Copyright: ZDF/Bernd Schuller
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Ein Dorf wehrt sich

Der Fernsehfilm der Woche

Historisches Drama von Gabriela Zerhau: Die Rettung der von Nazis geraubten Kunstschätze im österreichischen Altaussee ging in die Geschichte ein. In diesem Fernsehfilm der Woche, an Originalschauplätzen entstanden, sind Fritz Karl, Brigitte Hobmeier, Harald Windisch, Francis Fulton-Smith, Oliver Masucci, Philipp Hochmair, Verena Altenberger und andere zu sehen.

  • ZDF, Montag, 23. März 2020, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Von Montag, 23. März 2020, bis Montag, 22. Juni 2020, in der ZDFmediathek

Texte

"Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht."

Ein historisches Drama über stille Helden in Altaussee

Als die Produzentin Kirsten Hager mit der Autorin und Regisseurin Gabriela Zerhau mit dem Vorschlag auf die ZDF-Fernsehfilmredaktion zukam, die Geschichte von Altaussee am Ende des Zweiten Weltkriegs zu erzählen, gab es zunächst zwei Abwehrreflexe: 'Noch ein Nazi-Film?' und 'Das spielt doch in Österreich'.

Nach der Lektüre des empfohlenen Sachbuchs von Konrad Kramar und des durchdachten Exposés stellte sich jedoch schnell heraus, dass es hier nicht um einen üblichen Ansatz ging: Gabriela Zerhau fokussiert sich nicht auf die Täter, erliegt nicht der Faszination des Bösen, sondern rückt die mutigen, wenig bekannten Widerständler in den Mittelpunkt. Sie vermittelt mit deren Zivilcourage eine wichtige, weit über Österreich hinaus reichende, aktuell wichtige Botschaft.

"Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Dieses wohl irrtümlich Bertolt Brecht zugeschriebene Zitat – eher aus einem Lehrwort von Papst Leo XIII. aus dem 19. Jahrhundert abgeleitet – könnte als Motto dienen für das waghalsige oppositionelle Handeln der Altausseer Bergleute gegen das bis zuletzt unerbittliche Regime der Nationalsozialisten im Frühjahr 1945. Vermutlich auch aufgrund dieser historischen Erfahrung gibt es im deutschen Grundgesetz das verbriefte Widerstandsrecht (Artikel 20, Absatz 4 GG). Den Bergleuten im steirischen Salzkammergut ging es bei ihrer Auflehnung gegen die wahnsinnig herrschenden Nazis nicht so sehr um die Rettung der Kunstwerke, sondern legitimerweise um die Rettung des extrem wichtigen Salzbergwerks, um die Bewahrung ihrer Existenzgrundlage – auch in dieser Hinsicht ein sehr moderner Stoff.

Anders als in dem thematisch nur bedingt ähnlichen Hollywood-Film "The Monuments Men" erzählt die für berührende Filme bekannte Gabriela Zerhau mit ihrer character driven-Schreibweise vor allem auch die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Männern. Dabei legt sie bei aller dichterischen Freiheit größte Sorgfalt auf die Schilderung des historischen Hintergrunds, auf die tatsächlich stattgefundenen, bezeugten Ereignisse, die reale Wahrheit, auf die sie ihre fiktive Geschichte baut. Für Wahrhaftigkeit bürgt Gabriela Zerhaus genaue Recherche, bei der ihr half, dass sie selbst in Altaussee wohnt. Ihr Bemühen um größtmögliche Authentizität unterstützend, standen der Regisseurin während dieser aufwändigen Produktion unter vielen anderen der Kameramann Carsten Thiele, der Szenenbildner Bertram Reiter, die Kostümbildnerin Monika Hinz und die Produzentin Anja Föringer zur Seite. Sie alle schufen einen Rahmen für ein erstklassiges Schauspielerensemble, das für sich spricht.

So ist ein bilderstarkes Drama nach wahren Begebenheiten entstanden, bei dem in einem dörflichen Mikrokosmos der uralte Konflikt zwischen Moral und Macht ausgetragen wird. Der emotional und intensiv inszenierte Film von Gabriela Zerhau zeigt, dass Freundschaft und Zivilcourage gegen ein zerstörungswütiges Terror-Regime obsiegen können.

