Copyright: ZDF / Hans-Joachim Pfeiffer
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Stunden der Entscheidung - Angela Merkel und die Flüchtlinge

Dokudrama

Das Dokudrama von Christian Twente rekonstruiert die dramatischen wie folgenreichen 24 Stunden vom 4. auf den 5. September 2015, als Angela Merkel sich entschied, Tausende Flüchtlinge nach Deutschland einreisen zu lassen. Neben den politischen Hauptakteuren bezieht der Film auch die Perspektive der Flüchtlinge mit ein. Der Syrer Mohammad Zatareih, der auch zu Wort kommt, hatte den gemeinsamen Aufbruch im Bahnhof von Budapest maßgeblich initiiert. Das parallele Geschehen um beide Hauptfiguren bietet den dramaturgischen Leitfaden der szenischen und dokumentarischen Darstellung. Originalaufnahmen und Interviews ergänzen die szenischen Passagen.

  • ZDF, Mittwoch, 4. September 2019, 20.15 Uhr

    Texte

    Wendepunkt einer Ära
    von Prof. Peter Arens, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Geschichte und Wissenschaft, und Stefan Brauburger, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte

    Es gibt Tage, über die befinden nicht erst Chronisten späterer Zeiten, dass sie für den Wendepunkt einer Ära stehen. Ein solcher Tag ist der 4. September 2015, als Angela Merkel entschied, Tausende Flüchtlinge, die in Ungarn zum "March of Hope" aufgebrochen waren, nach Deutschland einreisen zu lassen. Es ist eine jener Zäsuren, bei denen man klar unterscheiden kann zwischen dem Davor und dem Danach. Manchmal wirken solche Umbrüche gefühlt noch stärker als sie womöglich waren, gerade wenn sie sich mit Bildern und Begriffen von hoher Symbolkraft verbinden, wie beim "March of Hope". Denn die Flüchtlingsfrage hatte sich zuvor schon zugespitzt. Hunderttausende Asylsuchende waren bereits nach Deutschland gekommen, Bilder vom Leiden und Sterben vieler Flüchtlinge um die Welt gegangen. Europa zeigte sich schon seit Längerem wenig solidarisch, zunächst bekamen das vor allem die Staaten an den EU-Außengrenzen zu spüren. Doch spätestens mit dem 4. September 2015 rückte das Thema ins Zentrum des Kontinents. Deutschland galt für viele, die Zuflucht suchten, als das "gelobte Land". Schließlich war der Zuzug der Flüchtlinge kaum mehr zu stoppen, vom Kontrollverlust war die Rede, die Willkommenskultur erfuhr Rückschläge. Migrationsfeindliche Strömungen und Parteien gewannen Zulauf, der Rückhalt für Angela Merkel als Kanzlerin und Parteichefin schwand auch in der Mitte der Gesellschaft. Ihre Parole "Wir schaffen das!" schien sich nun gegen sie zu wenden.

    So gibt es Gründe genug, den Blick auf jene Stunden der Entscheidung am 4. September 2015 zu richten. Schon viel ist darüber berichtet worden, in aktuellen Beiträgen, Reportagen, Dokumentationen. Warum nun ein Dokudrama? Wie kein anderes Filmformat bietet es die Chance, Geschichte hinter den Kulissen und jenseits der bekannten Bilder erfahrbar zu machen: mit 90 Minuten Länge, der Möglichkeit, szenische Rekonstruktion und dokumentarische Elemente zu verknüpfen, dabei Augenzeugen und Experten zu Wort kommen zu lassen. Es versetzt in die Lage, Handlungsstränge zu exponieren, die in den entscheidenden Momenten des Geschehens in einer Wechselwirkung zueinander standen. Das waren damals zum einen der sogenannte "March of Hope", der von dem jungen entschlossenen Syrer Mohammad Zatareih initiiert wurde, und zum anderen der Tagesablauf der Bundeskanzlerin, die – unterwegs in Deutschland – auf die Bilder und Nachrichten aus Ungarn reagieren musste. Als der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán Angela Merkel letztlich vor die Wahl stellte, die Flüchtlinge – mit Sicherheitskräften und womöglich gewaltsam – zu stoppen oder sie über Österreich weiter Richtung Deutschland ziehen zu lassen, geriet die Kanzlerin in Zugzwang.

