Terra X: Sternstunden der Steinzeit

Dokumentation

Die "Terra X"-Dokumentation stellt wegweisende Erfindungen der Steinzeit vor, die es dem Menschen ermöglicht haben, in seiner Umwelt zu überleben und sie nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Der Film verfolgt die Ausbreitung der Zivilisation über den Globus und spannt den Bogen von der Beherrschung des Feuers bis hin zur Entstehung der ersten Hochkulturen. Mit diesen faszinierenden Forschungsergebnissen beschäftigt sich auch das Standardwerk "Die Kinder des Prometheus" von Prof. Parzinger, das Inspiration war, sich filmisch mit dem Thema zu befassen.

  • ZDF, Sonntag, 27. Mai 2018, 19.30 Uhr
  • ZDF Mediathek, ab Samstag, 26. Mai 2018, 19.30 Uhr

Texte

Sendedatum, Stab, Inhalt

Sonntag, 27. Mai 2018, 19.30 Uhr

Terra X: Sternstunden der Steinzeit
Dokumentation

Buch: Alexander Hogh
Regie: Martin Papirowski
Kamera: Timm Westen, Roxana Ardelean
Kameraassistenz: Jann Holzapfel, Sergio Janovici
Schnitt: Timm Westen
Musik: Michael Dees
Animationen: Golem Studio, Guido Leuck, Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung
Fachberatung: Prof. Dr. Hermann Parzinger
Produzent: Hans-Hermann Stein
Sprecher: Thomas Balou Martin
Redaktion: Claudia Moroni
Leitung: Friederike Haedecke
Länge: 43‘30

Alles beginnt in einem fruchtbaren Tal im Osten Afrikas. Vor 2,5 Millionen Jahren begannen dort die noch affenartigen Vorgänger des Homo sapiens, Steine zu bearbeiten, um mit ihnen Fleisch von Kadavern zu schneiden. Die Erfindung des Faustkeils ist eine der ersten Sternstunden der Steinzeit, mit der die erstaunliche Reise des Menschen auf dem Weg in die Zivilisation beginnt. Fleisch liefert ein Plus an Proteinen und fördert so die Entwicklung des Gehirns. Damit ist die Voraussetzung für eine weitere Sternstunde, die sich etwa eine Millionen Jahre später ereignet, gegeben: die Zähmung des Feuers, von den Griechen später im Mythos des Prometheus verewigt.

Die "Terra X"-Dokumentation "Sternstunden der Steinzeit" präsentiert die entscheidenden Erfindungen, die es dem Menschen ermöglicht haben, in seiner Umwelt zu überleben und sie nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Der Film beleuchtet aber auch alternative Entwicklungen der Evolution und macht deutlich, dass alles auch ganz anders hätte kommen können. So besteht heute kaum noch Zweifel daran, dass unser Vetter, der Neandertaler, bereits die ersten Stufen der Zivilisation erklommen hatte: Er konnte sprechen und glaubte an ein Jenseits, ehe sein Weg abrupt endete.

Die "Terra X"-Dokumentation zeigt außerdem, wie Menschen auf der ganzen Welt unter ähnlichen Voraussetzungen zu ähnlichen Lösungen gekommen sind und wie sie unter besonderen Bedingungen einzigartige Formen der Zivilisation entwickelt haben. Mithilfe neuer wissenschaftlicher Methoden, etwa im Bereich der Paläogenetik, spürt der Film manchem Rätsel nach, das lange als unlösbar galt. Wann und wie wurde der erste Weizen domestiziert? Wie verhielten sich die Jäger und Sammler zu den frühen Bauern? Und wie sahen die ersten Europäer aus?