Die von ZDF, ORF und ARTE beauftragte und mehrfach geförderte Koproduktion der Hager Moss Film und der Mona Film wurde von österreichischer Seite von Redakteurin Julia Sengstschmid und Koproduzenten Gerald Podgornig konstruktiv betreut. "Ein Dorf wehrt sich" feierte im Juni 2019 Premiere auf dem Filmfest München und war zu dem Fünf-Seen-Filmfestival in Oberbayern und zu den Biberacher Filmfestspielen eingeladen. Dabei gab es bemerkenswerte Publikumsdiskussionen, in denen vor allem die aktuelle politische Lage in Deutschland und Österreich thematisiert wurde. Eine mit Anspannung erwartete Vorführung am Originalschauplatz in Altaussee fand sehr große Zustimmung. Nachbarn und direkte Nachfahren von im Film geschilderten Personen waren positiv beeindruckt, vor allem, dass die Geschichte nicht diffamierend, sondern differenzierend erzählt wird.

Bei der Erstausstrahlung am 11. Dezember 2019 im ORF hatte der Film 767.000 Zuschauer bei einem Marktanteil von 26 Prozent und bei ARTE am 10. Januar 2020 über 1,1 Millionen Zuschauer bei 3,8 Prozent Marktanteil. Das sind bei beiden Sendern weit überdurchschnittliche Werte.

"Gewidmet all den stillen Helden, die den gefahrvolleren Weg wählten und sich der Gewalt widersetzten. Die Rückgabe der Raubkunst ist bis heute nicht abgeschlossen."
(Abspanntext)

Pit Rampelt
HR Fernsehfilm/Serie I

Stab, Besetzung und Inhalt 

Buch und Regie   Gabriela Zerhau 
SchnittAnke Berthold  
KameraCarsten Thiele
Kostüm Monika Hinz
Ton Thomas Szabolcs
Musik Dominik Giesriegl 
Szenenbild Bertram Reiter
Herstellungsleitung Sabine Wenath-Merki, Alfred Strobl
ProduktionsleitungKarin Schmatz
ProduzentenKirsten Hager, Anja Föringer, Thomas Hroch, Gerald Podgornig
Produktion Koproduktion der Hager Moss Film GmbH und Mona Film Produktion GmbH; gefördert durch FFF Bayern, Filmfonds Austria und Cinestyria im Auftrag von ZDF, ORF und ARTE
Redaktion Pit Rampelt (ZDF), Julia Sengstschmid (ORF), Olaf Grunert (ZDF/ARTE)
Länge ca. 89 Minuten

                                               

Die Rollen und ihre Darsteller

Sepp Rottenbacher   Fritz Karl  
Elsa MitterjägerBrigitte Hobmeier
Franz MitterjägerHarald Windisch
Leni MitterjägerMaresi Riegner
Johann DörflerGerhard Liebmann
Xaver Pröttl Noman Hacker
Eva Schädler Verena Altenberger
Ernst KaltenbrunnerOliver Masucci
August EigruberPhilipp Hochmair
Karl DörflerAaron Friesz 
Direktor WaldstetterFrancis Fulton-Smith
Gestapomann SickRainer Wöss
Dr. RinnerJohannes Silberschneider
und andere

    

Inhalt

Historisches Drama von Gabriela Zerhau, an Originalschauplätzen entstanden: Die Rettung der von Nazis geraubten Kunstschätze im österreichischen Altaussee ging in die Geschichte ein.

Altaussee, April 1945: Die Freunde aus Kindertagen, Sepp
Rottenbacher, Bergarbeiter in der nahen Salzmine, und Franz Mitterjäger, Schumacher des Ortes, hoffen auf ein baldiges Ende des Krieges. Franz steht unter Beobachtung der Gestapo, denn mit seiner Frau Elsa hilft er jungen Dorfbewohnern, zu desertieren und im Gebirge zu überleben. Sepp hält sich trotz der Freundschaft aus allem raus. Elsa wirft ihm mangelnde Distanz zu den Nazis, Feigheit und Untätigkeit vor.

