Copyright: ZDF / Heinz Wieseler
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ZDF-History: Sinti und Roma. Eine deutsche Geschichte

Als "Zigeuner" beschimpft, verfolgt, von den Nazis ermordet und ausgegrenzt bis heute: ZDF-History blickt anhand bewegender Lebensläufe auf die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland.
So erzählt der Film unter anderem vom Vater der Sängerin Marianne Rosenberg. Im Mai 1944 kämpfte er in Auschwitz mit im Aufstand gegen die SS, überlebte und hielt seine Kinder an, ihre Herkunft besser zu verschweigen.

  • ZDF, Sonntag, 28. Juli 2019, 23.45 Uhr

    Texte

    Stabliste und Interviewpartner

    Sonntag, 28. Juli 2019, 23.45 Uhr
    ZDF-History: Sinti und Roma. Eine deutsche Geschichte

    Buch und Regie_____Annette von der Heyde
    Kamera_____Anthony R. Miller, Christian Baumann
    Schnitt/Animation_____Christoph Schuhmacher
    Produktion_____Achim Seegebrecht
    Redaktion_____Ursula Nellessen
    Leitung_____ Michael Renz, Stefan Brauburger

    Interviewpartner:

    Janko Lauenberger, Musiker: Er recherchierte das Schicksal seiner Verwandten "Unku", die in Auschwitz ermordet wurde.

    Bettina Limperg, Präsidentin des Bundesgerichtshofs: Unter ihrer Ägide distanzierte sich der Bundesgerichtshof von einem rassistischen Urteil aus dem Jahr 1956, in dem Angehörige der Sinti und Roma unter anderem als "primitive Urmenschen" mit einem "ungehemmten Okkupationstrieb" bezeichnet wurden.

    Dotschy Reinhardt, junge Vertreterin der großen Musikerdynastie Reinhardt, verwandt mit Django Reinhardt, dem legendären Jazzgitarristen.

    Dr. Frank Reiter, Historiker, Forschungsstelle Antiziganismus, Universität Heidelberg.

    Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma.

    Petra Rosenberg, Schwester von Marianne Rosenberg und Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg.

    Jane Simon, deutsche Romni: Sie ist als Erwachsene nochmal zur Schule gegangen ist.

    Rita Vowe-Trollmann, Tochter des Boxers Johann Trollmann, genannt "Rukeli".

    Inhalt

    Als "Zigeuner" beschimpft, verfolgt, von den Nazis ermordet und ausgegrenzt bis heute: ZDF-History blickt anhand bewegender Lebensläufe auf die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland.
    Vor 75 Jahren leisteten sie im sogenannten Zigeunerlager von Auschwitz Widerstand gegen ihre drohende Vernichtung. Sie konnten sie aufschieben, aber nicht verhindern. In der Nacht zum 3. August 1944 wurden fast 3000 Sinti und Roma in den dortigen Gaskammern ermordet.

    Dotschy Reinhardt erzählt als junge Vertreterin der großen Musikerdynastie Reinhardt vom Schicksal ihrer Familie.
    Rita Vowe-Trollmann erinnert an ihren Vater, den Boxer "Rukeli", dem die Nazis den Meistertitel einfach aberkannten – wegen "undeutschen" Boxens.
    Romani Rose berichtet von seinem Vater Oskar, der vergeblich beim Münchner Kardinal Faulhaber um Hilfe für sein Volk bat.
    Der Musiker Janko Lauenberger erinnert an seine Verwandte Erna. "Ede und Unku" heißt das Buch über sie, das in der DDR Schullektüre war.
    Der Vater von Sängerin Marianne Rosenberg kämpfte im Mai 1944 in Auschwitz mit im Aufstand gegen die SS. Er überlebte und hielt seine Tochter an, ihre Herkunft besser zu verschweigen.

    Die Dokumentation zeigt auch, wie Sinti und Roma nach dem Krieg für Entschädigung und Anerkennung kämpften, und dass Antiziganismus noch immer weit verbreitet ist.