Spektakuläre archäologische Entdeckungen belegen den erstaunlichen Erfindergeist unserer Vorfahren. Die ersten Waffen, 300.000 Jahre alte Holzspeere, waren bereits perfekt ausgearbeitet. Die ältesten Kunstwerke, 40.000 Jahre alt, stellen Skulpturen von Menschen, Tieren und rätselhaften Mischwesen dar. Das älteste Monumentalgebäude der Menschheit, Göbekli Tepe, wurde vor 12.000 Jahren errichtet und war ein Ort des Feierns und heiliger Rituale. Die Funde zeigen eindrücklich, dass das spirituelle Denken für die Entwicklung der Zivilisation ebenso wichtig war wie das Verständnis für Technik.

Der Film erzählt auch davon, dass manchmal ganz unscheinbare Erfindungen zu den Sternstunden der Zivilisation zählen: So ermöglichte erst die Erfindung der Nähnadel dem Menschen, vor 25.000 Jahren der Eiszeit zu trotzen und in die kalten nördlichen Weltregionen vorzustoßen.

"Sternstunden der Steinzeit" stellt die entscheidenden Zusammenhänge in der Entwicklung des Menschen dar, verfolgt die Ausbreitung der Zivilisation über den Globus und spannt den Bogen von der Beherrschung des Feuers bis zur Entstehung der ersten Hochkulturen.

"Der Wille des Menschen zum Gestalten und Überwinden von Grenzen brachte ihn voran"
Interview mit Prof. Dr. Hermann Parzinger

Prof. Dr. Hermann Parzinger ist Prähistoriker und Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. In seinem monumentalen Werk "Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift" (2014) entwirft er erstmals ein weltgeschichtliches Panorama von der Frühzeit des Menschen.

Womit begann die Zivilisation des Menschen?

Am Anfang der Entwicklung standen Werkzeuge wie der Faustkeil, die der Mensch gezielt für bestimmte Zwecke bearbeitet hat, etwa zum Zerteilen von Fleisch. Der vermehrte Fleischkonsum hatte viele Auswirkungen auf die Entwicklung des Menschen. Besonders wichtig war die Proteinzufuhr, die auch ein ausgeprägtes Gehirnwachstum zur Folge hatte. Langfristig hat das den Menschen zu Leistungen befähigt, die später zur Entstehung von "Zivilisation" führten.

Welche Folgen hatte die Beherrschung des Feuers für den Menschen?

Die Erfindung des Feuers war für den Menschen durchaus revolutionär. Zunächst einmal konnte er mithilfe von Feuer tierische und pflanzliche Nahrung ganz anders verarbeiten, nämlich kochen und braten. Der Körper nahm dadurch mehr Nährstoffe aus der Nahrung auf, was eine ganz andere Körperentwicklung ermöglichte. Die Beherrschung des Feuers ermöglichte außerdem die Besiedelung kälterer Gebiete – etwa des eiszeitlichen Europa. Hier war Feuer zum Überleben unerlässlich. Feuerstellen sind zudem kulturelle Mittelpunkte menschlichen Lebens, hier haben sich gesellschaftliche Strukturen entwickelt, hier wurde gewiss auch die Sprache erfunden.

Welche Rolle spielte Sprache bei der Entwicklung der Zivilisation?

Sprache ist für die Entwicklung der menschlichen Zivilisation von zentraler Bedeutung. Das begann mit der Kommunikation innerhalb der Gruppe abends an der Feuerstelle, dort tauschten sich die Menschen über die Erlebnisse des Tages aus oder erzählten Geschichten. Hinzu kamen aber auch ganz pragmatische Erfordernisse. Denken Sie an die Treibjagd. Dazu müssen Sie eine Gruppe organisieren. Jeder muss wissen, was seine spezifische Aufgabe ist, und um gemeinsam Erfolg zu haben, muss man sich absprechen. Oder auch die Weitergabe von Erfahrungen, von Kenntnissen: Welches Gestein lässt sich am besten für welchen Zweck und zu welchem Werkzeug weiterverarbeiten? All das ist ohne Sprache kaum vorstellbar.

Inwiefern war bereits der Neandertaler zivilisiert?