Als Sepp mit anderen Bergleuten die von den Nazis in ganz Europa geraubte weltberühmte Kunstwerke in das Altausseer Salzbergwerk schaffen muss, erfährt er, dass die Gestapo Franz verhaften will. Rechtzeitig kann er seinen Freund warnen. Doch Franz wird vor den Augen seiner Frau auf der Flucht erschossen. Die Nazis verweigern in der Folge das Begräbnis von Franz Mitterjäger. Aber wenn es um einen der ihren geht, hält das Dorf – auch Elsa und Sepp – zusammen: Sie erzwingen gemeinsam eine würdige Beerdigung.

Mit dem Nahen der Alliierten spitzt sich die Situation zu. Der fanatische Gauleiter Eigruber lässt kurz vor der Kapitulation Fliegerbomben in die Stollen bringen: Er will den Berg und die darin gelagerten  Schätze lieber sprengen, als sie dem Feind überlassen. Nicht nur den wertvollen Kunstwerken droht die Vernichtung, sondern auch der Existenzgrundlage des Dorfes: dem Salzbergwerk.

"Zivilcourage erfahrbar machen"
Statement der Produzentinnen Kirsten Hager und Anja Föringer

Es ist uns in Zeiten des aufkeimenden Rechtspopulismus ein großes Anliegen, das Thema 'Zivilcourage' erfahrbar zu machen. Die Geschichte zeigt uns, wie Menschen unterschiedlichster Gesinnung ihr gemeinsames Ziel erkennen und dass es sich lohnt, aufzubegehren und gemeinsame Werte zu verteidigen. Das macht diesen historischen Film so zeitgemäß."

"Ein Film über einfache Menschen, die zusammenhalten, um ihre Existenz zu retten"
Statement von Autorin und Regisseurin Gabriela Zerhau

Schon lange fasziniert mich das Geheimnis von Altaussee. Der nie aufgetauchte Nazi-Schatz, die Salzmine des Dorfes, deren Stollen in den Jahren 1944/45 zum größten unterirdischen Museum der Welt wurden; mit Nazi-Raubkunst aus halb Europa, die Hitler zum Schutz vor den Bomben der Alliierten im Bergwerk einlagern ließ. Dass dann ein fanatischer Gauleiter all diese Kunstschätze mit amerikanischen Fliegerbomben in die Luft sprengen wollte, damit nichts dem verhassten "Weltjudentum" in die Hände falle, gehört zur Ironie der Geschichte.

Auch viele Nazigrößen verkrochen sich mit Familie, Gold und Geld in dieser "Alpenfestung", aber der Untergang war nicht mehr aufzuhalten: Hier im Salzkammergut endete der Zweite Weltkrieg – in einem letzten großen Akt, der Rettung der Kunstschätze im Altausseer Bergwerk. Denn trotz aller Bemühungen Hitlers, die Raubkunst in Sicherheit zu bringen, stand sie im April 1945 kurz vor ihrer Vernichtung. Gauleiter August Eigruber wollte alles in den Untergang mitreißen, ließ ein Sprengkommando kommen, niemand schien seinen Wahnsinn aufhalten zu können – bis einige mutige Bergarbeiter aufstanden, sich selbst wehrten und die Bomben unter Lebensgefahr wieder aus dem Berg entfernten, um ihre Arbeitsplätze, das Bergwerk, zu retten.

Ihre Geschichte will ich erzählen. Eine historisch belegte Geschichte über Mut und Zivilcourage, in der sich auf besondere Weise das ganze Kapitel Nationalsozialismus und Widerstand dagegen im buchstäblich letzten Moment veranschaulicht. Eine kleine Geschichte in ihrer wirklichen Größe, die exemplarisch für die fürchterlichen zwölf Jahre und deren banal-grausames Ende steht. Eine deutsche Geschichte, die damit andere schon erzählte Geschichten über diesen menschenverachtenden Krieg um eine wichtige weitere, bisher noch unbekannte, ergänzt.

