Copyright: ZDF / Hendrik Heiden
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Im Schatten der Angst

Der Fernsehfilm der Woche

Psycho-Thriller von Regisseur Till Endemann: Psychiaterin Dr. Karla Eckhardt soll beurteilen, ob der bekannte Architekt Carsten Spanger schuldfähig ist. Er hatte eine junge Frau in seinem Keller gefesselt und in Todesangst versetzt. Karla diagnostiziert bei ihm eine schwerwiegende narzisstische Persönlichkeitsstörung. Bald hat sie den Verdacht, einen routinierten Täter vor sich zu haben.

Beim 15. Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein im September 2019 wurden Julia Koschitz für ihre Rolle in dem Psycho-Thriller mit dem "Preis für Schauspielkunst" ausgezeichnet sowie die verantwortliche Redaktion mit dem "Medienkulturpreis" geehrt.

  • ZDF, Montag, 16. März 2020, 20.15 Uhr
  • ZDF Mediathek, Ab Sonntag, 15. März 2020

    Texte

    Ein anderer Blick

    Die Psychiaterin Karla Eckhardt blickt anders auf gefährliche Straftäter, als wir es gewohnt sind. Sie studiert und analysiert deren Verhalten mit einer besonderen Mischung aus Empathie und Distanz. Moralische Wertungen haben in ihrem Arbeitsalltag daher nichts zu suchen. Und das ist ein Punkt, der alle am Film Beteiligten von der ersten Idee an und über die intensiven Recherchen hinweg gereizt hat: Als Profi entzieht sich die Protagonistin Karla Eckhardt dem gängigen Gut-Böse-Bewertungsschema eines klassischen Ermittlerkrimis. Ihr Job ist es, psychisch kranken Straftätern zu helfen, egal, was sie getan haben. Dafür braucht sie einen klaren Blick und einen kühlen Kopf.

    Und doch ist auch Karla Eckhardt nur ein Mensch und wird in diesem Fall ihre Fassung verlieren. Denn der mutmaßliche Entführer Carsten Spanger ist nicht nur ein weiterer Fall, der Narzisst könnte auch ein Serienmörder sein. Mit Gewissheit ist er ein Meister der Manipulation. Jedes Gespräch zwischen den beiden ist ein psychologisches Duell auf Augenhöhe. Um Spanger zu knacken, sucht Karla Eckhardt nach der Angst ihres Gegenübers. Sie führt uns so in die Welt der Ängste, die große Schatten auf unser Leben werfen. Aus diesen Schatten herauszutreten, fordert Mut. Karla Eckhardt bringt diesen Mut womöglich auf, weil sie nicht an Gut und Böse, sondern an die Menschen glaubt.

    Solveig Cornelisen
    Hauptredaktion Fernsehfilm

    Stab, Besetzung, Inhalt

    Buch      Rebekka Reuber, Marie-Therese Thill
    Regie      Till Endemann
    Kamera    Lars Liebold
    Schnitt    Kilian von Keyserlingk
    Ton     Lutz Pape
    Szenenbild       Andreas C. Schmid
    Kostüm      Elisabeth Fritsche
    Produktionsleitung           Katja Timm
    Herstellungsleitung      Alfred Strobl
    Producerin    Gudula von Eysmondt
    Produzenten     Gerald Podgornig, Thomas Hroch
    Redaktion       Solveig Cornelisen (ZDF), Nina Fehrmann-Trautz (ORF)
    Länge      ca. 89 Minuten

    Eine Koproduktion des ZDF mit der Tivoli Film Produktion GmbH, München und dem ORF

     

    Die Rollen und ihre Darsteller

    Dr. Karla Eckhardt    Julia Koschitz
    Carsten Spanger       Justus von Dohnányi
    Niklas Teubert       Aaron Friesz
    Sandra Hinzey         Marie-Christine Friedrich
    Erich Bruckner     Andreas Patton
    Dr. Angelika Harmer       Michou Friesz
    Dr. Lorenz Lodenscheidt        Johannes Silberschneider
    Ursula Eckhardt        Patricia Hirschbichler
    Axel Stauf      Johannes Zeiler
    Andreas Horak       Alexander Linhardt
    Karo Eisner     Anja Signitzer
    Mike      Felix Kreutzer
    Richter     Franz Froschauer
    Patientin Astrid     Doris Buchrucker
    Frau Spanger    Christiane Dollmann
    Elisa    Arwen Hollweg
    Patientin Birgit      Gisela Aderhold
    Journalist Temel       Butz Ulrich Buse
    und andere