Es gibt derzeit keine sicheren Hinweise darauf, dass der Neandertaler vielleicht sogar schon vor dem Homo sapiens künstlerisch tätig war. Aber wir wissen, dass er in gewisser Weise das Jenseits entdeckt hat. Der Neandertaler war der erste Frühmensch, der Gräber angelegt hat: einzelne Gräber und kleinere Gräbergruppen, aber noch ohne Beigaben. Aber immerhin ist ein Totenritual erkennbar, und das ist schon etwas Besonderes. Das macht man nur, wenn man darüber nachdenkt, was der Tod bedeutet und was nach dem Ende des Lebens kommen könnte. Insofern finden sich beim Neandertaler durchaus bereits Ansätze zu weiterführendem Denken, zum Versuch, das Unerklärliche begreiflich zu machen.

Wie deuten Sie die Höhlenmalereien aus der letzten Eiszeit?

Die Höhlenmalereien in Südwestfrankreich und in Nordspanien sind etwa 12.000 bis 25.000 Jahre alt. Dabei handelt es sich um wirkliche Weltkunst. Die Bilder stellen die damalige Lebensumwelt dar, die Tiere, die man gejagt hat, denen man in der Natur begegnet ist. Sie wurden lebensecht, in Bewegung, teils auch perspektivisch, dynamisch mit großem Farbenreichtum angefertigt. Meistens finden sich diese Malereien in den hinteren Bereichen der Höhlen, wo es kein Tageslicht gibt. Man benötigte also Feuer beziehungsweise künstliches Licht, um sie zu sehen. Wenn man sich vorstellt, diesen Bereich mit einer Fackel zu betreten, dann dürfte das flackernde Licht der Fackel die Bilder zu einer Art Film animiert haben. Die gemalten Tiere wirkten plötzlich lebendig, wie in Bewegung versetzt. Gewiss wurden die Höhlenmalereien aus rituell-kultischen Gründen angefertigt. In jedem Fall zeugen sie von dem großen ästhetischen Verständnis des frühen Homo sapiens.

Was ist die "neolithische Revolution"?

Die sogenannte "neolithische Revolution" umfasst verschiedene Aspekte: Sesshaftigkeit, Ackerbau, Viehzucht, Keramikproduktion und geschliffene Steingeräte. All das zusammen bezeichnen wir als "neolithisches Bündel". Diese Erfindungen waren in der Tat revolutionär, weil sie das menschliche Leben von Grund auf verändert haben und unser Leben bis heute prägen. Aber das Auftreten dieser fünf Elemente ist nicht in dem Sinn revolutionär gewesen, als dass sie plötzlich, innerhalb weniger Jahre aufgetreten wären. Vielmehr handelte es sich um einen Jahrtausende, wahrscheinlich sogar Jahrzehntausende umfassenden Prozess. Das muss man sich bewusst machen, wenn man von neolithischer Revolution spricht.

In welchen Weltregionen fanden neolithische Revolutionen statt?

Für die Alte Welt war der Nahe Osten von zentraler Bedeutung. Im sogenannten Fruchtbaren Halbmond sind Ackerbau und Viehzucht entstanden und haben sich von dort aus nach Europa, Mittelasien, Kaukasien, ins Indus-Tal, nach Ägypten und in den ganzen Mittelmeerraum ausgebreitet. Aber daneben ist produzierendes Wirtschaften auch in anderen Weltregionen entstanden: am Gelben Fluss und am Yangtse in China, am Ganges in Nordindien, aber auch im Hochland von Neu-Guinea, in Nordamerika, in Mesoamerika und in den andinen Gebieten Südamerikas. Der Mensch hat an verschiedenen Stellen der Welt und zu verschiedenen Zeiten zur neolithischen Lebensform mit Ackerbau, Viehzucht und dörflichem Leben gefunden.

Was war der Antrieb des Menschen für die neolithische Revolution?

