Copyright: ZDF / Michael Petersohn
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Mensch Heino! Der Sänger und die Deutschen

ZDFzeit-Dokumentation

Heino wird 80. Kein deutscher Sänger polarisiert so wie er. Zum Geburtstag ergründet der Film von Jörg Müllner das "Phänomen" Heino – und wie sich seine Geschichte in der seines Heimatlandes spiegelt.

  • ZDF, Dienstag, 11. Dezember 2018, 20.15 Uhr

Texte

Stab und Inhalt

Dienstag, 11. Dezember 2018, 20.15 Uhr
Mensch Heino! Der Sänger und die Deutschen
ZDFzeit-Dokumentation

Buch_____Jörg Müllner, Thomas Lischak
Regie_____Jörg Müllner
Kamera_____Axel Schneppat, Klaus Sturm, Björn Rehder
Schnitt_____Matthias Martinez
Produktion ZDF_____Carola Ulrich, Philipp Müller
Produktion History Media_____Isa Rekkab
Redaktion_____Ursula Nellessen
Leitung_____Stefan Brauburger

Inhalt

Er hat in Deutschland mehr Tonträger verkauft als die Beatles. Laut einer Umfrage kennen 98 Prozent aller Bundesbürger den "Volksmusiker", der wie kein anderer dieses Genre verkörpert: Heino. Am 13. Dezember 2018 wird er achtzig Jahre alt. Seit über sechs Jahrzehnten steht er im Rampenlicht, zum Geburtstag läutet er seinen Abschied von den großen Bühnen ein. Kein deutscher Sänger hat polarisiert wie er, der die Bevölkerung in glühende Verehrer und erklärte Feinde spaltet. Ein scheinbar unpolitischer Künstler, der dennoch gesellschaftliche Stimmungen aufnimmt, bedient und bereits mehrmals für Skandale sorgte.

Die Dokumentation von Jörg Müllner folgt den Stationen seiner Biografie, die auch ein Stück weit deutsche Geschichte spiegelt. Sie erzählt vom Bäckergesellen Heinz Georg Kramm aus Düsseldorf-Oberbilk, der mit blonden Haaren, Sonnenbrille, schwarzem Rollkragen-Pullover und Bariton-Stimme ausgerechnet in den politisierten, beatverrückten Sechzigern mit Volksschlagern zur Kultfigur wird.
Der Film ergründet, was hinter dem Phänomen Heino steckt. Wieso haben die Deutschen ausgerechnet den gelernten Bäcker Heinz Georg Kramm zum Superstar erkoren? Was ist das Erfolgsgeheimnis? Und was sagt sein Erfolg über die Fans aus?

Autor Jörg Müllner begleitete den Sänger auf Tourneereisen, führte Interviews mit ihm, Wegbegleitern und Kritikern. Aus der Familie sprechen Heinos Frau Hannelore – seit vierzig Jahren an seiner Seite – Schwester Hannelore und Enkel Sebastian, der auch eine Karriere als Sänger anstrebt. Jan Mewes, der vom Fan zum Manager wurde, kommt ebenso zu Wort wie Produzent Martin Ernst. Historiker Ingo Grabowsky, Philosoph Wolfgang Buschlinger und Sebastian Zabel, Chefredakteur der Musikzeitschrift Rolling Stone, ordnen den Werdegang des populären Musikers zeit- und kulturgeschichtlich ein.

Heinos Leben und Karriere

Heinos Leben ist auch ein Spiegel deutscher Geschichte: Kindheit in den Kriegsjahren, Verschickung nach Sachsen, Entbehrungen im Trümmerland, Aufschwung und erste Erfolge in der "Wirtschaftswunder"-Zeit, Durchbruch mit deutschen Volksliedern mitten im Kalten Krieg. In der DDR wird er verboten, im Westen verehrt und verspottet. Für die 68er-Generation ist er ein willkommenes Feindbild. Immer wieder sorgt er mit seiner unkritischen Haltung zu volkstümlichem Liedgut für Schlagzeilen: Von den Nationalsozialisten gesungene Lieder mache er wieder salonfähig, heißt es. Für seine Fans hingegen hält er eine Tradition lebendig, die Volkslieder habe es schon vor der Nazi-Zeit gegeben.
In den 70er Jahren bringt Heino – wenngleich auf Bitten des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger – alle drei Strophen des Deutschlandliedes auf Schallplatte. In den 80er Jahren tourt der blonde Barde trotz UNO-Embargos und Kulturboykotts vieler internationaler Künstler durch Südafrika, das Land der Apartheid. Im Frühjahr 2018 schenkt er der nordrhein-westfälischen Heimatministerin sein Album der schönsten Heimat- und Vaterlandslieder, von denen sich einige zu Hitlers Zeiten auch im "Liederbuch der SS" fanden. "Die Lieder können doch nichts dafür, wenn sie instrumentalisiert worden sind". "Ich bin nicht schwarzbraun, Ihr Haselnüsse!", kontert Heino Kritik und verwahrt sich gegen den Vorwurf, ein "Rechtsausleger" zu sein. Er will und wollte nie politisch sein, doch provoziert er immer wieder auch Debatten über den Umgang der Deutschen mit ihrer eigenen Vergangenheit.