     

    Die Psychiaterin Karla Eckhardt soll beurteilen, ob der bekannte Architekt Carsten Spanger schuldfähig ist. Er hat eine junge Frau in seinem Keller gefesselt und in Todesangst versetzt.

    Karla Eckhardt diagnostiziert bei ihm eine schwerwiegende narzisstische Persönlichkeitsstörung. Bei der professionellen Einschätzung geht es ihr nicht um Schuld oder moralische Urteile, sondern um präzise Herleitung, Diagnose und Behandlung psychisch Kranker. Doch bald muss sie sich fragen, ob Spanger womöglich ein Serienmörder ist.

    Karla ist mehr und mehr überzeugt, dass noch ein weiteres Opfer hilflos in einem Versteck gefangen ist. Nur Spanger kann ihr sagen, wo sie suchen muss. Doch der schweigt und zwingt die Psychiaterin stattdessen dazu, sich ihren eigenen Dämonen zu stellen. Durch ihr riskantes Duell mit Spanger verliert Karla das Vertrauen von Polizei und Staatsanwaltschaft. Ihr bleibt nur ein Weg, um Spangers Opfer zu retten: Karla muss sich ganz in seine Hand begeben

    Einblick in die forensische Psychiatrie

    Statement von Gerald Podgornig und Gudula von Eysmondt

    Wir wollten einen Film erschaffen, der beginnt, wo der Krimi endet. Es geht um die Beweg- und Abgründe der Täter, um das Warum hinter einer Tat. Schlagworte wie Psychopath, Persönlichkeitsstörung oder Zurechnungsfähigkeit finden sich oft in Zeitungsberichten über spektakuläre Verbrechen, was diese Begriffe aber wirklich bedeuten, wissen die wenigsten. 

    Gemeinsam mit dem deutsch-österreichischen Autorinnen-Duo Rebekka Reuber und Marie-Therese Thill haben wir die Geschichte rund um Doktor Karla Eckhardt entwickelt, die dem Publikum Einblick in die forensische Psychiatrie gewährt. Um diese Welt so authentisch wie möglich darzustellen, haben die Autorinnen sowohl in deutschen als auch in österreichischen Einrichtungen akribisch recherchiert. Um die Entstehung von Gutachten nachvollziehen zu können, haben sie Zeit bei Gericht verbracht und mit auf Sexualgutachten spezialisierte Experten gesprochen

    Je tiefer man in das Themenfeld der forensischen Psychiatrie eintaucht, desto besser versteht man die komplizierte Rechtslage und vor allem die menschlichen Faktoren, die sie sich hinter einem psychiatrischen Gerichtsgutachten verbergen. Und auch, wie wenig über die Unterbringung und Behandlung der psychisch kranken Straftäter bekannt ist.

    Einen besonderen Stellenwert haben in unserem Film die Gespräche zwischen Karla Eckhardt und ihrem Probanden Carsten Spanger. Rechnung getragen wird diesen Szenen durch die besondere Ausstattung der Räumlichkeit in der psychiatrischen Einrichtung, gestrichen in dem Farbton "cool down pink". Diese Farbe gilt als beruhigend, der tatsächliche psychologische Nutzen der "Pink Rooms" ist umstritten, der visuelle Reiz für das Publikum jedoch groß. Ebenso groß war die Herausforderung für das Kamerateam rund um Lars Liebold, mit dieser dominanten Farbe umzugehen. Während der eigens angefertigte Pink Room und viele andere Innenaufnahmen in München gedreht wurden, stand uns als Drehmotiv des Maßnahmenvollzugs das Krankenhaus auf der berühmten Baumgartner Höhe von Jugendstil-Architekt Otto Wagner zur Verfügung – in Wien, der Hauptstadt der Psychoanalyse.