Wenn man die unterschiedlichen Zentren der Entstehung bäuerlichen Lebens weltweit betrachtet und vergleicht, dann kann man erkennen, dass der Mensch immer wieder zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen kam. Unabhängig von den jeweiligen natürlichen Rahmenbedingungen, lässt sich immer wieder beobachten, wie der Mensch versucht, Ernährung planbarer zu machen und Überschüsse an Lebensmitteln zu erzielen. Die neolithische Revolution hat ihn ein Stück weit aus der Abhängigkeit von der Natur befreit.

Welche langfristigen Folgen hatte die neolithische Revolution?

Die neolithische Revolution war ein ganz entscheidender Schritt hin zur Zivilisation. Ohne Sesshaftigkeit und Landwirtschaft wären wir heute nicht da, wo wir sind. Klar ist aber auch, dass dies alles nicht immer nur Vorteile hatte. Die frühe Landwirtschaft führte zu einseitigerer Ernährung. Während man vorher als Jäger mehr Fleisch verzehrt hatte, führte der Anbau von Getreide dazu, dass viel mehr brei- und brotartige Produkte gegessen wurden, was Mangelernährung zur Folge hatte. Und das enge Zusammenleben mit Tieren führt dazu, dass Krankheitserreger vom Tier auf den Menschen übertragen wurden, die durch Mutation für ihn durchaus lebensgefährlich werden konnten. Doch entscheidend ist: Ohne sesshaftes Leben, ohne die neolithische Revolution, wären keine Hochkulturen entstanden, und ohne die Entwicklungen der Hochkulturen wäre unser heutiges Leben nicht vorstellbar.

Was sagt der Zivilisationsprozess über die Natur des Menschen aus?

Stets war es eine entscheidende Triebfeder für den Menschen, sich aus den Fesseln zu befreien, die die Natur ihm angelegt hatte. Und das setzte Beobachtungsgabe, Kreativität, Fantasie, Innovationskraft und Mut voraus. Mit Hilfe von Kult und Ritual versuchte der Mensch das Schicksal zu beeinflussen, durch Spiritualität versuchte er sich das Unerklärliche irgendwie begreiflich zu machen und am Ende die Natur immer besser zu verstehen. Es war ein ständiges Sammeln von Erfahrungen, ein kontinuierliches Dazulernen, ein ständiges Optimieren aller Lebensbereiche. Immer wieder ist es dieser unbändige Wille des Menschen zum Gestalten und zum Überwinden von Grenzen, der ihn voranbrachte. Insofern gehört dieser Wille untrennbar zur conditio humana.

Die Fragen stellte Alexander Hogh

"Partys sind vielleicht wesentlich an der Entwicklung unserer heutigen Lebensweise beteiligt"
Interview mit Jens Notroff

Jens Notroff ist Archäologe und gehört zum Team des Deutschen Archäologischen Instituts, das am Göbekli Tepe im südlichen Anatolien die erste Monumentalanlage der Menschheit ausgräbt und untersucht. Ein Schwerpunkt seiner Forschung ist die Entwicklung komplexer Gesellschaften im frühen Neolithikum.

Was ist der Göbekli Tepe?

Der Göbekli Tepe ist ein Hügel in Südanatolien. 1994 entdeckte der deutsche Archäologe Klaus Schmidt dort die ersten Spuren der ältesten bislang bekannten Monumentalbauten: mehrere kreisförmige Steinanlagen in der Erde, die aus T-förmigen Pfeilern bestehen. Im Laufe der nun mehr als 20 Jahre andauernden Ausgrabungen und Forschungen gelang es uns dank der charakteristischen dort gefundenen Steingeräte und mithilfe von Holzkohleresten im Mauerverputz dieser Anlagen, deren Alter bis ins 10. Jahrtausend v. Chr. zurückzudatieren. Außergewöhnlich ist die Monumentalität dieser Anlagen. Offensichtlich wurden sie nicht oder jedenfalls nicht vordergründig zu Wohnzwecken errichtet. Das macht den Göbekli Tepe einzigartig, denn eine ältere Anlage dieser Art ist uns bislang nicht bekannt.