    Auszüge aus den Interviews

    Janko Lauenberger (Musiker, Jahrgang 1976) über Vorurteile:
    "Als Kind habe ich überhaupt nicht erzählt, dass ich Sinto bin. Weil ich wusste, was sich dann in den Köpfen der Leute abspielt. Wenn sie dich fragen: 'Warum bist du so dunkel, warum hast du schwarze Haare?' Und du sagst, du bist Sinto, dann wissen sie sowieso nicht, was das ist. Sagst du, du bist Zigeuner, dann verfallen die in so einen Gedankenrausch und man sieht so richtig, dass sie ihr Märchenbuch aufklappen: Zigeuner, die klauen, die können zaubern und was die nicht alles können."

    Frank Reiter (Historiker) über die Lebensweise der Sinti und Roma:
    "Viele hatten ambulante Gewerbe. Wohnwagen heißt nicht, dass sie Nomaden waren, die von Sizilien bis zum Nordkap unterwegs waren. Sondern sie haben in bestimmten Regionen gelebt, sind zum Beispiel Märkte abgefahren und hatten feste Kunden. Sie waren in der Regel im Sommer unterwegs und hatten feste Winterquartiere. Für die Versorgung der ländlichen Räume waren diese ambulanten Berufe äußerst wichtig."

    Romani Rose (Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Er verlor im Holocaust 13 Familienmitglieder) über sein heutiges Selbstverständnis:
    "Wenn mir jemand vor 40 Jahren gesagt hätte, wo ich heute stehe, da hätte ich gesagt: 'Du bist ein Fantast'. Heute stehe ich mit der Selbstverständlichkeit hier, Deutscher und Angehöriger einer Minderheit zu sein, mit einer eigenen Kultur. Das eine schließt das andere nicht aus. Meine Muttersprache ist Deutsch, und ich spreche auch noch Romanes, und ich gehöre zu diesem Land dazu."

    Dotschy Reinhardt (junge Vertreterin der Musikerdynastie Reinhardt) darüber, wie Musik ihren Urgroßvater vor der Gaskammer rettete:
    "Als mein Urgroßvater Heinrich Pfisterer schon in der Gaskammer war mit den anderen und das Gas schon einströmte in den Raum, ging die Tür auf und es wurde nach Musikern gefragt, weil eben noch Musiker gebraucht wurden für eine Feier, die gerade stattfand. Mein Urgroßvater konnte Geige spielen und in diesen Moment hat ihm das das Leben gerettet. Das war eine ziemlich perfide und grausame Situation, denn direkt aus der Gaskammer rausgerissen, wurde er in saubere Kleidung gesteckt und musste da auf dieser Nazi-Party vor seinen Peinigern Geige spielen."

    Petra Rosenberg (Schwester von Marianne Rosenberg) über Armut in Wirtschaftswunderzeiten:
    "Mein Vater war nach seiner Inhaftierung im Konzentrationslager nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Er war körperlich und seelisch zerstört. Wir waren immer sauber gekleidet und hatten zu essen und trinken, aber wir lebten wirklich in Armut. Das deutsche Wirtschaftswunder gab es für uns nicht."

    Dotschy Reinhardt (Mitglied der Musikerdynastie Reinhardt) über Sesshaftigkeit
    "Als meine Eltern Anfang der 1970ger Jahre in ein Dorf nahe Ravensburg ziehen wollten, musste eine Sozialarbeiterin die Erlaubnis der Anwohner einholen, dass eine Sintifamilie ins Dorf ziehen darf. Die gute Nachricht war oder ist, dass alle eigentlich gar kein Problem damit hatten, abgesehen von einer Familie. Diese war dummerweise unser direkter Nachbar, aber der konnte dagegen nichts ausrichten. Das wäre für mich heutzutage undenkbar, diese Demütigung zu ertragen. Nichtdestotrotz leben meine Eltern bis heute noch im selben Dorf. Also, Sinti sind enorm sesshaft, wenn man sie lässt."

    Weitere Informationen

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