    Klaustrophobische Szenen im sogenannten Pink Room

    Statement des Regisseurs Till Endemann

    "Im Schatten der Angst" ist ein feinsinniger Psychothriller, vor allem aber ein überlebensgroßes filmisches Duell. Zwischen der Hauptfigur Karla Eckardt und dem mutmaßlichen Frauen- und Serienmörder Carsten Spanger entsteht ein fulminanter Schlagabtausch, dessen Spannungskurve stetig anwächst. Beide Figuren blicken mehr und mehr in die seelischen Abgründe des Gegenübers, und so entsteht eine ebenso zarte wie brisante und gefährliche Schicksalsgemeinschaft, die in einem hochdramatischen Finale gipfelt. Julia Koschitz und Justus von Dohnányi sind von Beginn an die einvernehmliche Wunschbesetzung gewesen, vor allem die klaustrophobischen Szenen im sogenannten Pink Room waren in Zusammenarbeit und Gestaltung ein Hochgenuss

    Wann ist das Böse psychisch krankhaft?

    Statement von Rebekka Reuber und Marie-Therese Thill

    Umstrittene Gutachten wie die des Utøya-Attentäters Anders Behring Breivik oder des zu Unrecht in der Psychiatrie untergebrachten Gustl Mollath haben uns zu den Fragen geführt: Wann ist das Böse psychisch krankhaft, und wer entscheidet darüber? Aus den Antworten daraus haben wir die Figur der forensischen Psychiaterin Karla Eckhardt geschaffen, die das "Warum" hinter einem Verbrechen ergründet. Mit ihr begeben wir uns in eine gesellschaftliche Grauzone, in der die Grenzen zwischen "normal" und "krank" fließend sind. 

    "Mit dem Gespräch dieser beiden Figuren hatten wir genug zu 'tun'"

    Interview mit Julia Koschitz

    Sie spielen eine forensische Psychiaterin, eine der besten auf ihrem Gebiet. Wie sind Sie an diese Rolle herangegangen?

    Ich habe mich mit einer Psychologin unterhalten und mich, soweit mir das als Laie möglich war, mit forensischer Psychiatrie beschäftigt. Ich habe Einiges darüber gelesen, mir Interviews angeschaut, vor allem mit zwei namhaften forensischen Psychiatern, die jahrelang Gutachten fürs Gericht erstellt haben. Beide haben sich eingehend mit dem Thema ethischer und rechtlicher Fragen in der forensischen Psychiatrie auseinandergesetzt. Abgesehen davon hatte ich aber Gott sei Dank ein sehr gut recherchiertes Drehbuch als Vorlage, mit einer widersprüchlichen, sperrigen und trotzdem liebenswerten Figur. Und einen hervorragenden Regisseur, der sie mit mir gemeinsam erarbeitet hat.

    Was war die größte Herausforderung dabei?

    Ich würde es lieber so sagen: Am meisten gefreut habe ich mich auf die langen Befragungsszenen mit Justus. Es ist doch eher ungewöhnlich, dass man darauf vertraut, dass ein Gespräch zwischen zwei Menschen in einem kahlen Raum über so weite Strecken in einem Film tragen kann. Die Konstellation dieser beiden Figuren, Spanger und Karla, war aber so spannend, und die Dialoge, wie ich finde, waren so gut geschrieben, mit vielen Wendepunkten und Überraschungsmomenten für beide, dass wir trotzdem genug zu "tun" hatten, auch wenn wir nur geredet haben.

    Worauf kam es denn für Sie bei der Umsetzung der intensiven Dialogszenen zwischen den beiden Figuren an?

    Auf jede mögliche Regung bei Spanger beziehungsweise Justus zu achten, ihm meine ganze Aufmerksamkeit zu widmen, mich ihm auf unterschiedliche Weise anzunähern, Taktiken auszuprobieren, seine potentielle Gefährlichkeit mitzuspielen, ohne mich als Karla dabei verunsichern zu lassen. Im Laufe der ganzen Geschichte kam es mir darauf an, eine Frau zu zeigen, die sich für die Suche nach den wahren Abgründen und der Not eines Verbrechers komplett zur Disposition stellt. Ohne Rücksicht auf unangenehme berufliche Konsequenzen, auf ihre Glaubwürdigkeit und ihre eigene psychische Verfassung.