    Das Dokudrama soll die Umstände der Entscheidung so authentisch wie möglich vor Augen führen. Hat Angela Merkel aus humanitären, aus ethischen Gründen für die Aufnahme der Flüchtlinge entschieden, oder fürchtete sie ansonsten weitaus Schlimmeres, etwa eine gewaltsame Eskalation, die jeder Versuch, die Menschen auf ihrem Weg aufzuhalten, hätte auslösen können? Noch immer stehe sie hinter ihrer Entscheidung, sagt Merkel noch heute, spricht von der humanitären Notlage damals. Dennoch dürfe so etwas nie wieder vorkommen, legte sie später nach. Die Flüchtlingspolitik hat sich seither erheblich verschärft.

    Einige am Geschehen Beteiligte haben sich zum Interview für den Film bereiterklärt, etwa Sigmar Gabriel, damals Vizekanzler, oder Thomas de Maizière, seinerzeit Innenminister, sowie der Merkel-Vertraute Peter Tauber, damals CDU-Generalsekretär. Andere lehnten ab, vor die Kamera zu treten, wie Horst Seehofer oder  die Kanzlerin selbst. Weitere Informationen gewannen die Filmemacher durch zahlreiche Hintergrundgespräche. Mit dem Journalisten Marc Brost von der "ZEIT" wirkte – neben Sandra Stöckmann – ein Drehbuch-Autor am Film mit, der die Ereignisse akribisch mitverfolgt und protokolliert hatte. Produzent Walid Nakschbandi (AVE) bewegte neben weiteren Gesprächspartnern auch Mohammad Zatareih dazu, den eigenen Teil der Geschichte vor der Kamera zu erzählen. Im Film wird der Syrer, der seinerzeit zum "March of Hope" aufrief, auch von einem szenischen "Double" (Aram Arami) dargestellt.

    Christian Twente, der unter anderem schon bei unseren ZDF-Dokudramen über Uli Hoeneß, Martin Luther und Karl Marx Regie führte, bringt auch im Film über Merkels Entscheidung seine bewährte Handschrift zur Geltung. Mit Heike Reichenwallner haben wir eine Darstellerin für Angela Merkel gewonnen, die dem Anspruch genügen sollte, dem Original so nahe wie möglich zu kommen. Wie überzeugend das gelingen kann? Wir jedenfalls sind glücklich mit der Wahl.

    Der Film lädt dazu ein, den folgenreichen 4. September 2015 nachzuerleben, sich einzulassen auf die Etappen, Augenblicke, Schauplätze und Akteure des historischen Moments, aber auch auf die Frage: Gab es damals doch Spielraum, sich anders zu entscheiden? Und was hätte es bedeutet, ihn zu nutzen?

    Stab, Besetzung, Interviewpartner 

    Mittwoch, 4. September 2019, 20.15 Uhr
    Stunden der Entscheidung – Angela Merkel und die Flüchtlinge
    Dokudrama

    Autoren_____Sandra Stöckmann und Marc Brost
    Regie_____Christian Twente
    Regie-Assistenz_____Michael Löseke
    Kamera (Doku)_____Dirk Heuer, Facundo Altube
    Kamera (Szene)_____Martin Christ
    Schnitt_____Ramin Sabeti
    Musik_____Robert Moser
    Ausstattung_____Annette Kuhn
    Kostümbild_____Filiz Ertas
    Maske_____Kerstin Riek
    Herstellungsleitung_____Silke Benkendorff (AVE)
    Producer_____Claudia Schebesta (AVE)
    Produktionsleitung_____Mathias Hammer (AVE), Carola Ulrich (ZDF)
    Produzenten_____Tim Klimeš, Walid Nakschbandi (AVE)
    Redaktion_____Stefan Brauburger, Stefan Mausbach
    Leitung_____Prof. Peter Arens

    Die Rollen und ihre Darsteller
    Angela Merkel_____Heike Reichenwallner
    Mohammad Zatareih_____Aram Arami
    Ahmed Herraf_____Emre Aksizoglu
    Bernhard Kotsch_____Stefan Mehren
    Beate Baumann_____Tilla Kratochwil
    Peter Altmaier_____Gerhard Meseke
    Werner Faymann_____Manfred Callsen
    und andere