2013 geht der Volksmusikant dann unter die Rocker. Auf seinem Album "Mit freundlichen Grüßen" singt Heino u.a. Songs von Rammstein und den Ärzten und erreicht Platz 1 der deutschen Charts. Ein Imagewechsel, der ihn nun auch bei jungen Leuten hip erscheinen lässt.

Auszüge aus den Interviews mit Heino

Heino über seine Kindheit und Jugend
Wir hatten eine arme Kindheit, aber eine schöne Kindheit. Eine Kindheit, die ich, wenn ich drüber nachdenke, nicht missen möchte. Nach dem Krieg haben wir mit zeitweise 19 Personen in drei Zimmern gelebt in Düsseldorf-Oberbilk. (…) Wir hatten nichts zu essen, nicht viel zu trinken, aber wir haben uns durchgeschlagen. Meine Mutter und mein Opa haben gearbeitet und so haben meine Schwester und ich eine wirklich schöne Kindheit dort verlebt. Arm, aber schön.

Über das erste eigene Akkordeon
Eines Tages habe ich zu meiner Mutter gesagt: "Mutti, ich möchte auch so ein Akkordeon wie der Onkel Karl." Und da hat meine Mutter gesagt: "Heinz Georg, das können wir uns nicht leisten, dafür habe ich kein Geld." Darauf habe ich zu ihr gesagt: "Geh‘ doch mal mit mir, wenn ich zur Schule gehe, dann zeige ich dir ein Geschäft, ein Musikgeschäft. Da liegt ein Akkordeon im Fenster." Ich habe meine Mutter mitgenommen und es ihr gezeigt. 330 D-Mark hat es gekostet und meine Mutter sagte: "Heinz Georg, das können wir uns nicht erlauben." Doch dann kam Weihnachten. Ich musste ein Gedicht aufsagen und ein Lied singen, aber das habe ich gar nicht mehr zu Ende singen können, weil ich gesehen habe, unterm Tannenbaum liegt das rote Akkordeon. Es war eine riesige Freude. Meine Mutter hatte mir den größten Wunsch erfüllt. Sie hat sich das vom Munde abgespart und dafür bin ich ihr immer noch dankbar.

Über seine Arbeit in der Bäckerei
Morgens um halb vier ging der Wecker und um vier Uhr ging die Arbeit los. Bis zwölf, halb eins haben wir erstmal Brote gebacken, Brötchen gemacht, und dann ab eins, halb zwei ging‘s in die Konditorei. Dann habe ich in der Konditorei nochmal bis 16.00/17.00 Uhr gearbeitet, so dass ich manchmal zwölf, dreizehn, vierzehn Stunden täglich gearbeitet habe. Dass das Bäckerhandwerk nicht mein Ding war, habe ich, glaube ich, schon nach 14 Tagen gemerkt. Aber ich wusste, ich entlaste meine Mutter damit. Es war also nicht so, dass da mein Herz dran hing. Mein Herz hing damals schon an der Musik.

Über die erste Schallplatte und Produzent Ralf Bendix
Wie wir dann abends zusammensaßen, hat Bendix mich gefragt, ob ich Lust hätte, Schallplatten zu machen. Ich habe gesagt: "Ja, ja, ja!" (…) Er hat mir zwei Titel vorgestellt und gefragt: "Möchtest Du die denn singen?" Ich sagte: "Ja, ja!" Da sagte er: "Du guckst ja gar nicht drauf, was Du da singen sollst!" Mir war es ja wurscht. Ich hätte ja auch was anderes gesungen. Und dann sind wir ins Studio gegangen und haben zwei Titel aufgenommen, einmal "Jenseits des Tales", und die andere Seite hieß "13 Mann und ein Kapitän". Dann haben wir uns aus dem Studio verabschiedet, und ich habe zwei, drei Monate nichts mehr gehört. Ich dachte: "Okay, dann ist das in die Hose gegangen, hat nicht funktioniert."
Und dann, im Urlaub, gehe ich zum Strand hin, da hörte ich von Weitem eine bekannte Melodie. Ich gehe näher, gehe noch näher, und da sehe ich auf einmal bis zu 15, 20 junge Leute im Kreis sitzen, mitten drin ein Radio, und die spielen von mir "Jenseits des Tales". Da bin ich bald verrückt geworden. Ich denke: "Das kann doch nicht sein, das bin doch ich und die Jungs drum herum." (…) Und dann rief Bendix an: "Um Gottes Willen, um Gottes Willen, Heino, wo sind Sie? Sie müssen sofort zurückkommen. Ihr Titel 'Jenseits des Tales' ist in Deutschland Nummer eins."