    Carla muss bei ihrem Gegenspieler viel von sich preisgeben, um an wertvolle Informationen zu kommen. Das fällt ihr nicht leicht. Wie geht die Psychologin mit ihren eigenen Problemen um?

    Karla ist eine Frau, die Menschen grundsätzlich misstraut, die sich schützt, indem sie nichts von sich preisgibt, und die sich am wohlsten fühlt, wenn sie sich mit komplizierten, schwierigen Persönlichkeiten auseinandersetzt, wenn sie arbeitet. Gesellschaftliche Konventionen interessieren sie wenig, gemocht werden muss sie auch nicht. Dunkle und vorbelastete Innenwelten zu erforschen, ist ihre Komfortzone. Man sagt ihr nach, dass sie Dinge sähe, die sonst niemand sieht, zum einen weil sie sich wertfrei in ihre Patienten hineinfühlen kann, weil sie ein Querdenker ist, aber bestimmt auch, weil sie selbst ein Kindheitstrauma mit sich trägt, das sie Abgründe besser verstehen lässt. Spanger ist eine spannende, aber auch bedrohende Herausforderung für sie, weil er sie nicht nur mit ihrer eigenen dunklen Vergangenheit konfrontiert, sondern sie auch noch dazu treibt, diese mit in den Ring zu werfen, um sich vermeintlich, aber irgendwie auch tatsächlich, mit ihm auf eine Ebene zu begeben. Sie versucht auf diese Weise, eine maximale Nähe zwischen ihnen beiden herzustellen und ihn damit zum Reden zu bringen.

    "Im Schatten der Angst" spielt an einigen engen, bisweilen klaustrophobischen Orten. Beeinflusst das Setting Ihr Spiel – Was macht das mit einem?

    Auf jeden Fall. Die Atmosphäre eines Raums, der Raum selbst kann manchmal ein weiterer Spielpartner sein, mit oder gegen den man spielt. Im besten Fall. Es kann auch sein, dass so viel Licht gebaut wird, dass man plötzlich nur noch Lampen und die Kamera sieht.

    "Es hilft, mit Selbstvertrauen durch die Welt zu stiefeln"

    Interview mit Justus von Dohnányi

    Carsten Spanger wirkt auf den ersten Blick freundlich, doch bald wird klar, dass er eine gestörte Persönlichkeit besitzt. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

    Es gab ein erstes Gespräch mit dem Regisseur, in dem wir alle Fragen zu den Figuren und zur Geschichte aufgeworfen haben. Natürlich haben wir auch über hilfreiche Vorbilder aus anderen Filmen gesprochen. Anfangs schaue ich mir immer die Szenen- und Figur-Bögen genau an. Wenn mir etwas unerklärlich oder unlogisch erscheint, muss darüber gesprochen werden.

    Ihre Figur Carsten Spanger glaubt, Karla Eckhardts Probleme zu kennen und sie zu verstehen. Würden Sie sich selbst als Menschenkenner bezeichnen?

    Nicht ausgewiesener Maßen. Aber da ich schon das ein oder andere Jährchen auf dem Buckel habe, kommen Erfahrungen zusammen. Man wird mit den Jahren immer seltener wirklich überrascht.

    Was macht für Sie den Reiz eines Thrillers aus?

    Wir alle lieben es, uns zu fürchten, solange wir uns insgeheim in sicherer Umgebung geborgen fühlen können. Ob Gruselmärchen oder Thriller, das "Was wäre, wenn?" begeistert uns.

    Anerkennung durch andere ist ein zentrales Thema im Film. Benötigen Sie selbst die Bestätigung durch Ihr Umfeld oder vertrauen Sie auf sich selbst?

    Wir alle brauchen Bestätigung. Ob als Kind durch die Eltern und die Schule oder als Erwachsener in der Familie oder im Job. Natürlich hilft es zudem, mit einem gewissen Selbstvertrauen durch die Welt zu stiefeln, solange es nicht in verblödetem Narzissmus endet wie bei Trump.

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