Handelt es sich beim Göbekli Tepe um einen Tempel?

Das ist nicht ganz so einfach zu beantworten. Der Begriff "Tempel" ist klar definiert und mit organisierten Religionen verbunden, mit Häusern für die Götter. Am Göbekli Tepe können wir das nur schwer greifen, denn über die damaligen Glaubenswelten wissen wir nichts. Wir wissen nicht, wie organisiert die Rituale waren, die dort stattgefunden haben. Wir wissen nicht, ob die vielen verzierten T-Pfeiler in den Anlagen tatsächlich Götter darstellen sollten. Das ist zwar durchaus vorstellbar, allein im archäologischen Befund aber schwer zu belegen. Diese Pfeiler sind mit bis zu 5,50 Metern überlebensgroß, sie sind in ihrer T-Form sehr abstrakt, haben keine Gesichter und wirken sehr eindrucksvoll. Es könnte sich also durchaus um Darstellungen übernatürlicher Wesenheiten handeln, aber letztlich bleibt das Spekulation. Deswegen ist der Begriff "Tempel" an dieser Stelle ebenfalls schwierig. Ich würde vielleicht eher von Versammlungsorten, von Ritualplätzen oder Heiligtümern sprechen.

Wer hat diese Anlage errichtet und wie wurde das bewerkstelligt?

Die Erbauer des Göbekli Tepe waren, das wissen wir dank der reichen materiellen Kultur des Fundplatzes, Jäger und Sammler, hochgradig mobile Gruppen von Wildbeutern. Da stellt sich natürlich die Frage, wie diese vergleichsweise kleinen Gruppen das bewerkstelligt haben. Allein die dafür notwendige Arbeitsleistung war beachtlich. Pfeiler mussten in den nahen Steinbrüchen gebrochen, transportiert, verziert und aufgerichtet werden. Dafür war eine gehörige Anzahl an Menschen, auch Spezialisten, nötig, die vermutlich über das Personal einer einzelnen Jägergruppe hinausging. Die dort tätigen Leute standen dann natürlich auch nicht mehr für die Nahrungsbeschaffung zur Verfügung und mussten von der Gemeinschaft versorgt werden. Das wiederum bedeutet, dass für ein solches Projekt ein gewisses Maß an Organisation, Koordination und Kooperation nötig war. Und es muss wohl einen oder mehrere "Entscheider" gegeben haben. Sicherlich haben sich nicht fünfzig, hundert oder fünfhundert Leute zusammengetan und einfach drauf losgebaut. So etwas muss geplant sein.

Warum haben die Menschen damals solch einen Aufwand betrieben?

Man fragt sich schon, welchen praktischen Nutzen eine mobile Jägerkultur davon hat, solch gigantische Monumente zu errichten, welche Motivation dahinter steckt, wenn so viele Menschen zusammenkommen, um gemeinschaftlich derartige Großprojekte zu stemmen. Solche Gemeinschaftsprojekte sind natürlich ein gutes Mittel, um das Zusammengehörigkeitsgefühl in und zwischen den Gruppen zu stärken. Wir wissen aus historischen und ethnologischen Quellen, dass für mobile Gruppen regelmäßige Treffen essentiell waren, um Informationen auszutauschen, um Heiratspartner zu finden und um Bündnisse zu schließen. Einen guten Anreiz dafür, derart viele Menschen zusammenzubringen, auch das zeigen ethnografische Beispiele, sind große Feste. Vom Göbekli Tepe gibt es nun interessanterweise tatsächlich einige Funde, die eine solche Deutung unterstützen: unzählige Tierknochen zum Beispiel. Offensichtlich wurden dort große Mengen Fleisch verzehrt. Außerdem fanden sich Steintröge, aus denen möglicherweise auch ein frühes bierähnliches Getränk ausgeschenkt wurde (die Untersuchungen dazu sind allerdings noch nicht vollständig abgeschlossen). Es ist also anzunehmen, dass hier in der Tat große Feste für eine beachtliche Zahl von Menschen stattfanden. Demnach könnte der Göbekli Tepe also eine Art Versammlungsort für verschiedene Gruppen der Umgebung gewesen sein. Landschaftlich ist er dazu geradezu prädestiniert, denn die Anlagen des Göbekli Tepe wurden auf einem der höchsten Punkte der Umgebung errichtet – eine weithin sichtbare Landmarke, ein idealer Treffpunkt.