Gestapo-Chef Ernst Kaltenbrunner, der sich in der trügerischen Hoffnung auf "Belohnung" durch die Amerikaner auf die Seite der Bergmänner stellte, wurde vom Internationalen Militärgerichtshof zum Tode verurteilt. Auch August Eigruber. Andere ehemalige Nazis stilisierten sich zu "Freiheitskämpfern" und heroischen Rettern der Kunstwerke, die Bergleute aber, denen diese Rettung wirklich zu verdanken ist, wurden vergessen. Erst spät wurde die ganze Dimension ihrer tollkühnen Tat bekannt, dieser Film soll an sie erinnern. Ein Film über einfache Menschen, die zusammenhalten, ihr Leben riskieren, sich der Gewalt widersetzen, um ihre Existenz zu retten – und damit gleichzeitig, fast nebenbei, unwiederbringliche Kunstwerke im Wert von damals 3,5 Milliarden Dollar.

Für die Regie war es eine schöne Herausforderung, das richtige Gleichgewicht zu finden zwischen substantiellem und gleichzeitig publikumswirksamem Erzählen. In den Bildern das Raue herauszuarbeiten, in den Gesichtern der Schauspieler, bei der Arbeit im Bergwerk, im dörflichen Zusammenleben, in der Wucht der Natur. Anhand einer hochspannenden Geschichte aufzuzeigen, was der Verlust einer freiheitlichen Demokratie aus einer Gesellschaft macht – und dass Unerschrockenheit und gemeinsame Werte doch etwas bewirken können; damals wie heute.

Kleine Schritte zum großen Bösen
Interview mit Fritz Karl

Was war Ihre Motivation, die Rolle des Sepp Rottenbacher zu übernehmen?

Da kamen mehrere Punkte zusammen. Zum einen ist der Film ein Stück Heimat für mich, da ich aus dem Salzkammergut komme, vom Traunsee, und sozusagen im Kreisel von Altaussee lebe. Zum anderen ist es ein wahnsinnig spannendes und auch ein bisschen heikles Thema, das zur österreichischen Vergangenheitsbewältigung beiträgt. Für mich war es natürlich interessant, eine Figur zu spielen, die nicht von Anfang an per se als Held agiert, sondern sozusagen zum Helden wird. Sepp ist einer von vielen Mitläufern, der sich dann allerdings wandelt. Das Ganze basiert ja auf einer wahren Geschichte – diese Leute und auch den Sepp Rottenbacher gab's wirklich. Ich kenne seinen richtigen Namen. 

Können Sie denn Rottenbachers anfängliche Haltung, sich aus allem herauszuhalten und im Stillen auf das Ende des Kriegs zu hoffen, nachvollziehen?

Man spricht ja immer von der "Gnade der späten Geburt", und ich bin sehr froh, dass ich nicht in dieser Zeit gelebt habe. Aus dem Wissen heraus, das ich jetzt habe, und aus meinem Moralverständnis heraus sehe ich mich natürlich lieber bei den Männern oben in den Bergen, die Widerstand leisteten und sich wehrten, gar keine Frage. Der Sepp ist im Grunde schon ein Wissender und ein bewusst Wegsehender: Seine besten Freunde leisten aktiven Widerstand, und natürlich hat er das KZ in Ebensee gesehen. Vor diesem Hintergrund ist seine Haltung schon feige. Aber natürlich ist es unsere Aufgabe als Schauspieler, so jemanden glaubhaft darzustellen. Wenn man seine Figuren nicht liebt oder nicht versteht, sollte man sie gar nicht erst spielen.

...aber dann ändert sich Sepp Rottenbacher und leistet Widerstand gegen das Regime.

Er ist mutig, ja, und für ihn ist es ein ganz, ganz großer Schritt, aufzustehen und sich zu seinen Freunden zu bekennen. Für ihn ist das schon heldenhaft, aber ein wesentlich größerer Held ist sein Freund Franz Mitterjäger und die Leute, die von Anfang an Widerstand leisten.

Welche besonderen Herausforderungen gab es denn bei diesem Historiendrama? Wie haben Sie die Dreharbeiten empfunden?