Die Entscheidung für deutschsprachige Musik
Bendix war aufgefallen, und mir auch, dass, wenn wir das Radio angemacht haben, alles nur noch in Englisch war, die ganzen Titel. Das Einzige, was noch in Deutsch war, waren die Nachrichten. Wir wollten da einen Gegenpol setzen. Wir haben auf deutsche Musik gesetzt, auf Volksmusik. Musik, die zu damaliger Zeit schon auch verpönt war.(...)

Ich hab' mir das Volkslied ausgesucht. Okay, natürlich sind einige Lieder auch in der Nazizeit gesungen worden, aber da können ja die Volkslieder nichts zu.

Über sein Verhältnis zur Politik
1968, da hatte ich gerade drei, vier Platten laufen, die über die Millionen gingen. Da war Politik überhaupt kein Thema für mich. Wir haben das auch nie diskutiert. (…) Mich hat das nicht interessiert. Mich hat das interessiert, was ich gemacht habe.

Über seine Art der Performance
Als ich anfing, kamen auch Regisseure, die gesagt haben: "Heino, tanzen Sie doch mal." Ich sagte: "Wenn Sie einen Tänzer wollen, müssen Sie sich einen Tänzer holen, da gibt's genug. Ich will nur singen, nur stur dastehen und singen." Wenn ich heute irgendwo parodiert werde, dann so: die Arme runter oder mit Gitarre. Das ist dann halt Heino.

Zu seinem Imagewechsel 2013
Im Grunde genommen habe ich mir immer schon gewünscht, etwas anders zu machen. Es gab aber keine Notwendigkeit, denn ich habe ja über 45 Jahre Erfolg gehabt. Aber ich wollte mal was anderes machen, auch weil immer viele junge Leute zu mir gekommen sind, die gesagt haben: "Mensch, Heino, du hast doch so eine tolle Stimme. Sing' doch mal für uns."

Zitate von weiteren Interviewpartnern

Hannelore Kramm, Ehefrau von Heino

Über die Ehe
Manchmal fliegen bei uns die Fetzen, wegen Kleinigkeiten. Es kann mich total aufregen, dass er so sehr die Ruhe weg hat. Das kann mich schon zur Weißglut bringen.

(Darauf Heino: Ich merke das aber gar nicht, Hannelore.)

Über Heino am Anfang seiner Karriere
Als ich ihn kennengelernt habe, hat Heino fast nie ein Wort gesprochen. Die Interviews waren mühsam. Da musste ich das Wort ergreifen, weil sein Produzent, Ralf Bendix, zu ihm gesagt hatte: "Heino, Du redest am besten gar nicht viel. Du ziehst einen Rollkragenpullover an, lässt die anderen reden und singst einfach nur schön." War auch eine Strategie.

Über Heino als Reizfigur
Ich weiß nicht, warum die immer in Heino eine rechte Person sehen.

Über das umstrittene Geschenk an die NRW-Heimatministerin im März 2018
Ich finde es manchmal so ungerecht. Wir hatten gerade vor ein paar Wochen so eine Sache, die habe ich verursacht. Da habe ich im Keller eine Platte gefunden "Die schönsten deutschen Volkslieder", die habe ich eingepackt, daneben lag noch eine, "Die schönsten Heimat- und Vaterlandslieder". Da dachte ich mir, das ist doch gerade richtig. Sie ist Heimatministerin, da bring' ich die Heimat-Langspielplatte mit.

