eis. Wenn sich der Wind dreht –  wirtschaftlich oder politisch –, kann das auch schnell wieder anders aussehen. China drängt weiter.

Wie lautet demnach das Fazit Ihrer Recherchen: Ist die "Neue Seidenstraße" zurzeit der deutlichste Ausdruck davon, dass China unaufhaltsam auf dem Weg zur führenden Weltmacht ist?

Thomas Reichart: Die Neue Seidenstraße ist das bislang lauteste Signal dafür, dass China eine andere Rolle in der Welt spielen will, dass es sich als Weltmacht sieht. Über Jahrzehnte ist China in seiner Außenpolitik der Maxime von Deng Xiaoping gefolgt, wonach China seine Stärke verbergen und warten solle, bis seine Zeit gekommen sei. Dieses Abwarten ist nun vorbei. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping will Chinas Macht und Einfluss ausweiten und das Land in einer Art Renaissance dahin führen, wo es sich seit Kaiserzeiten immer sah – als das Reich der Mitte, nach der sich die Welt ausrichtet. Auf unserer Reise haben wir gesehen, dass das kein zwangsläufiger Prozess ist. China ist nicht allmächtig und vieles von dem, was von weitem wie ein großer Wurf aussieht, funktioniert in Wahrheit nicht richtig oder hat mit vielen Widerständen und Hindernissen zu kämpfen. Im Grunde erlebt China gerade das, was der Westen zuvor schon schmerzlich lernen musste: dass man seine eigenen Werte und Vorstellungen nicht einfach Huckepack nehmen kann, und dass Geschäfte außerhalb des eigenen Landes oft ein bisschen anders ablaufen, als man es gewohnt ist.

Normen Odenthal: Die Ambitionen Pekings beeindrucken – und auch die Tatkraft, mit der sie umgesetzt werden. Aber ich würde keinesfalls meinen, dass die Seidenstraße damit ein Selbstläufer ist. China lässt sich auf schwierige Partner ein. Man bietet denen Kredite, denen kein anderer mehr Geld gibt. Wenn die politisch und wirtschaftlich angeschlagenen Staaten diese Kredite nicht mehr bedienen können, werden andere Deals gemacht. Dann werden etwa Nutzungsrechte für Häfen überschrieben oder Land langfristig verpachtet. Und oft hat man den Eindruck: Damit erreicht Peking, was es wirklich wollte. Aus Pekings Perspektive liegt die Gefahr eher darin, dass sich die Machtverhältnisse in diesen Staaten, Pakistan oder Sri Lanka zum Beispiel, jederzeit ändern können. Und mit einem Regierungswechsel stehen oder fallen die großen Pläne. 

Interview: Thomas Hagedorn

Links zu den Biografien von Normen Odenthal und Thomas Reichart

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