Die Dreharbeiten waren sehr anstrengend. Erstens war es ein harter Winter mit viel Schnee. Und zweitens mussten wir viele Aufnahmen im Innern des Bergwerks bewältigen, für die wir jeden Tag erstmal 1,7 Kilometer durch enge, dunkle Gänge in den Berg reingehen mussten, um überhaupt zum Drehort zu kommen. Und wir blieben dann den ganzen Tag dort. Da muss man sich erst psychisch darauf einstellen. Ich bin Schauspieler und es nicht gewohnt, die ganze Zeit unter Tage zu sein. Schwierig für mich war es auch, einen Horizont zum anderen Horizont zu überqueren – das sind die Ebenen in einem Bergwerk. Wenn man dann vor einer ziemlich schrägen Holztreppe steht, die 60 Meter tief runtergeht, und unten sieht man nur ein kleines, schwarzes Loch – dann kommt man schnell an seine Grenzen. Ich bin nämlich nicht schwindelfrei. Aber das wirklich Überraschende erwartete uns beim Bilderlager. Wir dachten, die Ausstattungscrew hätte das für uns so arrangiert, aber es waren noch die Originalbauten. Durch die gleichbleibende Luftfeuchtigkeit und Temperatur, so um die sieben oder acht Grad, und diesen leichten Salzgehalt wurde alles perfekt konserviert. Die besten Bedingungen für die Nazis, dort ihr Bilderlager einzurichten.

Erfüllt es Sie als Österreicher auch ein bisschen mit Stolz, dass quasi Ihre Nachbarn, die Altausseer, mit ihrer Heldentat Geschichte geschrieben und wertvolle Welt-Kunstschätze gerettet haben?

Das ist alles ein bisschen durchwachsen, und das zeigen wir auch. Altaussee war früher ein Erholungsgebiet wohlhabender Juden, bevor alles arisiert wurde und hohe Nazi-Funktionäre dann die jüdischen Villen beschlagnahmt haben. Später wurde die Gegend zur Alpenfestung, aus allen Protektoraten flohen Nazis dorthin, brachten ihre gestohlenen Reichtümer mit und versteckten alles. Es entstanden ja nicht umsonst die Gerüchte von den Goldschätzen im Toplitzsee. Also, so ganz schläft die Vergangenheit dort nicht. Und zur Heldentat muss man noch hinzufügen: Natürlich haben die Altausseer unglaubliche Kunstschätze gerettet und ihr Leben aufs Spiel gesetzt, aber es war andererseits auch ganz klar eine Notwendigkeit. Das zeigen wir ebenfalls im Film so. Die Bewohner erkannten: Moment mal, wenn das alles gesprengt wird, dann ist auch unser Berg, unsere Arbeit weg. Da haben sich also mehrere Interessen verbündet. Bin ich stolz? Ja, aber das ist ein zweischneidiges Schwert.

Gab es während der Dreharbeiten Kontakt zu den Einheimischen oder vielleicht auch Nachkommen der damaligen "stillen Helden"?

Zu den direkten Nachfahren nicht, aber zu den Bewohnern von Altaussee, die uns total unterstützt haben. Dieser Film war für sie und vor allem für die Bergarbeiter ein ganz großes Anliegen, das spürte man deutlich. Alle haben mitgemacht und waren stolz auf das Projekt, das merkte man auch bei den Filmvorführungen, zu denen alle kamen. Wir konnten viele Gespräche führen – viele von ihnen wissen, dass ich am Nachbarsee wohne und somit kein Fremder für sie bin.

Was kann ein Film wie "Ein Dorf wehrt sich" auch 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs für die heutige Zeit bewirken?

Hier wird ein Stück Zeitgeschichte erzählt, und es werden Zusammenhänge aufgezeigt. Vor allem das, was Sepp Rottenbachers Freund Franz sagt – man muss aufhören, immer nur mitzumachen, man muss aufstehen und sich schon bei den kleinen Dingen wehren – gilt heute noch genauso. Hellhörig sein, aufpassen bei gewissen politischen und gesellschaftlichen Tendenzen. Was der Film ebenfalls zeigt: Wenn Menschen zusammenhalten und es eine Gemeinschaft gibt, können sie etwas bewirken. Gemeinsam Stärke zeigen, auch heute, vor allem angesichts eines Rechtsrucks, wie zum Beispiel in Thüringen. Es gibt die berühmte Rede des Schriftstellers Michael Köhlmeier zum Holocaust-Gedenken in Österreich, in der er sagte: "Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung." Es sind eben die kleinen Schritte, auf die man aufpassen muss.