    Eine ZDF-Auftragsproduktion der AVE Publishing, Berlin

    Interviewpartner
    Mohamed Amjahid, Journalist, Reporter der "ZEIT" im Sommer 2015 live vor Ort

    Sigmar Gabriel, Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler (2013–2018)

    Martin Kaul, Journalist, 2015 Reporter der "taz", live vor Ort

    Gerald Knaus, Vorsitzender der "Europäischen Stabilitätsinitiative"

    Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern (2013–2018)

    Reinhold Mitterlehner, Vizekanzler der Republik Österreich (2014 - 2017)

    Gerhard Schindler, Präsident des Bundesnachrichtendienstes (2012–2016)

    Manfred Schreiner, Leiter Landesleitzentrale Burgenland (Major)

    Peter Tauber, Generalsekretär der CDU (2013–2018)

    Mohammad Zatareih, Flüchtling aus Syrien, Initiator des "March of Hope"

    Inhalt

    Das Dokudrama nimmt den 4. September 2015 in den Blick, zeichnet den Weg der Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel nach, Tausende Flüchtlinge nach Deutschland einreisen zu lassen.

    Viele Geflüchtete sitzen schon seit Tagen im Ostbahnhof (Keleti pu) in Budapest fest, als sie sich am 4. September entschließen, Richtung Deutschland zu marschieren, entlang der Autobahnen. Als Angela Merkel mit der neuen Lage konfrontiert wird, muss sie schnell reagieren.

    Was für die Kanzlerin wie ein ganz normaler Arbeitstag beginnt, mit Routine-Terminen in mehreren deutschen Städten, nimmt aufgrund der Ereignisse in Ungarn einen dramatischen Verlauf. Die Situation spitzt sich stündlich zu. Ist der sogenannte "March of Hope", dem sich immer mehr Flüchtlinge anschließen, noch zu stoppen? Soll Berlin sich bereit erklären, Tausende Menschen aufzunehmen? Gelingt es, Unterstützung bei den europäischen Partnern zu finden? Am Ende des Tages steht eine Entscheidung, die zu den Wendepunkten nicht nur in der Ära Merkel, sondern in der Geschichte der Bundesrepublik zählt.

    Der Film bezieht neben der Ebene der politischen Hauptakteure auch die Perspektive der Flüchtlinge mit ein. Der Syrer Mohammad Zatareih, der im Film auch zu Wort kommt, hatte den Aufbruch im Ostbahnhof von Budapest maßgeblich initiiert. Daraus ergab sich die Wechselwirkung zwischen den Ereignissen vor Ort und den Reaktionen der Kanzlerin. Das parallele, aber dennoch ineinander übergreifende Geschehen um beide Hauptfiguren bietet den dramaturgischen Leitfaden der szenischen und dokumentarischen Darstellung.

    Originalaufnahmen, darunter noch nie veröffentlichtes dokumentarisches Material, und Interviews mit damals Beteiligten aus Politik, Medien und involvierten Institutionen ergänzen die szenischen Passagen.

    Entscheidung gegen den Zeitgeist
    von Produzent Walid Nakschbandi, AVE

    Es ist rückblickend die wohl folgenreichste und mutigste Entscheidung in ihrer bisherigen Kanzlerschaft: Als Angela Merkel in den Stunden vom 4. auf den 5. September 2015 mit Bildern konfrontiert ist, die einen "Flüchtlingstreck" von Budapest nach Deutschland zeigen, ist ein schneller Beschluss erforderlich: Nimmt Deutschland die Tausenden Geflüchteten auf, die sich auf eigene Faust und voller Verzweiflung entlang der Autobahn auf den Weg nach Deutschland gemacht haben? Wird der bald so genannte "March of Hope" auf dem Weg gestoppt, oder erreichen die Flüchtlinge unbeschadet die deutsche Grenze?

    Als Produzent des Films habe ich mich gefragt, wie bewusst Merkel sich gegen einen Zeitgeist gestellt hat, der eher von Misstrauen und dem Wunsch nach Abschottung geprägt war. Dazu braucht es jedenfalls viel Mut. Viele vermissen eine solche Haltung in einer Zeit, in der Entscheidungen scheinbar eher die Angst vor den nächsten Wahlen und den möglichen Stimmenverlust widerspiegeln als eine Vision für ein Land.

