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ZDF-History: Die Geschichte der Lilli Jahn

Der Briefwechsel der jüdischen Ärztin Dr. Lilli Jahn ist ein Bucherfolg und ein wichtiges Zeitzeugnis. An der Seite ihres christlichen Ehemanns und ihrer fünf Kindern bleibt sie in Nazi-Deutschland so lange unbehelligt, bis sich ihr Mann 1942 von ihr scheiden lässt. Sie muss ins Arbeitslager, dann nach Auschwitz, wo sie umkommt.
In ZDF-History erzählen die noch lebenden Töchter Lilli Jahns erstmals vom bewegenden Schicksal ihrer Mutter, das auch aus den Briefen spricht.

  • ZDF, Sonntag, 25. Juni 2017, 23.30 Uhr

    Texte

    Stab und Inhalt

    Sonntag, 25. Juni 2017, 23.30 Uhr
    ZDF-History: Die Geschichte der Lilli Jahn

    Autorin_____Annette von der Heyde
    Schnitt/Animation_____Christoph Schuhmacher
    Kamera_____Anthony R. Miller, Christian Baumann
    Produktion_____Achim Seegebrecht
    Redaktion_____Friedrich Scherer
    Leitung_____Michael Renz, Stefan Brauburger
    Länge_____44 Minuten

    Inhalt

    An der Seite ihres christlichen Ehemanns wird die jüdische Ärztin Dr. Lilli Jahn im Dritten Reich nach und nach ausgegrenzt. Doch sie bleibt unbehelligt, bis sich ihr Mann 1942 von ihr scheiden lässt. Lilli Jahn kommt als Jüdin ins Arbeits-Lager, später nach Auschwitz, wo sie stirbt.

    Über 500 Briefe zeugen von dem engen Band zwischen der inhaftierten jüdischen Ärztin Lilli Jahn und ihren fünf Kindern. Aus dem Lager kann die Mutter ihrem Sohn und den vier Töchtern immer wieder heimlich und offiziell Nachrichten zukommen lassen. Die Kinder schicken Briefe und Pakete mit Lebensmitteln zurück, die der Mutter das Überleben in der harten Lagerzeit ermöglichen.

    Kurz vor ihrer Deportation nach Auschwitz im März 1944 schickt Lilli Jahn die Briefe ihrer Kinder an ihren ältesten Sohn Gerhard Jahn zurück. Der spätere Justizminister unter Bundeskanzler Willy Brandt verwahrt sie ohne Wissen seiner Schwestern. Erst nach seinem Tod entdecken die Töchter Lilli Jahns die liebevollen Zeilen an ihr "liebstes Muttileinchen" in seinem Nachlass. Lange war der Tod der Mutter in Auschwitz in der Familie ein Tabu gewesen. Jetzt bricht der Damm. Der Journalist Martin Doerry, Enkel von Lilli Jahn, veröffentlicht den Briefwechsel. Das Buch wird in 20 Sprachen übersetzt: ein herausragendes Dokument der Menschlichkeit in Zeiten der NS-Barbarei.

    ZDF-History zeigt die bewegende Geschichte, aus der die Briefe entstanden sind. Neben Tochter Eva Jahn kommt in der Dokumentation erstmals ihre jüngere Schwester Dorothea Trescher, geborene Jahn, zu Wort, sowie Lilli Jahns Enkel Martin Doerry, Journalist und Biograph seiner Großmutter. Für das ZDF hat die Familie auch das Familienarchiv geöffnet.

    Film-Autorin Annette von der Heyde über ihre Interviewpartnerin Eva Jahn

    "Wir hatten ein wunderbares Familienleben. Wir waren glücklich und fühlten uns geborgen", erzählt Eva Jahn im Interview. Dies änderte sich unter der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Die heute 84-jährige Eva Jahn war 10 Jahre alt, als ihre Mutter 1943 verhaftet und nach 6 Monaten Zwangsarbeit nach Auschwitz geschickt wurde.

    Gegenüber dem ZDF erzählt Eva Jahn zum ersten Mal über ihre Erinnerungen an eine Kindheit im christlich-jüdischen Elternhaus und an die Briefe, die sie und ihre Geschwister der jüdischen Mutter ins Lager schrieben, um der Sehnsucht nach ihr Ausdruck zu geben. "Mein liebstes Muttileinchen! Wie geht es dir? Wir hoffen gut und daß du bald wieder zu uns allen Kindern kommst", schreibt sie im November 1943. Die Kinder sollten ihre Mutter nie wiedersehen.

    Eva Jahn lebt heute in England in der Nähe von Birmingham. Nach dem Krieg wurde sie, die in der NS-Zeit als "Halbjüdin" ausgegrenzt wurde, von der rechtzeitig emigrierten Großmutter hier aufgenommen. England ist ihre neue Heimat, auch wenn sie die Sprache noch immer mit deutschem Akzent spricht. Über die Vergangenheit zu reden schmerzt sie, aber für das ZDF hat sie sich "in die Pflicht nehmen lassen", wie sie es ausdrückt, Zeugnis abzugeben, vom Leid der Mutter, das auch auf die nächste Generation ausstrahlt.