 

Dr. Ingo Grabowsky, Historiker

Über gemeinsame Nachkriegserfahrungen in Deutschland
Heino teilt ja ganz viele Erfahrungen mit vielen Deutschen. Da ist zum einen die Fluchterfahrung und auch die Erfahrung, vaterlos aufzuwachsen. Das betrifft ja Millionen von Kindern in Deutschland, deren Väter im Krieg gefallen sind. Wir haben es hier mit einer vaterlosen Generation zu tun. Wir haben eine schlechte Versorgungslage nach dem Krieg. Wir haben also Umstände, in denen das Aufwachsen sehr hart ist und in denen es wirklich schwierig ist, Geld zu verdienen und sich etwas zu erarbeiten. Und das ist sicherlich etwas, was die ganze Generation geprägt hat, dieser Kampf ums tägliche Brot, ums tägliche Überleben. Und das hat sicherlich auch Heino geprägt.

Gründe für Heinos Erfolg in den 60er und 70er Jahren
Heino hat eben gerade in den 60er und 70er Jahren bei vielen Menschen die Erinnerung an die Jugend wachgerufen. Und egal in welcher Zeit die Jugend  stattgefunden hat, sie ist immer auch eine Zeit, an die sich die meisten Menschen gerne erinnern. Insofern war das natürlich ein geschickter Schachzug, Lieder zu singen, die die Menschen einfach liebten, zu denen sie eine enorm große, emotionale Verbindung hatten.

Was an Heino provoziert(e)
Was an Heino provozierte, war, dass er Lieder sang, die eben auch im Nationalsozialismus populär waren. Wobei die meisten Lieder, die er sang, eben schon lange vor den Nationalsozialisten in der Gesellschaft verankert waren. Viele sind Volks- und Fahrtenlieder, die erstmal überhaupt nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun haben, auch "Schwarzbraun ist die Haselnuss". Die Lieder wurden eben auch von den Nationalsozialisten missbraucht, so wie die Nationalsozialisten nahezu das komplette kulturelle Leben in Deutschland missbraucht haben.

(…) Sicher war es ein Fehler, zur Zeit der Apartheid nach Südafrika zu fahren. Wer nur an das Geschäft und nur an den Kommerz denkt, der macht eben auch etwas falsch.

 

Sebastian Zabel, Chefredakteur der Musikzeitschrift Rolling Stone

Heino und Deutschland

Heino steht in einer Weise für Deutschland wie der Loreley-Felsen oder der Harzer Käse. Heino wird immer automatisch mit einem vielleicht etwas angemufften und etwas klischeebeladenen Bild von Deutschland assoziiert. Diese Sehnsucht nach dem deutschen Wald, dem deutschen Wesen, gerne auch ein bisschen schwermütig vorgetragen, gerne aber auch voller Frohsinn – da schwingt die ganze Problematik der deutschen Nachkriegsgeschichte mit. Das wird Heino als Künstler oder als Mensch gar nicht gewusst haben, aber wenn man gerade frühe Heino-Aufnahmen hört, dann ist das ganz klar ein Produkt dieser Zeit, in Abgrenzung zur angloamerikanischen Musik, zur Popkultur. Also es war ein Besinnen auf eine deutsche Tradition und eine Abgrenzung zu der Modernität, die vielen Deutschen Angst gemacht hat.

Heino als Reizfigur
Er ist eine totale Reizfigur für Intellektuelle, für Linke, für jeden, der, sagen wir mal, für einen anderen Deutschlandbegriff steht als Harzer Käse und Loreley, und gleichzeitig ist er eine Identifikationsfigur für große Teile von Leuten, die genau das lieben und deren Deutschlandgefühl genau das widerspiegelt.

 

Dr. Wolfgang Buschlinger, Philosoph, Erforscher von Schlagertexten

Über die Wirkung von Heinos Liedern:
Heino hat keine Botschaft. Das liegt daran, dass er Volkslieder singt. Diese Volkslieder sind erstens nicht seine und zweitens sollen sie nur Gemeinsamkeit stiften, da steht nichts Besonderes drin. Vielleicht ein bisschen Romantik und gute Gefühle. (…)
Ich glaube, dass Heino das Gefühlsleben einer beträchtlichen Zahl von Leuten wiederspiegelt.

Über den "Deutschlandlied"-Skandal 1977
Ob bei dem Filbinger-Skandal von 1977, als Heino (auf Wunsch des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Filbinger, Anm.d.Red.) die drei Strophen des Deutschlandliedes für den Schulunterricht auf Platte gesungen hat, seine Person durchkommt, also der Mensch hinter Heino, das lässt sich schwer beurteilen. Es kommt auf die Perspektive an.

Heino als Rocker
Heino als Rocker – das ist ein wirklich guter Witz. Das ist gut gemacht, damit hätte keiner gerechnet. Und man kann damit auch noch viel Geld verdienen. Also ich bewundere die Firma, der das eingefallen ist, denn so eine Idee hätte ich auch gerne.

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