    In einer Parallelmontage zeigt der Film die Perspektiven Mohammad Zatareihs und Merkels und begleitet beide durch ihren so unterschiedlichen Tag. Der eine als Anführer einer verzweifelten Gruppe auf der Suche nach einem Platz, wo sie als Menschen behandelt werden, die andere, die nun über die Geschicke der Flüchtlinge über ihre Aufnahme in der deutschen Gesellschaft entscheiden muss. Denn in dieser Nacht hat sie Deutschland zu einem anderen Land gemacht.

    Vor 40 Jahren rettete Rupert Neudeck in seiner nach eigenen Worten "radikal humanitären" Aktion die "Boatpeople" aus dem Chinesischen Meer. Bei aller Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik bleibt zu fragen, ob die Kanzlerin in der Nacht auf den 5. September 2015 nicht ähnlich motiviert gehandelt hat, als sie die Grenzen vor dem Elend, dass sich der Öffentlichkeit bot, nicht schloss.

    Was waren die Alternativen? Wie waren die Umstände, in denen sie zu dieser Entscheidung kam? Und was hat sie motiviert? Diesen Fragen gehen wir in dem Film nach. Jenseits der Bewertung bleibt festzustellen, dass in dieser Nacht Geschichte geschrieben wurde. Unser Film will ein Zeugnis dafür sein.

    Auf die Besetzung kommt es an
    von Regisseur Christian Twente

    Wir haben schon bei früheren ZDF-Dokudramen aufregende Castings erlebt. Immerhin gab es dabei keine geringeren Rollen zu vergeben als die von Martin Luther, Karl Marx oder Uli Hoeneß – um nur einige zu nennen. Doch eine Schauspielerin zu finden, die Angela Merkel gleicht, erwies sich als besondere Herausforderung. Da sind das Grübeln und Suchen vorprogrammiert: Gibt es so jemanden überhaupt, der Angela Merkel wirklich ähnlich sieht, ihre Sprache, Gestik, die Art sich zu bewegen, nachzuahmen vermag?

    Und dann lernten wir sie kennen, Heike Reichenwallner, eine gestandene Theater- und Filmschauspielerin, bei der sich sofort der Eindruck verfestigte: Sie könnte es sein. Sie hat das Zeug dazu. Und gemeinsam übten wir Merkel ein, was ja nicht einfach ist, weil die Kanzlerin eben ist wie sie ist. Auf keinen Fall betont emotional oder besonders gestikulierend. Immerhin geht es um die Darstellung der weltweit bekanntesten und anerkanntesten Deutschen in einer historischen Ausnahmesituation. Es galt, die verschiedenen Ebenen des Parallelgeschehens an jenem 4. September 2015 zur Geltung zu bringen und sie zugleich auf die Hauptfigur zu beziehen.

    Was geschah in Merkels Limousine, was auf internen Sitzungen, was zwischen zwei Terminen? Was besprach sie am Telefon zuhause, als es auf Mitternacht zuging? Um diesen Tag zu rekonstruieren, wurden Interviews geführt, sowohl mit Kamera als auch ohne, zudem gab es viele Hintergrundgespräche mit Zeugen und Persönlichkeiten aus dem Umfeld der Kanzlerin. Allen Beteiligten sei gedankt für diese fundierte Grundlage der Regiearbeit.

    Das Genre Dokudrama bringt es mit sich, dass Archivaufnahmen mit der realen Kanzlerin, etwa solche, die sie bei verschiedenen öffentlichen Auftritten an dem Tag zeigen, in szenische Sequenzen eingebettet sind, in denen Heike Reichenwallner Frau Merkel spielt. Die Übergänge so zu gestalten, dass sie nicht als Brüche empfunden werden, war die Aufgabe. Denn die eigentlichen Momente der Entscheidung und des Nachdenkens spielten sich hinter den Kulissen ab, in eher einsamen Situationen, eben im Auto, im Flugzeug, beim Telefonieren. Am Ende ganz auf sich gestellt zu sein, dieses Gefühl zu vermitteln, gelingt Heike Reichenwallner so überzeugend, dass mich als Regisseur fast schon so etwas wie ein Gefühl beschlich, Teil der realen Situation gewesen zu sein.