    Zitate aus Briefen und Interviews

    Brief Lilli Jahn, 3. Oktober 1943 aus dem Arbeitserziehungslager Breitenau:
    (Aus: Martin Doerry: "Mein verwundetes Herz": Das Leben der Lilli Jahn. 1900-1944)
    "Meine inniggeliebten Kinder, ein guter Mensch hat mir Freimarken und Umschlag geschenkt und wird mir auch morgen diese Zeilen besorgen. Ihr dürft in Eurer Antwort nur nicht verraten, dass Ihr von mir einen Brief hattet, unter keinen Umständen, das würde mir sehr schlecht bekommen. Ihr, meine lieben guten Kinder, ich denke so viel an Euch Tag und Nacht, und je länger ich von Euch fort bin, umso stärker und schmerzlicher wird die Sehnsucht nach Euch! Wenn ich doch nur wüsste, wann ich wieder nach Hause darf! Ach, wenn es doch nur bald wäre! ...
    Ich bin jedenfalls sehr dankbar für all das, was Ihr schickt, denn wir bekommen nur wenig zu essen, nie Butter, nie Fleisch, alle 14 Tage ein kleines Stückchen Wurst, immer nur Suppen, und sonntags ist es ganz schlimm. Da gibt es ½ 7 Uhr morgens ein Stück trockenes Brot und diese elende Kaffeebrühe, um 11 Uhr entweder eine dünne Suppe oder Pellkartoffeln, Sauce und Gurke und um 4 Uhr wieder ein Stück trockenes Brot abwechselnd mit etwas Wurst oder einem Löffel Quark und dazu Kaffee und dann nichts mehr bis zum anderen Morgen….
    Euch, meine geliebten Kinder, behüte Gott! Ich grüße Euch aus ganzem Herzen und küsse Euch in inniger Liebe und voll Dankbarkeit. Eure Mutti"

    Brief Eva Jahn, als 10-Jährige an ihre Mutter Lilli Jahn im Arbeitserziehungslager Breitenau, 10.12.1943
    "Mein innigstgeliebtes, goldigstes, liebstes Muttileinchen. Ich habe für dich viele schöne Sachen besorgt. Eine Wurst habe ich geschenkt bekommen und räuchern lassen für dich. Hoffentlich kommst du bald wieder! Wie geht es dir? Viele liebe Millionen Grüße und Küsse von Deiner Eva"

    Eva Jahn, Tochter von Lilli Jahn:
    "Mein Vater hätte wissen müssen, dass durch die Scheidung Lilli in Gefahr war, die Ehe mit einem Arier hatte ihr Schutz geboten. Aber ich glaube nicht, dass meinem Vater die Konsequenzen klar waren. Sicher glaubte er, einer Mutter von 5 Kindern würde schon nichts passieren. Ich habe kein Recht, darüber zu urteilen."

    Eva Jahn, Tochter von Lilli Jahn
    "Der Bürgermeister von Immenhausen wollte damals, dass sein Ort judenfrei sei. Juden galten als Unmenschen."

    Eva Jahn, Tochter von Lilli Jahn
    "Wir Kinder waren miteinander verbunden durch die Tragik der Umstände. Das Band zwischen uns war dadurch zeitlebens sehr eng."

    Dorothea Trescher, Tochter von Lilli Jahn
    "Diese Briefe haben mir vermittelt, dass, trotz der Abwesenheit unserer Mutter, eine ganz große Nähe bestanden hat zwischen Mutter und uns Kindern. Ihre Briefe waren so voller Sorge und Liebe, die sie versucht hat, uns noch spüren zu lassen. Bei all dem Elend, in dem sie gelebt hat."

    Dorothea Trescher, Tochter von Lilli Jahn
    "Es ist dieser letzte Brief aus Auschwitz, der mich nicht mehr loslässt. Es wird dann eine ganz große Sehnsucht in mir wach. Und ich muss sagen, dass mich diese Sehnsucht zeitweilig sehr belastet hat."

    Martin Doerry, Enkel von Lilli Jahn und Autor: "Mein verwundetes Herz": Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944
    "Ich war so sieben bis acht Jahre alt, da habe ich meine Mutter gefragt: "Warum hab ich denn nur eine Oma?" Und daraufhin hat sie mir erklärt: "Deine andere Oma lebt nicht mehr. Sie war Jüdin und ist in Auschwitz umgebracht worden". Aber das ist eine Geschichte, die man als Junge in dem Alter nicht wirklich verstehen kann. Als ich älter wurde merkte ich, dass das ein Thema war, über das ungern gesprochen wurde. Das war so eine Art Tabu, das Gefühl, "darüber redet man besser nicht". Das ist sehr lange so geblieben."

    Martin Doerry, Enkel von Lilli Jahn
    "Nach dem Tod meines Onkels Gerhard Jahn 1998 wurden in seinem Nachlass Hunderte von Briefen gefunden, die er und seine Schwestern an ihre Mutter Lilli Jahn, meine Großmutter, geschickt haben, solange sie im Arbeitserziehungslager Breitenau inhaftiert war. Eines Tages haben sich dann seine Schwestern über den Schuhkarton, in dem diese Briefe lagen, gebeugt und sie sich gegenseitig vorgelesen. Da haben sie mal geweint, mal gelacht, weil einige Dinge ja auch komisch waren. Dann haben sie den Karton wieder geschlossen und gesagt: "So, nun wissen wir Bescheid. Jetzt können wir es wieder vergessen". Und das hat nicht funktioniert. Nun, nach über 40 Jahren, war der Bann gebrochen und sie haben angefangen, mit ihren Kinder darüber zu sprechen, eben auch mit mir."

    Weitere Informationen

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