"Widerstand mit allen Konsequenzen"
Interview mit Brigitte Hobmeier

Elsa Mitterjäger hält Sepp Rottenbacher für einen Feigling, weil er sich aus allem, was im Dorf passiert, zunächst heraushält. Warum hat sie so wenig Verständnis für sein Verhalten?

Ich glaube, sie ist enttäuscht von ihm. Er ist einer ihrer engsten Freunde, der dann der NSDAP beitritt, engen Kontakt zu hohen Nazi-Vertretern hält und mit ihnen sogar fischen geht. Für Elsa sieht das nach einem Überläufer aus. Zumal sie weiß, dass Sepp das Konzentrationslager kennt – und jetzt sympathisiert er mit den Nazis? Ich kann schon verstehen, warum sie dem Sepp im Gegensatz zu ihrem Mann Paroli bietet. Was Sepp wirklich denkt, ahnt sie natürlich nicht, sie sieht ja nur das, was er nach außen zeigt.

Können Sie persönlich Sepps Haltung nachvollziehen?

Niemand nimmt es sich vor, ein stummer Mitläufer zu sein. Und trotzdem, wenn man genauer hinschaut, fällt auf, wie oft man auch heute eigentlich mitläuft. Das mögen keine großen politischen Situationen sein, das kann zum Beispiel bei der Arbeit sein, eine sexuelle Anspielung gegenüber einer Kollegin, die die anderen beobachten, aber dann weitergehen. Oder Mobbing, das zwar wahrgenommen wird, wozu aber niemand etwas sagt. Was mir nicht gefällt, ist so eine hehre Position zu damals, mit der festen Überzeugung "mir wäre das alles nicht passiert". Schauen wir mal, wie stark unsere Gesellschaft gegen aktuelle Rechtstendenzen vorgeht.

Mut und Zivilcourage werden ja angesichts des zunehmenden Rechtspopulismus und Gewalt im Alltag aktueller denn je. Wie denken Sie darüber?  

Wir sind heute wieder in einer Situation, in der es die Demokratie zu verteidigen gilt. Und zwar aktiv. Ich hoffe, wir sind stark und mutig genug. Franz und Sepp im Film reden immer miteinander, bleiben befreundet, obwohl sie verschiedene Positionen haben. Aber wie sieht unsere heutige Diskussionskultur aus? Wir "talken" uns nur noch an, aber wir reden nicht miteinander. Für mich ist es unerträglich, wie man sich permanent "hatet", nur weil jemand eine andere Meinung hat. Da beginnt die Intoleranz. Wenn ich nur meine Meinung gelten lasse und die der anderen nicht mehr, dann verlassen wir den demokratischen Raum.

Trotz ihrer Schwangerschaft schont Elsa sich nicht, unterstützt ihren Mann, versorgt die Widerstandskämpfer in den Bergen und muss in ständiger Angst leben, entdeckt zu werden. Woher nimmt sie ihre Kraft und Stärke?

Elsa und ihren Mann gab es wirklich – wenn auch unter anderem Namen. Sie hatten sich entschieden, Widerstand zu leisten, mit allen Konsequenzen. In einer Fernseh-Doku, da war die Original "Elsa" schon über 70 Jahre alt, erzählt sie ganz nüchtern über diese Zeit: "Das war eben so. Da ist mein Mann davon, dann ist er übern Zaun und dann erschossen worden. Und da hab ich natürlich alleine raufgehen müssen zu den Widerstandskämpfern, die wären ja sonst verhungert. Es kannte ja sonst niemand den Weg außer mir." Diesen Pragmatismus finde ich erstaunlich, aber ich denke, das war einfach auch ein anderer Schlag von Menschen. Härter als wir heute – für sie musste es weitergehen, sie hatte sich dafür entschieden. Und genau das wollte ich in meiner Darstellung der Elsa rüberbringen. Es war auch eine ganz klare Entscheidung von Gabriela Zerhau und mir, dass Elsa nicht weint. Sie reißt sich zusammen, weil bei ihr die Ideen, für die sie kämpft, über ihren Ängsten und Bedürfnissen stehen. Sie bleibt stehen, ist keine gebrochene Frau.