Welche Bedeutung hatten diese Feste für die Zivilisation des Menschen?

Über kurz oder lang dürften diese Feste einen gewaltigen ökonomischen Druck ausgeübt haben: Wie kann die Versorgung solch großer Menschengruppen dauerhaft sichergestellt werden? Man kann auf lange Sicht schwerlich derartige Feste wiederholt durchführen und sich dabei nur auf gejagtes Wild verlassen. Wahrscheinlich wurde früher oder später damit begonnen, auch mit anderen Möglichkeiten der Versorgung und Nahrungsbeschaffung zu experimentieren. Es ist wohl kein Zufall, dass sich in nur wenig mehr als 100 Kilometern Entfernung vom Göbekli Tepe, an den Hängen des Karacadağ, einer jener Orte befindet, an denen zum ersten Mal Einkorn domestiziert worden ist. Das ist eine Urweizen-Art, die zu den frühesten domestizierten Getreiden gehört. Vielleicht also haben Feste, wie sie auf dem Göbekli Tepe stattfanden, den Menschen irgendwann dazu gebracht, auch gezielt Ackerbau zu betreiben. Wenn Sie so wollen, waren Partys also unter Umständen ganz wesentlich an der Entwicklung unserer heutigen Lebensweise beteiligt. Eigentlich doch ein schöner Gedanken, oder?

Die Fragen stellte Alexander Hogh

"Genetisch betrachtet sind alle Menschen Afrikaner"
Interview mit Prof. Dr. Johannes Krause

Prof. Dr. Johannes Krause ist Paläogenetiker und Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena, wo er die Abteilung Archäogenetik leitet. Im Mittelpunkt seiner Forschung steht die Analyse von alter bis sehr alter DNA mithilfe der DNA-Sequenzierung.

Was ist Paläogenetik?

Paläogenetik ist die Untersuchung von Erbmaterial aus alten Skeletten. Das heißt, wir untersuchen alte Knochen, um zum Beispiel Verwandtschaftsverhältnisse von Personen aus der Vergangenheit mit heutigen Personen oder auch Populationen zu untersuchen. Mithilfe der Paläogenetik können wir so auch die Migrationsbewegungen der Vergangenheit rekonstruieren: So deutet eine Verschiebung in der genetischen Zusammensetzung einer Bevölkerungsgruppe darauf hin, dass eine neue Gruppe hinzugekommen ist. Bei den aktuellen Untersuchungen profitiert die Paläogenetik vom enormen technologischen Fortschritt. Noch vor zehn Jahren hat es Jahre gedauert, um ein einziges menschliches Genom zu entschlüsseln. Heute leisten die Maschinen das an einem Tag, in wenigen Stunden.

Was kann die Paläogenetik über die frühesten Migrationen sagen?

Die Paläogenetik konnte die bekannte "Out-of-Africa"-Theorie untermauern: Ein Großteil der genetischen Vielfalt des Menschen ist heute in Afrika zu finden, während die Nicht-Afrikaner nur einen kleinen Zweig im Stammbaum des Menschen ausmachen. Das heißt: Der Großteil der menschlichen Evolution fand in Afrika statt, erst ganz am Ende seiner biologischen Entwicklung ist der Mensch auch in andere Teile der Welt vorgedrungen. Rein genetisch betrachtet sind also alle Menschen auf der Welt Afrikaner.