    Das trifft auch auf die Szenen mit dem Syrer Mohammad Zatareih zu, der den "March of Hope" im Ostbahnhof von Budapest auf den Weg brachte und im Film sowohl  als "Zeitzeuge" auftritt als auch von einem Schauspieler dargestellt wird. Uns war auch in diesem Kontext daran gelegen, die Archivaufnahmen von den Flüchtlingen aus Ungarn so mit unseren szenischen Sequenzen zu verweben, dass sie "nahtlos" ineinander übergehen, ohne dabei die vielfältig dokumentierte und bezeugte Situation vor Ort künstlich zu dramatisieren. Dessen bedurfte es auch nicht.

    Zitate (Auswahl)

    Peter Tauber, damals Generalsekretär der CDU (2013–2018), über die Entscheidungsfindung Angela Merkels:
    "Ich glaube, es macht keinen Sinn, in dem Moment alles auf Stopp zu schalten und zu sagen, wir brechen hier ab. Man muss sich überlegen: Wann ist der Punkt für eine Entscheidung, und wie komme ich dahin? (…) Und ich glaube, die Kanzlerin ist genau darin gut, sich die Zeit zu nehmen, die sie braucht, um zu entscheiden."

    Gerald Knaus, Vorsitzender der "Europäischen Stabilitätsinitiative", über Merkels Entscheidung und die Grundwerte:
    "Merkel hat tatsächlich, wie es Macron, glaube ich, mal gesagt hat, die Seele Europas gerettet, weil sie an einem Grundsatz festgehalten hat: Wer nach Deutschland kommt, wird im Einklang mit dem Grundgesetz, das die Menschenwürde respektiert, behandelt. (…) Deutschland hat in diesem Moment politisch und moralisch einen Test bestanden."

    Thomas de Maizière, damals Bundesminister des Innern (2013–2018), über Merkels Art, Entscheidungen zu treffen:
    "In Krisensituationen wird die Kanzlerin ganz leise und sehr ruhig, körperlich fast bedächtig. Dahinter steckt dann aber ein sehr scharfer Verstand und die Möglichkeit, alles abzuwägen, soweit es die Informationen zulassen. Es ist ihre große Stärke, dann die Kraft zu haben, ihre Emotionen zu zügeln und dem Verstand das Prä zu geben."

    Thomas de Maizière über die Nicht-Erreichbarkeit Horst Seehofers (damals bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender) am 4. September 2015:
    "Es kommt in der Politik manchmal vor, dass man glaubt, wenn man nicht ans Telefon geht, ist man kein Teil der Folgen einer Entscheidung."

    Martin Kaul: Journalist, damals Reporter der "taz", über seine Erlebnisse beim "March of Hope":
    "Dann sah ich, wer da an mir vorbeilief: ein alter Mann im Rollstuhl, um die 80 Jahre alt, ein älterer Herr auf Krücken, ein kleines Kind, das gar keine Socken in den Schuhen trug. Das war in etwa die Reisegruppe. In dem Moment dachte ich, das ist ein sportliches Ziel, 179 Kilometer nach Österreich zu laufen. Das war ein eindrucksvoller Moment."

    Thomas de Maizière über die Wirkung der Bilder vom 4. September 2015:
    "Was mich sehr bewegt hat, ist der Zug der Menschen über die Autobahn. Wie wir heute wissen, angeführt durch einige sehr entschlossene Personen, die unter allen Umständen den Willen hatten, diese Gruppe nach Deutschland zu führen. Dieses Bild hat mich sehr bewegt und auch in dem späteren Entschluss bestärkt, dass es nicht so leicht ist, Grenzen zu schließen, gegen entschlossene Menschen."

    Gerhard Schindler, damals Präsident des Bundesnachrichtendienstes (2012–2016) über die Durchsetzung des Rechtsstaats:
    "Die Durchsetzung des Rechtsstaats produziert unschöne Bilder. Ich kann mir bei der Durchsetzung eines Rechtsstaat<s>e</s>s, bei der Verhinderung von Kriminalität, keine schönen Bilder vorstellen. Das Argument 'unschöne Bilder vermeiden' war ein Offenbarungseid des Staates. (…) Ich finde, es gehört zu den Aufgaben der Politik, dass sie auch unschöne Bilder aushalten muss."