Welche Szene war für Sie die größte Herausforderung?

Die emotionalen Szenen sind immer besonders schwierig durch das ganze Drumherum am Set. Da wuseln Dutzende von Menschen um dich herum, kümmern sich ums Licht, um die Kamera, um Kostüm und Einrichtung, du stehst dazwischen – und dann heißt es "und Action", und du musst in die höchste Emotionalität gehen, weil dein Mann gerade erschossen wird. Oder die Gestapo reinkommt und du Todesangst hast. Das ist schon manchmal sehr absurd. Eine Herausforderung war auch das Wetter. Wir drehten am Originalschauplatz auf dem Berg, umgeben von Schneemassen. Dann kam die Schneeschmelze und setzte das ganze Haus unter Wasser. Die reale Umgebung war hart und wild, aber das hat uns als Team zusammengeschweißt, und ich denke gern an diese Zeit zurück.

Ständige Angst und Bedrohung im Alltag durch das Nazi-Regime – das kann man sich heute in dieser Form gar nicht mehr vorstellen. Wie haben Sie die Atmosphäre am Set erlebt?

Das Szenenbild fand ich großartig, es versetzte uns sofort in die damalige Zeit. Und wenn dann die Hakenkreuzfahnen vor dem Rathaus wehten, dachte ich mit Schaudern daran, dass das für meine Urgroßeltern Realität war. Das stimmt nachdenklich. Auch wenn junge Statisten in Nazi-Uniformen herumlaufen und man sich fragt: "Gefällt das denen jetzt etwa?" Da kann es einem kalt den Rücken runterlaufen. Mich erschreckt jedes Mal die böse Faszination der SS-Uniformen.

Glauben Sie, dass der Film wichtige Impulse geben wird?

Mit Sicherheit, wenn man bereit ist, darüber nachzudenken. Dieser Film ist in einer klassischen, ruhigen Struktur erzählt, mit den Mitteln, die das deutsche Fernsehen uns gibt. Und da haben wir, finde ich, ein wirklich schönes Ergebnis erzielt. Mit der Botschaft, wenn wir uns gemeinsam wehren, so klein wir uns auch fühlen mögen, dann gibt man das Ruder nicht aus der Hand, dann kann man verändern.

"Wach bleiben und rechtzeitig handeln"
Interview mit Harald Windisch

Ist Franz Mitterjäger in Ihren Augen ein Held?

Absolut, in unserer Geschichte, wie Mitterjäger dargestellt ist; und obwohl sie sehr dezent erzählt wird, findet eine moralische Erhöhung statt. Es sind ja diese kleinen Rädchen, die wichtig sind und aus vermeintlich kleinen Taten große Wirkung auf weitere Handlungen haben können. Mitterjägers Antriebsfeder ist, glaube ich, in seiner Empathie, trotz seines einfachen Charakters zu finden. In einem lebensbedrohenden Gewaltsystem stellt er die Verantwortung für sein Leben gleich mit dem Schutz anderer Leben.

Was ist das Besondere der Freundschaft zwischen Franz und Sepp?

Um ein Wort von Erich Fried zu verwenden: "Meine Angst ist so groß geworden, dass sie vor nichts mehr Angst hat!" Aus so einem Gedanken heraus agiert Franz kompromisslos mit der Einstellung: "Mehr als das Leben kann es uns nicht kosten", während Sepp in Lethargie verfällt und schweigt. Franz akzeptiert das. Das Vertrauen zwischen den beiden ist so groß, dass das Tun über den Tod hinausgeht und die Kraft des einen im anderen weiterlebt.