Wann ist Homo sapiens nach Europa gekommen?

Die paläogenetischen Untersuchungen haben gezeigt, dass es verschiedene Einwanderungen von frühen modernen Menschen nach Europa gab. Die erste begann vor ungefähr 42.000 Jahren, war allerdings nicht erfolgreich, das heißt, sie hat keine genetischen Spuren im modernen Europäer hinterlassen. Die nächste Einwanderung erfolgte in der Zeit vor 40.000 bis 37.000 Jahren, die Gene dieser Einwanderer finden wir auch in heutigen Europäern, diese Einwanderung war also "erfolgreich". Es kam noch zu weiteren Einwanderungen, beispielsweise vor 15.000 Jahren, vor 8.000 Jahren, vor 5.000 Jahren. Einwanderung war immer ein wichtiger Teil der Geschichte Europas, das erzählen uns heute die Gene. Vor 10.000 Jahren hatten die meisten Europäer dunkle Haut, auch das zeigen die Gene. Ebenso, dass vor etwa 15.000 Jahren durch eine Mutation bei den Europäern die blauen Augen entstanden sind.

Welche Erkenntnisse haben Sie über die Anfänge von Ackerbau und Viehzucht in Europa?

Vor 7.500 Jahren fand ein großer kultureller Wandel in Europa statt: der Übergang vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern. Lange wurde darüber spekuliert, ob nur das Know-how vom Fruchtbaren Halbmond hierher kam, oder ob es sich um eine Einwanderung der frühen Bauern handelte. Die paläogenetische Forschung konnte diese Frage beantworten: Tatsächlich gab es eine Einwanderung, das heißt, Menschen, die Ackerbau und auch Viehzucht mitbrachten, kamen aus Anatolien nach Europa. In relativ kurzer Zeit, in wenigen hundert Jahren, haben sie ganz Europa bevölkert. Im Laufe der Zeit vermischten sich diese Bauern mit den einheimischen Wildbeutern. Am Ende der Jungsteinzeit stammten in Mitteleuropa ungefähr 30 Prozent der Gene der Bevölkerung von Wildbeutern und 70 Prozent von anatolischen Bauern. Es fand also eine relativ starke Vermischung zwischen diesen beiden Gruppen statt.

Wie bewerten Sie aus genetischer Sicht die Bedeutung der Einwanderung für die Zivilisation?

Einwanderung ist einer der treibenden Motoren in der Entwicklung von Zivilisation. In den letzten 10.000 Jahren können wir etwa in Europa beobachten, dass mit der Einwanderung immer wieder Innovation kamen: der Ackerbau, die Viehzucht, die Weidewirtschaft, das Rad, der Wagen, domestizierte Pferde, die Verhüttung von Bronze und Eisen – all das kam über Handelsnetze, über Migration, über Mobilität. Ohne diese Migration, ohne diese Mobilität, wäre es sehr unwahrscheinlich, dass sich die Zivilisation in Europa überhaupt zu den frühen Hochkulturen entwickelt hätte.

Die Fragen stellte Alexander Hogh

Fotos sind erhältlich über ZDF Presse und Information, Telefon: 06131 – 70-16100, und unter https://presseportal.zdf.de/presse/terrax

Weitere Informationen

Die Dokumentation ist ab Samstag, 26. Mai 2018, 19.30 Uhr, in der ZDFmediathek unter terra-x.zdf.de abrufbar.

Ein Webvideo zu den Fakten der Steinzeit wird ab Samstag, 10.00 Uhr, in der ZDFmediathek und ab Sonntag, 10.00 Uhr, auf dem YouTube-Kanal "Terra X Natur & Geschichte" www.youtube.com/terrax veröffentlicht. Dieses Video ist zum Embedding mit Verweis auf "Terra X" für alle Interessierten freigegeben.

terra-x.zdf.de

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