    Mohammad Zatareih, Flüchtling aus Syrien, Initiator des "March of Hope", über die Last seiner Verantwortung:
    "Meine Kraft habe ich durch meine Verantwortung bekommen. Ich habe gedacht, wenn ich das nicht schaffe, dann ist das mein Fehler und auch ein großes Risiko für alle Menschen, die mit mir laufen. Und ich wusste, wenn jetzt etwas passiert, dann liegt alle Schuld auf mir."

    Mohammad Zatareih über seine Ängste während des "March of Hope":
    "Ich hatte wirklich viel Angst davor, dass den Menschen auf der Autobahn etwas passiert, Unfälle oder, dass jemand verloren geht, dass ein Kind verloren geht, weil wir auch nachts gelaufen sind. Ich musste alle in Sicherheit bringen."

    Radio-O-Töne von Marc Brost (Co-Autor), Stefan Brauburger (Redaktionsleiter Zeitgeschichte) und Thomas de Maizière(damals Bundesminister des Innern)

    Radio-O-Töne von Marc Brost, Stefan Brauburger und Thomas de Maizière finden Sie <<HIER>>

    "Wir schaffen das" – ein Satz, der Deutschland maßgeblich verändern sollte. Am 4. September 2015 entschied Bundeskanzlerin Angela Merkel, tausende Flüchtlinge, die in Ungarn zum "March of Hope" aufgebrochen waren, nach Deutschland einreisen zu lassen. Nie zuvor kamen so viele Menschen ins Land, um hier Schutz vor Krieg, Verfolgung und Armut zu suchen. Das ZDF-Dokudrama "Stunden der Entscheidung – Angela Merkel und die Flüchtlinge" beleuchtet jenen 04. September bis zur Entscheidung der Kanzlerin, die Geflüchteten aufzunehmen. Es ist eine jener Zäsuren, bei denen klar zwischen dem Davor und dem Danach unterschieden werden kann. Für Marc Brost, Drehbuchautor und Hauptstadtjournalist der Zeitung "DIE ZEIT" ist klar: Die Folgen dieser Entscheidung sind heute deutlich spürbar. Angela Merkel musste als CDU-Vorsitzende zurücktreten, das Parteiensystem, wie wir es kennengelernt haben, gibt es nicht mehr und die Gesellschaft ist zerstritten. Der Film zeigt die Ereignisse dieses folgenreichen Tages, dieses 4. September 2015, auf eine besondere Art und Weise:

    O-Ton Marc Brost
    Wichtig war uns weniger über das ‚Was‘ und das ‚Warum‘ einen Film zu machen, sondern über das ‚Wie‘. Die Frage: Wie kommt eine Entscheidung von weltpolitischer Tragweite, also mindestens von deutschlandweiter Tragweite, eigentlich zu Stande? Wie kann es sein, dass man über Informationen verfügt, dass man weiß, dass sich Menschen auf den Weg gemacht haben, dass auf der Balkanroute Hunderttausende unterwegs sind und trotzdem relativ unvorbereitet und unmittelbar von einem Flüchtlingsmarsch getroffen wird? Wie kann das sein, dass zwei Menschen, nämlich Mohammad Zatareih und sein Freund Achmed Weltpolitik machen? (0:39)

    Mohammad Zatareih floh vor dem Krieg in Syrien und führte im Herbst 2015 den "Hoffnungsmarsch" der Flüchtlinge von Budapest zur österreichischen Grenze an. Dieser Marsch sprach sich schnell unter dem Hashtag #marchofhope herum. Die Bilder, wie tausende Menschen über die Autobahn zu Fuß nach Deutschland gehen, ließen auch den damaligen Innenminister Thomas de Mazière nicht kalt:

    O-Ton Thomas de Maizière
    Was mich sehr bewegt hat, ist der Zug der Menschen über die Autobahn. Wie wir heute wissen, angeführt durch einige sehr Entschlossene, die unter allen Umständen den Willen hatten, diese Gruppe nach Deutschland zu führen. Dieses Bild, das hat mich sehr bewegt und auch in dem späteren Entschluss bestärkt, dass es nicht so leicht ist, Grenzen zu schließen. (0:26)