Welche besonderen Herausforderungen gab es bei diesem Film nach einer wahren Begebenheit für Sie?

Herausfordernd war es natürlich, den Ausseer Dialekt zu bedienen, den wir mit Hilfe der Regisseurin Gabriela Zerhau auch versucht haben umzusetzen. Allerdings mussten wir der besseren Verständlichkeit wegen für die Zuseher eine klarere Form des Ausseer Idioms finden. Auch gibt es Dokumentationen über die Zeit dort, im Speziellen ein sehr interessantes und hilfreiches Interview mit der Frau des realen Franz Mitterjäger.

Viele Szenen wirken beklemmend, vor allem, wenn zu spüren ist, wie aus Nachbarn und Freunden im Dorf bedrohliche NSDAP-Mitglieder wurden. Wie waren die Dreharbeiten für Sie? Wurde nach einem Drehtag auch mit den Kollegen über jene Zeit gesprochen?

Der Mensch wendet sich oft in die Richtung, wo gerade ein vermeintlich günstiger Wind weht. Der Opportunismus, die Rivalitäten und der Kampf bis aufs Blut – davon bekommt man Bauchweh, weil man instinktiv weiß, dass sich Recht und Unrecht verschieben. Die Dreharbeiten waren aufregend, ich habe immer das Gefühl gehabt, was Wesentliches, was Wichtiges zu machen, und es gab natürlich Gespräche, auch wegen der spannenden Situation, an Originalschauplätzen drehen zu können. Ich erinnere mich an ein Gespräch, in welchem ein Gast von auswärts fragte, warum man immer wieder Stoffe aus dieser Zeit verfilme. Ich bin da anderer Meinung, es sind genau diese kleinen Geschichten, von denen die wenigsten wissen, die man an die Öffentlichkeit bringen muss, und die zeigen, dass Zivilcourage möglich ist.

Sie sind Österreicher, war Ihnen die Geschichte der "stillen Helden" von Altaussee schon vorher bekannt? Ist im Altaussee der Gegenwart noch etwas von der bewegten Vergangenheit und den historischen Ereignissen zu spüren?

Im Detail kannte ich die Geschichte zunächst nicht, und als ich dann mehr erfuhr, war die Freude groß, dabei sein zu dürfen. Und wenn man gerade mit dem Thema beschäftigt und in Aussee ist, meint man schon, die Zeit zu spüren.Aber da ich nicht von dort komme, fällt mir die Beurteilung einer emotionalen Innensicht schwer. Sehr beglückend waren für mich zwei Begegnungen anlässlich der Premiere von "Ein Dorf wehrt sich" in Bad Aussee im vergangenen September. Zuerst erzählte mir ein älterer Herr voller Stolz, dass er damals auch im "Igel", dem Widerstandsnest in den Bergen, gehaust habe, und etwas später kam eine ältere Dame lachend auf mich zu und erwähnte mit Freude, dass sie damals Nachbarin der Vorbilder von Elsa und Franz gewesen sei. Mich hat das sehr berührt, weil diese Zeit wirklich nicht lange her ist und ich durch die Rolle des Franz Mitterjäger das Gefühl hatte, diesen Menschen wieder greifbarer machen zu können.

"Ein Dorf wehrt sich" – sollte es auch in unserer Zeit mehr Menschen geben, die sich gegen Ungerechtigkeiten wehren? Wie denken Sie über modernes Heldentum?

Das findet ja auch statt, dass sich Menschen wehren und engagieren. Um große Ungerechtigkeit zu ändern, braucht es aber viel mehr Menschen, und es braucht mutige Entscheidungsträgerinnen und -träger, die versuchen, sich dem globalen Kapitalismuswahnsinn, der unser aller Leben zerstört, entgegenzustellen. Jeder, der aufsteht, um seine Stimme gegen Unrecht zu erheben, ist ein Held.

Was ist für Sie die Botschaft des Films?

Unser Leben ist nicht so lange, wie wir manchmal denken oder uns das wünschen würden. Wir sollten es daher auch nutzen. Uns wehren gegen menschenfeindliche Regime oder Zustände. Das heißt: Wach bleiben und rechtzeitig handeln.

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