    Der Marsch setzte eine politische Kettenreaktion in Gang. Er veranlasste Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán, die Flüchtlinge mit Bussen an die östereichische Grenze zu transportieren, was Österreichs Kanzler Werner Faymann praktisch zwang, diese aufzunehmen. Faymann wiederum wandte sich an Angela Merkel und die machte die Grenzen auf. Mohammad Zatareih lebt heute in Ostdeutschland, hat einen Job und führt ein normales Leben. Es war gar nicht so einfach, den heute 29-Jährigen für das Dokudrama zu gewinnen, erklärt Stefan Brauburger, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschehen:

    O-Ton Stefan Brauburger
    Es hat lang gedauert, Mohammad Zatareih zu überzeugen, weil er auch eine gewisse Angst hatte, sich noch einmal so als Flüchtling zu exponieren und dann noch als einer, der diesen "March of Hope" initiiert hat. Er hatte natürlich auch Angst vor Anfeindungen. Insofern war es sehr wichtig ihm auch klar zu machen, wie wichtig es ist, diese Geschichte so darzustellen. Aber das hat Monate gedauert, bis er dann davon überzeugt war. (0:28)

    Das anderthalb stündige Dokudrama lebt von einer krassen Gegenperspektive. Von 7.30 bis nach 8.30 Uhr am Folgetag begleitet die Kamera jenen Tag der Kanzlerin, der eigentlich "ruhig" sein sollte. Immer wieder springt die Handlung über Grenzen, nach Ungarn. Mit szenischen Rekonstruktionen und dokumentarischen Elementen lädt der Film dazu ein, diesen folgenreichen Tag nachzuerleben, sagt Stefan Brauburger:

    O-Ton Stefan Brauburger
    Was für uns wichtig war, dass eben neben der Entscheidungsebene und dem Umfeld der Kanzlerin auch die Ebene der Flüchtlinge zu Wort kommt und zum Tragen kommt. Deshalb bilden wir sozusagen ein Parallelgeschehen in diesem Film ab. Denn diese Dinge, der "March of Hope" und die Entscheidungen der Kanzlerin, das sind ja Dinge, die ineinander übergreifen. Das kann man aber nur erzählen, wenn man den Blick nicht nur auf eine Seite richtet, sondern möglichst auf beide. (0:29)

    Der Film basiert auf einer Vielzahl an Hintergrundgesprächen und minuziösen Recherchen. Angefangen von den historischen Fakten der Ereignisse, bis hin zu Archivaufnahmen, die noch nie zuvor gezeigt wurden, sagt Drehbuchautor Marc Brost:

    O-Ton Marc Brost
    Wir hatten das Glück, dass wir Gesprächspartner gefunden haben, die auch vor der Kamera auftreten, wie zum Beispiel Martin Kaul, ein Kollege, damals bei der "taz", der den "March of Hope" auch begleitet hat. Er ist auch in einem der ersten Busse mitgefahren, die dann zur Grenze fuhren und der selber einfach Handyaufnahmen gemacht hat, die bis dato aber – außer wahrscheinlich in seinem privaten Freundeskreis – noch nie jemand gesehen hat, die er uns aber dann zur Verfügung gestellt hat. Das ist für mich die eigentliche Stärke dieses Films, dass er über die unveröffentlichten, aber zum Teil auch über die veröffentlichten, also Nachrichtenbilder, die Aufnahmen von damals, noch einmal die Situation und die Entscheidungsgrundlage von allem darstellt. (0:41)

    "Stunden der Entscheidung" soll nicht die Frage beantworten, ob die Entscheidung der Kanzlerin richtig oder falsch war, erklärt Marc Brost. Der Film zeigt vielmehr, auf welcher Grundlage sie getroffen wurde. Wer sich selbst darüber ein Urteil bilden möchte, der schaltet am 04. September das ZDF ein. Ab 20 Uhr 15 läuft das neunzigminütige Dokudrama "Stunden der Entscheidung – Angela Merkel und die Flüchtlinge".

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